Ausstellung im Kunsthaus Zürich
vom 14.12.2018 bis 10.3.2019.

 

Oskar Kokoschka (1886-1980)
– eine Retrospektive.


«Du warst bei Kokoschka? Und? Haben dir seine Bilder gefallen?». Nein, Kokoschka malt keine Bilder, die «gefallen». Nicht im Sinne von «eine Freude fürs Auge». Aber der Künstler fasziniert mit seinen Werken. Er ist seinem expressionistischen Stil über die Jahrzehnte hinweg treu geblieben. Ob er Landschaften oder Menschen malt, immer kommt alles verzerrt daher. Er zieht das durch. Bei Abbildungen von eigentlich bildhübschen Schauspielerinnen genau so wie bei Kriegsverbrechern wie Hitler oder Mussolini. Sogar mythologische Gestalten, die sonst den griechischen Schönheitsidealen zu entsprechen haben, zeigt er verzerrt. Und nicht einmal bei seinen Selbstporträts macht er davor halt.

 

Das Spannende an dieser Ausstellung ist, dass
man – je mehr Bilder man sieht – zu seinem Stil Zugang findet. Dass man seine Verzerrungen gar nicht mehr so irritierend findet. Kokoschka hat mal gesagt, dass er nicht das Äussere abbilden wolle, sondern den Zustand der Seele. Da könnte was dran sein.

 

 

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>Ausstellungsflyer (PDF).

 

 

Die Zürcher Ausstellung ist in Kooperation mit dem Wiener Leopold Museum entstanden. Sie zeigt Werke aus allen Lebensphasen des Künstlers, der in nicht weniger als fünf Ländern Europas zu Hause war.

 

 

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Oskar Kokoschka, 1923. Selbstbildnis
mit gekreuzten Armen. Kunstsammlungen
Chemnitz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Selbstbildnis an der Staffelei, 1922. Leopold Privatsammlung.

 

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Adèle Astaire, 1926. Kunsthaus Zürich.

Schöne Porträts? – nicht sein Ziel.

Wer den Mut hat, sich von ihm porträtieren zu lassen, muss wissen: Ich werde darauf nicht sehr vorteilhaft aussehen. Das galt 1911 für die junge Schauspielerin >Else Kupfer, die das Bild nicht akzeptieren wollte. Es galt aber auch für die Tänzerin >Adèle Astaire (Schwester von Fred Astaire). Deren Porträt kam so unglücklich verzerrt heraus, dass Fred Astaire dem Redaktor der Zeitschrift TIME einen Protestbrief schrieb, als dieser das Bild veröffentlichte. Er bezeichnete das Werk als «a hideous mess», eine abscheuliche Sauerei. Und weiter: «Ein so grosser Künstler wie Kokoschka kann das besser, hier hat er gepfuscht».

 

Aber für Kokoschka ist das kein Pfusch, sondern Stil. Sein Stil. Auch in seinen Selbstporträts stellt er sich alles andere als «schön» dar, auch hier bleibt er seiner Art zu malen treu.

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Venedig, Bacino di San Marco, 1948. Privatbesitz

 

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London, kleine Themse-Landschaft, 1926. Albertina, Wien.

 

Expressionistische Reisebilder.

Nicht nur hat Kokoschka sein Leben in fünf verschiedenen Ländern Europas gelebt, er reist auch viel und gern. Und von überall bringt er seine Eindrücke mit nach Hause. Es gibt auch Bilder aus der Schweiz: Der Genfersee, das Matterhorn.

 

Und ein Werk aus dem Jahr 1910, das er «Dents du Midi» nennt. Bergexperten haben allerdings herausgefunden, dass es sich um den Grammont handelt. Immerhin liegen beide Bergketten im Wallis und gehören zu den Savoyer Alpen.

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Die Prometheus Saga (Hades und Persephone, Apolkalypse, Prometheus), 1950. Courtauld Gallery London.

 

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Prometheus, 1950. Courtauld Gallery London.

 

 

Triptychon – die Prometheus Saga.

Zwei grossformatige, je rund acht Meter breite und über zwei Meter hohe Triptychen: Die Prometheus Saga (1950) und Thermopylae (1954). Sie entstehen in einer Phase nach dem Weltkrieg, in der sich Europa im Wiederaufbau befindet.

 

Kurz zuvor ist der Künstler nach zehn Jahren im englischen Exil nach Villeneuve in die Schweiz übersiedelt.

 

Die Werke werden jetzt erstmals seit 1962 wieder dem Publikum gezeigt. Damals waren sie in der Londoner Tate ausgestellt. Das Prometheus-Triptychon war ursprünglich für die Eingangshalle des Hauses von Graf Antoine Seilern konzipiert. Er hat das Werk der >Courtauld Gallery in London vermacht. Zusammen mit 120 Gemälden aus seiner Kunstsammlung.

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Mutter und Kind, 1921. Musée Jenisch, Vevey.

Die «entartete Kunst».

Eine Reihe von Kokoschka-Werken werden von den Nazionalsozialisten als «entartet» diffamiert und aus deutschen Museen entfernt – teilweise auch zerstört. An der Münchner «Ausstellung für entartete Kunst» von 1937 ist Kokoschka mit acht Werken vertreten.

 

«Toller Erfolg! Die Ausstellung ‹Entartete Kunst› hatte zwei Millionen Besucher. Noch nie waren zwei Millionen vor meinen Bildern gestanden.» So lautete Kokoschkas zynischer Kommentar zur NS-Propagandaschau.

 

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Das rote Ei, 1940-41. Hitler. Nationalgalerie Prag.

Aus dem Exil gegen die Naziherrschaft.

1938 flüchtet Kokoschka nach England. Während seines Exils unterhält er enge Kontakte zu den österreichischen Exilorganisationen Free Austrian Movement und Young Austria. Er schreibt Aufsätze für Exilzeitungen und stellt sich als Redner für Ausstellungseröffnungen und Versammlungen zur Verfügung.

 

1941 heiratet er Olda Palkovská – in einem Luftschutzkeller in London. Um den Angriffen der deutschen Luftwaffe zu entkommen, zieht er nach Cornwall. In dieser Zeit entsteht sein Werk «Das rote Ei», in dem er Hitler und Mussolini als verzerrte Monster abbildet.

 

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Denis Savary (1981). Alma, 2007. Musée Jenisch Vevey.

Die legendäre Puppe «Alma».

1911 begegnet Kokoschka der berühmten Wiener Gesellschafterin >Alma Mahler. Sie wird sein Modell, dann seine Geliebte. Als sie ihn verlässt, bestellt er in seinem Liebeskummer eine lebensgrosse Puppe als Abbild von ihr – bei der Münchner Puppenmacherin Hermine Moos. Diese fertigt die Puppe aus Seide und echten Menschenhaaren. Als der Künstler die Puppe erblickt, ist er unglücklich: «Diesem Eisbärenfell kann ich ja nicht einmal die schöne französische Unterwäsche anziehen.» Dennoch lebt er mit der Puppe, malt sie mehrfach, nimmt sie sogar mit ins Kaffeehaus – und vernichtet sie schliesslich als sein Liebeskummer vorbei ist.

 

Der Westschweizer Künstler Denis Savary (*1981) hat 2008 eine Reproduktion dieser Puppe angefertigt. Sie ist in der Zürcher Ausstellung zu sehen.

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Fotos Ausstellung Kunsthaus Zürich 2019

 

 

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