Martin Luther (1483-1546)
und die Reformation.


Franz von >Assisi, Jan Hus, >Savonarola – sie alle hatten schon lange vor Luther über die Missstände in der katholischen Kirche geschimpft. Aber ihre Tiraden waren letztlich erfolglos. Die Päpste setzten sich durch und schickten zwei dieser frühen Reformatoren – Hus und Savonarola – auf den Scheiterhaufen.

 

Dieses Schicksal blieb Martin Luther erspart. Er hatte zur richtigen Zeit die richtigen Beschützer. Allen voran der Kurfürst von Sachsen, Friedrich III «der Weise». Er war es, der Luther vor dem Zugriff des Kaisers und des Papstes bewahrte. Er hatte seine Gründe dafür. Nur: Glaubte er wirklich an die fortschrittlichen Gedanken Luthers? Vielleicht. Plausibler ist, dass er sich erhoffte, durch die Reformation Zugriff auf die Schätze und Ländereien der Klöster zu bekommen. Denn diese konnten im Zuge der Reformation systematisch geplündert werden.

 

Luther hatte die Reformation angestossen. Nun sass er auf der Wartburg fest und arbeitete an einer deutschen Fassung der Bibel. Abseits vom Schuss. Im Land ging es derweil drunter und drüber. Eiferer stürmten Kirchen, zerstörten Bilder und Reliquien, Mönche und Nonnen verliessen die Klöster, Priester wandten sich offen gegen das Zölibat. Die Reformation verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Schon 1524 kam es zu ersten Volksaufständen. Die Bauern griffen Luthers Ideen auf, glaubten an Freiheit. Nicht nur gegen die Kirche, auch gegen die Obrigkeit, denn noch immer waren sie Leibeigene der Fürsten, litten unter Fronarbeit und schweren Abgaben.

 

 

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Luther als «Junker Jörg» auf der Wartburg.
Von Lucas Cranach d.Ä. (1472-1553).
Hofmaler von Friedrich dem Weisen.
Von Luther fertigte er und seine Werkstatt
hunderte von Porträts an. Museum für
Bildende Künste, Leipzig.

 

 

Luther mochte nicht mehr untätig zusehen. Er verliess die sichere Wartburg und trat wieder öffentlich auf. Zunächst auf der Seite der Bauern. Predigte den Fürsten und Adligen, sie möchten das Los der Bauern erleichtern. Vergebens. Später richtete er sich gegen die Bauern, rief sie auf, die Gewalt zu stoppen. Vergebens. Luther konnte die Geister nicht mehr zähmen, die er gerufen hatte.

 

Schliesslich musste er einsehen, dass er sein eigentliches Ziel, die Reformation – im Sinne einer Verbesserung der katholischen Kirche – verfehlt hatte. So wandte er sich an die einzelnen Fürsten und gründete mit ihnen lutherische (protestantische) Landeskirchen. Diesen standen nun die Fürsten als Bischöfe vor. Die nahmen sich das Recht, die Güter der römischen Kirche einzuziehen.

 

Eine Spaltung der Kirche hatte Luther so sicher nicht gewollt, als er 1517 seine Thesen veröffentlichte. Aber nun war sie Tatsache geworden. Er selbst gab am Schluss sein Mönchsein auf, heiratete eine Nonne und gründete eine Familie.

 

Die beiden Konfessionen bekämpften sich und rissen die Länder des deutschen Reiches in verheerende Kriege. Der «Augsburger Religionsfriede» von 1555 brachte zwar eine Verschnaufpause. Jeder einzelne Landesfürst durfte nun bestimmen, ob sein Land protestantisch oder römisch-katholisch war. Aber für das Volk war das noch keine Religionsfreiheit. Wer in einem protestantischen Land katholisch sein wollte – und umgekehrt – musste auswandern.

 

Der Friede hielt gerade mal ein halbes Jahrhundert. Dann brach der grässlichste aller Kriege über die deutschen Länder herein: der «Dreissigjährige Krieg». Er wütete von 1618 bis 1648 und verursachte unsägliches Leid, Hungersnöte, Seuchen und Millionen von Toten.

 

 

>mehr über den 30-jährigen Krieg

 

 

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Martin Luther um 1540. Gemälde aus
der Werkstatt von Lucas Cranach.
Gemäldegalerie Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Martin Luther als Augustinermönch

Wer war Martin Luther?

Ein gottesfürchiger Mann mit einer höllischen Angst vor dem jüngsten Gericht und dem Fegefeuer. Er tritt deshalb ins Kloster ein und wird Mönch, später studiert er Theologie. Je genauer er die Bibel kennenlernt, desto mehr sieht er, dass sich die Kirche nicht nach dem Evangelium richtet. Er klagt die Missstände an, allen voran den Ablasshandel. Er lernt aus der Bibel, dass man das Seelenheil nicht mit Geld erkaufen kann. Das will er dem Papst mitteilen. So reist er 1510/1511 nach Rom – es ist ein wochenlanger, strapaziöser Weg über die Alpen. In Rom wird ihm der herrschende Sittenzerfall erst so richtig bewusst. Nach seiner Rückkehr reift in ihm der Entschluss, gegen die Missstände der Kirche anzugehen.

 

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Schlosskirche
Wittenberg

 

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Die in Latein verfassten 95 Thesen.

 

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Reichstag zu Worms 1521

Luthers 95 Thesen von Wittenberg.

Er bringt seine Gedanken zu Papier und nagelt diese an die Türe der Schlosskirche zu Wittenberg. Damit alle sie lesen können, heisst es. Nur: Lesen kann damals noch kaum jemand, und zudem sind seine Thesen in Latein verfasst. Heisst: Luthers Ideen erreichten wohl nicht sofort das einfache Volk und die Bauern. Aber zumindest einige Kirchenvertreter. Diese erkennen den Zündstoff und berichten darüber nach Rom. Knackpunkt ist vor allem der Ablasshandel. Luther zitiert die Bibel, wonach weder der Papst noch die Kirche Sünden vergeben können, schon gar nicht gegen Geld. Nur Gott selbst könne dies. Also brauche es weder Papst noch Kirche – was für eine ungeheure und gewagte Aussage.

 

Einem grösseren Kreis im Volk werden die Thesen erst rund um den Reichstag zu Worms 1521 so richtig bewusst. Dort will man Luther zwingen, seine Ideen zu widerrufen. Das tut er aber nicht. Und wird deshalb vom Kaiser geächtet und für vogelfrei erklärt.

 

 

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Giovanni de Medici als Papst Leo X.

 

 

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die Medici

 

Ablassgelder... für den Bau des Petersdoms.

Papst Leo X entstammt der mächtigen Bankerfamilie der Medici. Er heisst Giovanni de Medici und lebt von 1475 bis 1521. Sein Vater ist Lorenzo «il magnifico». Schon früh setzt man Giovanni auf eine geistliche Karriere an. Mit acht Jahren ist er schon Domherr von Florenz, mit 14 Kardinal. Als 1513 Papst Julius II stirbt, übernimmt er von diesem den Papstthron.

 

Nun ist er Papst, bleibt aber ein bürgerlicher Medici und geht weiter seinen weltlichen Vergnügungen nach. Jagen, prunkvolle Feste, Leben im Luxus und prächtige Bauten sind sein Ding. Um den Neubau des Petersdoms in Rom zu finanzieren, forciert er den Ablasshandel noch. Seelenheil gegen Geld heisst die Masche. Das Geschäft blüht. Als Leo X hört, dass da dieser Mönch Luther im Norden dagegen protestiert, erlässt er 1520 eine Bulle und exkommuniziert ihn. Über die Folgen macht er sich keine grosse Gedanken, der Ablasshandel geht munter weiter. Ein Jahr später stirbt er.

 

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Kaiser Karl V

 

 

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Kaiser Karl V

Karl V – Beschützer der katholischen Kirche.

Aus dem Hause Habsburg, geboren 1500 in Gent. Auch er, wie Luther, ein überzeugter Katholik. 1520 wird er Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und herrscht über die halbe Welt – von Burgund und Spanien über Südamerika bis zu den Philippinen. Kaiser Karl versteht sich als Bewahrer der katholischen Kirche.

 

Für Luthers Ideen hat er wenig Verständnis. Als dieser am Reichstag von Worms 1521 seine Thesen nicht widerruft, verhängt er die Acht über ihn und erklärt ihn für vogelfrei. Heisst: Jeder, der das will und kann, darf Luther ungestraft töten. Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, nimmt ihn in Schutz und lässt ihn auf der Wartburg wohnen und arbeiten.

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Kurfürst von Sachsen, Friedrich III «der Weise»
(1463-1525).

Friedrich der Weise fördert die Reformation.

Friedrich weigert sich, die von Kaiser Karl gefällte Ächtung Luthers anzuerkennen und stellt sich schützend vor diesen. Nun entsteht ein offener Konflikt zwischen ihm, Rom und dem Kaiser.

 

Friedrichs Gunst für Luther hat auch handfeste Gründe (er soll Luther übrigens nie persönlich getroffen haben): Mit der Reformation ist nämlich die Abschaffung der Klöster verbunden. Und die besitzen bedeutende Ländereien. Auf diese bekommt nun Friedrich (und die anderen Fürsten) Zugriff – eine Verlockung, der er nicht widerstehen kann. So wird er, bewusst oder nicht, zum Förderer der Reformation.

 

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Die Luther-Bibel, ein rotes Tuch für die Päpste.

Übersetzung der Bibel auf der Wartburg.

Als «Junker Jörg» arbeitet Luther ab 1522 – versteckt auf der Wartburg und geschützt von Friedrich dem Weisen – an der Übersetzung der Bibel. Zunächst das Neue Testament, vom Griechischen ins Deutsche. 1534 liegt eine erste deutsche Vollbibel vor. Bis zu seinem Tod 1546 sollen rund 500'000 deutsche Bibeln gedruckt und verteilt worden sein. Für die katholische Kirche ist die deutsche Bibel ein unerhörter Affront. Den Katholiken wird strikte untersagt, solche Bibeln zu lesen oder zu besitzen. Bis ins 20. Jahrhundert gilt dieses Verbot, zum letzten Mal wird es 1904 erneuert.

 

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Giulio de Medici als Papst Clemens VII (1478-1534)

Papst Clemens' VII folgenschwerer Entscheid.

Auch dieser Medici-Papst will nicht wahrhaben, dass Luthers Ideen zu einer Spaltung der Kirche führen könnten. Noch schlimmer: 1531 trägt er selbst zu einer weiteren Spaltung der Kirche bei: Er verbietet dem englischen König Henry VIII die Scheidung von Katharina von Aragon. Damit löst er die Gründung der anglikanischen Kirche aus, die sich von Rom lossagt. Eine weitere dramatische Schwächung der römisch-katholischen Kirche, und das mitten im aufkommenden Protestantismus, der 1529 in Speyer seinen Anfang nimmt.

 

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Kaiser Karl V nach der Schlacht von Mühlberg (Tizian)

1555: Augsburger Religionsfrieden.

Die erste Phase der Reformation bringt eine religiöse Spaltung Deutschlands. Es gibt nun katholische und protestantische Landesfürsten. In der Schlacht von Mühlberg 1547 besiegt das Heer von Kaiser Karl V die Protestanten. Dabei gerät der Kurfürst von Sachsen, Johann Friedrich I «der Grossmütige» (1503-1554), in Gefangenschaft und wird zum Tode verurteilt. Die Strafe wird dann aber in lebenslanges Gefängnis umgewandelt. Im Augsburger Frieden von 1555 einigen sich der Kaiser und die Fürsten darauf, dass jeder Fürst künftig bestimmen darf, welche Religion in seinem Land gilt. Das ist aber noch keine Religionsfreiheit, denn nicht die Bewohner bestimmen ihre Religion, sondern der Landesfürst.

 

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Wallenstein, der böhmische Feldherr und
Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee im Dreissigjährigen Krieg.

 

 
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den 30-jährigen Krieg

Der Dreissigjährige Krieg (1618-1648).

Eine furchtbare Last für die Bevölkerung. Die Bauern müssen die Armeen finanzieren – eine «Erfindung» des böhmischen Feldherrn Albrecht von Wallenstein, der die Truppen des Kaisers anführt. Halb Europa wird verwüstet und ausgeblutet, es wüten Seuchen und Hungersnöte, Millionen von Menschen sterben. Ist es tatsächlich ein Krieg der Religionen? Nicht nur. Er wird zwar durch einen religiösen Konflikt ausgelöst, aber noch mehr geht es um Politik und territoriale Machtansprüche. Bald sind alle involviert: die deutschen Fürsten, der Kaiser, die katholische Liga, die protestantische Union, die Habsburger, die Spanier, die Dänen, die Schweden, schliesslich auch noch Frankreich. Die Franzosen sind eigentlich katholisch, schlagen sich aber bei Bedarf auch mal auf der Seite der Protestanten. Die Bündnisse sind total instabil. Erst nach dem Westfälischen Frieden von 1648 verbessert sich die Lage. Nun werden erstmals drei Konfessionen als gleichberechtigt anerkannt: die katholische, die lutherische und die reformierte.

   
   

 

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