Die Stanzen des Raffael.


Richtiger wäre eigentlich: Die Stanzen der Päpste.
Denn Raffael hat hier nie gewohnt. Unter Stanzen versteht man Zimmer (la stanza). Papst Julius II erteilte 1508 Raffael den Auftrag, vier seiner Zimmer im zweiten Stock des Papstpalastes mit Kunstwerken auszustatten. Heute sind sie ein Highlight des Vatikans und werden täglich von tausenden von Kunstfreunden aus aller Welt besucht.

 

 

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Befreiung des heiligen Petrus.

 

 

Das Anbringen der Fresken dauerte volle 16 Jahre, von 1508 bis 1524. Da Raffael schon 1520 verstarb – mit erst 37 –, führten seine Schüler das Werk zu Ende.

 

Die Epoche war eine schwierige, sie fiel in die Zeit der Reformation. Als 1527 deutsche Landsknechte bei der Plünderung Roms (>Sacco di Roma*) die Stadt verwüsteten, liessen sie ihre Wut am Papstpalast aus, und damit auch an Raffaels Fresken. Die fanatischen Anhänger der Reformation beschädigten die Werke schwer. Sie kratzten die Gesichter jener Figuren aus, die sie für Päpste hielten und übermalten die Wände mit Wutschriften. In den Jahren nach dem Sacco wurden die Schäden notdürftig behoben.

 

Zu einer umfassenden Restaurierung kam es erst zweihundert Jahre später; dann nochmals 1856 und 1937 – heute erstrahlen sie wieder in altem Glanz.

 

 

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Leo der Grosse trifft Attila, den Hunnenkönig.

 

 

 

 

 

*) Sacco di Roma, 1527.


Die Plünderung von Rom. Papstfeindliche Truppen
unter Kaiser Karl V mit spanischen, italienischen und deutschen Söldnern attackierten den Vatikan. Die Schweizergarde brachte sich mit 147 Mann auf dem Petersplatz in Stellung, um den Heiligen Stuhl zu schützen. Weitere 42 Gardisten verhalfen Papst
>Clemens VII de Medici zur Flucht über den Passetto in die Engelsburg.

 

Der Kampf auf dem Petersplatz war ein Gemetzel: alle 147 Schweizer Gardisten wurden getötet. Die Engelsburg wurde wochenlang belagert, am 7. Juni 1527 kapitulierte der Papst. Er musste mehrere Städte und Festungen an die Sieger abtreten und 400'000 Dukaten Lösegeld bezahlen. Im Dezember gleichen Jahres durfte er die Engelsburg verlassen und nach Orvieto ziehen.

 

Die Plünderung von Rom ist kein Ruhmesblatt für
Kaiser Karl V. Er hatte die Kontrolle über seine Truppen verloren und konnte sie nicht mehr vom Plündern, Foltern und Vergewaltigen abhalten.

 

Aber er hatte sein Ziel erreicht: Der Papst war besiegt und jetzt sozusagen in der Hand des Kaisers, der den Friedensvertrag von Barcelona diktieren konnte.

 

Zum Dank, dass ihm Karl den Posten als Papst wieder zurückgab, krönte Clemens VII am 24. Februar 1530 Karl V zum «Kaiser des Heiligen Römischen Reiches» – es war an dessen 30. Geburtstag.

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt):

Seeschlacht von Ostia.
Stanza dell' incendio di Borgo.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Päpste

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Papst Julius II. Gemälde von Raffael, National Gallery, London.

 

 

Papst Julius II della Rovere (1503-1513).

Julius II lässt sich seine Gemächer im zweiten Stock des Papstpalastes einrichten – jene seines verhassten Vorgängers >Alexander VI Borgia will er nicht übernehmen. Als Julius II Papst wird, lässt er als Erstes Alexanders Sohn, den Feldherrn Cesare Borgia verhaften, der sich mit den Franzosen verbündet hatte. Ziel des Papstes ist die Vertreibung der Franzosen aus Italien. Zu diesem Zweck geht er militärische Bündnisse mit dem Habsburger Kaiser Maximilian I, mit Venedig und mit der Eidgenossenschaft ein. Er kann mehrere Städte und Gebiete erfolgreich zurück erobern.

 

Zu seinem Schutz gründet er eine päpstliche Leibwache, die >Schweizergarde. 1506 ziehen die ersten 150 Schweizer Gardisten im Vatikan ein. Julius II ist aber auch an Kunst interessiert, soweit sie das Ansehen der Kirche steigern kann. Er gibt auch den Auftrag für den Bau des >Petersdoms.

 

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Papst Leo X. Von Raffael, Uffizien, Florenz.

Papst Leo X de Medici (1513-1521).

Nach dem Tod von Julius II Rovere übernimmt der Medici-Papst dessen Gemächer und auch das Patronat zur Weiterführung der Malerarbeiten in den Stanzen durch Raffael und seine Schüler.

 

Giovanni de Medici ist ein Sohn des Florentiners Lorenzo il Magnifico >mehr über die Medici. Mit acht Jahren macht man ihn zum Domherr von Florenz. Priester ist er nie, wird aber zum Kardinal ernannt. Als Papst hat er vor allem sein persönliches Vergnügen im Kopf. Was der Reformator Martin Luther an der katholischen Kirche bemängelt, kümmert ihn wenig – auf das Geld, das er mit dem Ablasshandel einnimmtt, will er nicht verzichten. Dafür verurteilt er >Luther und exkommuniziert den Reformator 1521, macht ihn damit vogelfrei.

 

Der Künstler

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Selbstbildnis Raffael, 1506.
Uffizien, Florenz.

 

 

Raffael (1483-1520).

Der Künstler ist erst 25-jährig, als er den Auftrag zur Ausgestaltung der Stanzen bekommt. Er beginnt das Werk zusammen mit seinen Schülern, die es nach seinem Tod 1520 weiter führen. Die Arbeiten für die total vier Stanzen dauern bis 1524, also insgesamt 16 Jahre.

 

>mehr über Raffael

 

Die vier Stanzen

 

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Die Erscheinung
des Kreuzes.

 

Saal des Konstantins.

Die grösste der vier Stanzen. Der Saal diente dem Papst für offizielle Empfänge. Er enthält vier grosse Gemälde mit Szenen aus dem Leben von Kaiser Konstantin dem Grossen (306-337 n.Chr.), dem ersten christlichen Kaiser Roms. Ein Bild zeigt den entscheidenden Moment für Konstantins Annahme des christlichen Glaubens: Als ihm ein Kreuz erscheint, das ihm den Sieg gegen Maxentius verspricht – falls er in seiner Flagge den römischen Adler durch ein Kreuz ersetze. Nach seinem Sieg ist Konstantin davon überzeugt, dass ihm der christliche Gott geholfen hat, die Schlacht zu gewinnen.

 

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Verjagung des Heliodor aus
dem jüdischen Tempel.

 

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Julius II auf dem Tragestuhl.

 

Stanza d'Eliodoro (Saal des Heliodor).

Diesen Raum nutzte Julius II für Privataudienzen. Auch hier gibt es vier grosse Wandfresken. Das eine heisst «Die Verjagung des syrischen Feldherrn Heliodor aus dem jüdischen Tempel von Jerusalem». Das Werk transportiert eine politische Aussage: Der Reichtum des Papstes ist gottgegeben, und das Papsttum ist unabhängig, und wer einen Tempel plündern will, der wird verjagt. Wie Heliodor, der im Auftrag des syrischen Königs die Schätze des Tempels von Jerusalem plündern sollte. Und der von einem gottgesandten Reiter mit zwei Jünglingen spektakulär in die Flucht geschlagen wird.

 

Um die politische Aussage noch zu untermauern, lässt sich Papst Julius II als Augenzeuge auf der Szenerie verewigen. Auf seinem Tragestuhl sitzend, beobachtet er die Verjagung des Heliodor. Die beiden jungen Männer, die den Stuhl tragen, sind Raffael und Marcantonio Raimondi.

 

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Schule von Athen.

 

 

 

Stanza della Segnatura.

Bibliothek und Studierzimmer von Papst Julius II. Seinen Namen erhielt der Raum unter Paul III, der dort unter seinem Vorsitz die höchste päpstliche Gerichtsbarkeit versammelte. Der Saal enthält die berühmtesten Fresken Raffaels, darunter die «Schule von Athen», in der die «natürliche Wahrheit und die philosophische Vernunft» thematisiert sind. Die antiken Philosophen wie Platon, Aristoteles, Pythagoras usw. sind dabei mit Gesichtszügen historischer Personen versehen (u. a. Michelangelo und Raffael selbst).

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Der Brand des Borgo –

Stanza dell'Incendio di Borgo (Borgobrand).

Diente unter Julius II als Gerichtsraum und unter Leo X als Speisezimmer. Das Bild des Borgobrandes zeigt Papst Leo IV (847–855 n.Chr.), der durch seinen Segen den Brand im Borgo (Nachbarviertel des Vatikans) löscht und damit Stadt und Kirche rettet.

 

Ein weiteres Thema sind die Kreuzüge, also der Kampf gegen die Ungläubigen. In der Seeschlacht von Ostia schlagen die Truppen Leos IV die feindlichen Sarazenen vernichtend. Die Szenen in diesem Raum nehmen Bezug auf die wichtigsten Taten der Namensvorgänger Leos X.

 

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Fotos / Diashow

 

>Museen Rom im Überblick

 

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