MANIFESTA 11 ZÜRICH.

Europäische Biennale für zeitgenössiche Kunst. Vom 11. Juni bis 18. September 2016.

 

Gut, dass es ihn gibt, den «Pavillon of Reflections». Auf ihn kann man sich zum Denken und Nachdenken zurückziehen – zum Reflektieren eben. Das ist bitter nötig, denn leichte Kost ist es nicht, was die Manifesta 11 in Sachen Kunst bietet. Manches erschliesst sich einem wirklich erst nach angestrengtem Denken um mehrere Ecken.

 

Die Manifesta ist eine europäische Biennale für zeitgenössische Kunst, die alle zwei Jahre in einer anderen Stadt organisiert wird – von Amsterdam aus. Die erste Manifesta wurde 1996 in Rotterdam ausgetragen, die folgenden in Luxemburg, Ljubljana, Frankfurt, San Sebastian, Trentino, Murcia, Genk und St. Petersburg.

 

Motto: What People do for Money

 

Jetzt also in Zürich. Hat man den Titel für die Stadt der vielen Banken kreiert? Nein, diesmal geht es nicht ums grosse Geld, sondern um jenes, das sich Berufstätige ganz normal erarbeiten. Die Macher der Manifesta 11 suchen einen Kontext zwischen Kunstschaffen und gewerbsmässiger Arbeit.

 

Zu diesem Zweck lässt man zahlreiche Künstler ganz gewöhnliche Berufe aus einem künstlerischen Blickwinkel beleuchten. Sie treten dabei mit Zürcher Bürgern in Kontakt, die nicht in der zeitgenössischen Kunst tätig sind. «Joint Ventures» nennt sich das.

 

Der dabei gezeigte Einfallsreichtum der Künstler ist bemerkenswert. Da gibt es Eindrückliches und Kurioses, Banales und Pikantes. Und ein paar Ideen, die nur sehr schwer mit dem Motto «What People do for Money» in Einklang zu bringen sind. Aber dafür gibt es ja den «Pavillon of Reflections», dort erfährt man dann (vielleicht) die Erleuchtung durch scharfes Nachdenken – oder durch aufmerksames Schauen von «Make of»-Filmen, die die einzelnen Kunstwerke beleuchten.

 

Alle «Joint Ventures» manifestieren sich an verschiedenen Schauplätzen: In der Löwenbräukunst, im Helmhaus, in der Wasserkirche, in der DADA-Gründungsstätte Cabaret Voltaire sowie in so genannten Satelliten, zum Beispiel in Firmen oder Läden mit Bezug auf die «Gastgeber».

 

 

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Pavillon of Reflections.

Der schwimmende Treffpunkt mit Kino, Bar, Schwimmbad und Auditorium lädt die Besucher ein, dem Stress der Stadt zu entfliehen und über die Kunstevents der Manifesta nachzudenken.

 

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Helmhaus.

Das Helmhaus am Limmatquai ist einer der «fixen» Orte, wo die Ergebnisse der «Joint Ventures», also der Begegnungen zwischen Künstler und Berufstätigen, ausgestellt sind.

 

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Yin Xunzhi und die Stewardess.

Der chinesische Künstler, Jahrgang 1968, hat sich für sein Joint Venture eine Stewardess der Helvetic Airways ausgesucht. Eines seiner Gemälde zeigt die Flugbegleiterin, die von Zürich nach Peking fliegt, ein anderes Werk befasst sich mit seiner eigenen Reise vom smogverseuchten Peking in ein klischeehaft idealisiertes, sauberes, freundliches und wohlhabendes Zürich.

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Schmetterlinge in der Wasserkirche.

Evgeny Antufiev (1986, Russland). Sein riesiger Schmetterling ist eine Hommage an Vladimir Nabokov, der eine erfolgreiche zweite berufliche Karriere startete, in der er sich der Schmetterlingswissenschaft gewidmet hat. Also ist das Thema in der Wasserkirche der Schmetterling.

 

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>Was ist ein Joint Venture
im Voltaire?

Das Cabaret Voltaire wird zum «Zunfthaus».

Für die Dauer der Manifesta 11 wird die DADA-Gründungsstätte, das Cabaret Voltaire, in ein «Zunfthaus» umgebaut. Die Aufnahme in die «Zunft der Künstler» ist für jedermann offen – unter der Bedingung, dass man eine Performance im Rahmen eines Joint Ventures abliefert. Nur wer dort auftritt, erhält Zutritt zum Performance-Raum. Aber dafür wird er/sie Zunftmitglied...!

 

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Bier-Ideen in der Löwenbräukunst?

 

Jennifer Tee (1973, Holland) hat sich für ihr Joint Venture einen Bestattungsbeamten angelacht, bei dem sie Nähreres über Geist und Materie, Körper und Seele zu erfahren sucht. Marguerite Humeau (1986, London) ist fasziniert von der Idee, dass dem Konzept der Liebe ein primär evolutionsgeschichtlicher Nutzen innewohnt. Michel Houellebecq (1958, Paris) hat sich bei Ärzten der Klinik Hirslanden einem umfassenden Gesundheits-Check unterzogen. Nun kann man sein Herz schlagen und sein Blut rauschen hören... öffentlich. Kunst?

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Jorinde Voigt und Jean-Jacques Rousseau...

Die 39-jährige Deutsche präsentiert ein Rennboot der Stämpfli Racing Boats AG. Hintergrund: Rousseau soll sich in einem Boot auf einem Schweizer See aufgehalten haben, als er seine Vorstellungen von der liberté entwickelte, die zur französischen Revolution führte.

faekalien

Mike Bouchet und die Zürcher Fäkalien.

Der 46-jährige Amerikaner fertigt in Zusammenarbeit mit der Wasseraufbereitungsanlage Werdhölzli eine Kunstform aus Fäkalien und Klärschlamm. Das sei eine Kollaboration mit der gesamten Stadtbevölkerung: Alle, die am 24. März 2016 zur Toilette gegangen seien, hätten ihren Beitrag geleistet. Der optische Eindruck wird erfolgreich durch den Geruch verstärkt.

masturbation

Andrea Eva Györi und die Masturbation.

Die 1985 geborene Ungarin hat bei ihrer Gastgeberin Dr. Dania Schiftan Kurse besucht, die die Umstände fokussieren, die zum Orgasmus führen. Nun zeigt sie in Porträts von Frauen die Visualisierung ihrer Fantasien bei der Selbstbefriedigung.

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Fotos / Diashow

 

 

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