Marc Chagall (1887-1985)


Chagall? Da denkt man doch sofort an die wunderbaren Kirchenfenster, die er – bereits als alter Mann um die 80 – für das Fraumünster gefertigt hat. Heute eine Touristenattraktion
der Stadt Zürich.

 

Ab 1965 arbeitete er daran. Und zwar im Hotel Baur au Lac. Wie es heisst, kleckerte er dabei ganz ordentlich in seiner Suite, und der Spannteppich war regelmässig voller Farbflecken. Die Hoteldirektion ging aber sehr diskret damit um: Sie riss jedesmal den verschmutzten Teppich raus und ersetzte ihn für den nächsten Gast. Den «Chagallbefleckten» schmiss man weg... Was für ein Sakrileg! Was wäre wohl heute so ein Chagallteppich wert?

 

Chagall wird 98 Jahre alt und lebt ein aufregendes Leben. Als Sohn eines orthodoxen jüdischen Vaters, der in einer Fischhalle in Witebsk (heute Weissrussland) arbeitet – ist er nicht auf Rosen gebettet, er will bloss weg. Im Alter von 20 Jahren zieht er nach St. Petersburg. «Mit meinen 27 Rubeln in der Tasche, den einzigen, die ich im Leben von meinem Vater für die Reise erhielt, verschwinde ich, immer noch rosig und voller Locken...», sagt er in seiner Biographie. In St. Petersburg erhält er eine mehrjährige Ausbildung in der Kaiserlichen Gesellschaft für Kunst. Er kann zwei Bilder verkaufen. Gerade Geld genug, um nach Paris weiter zu reisen.

 

1910 bezieht er sein erstes Atelier in der Nähe des Gare Montparnasse, später wohnt er in einer Künstler-Siedlung, wo er auf Maler wie Delaunay, Léger, Modigliani trifft. Er macht sich mit dem Kubismus vertraut. «Kubismus ist die Sprache, in welcher sich die Magie der Welt ausdrücken lässt», sagt er. Ein Kubist im eigentlichen Sinn wird er aber nicht. Was dann? Eher ein Surrealist? Er bleibt zeitlebens schwer einzuordnen.

 

Er entdeckt eine für ihn neue Maltechnik: Gouache – wasserlöslich, aber im Gegensatz zum Aquarell mit deckendem Weiss.

 

1913 nimmt er am Herbstsalon in Berlin teil, ein Jahr später reist er aus familiären Gründen nach Russland – und wird vom 1. Weltkrieg überrascht. Er kann nicht mehr zurück. Die in Berlin gemalten Bilder sind für ihn verloren.

 

Von der Russischen Revolution ist er begeistert, er wird zum Kommissar der bildenden Künste in Witebsk ernannt. Dort gründet er eine moderne Kunstschule...

 

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chagall-bueste

Büste in Kielce, Polen

Quelle: Wiki/Commons.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

chagallfenster

Chagalls Fenster im Fraumünster Zürich

Einst ein Frauenkloster (gegründet 853), dann katholische und später (ab 1524) protestantische Kirche. Die fünf Fenster des aus dem 13. Jahrhundert stammenden Chors gestaltete Chagall 1965-1970. Im Bild die drei Hauptfenster: Das blaue Jakobsfenster, das grüne Christusfenster und das gelbe Zionsfenster.

 

jakob

 

Fotos Kurt Salzmann

 

david

Chagall – der Spezialist für das Alte Testament

Bibelmotive kommen in Chagalls Werken häufig vor. Kein Wunder, denn als orthodoxer Jude kannte er sich mit dem Alten Testament glänzend aus. In seinen Zürcher Kirchenfenstern kommt deshalb auch Jakob vor – einer der drei Erzväter der Israeliten. (Die zwei anderen waren Abraham, sein Grossvater, und Isaak, Jakobs Vater). Im Sujet des blauen Jakobs-Fensters träumt Jakob von der Himmelsleiter. >mehr

 

Von Ehebruch bis Tötung, alles dabei...

Im gelben Zionsfenster zeigt Chagall den König der Israeliten, David, mit Krone. Hinter ihm steht Batsheba, die Ex-Frau des Urias, den David töten liess, um Batsheba zu besitzen.

 

So läuft das ab im Alten Testament: Urias dient als Soldat in Davids Heer. Während er im Dienst ist, schwängert David Urias Weib, Bathseba. Um Urias los zu werden, schickt ihn David in die Schlacht, und dort kommt er um. Gott findet das nicht so gut. Und auch den Ehebruch nicht. Gott bestraft David: Er lässt sein und Bathsebas Kind am siebten Tag sterben. David und Bathseba bekommen aber ein weiteres Kind, nämlich Salomo, den späteren Nachfolger Davids auf dem israelitischen Thron. >mehr

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Fotos/Diashow, Chagall-Fenster Zürich.

lanaissance

Ein Schlüsselwerk seiner Frühzeit

In einem seiner frühen Bilder («La Naissance, 1910») hält er die Geburt seines jüngsten Bruders fest. Die Mutter, halbnackt, der schreiende Säugling, das blutige Laken... (Kunsthaus Zürich)

ichunddasdorf

«Ich und das Dorf», 1911.

Eines seiner bekanntesten Werke. Es stammt aus seiner Pariser Zeit und hängt im MoMA in New York. Immer wieder hat man versucht, seine Tiere und Figuren als Symbole einzuordnen. Die Kuh und der Baum für das Leben, der Hahn für die Fruchtbarkeit usw. Chagall selbst hat dies stets verneint. Er habe keinen Symbolismus beabsichtigt. Wenn das andere für ihn tun wollen, dann sei das okay.

alarussie

Der «Vor-Surrealist»?

Chagalls Freund, der Schriftsteller Guillaume Apollinaire, hat viele seiner Werke als «übernatürlich» bezeichnet. Der Surrealismus als Stil kam erst später auf, in den 1920er-Jahren, der Name geht aber auf Apollinaire und André Breton zurück und wird dann auf Salvador Dalì, René Magritte, Joan Mirò u.a. angewendet. Dieses Bild «A la Russie aux ânes et aux autres» entstand schon 1911 und hängt heute im Centre Pompidou in Paris.

lesamoureux

Romantisch und verspielt.

Chagall war schon um die 70, als er dieses verträumte und verspielte Bild malte. Fast schon übersinnlich. Ein Liebespaar, roter Mond, mit Palmen und Vogel, mit Blumen und Kerzen. Es entstand zwischen 1956 und 1960 und heisst «Les amoureux en gris» und kann heute im Kunsthaus Zürich bewundert werden.

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Fotos/Diashow, Chagall in diversen Museen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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