Wassily Kandinsky (1866-1944).


Ist er der Erfinder der abstrakten Kunst? Darüber streitet man sich noch. Unbestritten ist hingegen: Kandinsky ist der berühmteste Abstrakte der Welt. Er er ist mehr als ein Maler, er ist auch ein Denker. Ein Vordenker. Schon 1910 setzt er sich in seiner Schrift «Über das Geistige in der Kunst» mit der Idee auseinander, sich von der Abbildung der Natur und der Gegenstände zu lösen, diese zu abstrahieren.

 

Kandinskys Leben verläuft in seinen ersten drei Jahrzehnten wenig aufregend: Er kommt 1866 in Moskau zur Welt, als Sohn eines wohlhabenden Teehändlers. Die Familie arbeitet und lebt in Odessa. Mit seinem Vater reist er immer wieder nach Moskau. Er erhält Zeichen- und Malunterricht. Die Matura legt er mit 19 noch in Odessa ab, dann zieht er zum Studium nach Moskau: Recht, Wirtschaft und Völkerkunde an der Lomonossow-Universität. Daneben malt er. 1892 schliesst er mit dem Staatsexamen in Jurisprudenz ab, wird Assistent an der juristischen Fakultät in Moskau. Und heiratet. Seine Cousine. Wenig spektakulär.

 

Erst 1896, er ist bereits 30, entscheidet er sich für die Malerei. Er zieht nach München und besucht dort eine private Malschule. Ab 1900 studiert er an der Kunstakademie München bei Franz von Stuck. 1901 ist er mit von der Partie, als die Künstlergruppe «Phalanx» gegründet wird. Deren Ziel ist es, «mit künstlerischen Mitteln gegen konservative Verkrustungen in der Gesellschaft zu wirken». Hier trifft er Gabriele >Münter. Dass er zuhause schon verheiratet ist, «vergisst» er. 1903 verlobt er sich mit Gabriele, sie wird seine Lebensgefährtin bis 1914.

 

1909 wird die «Neue Künstlervereinigung München» gegründet, von Marianne >Werefkin und Alexej von Jawlensky. Kandinsky wird 1911 Vorsitzender der N.K.V.M. Als es zu Unstimmigkeiten kommt, tritt er von diesem Posten zurück, bleibt aber vorerst Mitglied.

 

Sein neues Projekt: Die Künstlervereinigung «Der
>Blaue Reiter»
, die er 1911 mit Franz >Marc gründet. Noch im gleichen Jahr kann die erste Ausstellung eröffnet werden. Parallel dazu erscheint Kandinskys Buch «Über das Geistige in der Kunst». Das ist der Startschuss für seine abstrakte Malerei. An der «Armory Show» in New York präsentiert er sein abstraktes Werk «Improvisation Nr. 27».

 

 

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Wassily Kandinsky um 1913.

Foto WikiCommons.

 

 

Nach der Kriegserklärung der Deutschen an Russland muss er 1914 das Land verlassen. Er flieht mit Münter in die Schweiz und dann weiter nach Moskau – ohne seine Gabriele. In seiner Heimat gründet er die «Akademie der Kunstwissenschaften» und erhält verschiedene Professuren. 1917 heiratet er in zweiter Ehe Nina Nikolajewna Andreevskaja. 1920 wird er Leiter des «Instituts für Künstlerische Kultur» und trifft dort auf Künstler wie Malewitsch und Tatlin.

 

Die russische Revolution ist für Kandinsky ein Gräuel, weil sie die Freiheit der Kunst beschneidet. Also zieht er einmal mehr weiter, diesmal nach Berlin. Er kann nur zwölf seiner Bilder mitnehmen, der Rest bleibt in Moskau zurück. 1922 nimmt er in Weimar eine Lehrtätigkeit am Bauhaus auf – einem Ruf des Bauhaus-Gründers Walter Gropius folgend. 1928 wird Kandinsky deutscher Staatsbürger.

 

Lange dauert die Ruhe nicht. Als 1933 die Nazi an die Macht kommen, wird das Bauhaus geschlossen. Das Ehepaar Kandinsky muss wieder umziehen, es emigriert nach Frankreich. Kandinskys abstrakte Kunst ist in Paris aber nicht gefragt – zur Zeit sind eher kubistische und surreale Werke in.

 

1937 werden 57 seiner Arbeiten in deutschen Museen als «entartet» beschlagnahmt. An der von den Nazis in München organisierten Ausstellung «Entartete Kunst» werden 14 Kandinsky-Bilder vorgeführt.

 

1939 erhält er die französische Staatsbürgerschaft. Seine letzte Ausstellung, die er noch miterleben darf, findet 1944 in der Pariser «Galerie l'Esquisse» statt.

 

Er stirbt am 13. Dezember 1944 im Alter von 78 Jahren. Seine Ehefrau Nina lebt noch bis 1980. Sie verwaltet seinen Nachlass und schenkt dem Centre Pompidou dreissig Gemälde und Aquarelle. Auch Gabriele Münter, weine Lebensgefährtin von 1903-1914, zeigt sich spendabel. Zu ihrem 80. Geburtstag vermacht sie 1957 dem Münchner Museum Lenbachhaus 90 Werke von Kandinsky (und über 1'000 des Blauen Reiters).

 

 

>mehr über das Lenbachhaus München

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Hafen von Odessa, 1998. Tretjakow-Galerie, Moskau.

 

1898: Der Hafen von Odessa.

Kandinsky kommt zwar in Moskau zur Welt, aber seine Heimatstadt ist Odessa. Dort geht er auch zur Schule – bis und mit Matura.

 

Er ist zwar (heute) als abstrakter Künstler berühmt. Aber auch er beginnt mit gegenständlicher Malerei und geht anschliessend zum Expressionismus über.

 

Erst ab 1910 entstehen seine abstrakten Werke.

 

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Bildnis Gabriele Münter, 1905. Lenbachhaus München.

 

1905: Portrait Gabriele Münter.

Kandinskys Lebensgefährtin von 1903 bis zum Kriegsbeginn 1914. Münter ist auch Malerin. In München studiert sie Kunst. Weil Kandinsky in Russland noch verheiratet ist, sind die beiden ständig unterwegs. Sie bereisen Frankreich, Holland, Italien und Tunesien.

 

>mehr über Gabriele Münter.

 

murnau

Murnau, Blick aus dem Fenster des Griesbräu, 1908.

 

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Murnau-Dorfstrasse, 1908.

1908: Expressionistisches in Murnau.

Kandinsky und Gabriele Münter ziehen 1908 nach Murnau am Staffelsee (Oberbayern). Für beide ist es eine wichtige Station in ihrem künstlerischen Schaffen. Sie treffen dort nämlich auf Alexej von Jawlensky und Marianne Werefkin und werden von deren Malstil stark beeinflusst.

 

Es ist der Beginn der Abkehr vom «Abmalen der Natur» und die Weichenstellung hin zum Expressionismus und teilweise bereits zur abstrakten Malerei, mit der sich Kandinsky auch theoretisch zu beschäftigen beginnt.

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Kandinskys Buch «Über das Geistige
in der Kunst», erschienen 1912.

1910: «Über das Geistige in der Kunst».

Kandinsky ist nicht der einzige, der sich in dieser Epoche mit diesem Thema befasst – auch Kasimir Malewitsch und Piet Mondrian arbeiten daran. Aber Kandinsky verfasst diese für die damalige Zeit bahnbrechende Schrift. Er versucht darin, in theoretischer Form die Möglichkeiten auszuloten, wie man das Unsichtbare, das Transzendente, das Spirituelle darstellen kann.

 

Alle Künstler, die sich mit diesem Thema befassen, gelangen schliesslich zu einem ungegenständlichen Malstil, bei dem nur noch Farbe und Form von Bedeutung sind.

 

almanach

Kandinskys Umschlagentwurf für den Almanach der Blaue Reiter, 1911. Lenbachhaus München.

1911-1914: Der Blaue Reiter.

Eigentlich eine Abspaltung der «Neuen Münchner Künstlervereinigung». Der Titelname geht auf den Almanach zurück, den Kandinsky und Franz Marc herausgeben – eine Art Ausstellungspublikation.

 

Textauszug aus dem Subskriptionsprospekt: 
«Die Kunst geht heute Wege, von denen unsere Väter sich nicht träumen liessen; man steht vor den neuen Werken wie im Traum und hört die apokalyptischen Reiter in den Lüften; man fühlt eine künstlerische Spannung über ganz Europa (....) und die Tatsache, dass neue Formen heute an allen Enden Europas hervorspriessen wie eine schöne, ungeahnte Saat, das muss verkündet werden...». >mehr über den Blauen Reiter

 

improvisation

Improvisation 19.

 

komposition

Komposition VII.

 

1911/1913: Improvisationen, Kompositionen.

Ab 1909 unterteilt Kandinsky seine Werke in drei Kategorien: Impression, Improvisation und Komposition. Unter «Impression» versteht er die direkten Eindrücke der äusseren Natur. Bei den «Improvisationen» sind es jene der inneren Natur. Und die «Komposition» bedeutet für den Künstler die Verbindung dieser beider Elemente.

 

Allerdings: In den sechs «Impressionen», die er bis 1911 malt, ist keine «äussere Natur» zu erkennen, so wenig wie in seinen «Improvisationen». Die abstrakte Malerei hat ihn voll im Griff.

 

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1925: Sign.

In den Jahren 1922 bis 1933 ist Kandinsky als Lehrer in Weimar, Dessau und Berlin tätig. Der Gründer des «Bauhauses», Walter Gropius, bietet ihm in Weimar eine Lehrtätigkeit in der Werkstatt für Wandmalerei an. In der «Bauhaus-Zeit» Zeit entstehen vor allem Bilder mit geometrischen Strukturen. Dieses hier stammt aus dem Jahr 1925. Los Angeles County Museum of Art.

 

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Composition IX, 1936. Centre Pompidou, Paris.

1936: Composition IX.

Kandinsky sucht nach Möglichkeiten, mit Formen und Farben Gefühle auszudrücken. Als Leitbild nimmt er die Musik: Das Hören von Farben, das Sehen von Klängen. Für ihn ist ein Hellgelb ein hoher Ton einer Trompete, ein helles Blau eine Flöte, ein dunkles Blau ein Cello, ein ganz tiefes Blau eine Orgel.

 

entartete_kunst

Schweres Schweben, 1924. Ausstellung Bern
Kunstmuseum, 2017. Sammlung
Gurlitt.

1937: Die «entartete» Kunst.

Als 1933 die Nazis an die Macht kommen, erfinden sie einen neuen Kunstbegriff: Die «entartete Kunst». In der Folge entfernen sie 20'000 Werke aus deutschen Museen und beschlagnahmen sie. 1937 organisieren sie in München eine Ausstellung für «entartete» Kunst, mit zwei Zielen: Erstens wollen sie der Bevölkerung vorführen, was «gute deutsche Kunst» ist (der Rest ist entartet), und zweitens sollen die Bilder ins Ausland verkauft werden, um damit die Kriegskasse zu füllen.

 

>mehr über «Entartete Kunst»

compositionX

Composition X, 1939. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

1939: Composition X.

In seinen letzten Lebensjahren entstehen neben abstrakten auch mehrere Werke, die der «konkreten Kunst» zugerechnet werden. Einige davon werden an der Londoner Ausstellung «Abstract and Concrete» von 1936 gezeigt.

 

1939 schafft er seine letzte grosse Arbeit:
Es ist die «Composition X».

 

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Fotos / Diashow

 

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Fotos der Ausstellung «Kandinsky, Marc und
Der Blaue Reiter» in der Fondation Beyeler, Riehen-Basel, 2016/2017.

   

 

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