René Magritte: Sinn für Makabres


Der belgische Surrealist (1898-1967) betitelte seine Werke so nebulös und geheimnisvoll, dass es oft schwer fällt, auf den Bildinhalt zu schliessen. Im Fall seiner Sarg-Darstellungen ist das ganz anders. Hier verweist die Titelung eindeutig auf die Quelle seines Schaffens. Einmal ist es ein Frauenporträt von Jacques-Louis David aus dem Jahr 1800, beim zweiten nimmt er Edouard Manets berühmtes Balkonbild von 1868 zur Vorlage.

 

Der Sarg übt bei Magritte einen unwiderstehlichen Reiz aus. Sein Spiel mit dem sicher bevorstehenden Tod jedes Menschen hat ihn zeitlebens fasziniert. Die Skulptur des Sarges der «Madame Récamier» schuf er in seinem Todesjahr: 1967. Aber die Idee dazu hatte er schon 16 Jahre früher, als er sie zunächst in einem Gemälde verarbeitete.

 

Mit dem Tod musste sich Magritte schon sehr früh auseinander setzen. Besonders der Selbstmord seiner Mutter prägte ihn. Diesen erlebte er als 14-jähriger. Sie hatte sich 1912 in den Fluss Sambre gestürzt und sich das Leben genommen. Der junge Magritte war dabei, als man sie tot aus dem Wasser zog. Nackt, ihr Gesicht vom Kleid bedeckt. Gut dreissig Jahre nach ihrem Tod widmete er ihr ein Bild, auf der sie statt eines Gesichtes ihren nackten Körper zeigt. Er nannte sein Werk «Rape» (Vergewaltigung, Schändung). Warum, weiss nur er. Seine Titelgebung war eben schon immer so surreal wie seine ganze Kunst.

 

 

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René Magritte, Rape, 1945. Hommage an
seine Mutter, die sich das Leben nahm.

 

 

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Perspective II: Madame Récamier de David, 1967. 

Diese Bronzeskulptur steht im Magritte-Museum in Brüssel. Von Davids Original hat Magritte den Divan übernommen – den man übrigens «Récamière» nennt – und den Zipfel des Kleides, das unter dem Sarg liegt. Und natürlich die Sitzposition von Madame Récamier, allerdings in Sargform. Wie bloss kam der Künstler auf diese Idee? Darauf soll er geantwortet haben: «Die Frau liegt mit einer solchen Müdigkeit da, dass der Tod sowieso nicht mehr lange auf sich warten lässt...».

 

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Perspective II: Mme Récamier de David, 1951.

Dieses Gemälde von Magritte aus dem Jahr 1951 ist ein Vorläufer der Bronzeskulptur von 1967. Es hängt heute in Ottawa im Musée des Beaux-arts du Canada.

 

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Das Original von Jacques-Louis David, 1800.

Wer ist die Dame überhaupt? Sie galt als eine der attraktivsten Frauen ihrer Zeit und führte einen Salon in Paris, der ein wichtiger gesellschaftlicher Treffpunkt für Napoleon-Kritiker war. Das stiess dem Kaiser sauer auf. Als sie sich dann auch noch weigerte, Hofdame der Impératrice Joséphine zu werden, liess Napoleon den Salon schliessen und verbannte Madame Récamier aus Paris. Als dann seine Kaiserzeit abgelaufen war, 1815, kehrte sie nach Paris zurück und eröffnete ihren Salon wieder. Die Schönheit wurde nicht nur von Jacques-Louis David porträtiert, sondern auch von François Gérard (1770-1837). Das Bild entstand 1802.

 

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Perspective II. Le balcon de Manet, 1950.

Diesem Werk liegt die gleiche Überlegung zugrunde wie bei «Madame Récamier»: Magritte verpackt lebende Personen in Särge und stellt diese so auf, wie sie auf dem Originalbild daherkommen. Diesmal sind es zwei Frauen und ein Mann auf einem Balkon. Die sitzende Person bekommt natürlich einen geknickten Sarg. Das Gemälde ist in Gent zu sehen: Im >Museum voor Schone Kunsten.

 

Die Originalvorlage von Edouard Manet, 1868.

Diese ist im Musée d'Orsay in Paris zu sehen. Manet malte das Bild 1868. Modell standen drei Freunde des Künstlers: Die Malerin Berthe Morisot, die Geigerin Fanny Claus und der Maler Antoine Guillemet.

 

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Magritte-Museum Brüssel

   
   

 

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