Giovanni Segantini (1858-1899)


Ist er Österreicher? Italiener? Schweizer? Weder noch. Er ist staatenlos, weil er keine Papiere hat, und kann deshalb nur schwerlich reisen. Muss sich von seinem Kunsthändler unterrichten lassen, was gerade so los ist in der Welt der Kunst. Welche Malstile gerade «in» sind.

 

Geboren wird Giovanni Batista Emanuele Maria Segantini in Arco am Gardasee. Klingt nach Italien, war aber um 1858 österreichisch. Seine Mutter stirbt früh, sein Vater ist Alkoholiker. Giovanni kommt zu Irene, einer Halbschwester. Das geht nicht gut, Giovanni reisst immer wieder aus. Irene beantragt bei den Innsbrucker Behörden, Giovanni die österreichische Staatsangehörigkeit zu entziehen. Das geschieht tatsächlich, Giovanni ist fortan staatenlos. 1870, also mit 12 Jahren, wird er ohne Papiere aufgegriffen und landet in einer Erziehungsanstalt, da sein Vater inzwischen verstorben ist. Dort lernt er das Handwerk eines Schuhmachers. Ein Geistlicher der Anstalt erkennt Giovannis zeichnerisches Geschick. Nun darf er zeichnen und modellieren. 1873 kann er die Erziehungsanstalt verlassen und in Mailand bei einem Maler von Heiligenfahnen und Transparenten arbeiten. Dieser bildet ihn weiter aus.

 

1875 schreibt er sich an der Kunstakademie Brera in Mailand ein. Dort fällt er durch seine Fähigkeit auf, einfallendes Sonnenlicht abzubilden. Man will ihm dafür einen Preis verleihen, den er aber nicht bekommt, weil er kein Italiener ist. 1880 bezieht er sein erstes Atelier in Mailand. Hier lernt er die 17-jährige Bice kennen, die zuerst sein Modell wird, dann seine Frau. Heiraten können die zwei nicht, da die Papiere fehlen. Sie ziehen nach Pusiano und bekommen dort zwei Söhne. Mit seinem Mäzen Grubicy unterzeichnet er einen Vertrag: Grubicy wird sein Händler.

 

1886 lässt er sich in Savognin nieder. Es entstehen grosse Werke vom Dorf- und Alpleben. Landschaft, Tiere, Menschen. Reisen darf er nicht, aber seine Werke ziehen um die Welt. 1889 ist er in der italienischen Abteilung auf der Weltausstellung in Paris vertreten, und das Bild «Kühe an der Tränke» von 1888 wird mit der Goldmedaille ausgezeichnet. Eine erste Segantini-Retrospektive findet 1891 in der Galerie Grubicy in Mailand statt. 

 

1894 lässt sich die Familie Segantini in Maloja im Oberengadin nieder. Inzwischen wird Segantini von den Kunsthändlern Bruno und Paul Cassirer sowie Felix Königs aus Berlin vertreten. Mit den Wiener Secessionisten pflegt er einen regen Austausch, man sieht in ihm einen Wegbereiter.

 

Sein ganz grosses Projekt, das «Triptychon der Natur», kann er nicht verwirklichen. Es hätte auf der Weltausstellung 1900 in Paris präsentiert werden sollen. Er arbeitet und arbeitet bis zur Erschöpfung und stirbt im Alter von nur 41 Jahren am 28. September 1899. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: «Voglio vedere le mie montagne».

 

 

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Giovanni Segantini, Selbstporträt

1893. Kunstmuseum St. Gallen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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1882: Maria auf der Überfahrt.

Am Lago di Pusiano entsteht die erste Fassung dieses Gemäldes, das für Segantini den Durchbruch bedeutet. Es wird zwei Jahre später an einer Ausstellung in Amsterdam ausgezeichnet. Dies hier ist die zweite Fassung von 1886, die in Savognin enstand. Die erste ist nicht mehr erhalten. Stiftung Otto Fischbacher, Quelle: Wiki Commons.

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1887: Costume grison.

Das trinkende Bauernmädchen mit der Bündner Tracht ist im Kunstmuseum St. Gallen zu sehen.

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1888: Kühe an der Tränke.

Mit diesem Gemälde ist Segantini an der Weltausstellung in Paris vertreten, er bekommt dafür eine Goldmedaille. Kunstsammlung Basel.

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1892: Auf dem Balkon.

«Sul balcone» heisst der Original-Titel dieses Werkes. Im Bündner Kunstmuseum Chur als Original zu sehen.

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1893-94: Alpweiden (Detail).

Auf diesem Gemälde ist eine Segantini-typische Malweise besonders gut zu erkennen: seine spezielle Form des Divisionismus. Ganz feine Pinselstriche von reinen Farben verweben sich zu einem Ganzen, wenn man es aus der Ferne betrachtet. Er malte aber nicht nur so, sondern mochte auch andere Formen des Divisionismus, zum Beispiel den Pointillismus. Kunsthaus Zürich.

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1894: Die bösen Mütter.

Seine Mutter stirbt, als er sieben ist, seine Halbschwester verstösst ihn. Das prägt ihn ein Leben lang. In diesem Symbolbild vergibt das Kind der Mutter, sie können zusammen in die Erlösung schweben, in das im Hintergrund golden schimmernde Nirwana. Galerie Belvedere, Wien.

glaubenstrost

1897: Glaubenstrost.

Der ganze Schmerz über den Tod eines Angehörigen kommt hier zum Ausdruck, zusammen mit der winterlich-trostlosen Stimmung. Das zweiteilige Gemälde mit dem goldenen Rahmen hängt in der Kunsthalle Hamburg.

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1897: La Vanità (Die Eitelkeit).

Dieses Gemälde entsteht im Oberengadin, wo er von 1894 an lebt. Ein schönes Beispiel von Segantinis «realistischem Symbolismus»: Der überwiegende Teil des Werkes ist naturalistisch, einzig das Schlangengetier im Teich macht es zu einem Bild des Symbolismus. Das Thema Eitelkeit stammt aus der griechischen Mythologie: Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt. Kunsthaus Zürich.

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