Andy Warhol (1928-1987)

 

«Glauben Sie an den American Dream?» soll ihn mal ein Journalist gefragt haben. «Nein, aber ich glaube, dass man damit Geld verdienen kann». Zu diesem Zeitpunkt ist Andy Warhol schon steinreich. Als Superstar der Pop-Art. Wie hat er das bloss geschafft?

 

Er kommt 1928 als Andrew Warhola zur Welt, in Pittsburgh, Pennsylvania. Seine bettelarmen Eltern sind aus Osteuropa in die USA eingewandert. Vater Ondrej schuftet in Kohleminen und Eisengiessereien. Der kleine Andy stellt sich vor, dass man schön sein muss, um reich zu werden. Doch schön ist er nicht. Er hat eine Knollennase und wird in der Schule wegen seiner unreinen Haut verspottet. Er sieht wie ein Albino aus und verliert bald die Haare, weshalb er eine Perücke trägt.

 

Dabei wäre seine Welt die der Reichen und Schönen – er steht auf Filmstars und Modemagazine. Mit 17 beginnt er in Pittsburgh ein Studium für Werbegrafik. Sein grosses zeichnerisches Talent stellt er in New York unter Beweis, wo er ab 1949 für Magazine wie Harper's Bazaar, Glamour und Vogue arbeitet und richtig viel Geld verdient. Der Art Directors Club verleiht ihm für eine Anzeige in der New York Times sogar eine Goldmedaille. Es läuft ihm so gut, dass er 1957 seine eigene Grafikfirma gründen kann: Die Warhol Enterprises.

 

 

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Andy Warhol. Foto Jack Mitchell (1925-2013).

 

 

Nun ist er die Nr. 1 von New York. Aber erst als Werbegrafiker – das reicht ihm nicht. Er will auch als Künstler anerkannt werden. Immer wieder stellt er seine Arbeiten vor, aber die New Yorker Galerien zeigen wenig Lust, seine Werke auszustellen.

 

Bis 1962, als ihm ein Coup gelingt. Er malt jetzt Bilder von Suppendosen. Banale Campbell's Suppendosen. Fein säuberlich abgezeichnet, wenig kunstvoll. Weil ihm die New Yorker Galerien die kalte Schulter zeigen, stellt er in Los Angeles aus, beim Galeristen Irving Blum. Dieser macht das schlau: Vor der Ausstellung lässt er in der Presse Artikel über Pop-Art erscheinen. Die Kritiker rümpfen zwar die Nase über die Suppendosenbilder, aber man nimmt sie und den Künstler wahr. Es ist der Durchbruch. Warhol ist mit einem Schlag bekannt.

 

Wirklich berühmt wird er noch im gleichen Jahrzehnt mit Abbildungen von Marilyn Monroe. Seine Masche heisst jetzt: 30 mal abbilden ist besser als einmal. Zudem vervielfältigt er die Gemälde mit Siebdrucktechnik, pardon, er lässt sie vervielfältigen, von zahlreichen Mitarbeitern seines Ateliers, das er jetzt «Factory» nennt.

 

Die Frage, ob diese Reproduktionen noch «echte Warhols» sind, wenn der Meister selbst keine Hand mehr anlegt, versandet schnell: Alles, was irgendwie nach Warhol aussieht, wird künftig zu Gold. Die Preise seiner Bilder wachsen ins Unendliche, Warhols werden bald gegen Millionen von Dollars gewechselt. Der Künstler weiss kaum noch, was er mit dem Geld anfangen soll. Er kauft in New York ein fünfstöckiges Privathaus – zwischen Madison und Park Avenue. Und einen grünen RollsRoyce. Einen Führerschein hat er nicht.

 

Was der kleine Andy noch nicht wusste, hat jetzt der grosse gelernt: Nicht wer schön ist, wird reich. Sondern wer die Kunst der Provokation beherrscht – und damit weltberühmt wird.

 

1968 übersteht er einen Mordanschlag (siehe Kasten rechts). 1987, da ist er erst 59 Jahre alt, muss er sich einer harmlosen Operation an der Gallenblase unterziehen. Komplikationen treten auf. Andy Warhol stirbt am 22. Februar 1987 im New York Hospital. Die genauen Ursachen sind bis heute unbekannt.

 

Er wird in Pittsburgh beerdigt. Sein Millionen schwerer Besitz wird versteigert und fliesst in die Stiftung «Andy Warhol Foundation for the Visual Arts». Diese ist auch am Andy Warhol Museum in Pittsburgh beteiligt – es ist das grösste Museum der USA, das einem einzelnen Künstler gewidmet ist.

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)

Andy Warhol, Marilyn Diptych, 1962.

Tate Modern London.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Andy Warhol. Der 199$-Fernseher, 1961. Whitney Museum New York. Foto Sharon
Mollerus.

Warhol, King der Pop-Art, aber...

Wer sich mit Pop-Art befasst, kommt an Warhol nicht vorbei. Er ist es, der diese Kunstrichtung berühmt und weltweit populär gemacht hat.

 

Erfunden hat er den Begriff Pop-Art aber nicht. Dieser geht auf eine englische Künstlergruppe zurück, die 1952 in London gegründet wurde: die «Independent Group». Ihr bekanntestes Mitglied heisst Richard Hamilton. Die Gruppe beschäftigt sich mit der Frage, ob und wie man Werbung und andere Trivialkultur in die Kunst einbeziehen kann, es entsteht der Begriff Pop-Art. Ein Jahrzehnt später greift Andy Warhol die Frage wieder auf und liefert eindrückliche Antworten dazu.

 

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Campbell's Soup, 1962. St. Galler Kunstmuseum.

 

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Royal Scottish Academy, Edinburgh. Foto Tom Rolfe,
WikiCommons.

 

1961: Die Idee mit den Suppendosen.

Der Tipp soll von der Innenarchitektin Muriel Latow stammen. Sie gibt Warhol den Ratschlag: «Mach doch Dinge, die jeder täglich sieht. Zum Beispiel Banknoten oder Suppendosen...».

 

Der Künstler setzt das um. Malt gleich 32 Campbell's Suppendosenbilder, die auf den ersten Blick alle gleich aussehen. Bei näherer Betrachtung stellt man aber fest, dass es 32 verschiedene Geschmacksrichtungen sind. Von Asparagus über Chicken bis Tomato.

 

Es ist die reine (Kunst)Provokation. Sie macht den Künstler aber schliesslich weltberühmt. Campbell's Suppendosen werden zu seinem Markenzeichen.

Bei der Warhol-Ausstellung in der Royal Scottish
Academy von Edinburgh im Jahr 2007 werden sogar die Säulen des Museums mit seinen Campbell's geschmückt. Sie haben es zu Kultstatus gebracht.

 

 

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Marilyn Diptych, 1962. Tate Modern London.

 

1962: Das Marilyn-Diptychon.

Als am 5. August 1962 die Mediensensation über den Tod von Marilyn Monroe um die Welt geht, schaltet Warhol sofort. Er verarbeitet 25 farbige und 25 schwarz-weisse Porträts des Filmstars (Foto aus dem Film Niagara von 1953) zu einem «Marilyn-Diptychon» und zeigt das Werk in der Stable Gallery in New York, zusammen mit weiteren Bildern wie die 112 Coke-Bottles und die 20 Eindollar-Noten. Warhol hat jetzt den Dreh raus, er trifft den Nerv der Pop-Art-Zeit. Man reisst sich um seine Bilder.

 

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Green Coca-Cola-Bottles. Whitney Museum of American Art,
New York.

 

1962: Colaflaschen – Symbol der Demokratie?

Ob seine Bilder und Siebdrucke von Dollarnoten, Suppendosen und Colaflaschen echte Kunst sind, wird zwar immer wieder diskutiert und in Frage gestellt – aber weil es Warhol-Werke sind, muss es einfach Kunst sein.

 

Der Künstler selbst liefert dazu abenteuerlich-provokative Erklärungen. Zum Beispiel, warum er Colaflaschen malt. Er bemüht sogar soziale Hintergründe wie diese hier: «Coca-Cola ist das Abbild der Demokratie. Jeder kann sich eine Cola leisten, und ob reich oder arm, alle zahlen gleich viel dafür».

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Blowjob.

 

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Haircut.

 

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Empire State Building.

 

1964-1977: Filme, die provozieren.

Warhol kauft sich eine Kamera und dreht damit Stummfilme. Sein erster heisst «Sleep». Er zeigt seinen Freund John Giorno schlafend – sechs Stunden lang. In «Blowjob» filmt er einen jungen Mann, von dem man zwar nur das Gesicht sieht – aber eine Provokation ist der Streifen allemal. Warhols Filme zeigen auch Männer, die sich küssen oder sich die Haare schneiden. Oder einen Hamburger essen.

 

Egal wie nichtssagend oder wie provokativ, seine Werke erreichen Kultstatus. Der acht (!) Stunden dauernde Film «Empire State Building» zeigt in einer einzigen Einstellung nur das Gebäude. Mal geht in einem Fenster das Licht an, mal fliegt ein Flugzeug vorbei. Mehr nicht. Der Film wird 2004 ins «National Film Registry» aufgenommen, als «besonders wertvoller US-Film». Zwischen 1963 und 1977 dreht Warhol rund 150 Filme.

 

>Andy Warhol Filmography (Wikipedia).

 

 

1968: Der Mordanschlag der Valerie Solanas.

Sie ist eine Männerhasserin und Verfasserin des Manifestes S.C.U.M. (Society for Cutting Up Men). Sie zeigt Warhol das Manuskript und bittet ihn, es zu produzieren. Er weigert sich. Aus Ärger darüber kauft sich Solanas einen 32er Colt und marschiert am 3. Juni 1968 zu Warhols New Yorker Studio, in seine «Factory». Sie schiesst dreimal auf ihn. Die ersten zwei Schüsse gehen daneben, der dritte verletzt ihn schwer an Lunge, Milz, Magen, Leber. Warhol wird sofort ins Spital gebracht, wo man ihn für tot erklärt. Einer der Doktoren gibt aber nicht auf und reanimiert ihn. Warhol überlebt. Ganz erholt er sich aber von diesem Attentat nie. Er muss zeitlebens ein Stützkorsett tragen. Die Attentäterin kommt zuerst in eine psychiatrische Behandlung und anschliessend für drei Jahre ins Gefängnis.

 

>S.C.U.M.-Manifest von Valerie Solanas (als PDF)

 

 

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Mao Zedong, 1972. Tate Modern, London.

 

 

1972: Mao Zedung als Pop-Star?

Warum nicht wiederholen, was schon mal mit Marilyn funktioniert hat? Die Idee zu einer Mao-Serie soll Warhol vom Zürcher Galeristen Bruno Bischofberger bekommen haben. Und wieder fertigt Warhol eine Reihe bunt variierter Portraits. Sie werden 1972 im Basler Kunsthaus gezeigt, dann 1974 in Paris. Und 2011 wird mit Mao-Portraits der Hamburger Bahnhof geschmückt.

 

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Time Capsules, 1974. Whitney Museum of American Art,
New York.

1974: Time Capsules.

Keine schlechte Idee, um unsterblich zu werden. Der inzwischen weltberühmte Künstler füllt monatlich einen Karton mit persönlichem Krimskrams: Briefe, Quittungen, Notizen, Bücher, Kleider, Schuhe, Platten, Fotos, Geschenke. Und stapelt die Kartons. Irgendwann sollen sie dann als «TimeCapsules» geöffnet werden.

 

Hunderte Kartons warten darauf, inventarisiert zu werden. 2003 zeigte das Frankfurter Museum für Moderne Kunst dem Publikum erstmals fünfzehn solcher TimeCapsules. Zum Vorschein kamen eine aufblasbare Geburtstagstorte von Yoko Ono, ein Samtkleid von Jean Harlow, Schuhe von Clark Gable...

 

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1985: Fotobuch «America».

Eines seiner letzten grösseren Aktivitäten ist die Herausgabe eines Fotobandes über Amerika. Darin zeigt Warhol Aufnahmen, die typisch für sein Land sein sollen.

 

An der Buchpräsentation wird er gefragt: «Nach welchen Kritieren haben Sie die Fotos ausgesucht?». Warhol wäre nicht Warhol, wenn er anders geantwortet hätte: «Ich habe die guten Fotos aussortiert und die schlechten genommen».

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Fotos / Diashow

 

   
   

 

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