Kunst über Mittag
2015/2016


So heisst der Kurs, der von der Migros Klubschule angeboten wird. Eine interessante Formel! Einmal pro Woche trifft man sich über Mittag zwischen zwölf und ein Uhr im Kunsthaus Zürich, und wechselnde Referenten erläutern den Teilnehmern die Finessen eines einzelnen Werkes.

 

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Der Kurs findet zweimal jährlich während 12 Wochen statt, März bis Juni und Sepember bis Dezember.

Hier das «Protokoll» der besprochenen Werke in Kurzform.

 

 

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6. Dezember 2016, Referentin Claire Geyer

Franz Marc (1880-1916).
Bergziegen, 1913.


Bei Franz Marc denkt man sofort an den >Blauen Reiter. Diese Münchner Künstlergruppe, deren Mitbegründer er 1911 war, spielte für den deutschen Expressionismus eine wichtige Rolle. Am Anfang seiner Künstlerkarriere malte Marc in naturalistischem Stil. In seinen Pariser Jahren ab 1907 liess er sich von Van Gogh und Gauguin beeinflussen. Auch der Kubismus kommt in seinen Werken vor, er entfernte sich aber nie ganz von der gegenständlichen Malerei. Tiere – sein Markenzeichen – stehen bei Marc für Unschuld und Reinheit, weil sie im Einklang mit der Natur sind. Mit seinen abstrakten Tiergemälden leistete er einen wichtigen Beitrag zur Akzeptanz der abstrakten Malerei, weil in jener Phase (1910-1915) viele seiner Werke bereits in Schulbüchern gezeigt wurden.

 

Im Bild «Bergziegen» von 1913 kommen kubistische Elemente vor (beim Berg im Vordergrund und bei der Darstellung des Blitzgewitters), aber auch Einflüsse eines Delaunay bei den Himmelsstrahlen. Franz Marc wurde schon zu Beginn des ersten Weltkrieges 1914 eingezogen. Auch im Feld zeichnete er weiter. Eine Reihe Skizzen von 1915 sind erhalten geblieben. Seine Bleistiftzeichnungen zeigen, dass er in vielen Stilen zuhause war: naturalistisch, expressionistisch, kubistisch. Experten sind der Meinung, dass Marc – wäre er nicht 1916 im Krieg umgekommen – in seinen weiteren Werken mehr die Abstraktion gepflegt hätte. Aber das ist natürlich rein hypothetisch. >mehr über Franz Marc.

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29. November 2016, Referentin Gabriele Lutz

Paul Gauguin (1848-1903).
Le bol blanc, 1886.


Ist das ein Gauguin? Bei ihm denkt man doch zuerst an seine Gemälde aus der Südsee, die in einem komplett anderen Stil gemalt sind (in leuchtenden Farben, weg vom Realismus, hin zum Synthetismus und Symbolismus). Stillleben sind bei ihm ganz selten. Bevor er Künstler wurde, war er Börsenmakler. Erst 1882 entschied er sich, Maler zu werden, da war er schon 34-jährig. «Le bol blanc» stammt aus einer frühen Epoche. 1886 war die Zeit, als der Impressionismus langsam zu Ende ging. Dieses Bild mit der weissen Schale und den Pfingstrosen vor einem Spiegel baute er mit feinen Strichen auf – in einer Art des Divisionismus. Zu diesem gehört auch der Pointillismus, bei dem aber die Farbe nicht in Strichen, sondern in Punkten aufgetragen wird.

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22. November 2016, Referent Reto Bonifazi

Claude Monet (1840-1926).
Chaumière normande, 1885.


«Heute behandeln wir den Impressionismus», sagt Reto Bonifazi. Und alle denken: Klar, Monet, was sonst. Aber dann erteilt er uns eine Lektion, die die meisten so schnell nicht vergessen werden. Sie lautet: Monet ist nicht gleich Impressionismus. An zwei Bildern erläutert. Das obere, die «Chaumière normande» weist alle Merkmale des Impressionismus auf: Grobe Pinselstriche, schnell gesetzt, weil beim Malen im Freien die momentane Stimmung rasch eingefangen werden muss, keine Zeit für feine Details! Aus der Nähe betrachtet, sieht es wie ein «Geschmiere» aus, aber aus der Distanz betrachtet kommt die ganze Stimmung zur Geltung – die hohe Kunst des Impressionismus.

 

Und was ist mit dem zweiten Bild? «La meule au soleil», 1891. Bei diesem Getreideschober sind die Details fein herausgearbeitet, jeder Farbton, jede Schattierung. In feinen Pinselstrichen, ganz sorgfältig. Was dafür spricht, dass das Bild nicht husch-husch im Freien gemalt, sondern aufwändig im Atelier verabeitet wurde. Also kein Impressionismus... Aha.

 

>mehr über Claude Monet

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15. November 2016, Referentin Susanne Huber

Henri Matisse (1869-1954).
Barbizon, 1908.


Barbizon ist ein Dörfchen südlich von Paris in der Nähe von Fontainebleau. In Künstlerkreisen wurde es bekannt für seine «Ecole de Barbizon» und eine gleichnamige Gruppe von Landschaftsmalern. Die Künstlergruppe wurde von Théodore Rousseau um 1830 gegründet und bestand bis etwa 1870. Ihr Ziel war die Hinwendung zur realistischen Naturdarstellung (im Gegensatz zum vorher herrschenden Stil der klassisch-idealistischen Landschaftskomposition).

 

Ob Henri Matisse sein Bild «Barbizon» auch im Wald von Fontainebleau gemalt hat, ist nicht bekannt. Es entspricht indessen absolut nicht dem Stil der Barbizongruppe, sondern entfernt sich von jeglicher natürlicher Wiedergabe. Matisse, der der Gruppe der >Fauves angehörte, zeigt hier seine (Wald)Landschaft in leuchtenden Farben und ohne jede Lichtstimmung aus der Natur – die Farben selbst sollen die «Stimmung» bringen. Matisse bezeichnet diesen Stil als «Condensation des sensations». Das untere Bild, auch von Henri Matisse, ist etwas älter und gehört zum Neo-Impressionismus. Es ist aufgelöst in Punkte (=Pointillage). Es heisst «Nature morte» und stammt aus dem Jahr 1899.
>mehr über Henri Matisse

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8. November 2016, Referentin Maya Karacsony

Antoine Bourdelle (1861-1929).
Beethoven-Büste, 1902.


Bourdelle arbeitete ab 1893 als Bildhauer mit >Auguste Rodin zusammen und hatte später sein eigenes Atelier in Paris. Sein Haus samt Garten und Studio existieren noch, dort ist heute das «Musée Antoine Bourdelle» untergebracht (18, rue Antoine Bourdelle, Paris). Von 1909 bis zu seinem Tod 1929 unterrichtete er an der «Académie de la Grande Chaumière» in Paris. Zu seinen Schülern gehörten auch Henri Matisse und Alberto Giacometti. Zudem ist Bourdelle Gründer des «Salon des Tuileries».

 

Bourdelle muss ein grosser Beethoven-Bewunderer gewesen sein. Die ersten Skulpturen des grossen Komponisten fertigte er bereits 1888. Die vorgestellte Büste aus dem Jahr 1902 zeigt einen etwas mürrischen Beethoven mit (bewusst?) schwach ausgearbeiteten Konturen, – mächtig und pathetisch wie dessen Musik. Von dieser Bronzebüste gibt es mehrere Abgüsse. Die hier im Kunsthaus Zürich ausgestellte trägt die Nummer 5. Sie stammt aus der Sammlung des Bankierpaars Werner und Nelly Bär. Der Text auf dem Sockel der Büste sind Worte von Ludwig van Beethoven selbst.

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1. November 2016, Referentin Andrea Sterczer

Eugène Delacroix (1798-1863).
Ein Inder bewaffnet mit Gurkha-Dolch, 1830.


Links im Bild ist ein Dickicht von Bäumen. Andrea Sterczer sieht darin einen Schutzwall. Im Hintergrund sind Zelte zu sehen, Soldaten auf einem Pferd. Der Mann im Gemälde ist speziell auffällig gekleidet, wie ein Inder halt, aber auch etwas orientalisch. Der Mann nimmt eine dynamische Stellung ein mit seinem Dolch. Delacroix war nie in Indien, hat aber eine Geschichte aufgegriffen mit diesem Inder, wollte etwas Neues bringen. Ein Theaterstück vielleicht, eine Parodie.

 

Eugène Delacroix absolvierte sein Studium an der Ecole des Beaux Arts, Paris (1857 wurde er Mitglied dieser Schule). Er war ein Maler der Romantik, der zurückgezogen lebte. Er teilte seine Wohnung mit seiner Schwester; verheiratet war er nie. Freunde von ihm waren Frédéric Chopin und George Sand. Delacroix wurde in Paris geboren, wo er auch starb. Seine Kindheit verbrachte er in Bordeaux. Ein Gerücht besagt, dass sein «Vater» (Aussenminister der Revolutionsregierung) zeugungsunfähig war. Man mutmasste, auch der Physiognomie wegen, dass sein richtiger Vater eine der grossen Figuren der französischen Revolution, Charles Maurice de Talleyrand, war. >mehr über Eugène Delacroix.

(Text Marianne Keller-Weber, artfritz-Korrespondentin).

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25. Oktober 2016, Referentin Susanne Huber

Vincent van Gogh (1853-1890).
Cabanes blanches aux Saintes-Maries, 1888.


Das Bild zeigt typische Hütten von Viehhirten der Camargue im Süden Frankreichs. Da Saintes-Maries nahe am Meer liegt, könnten es auch Fischerhütten sein. Sie bestehen aus Schilfrohr und werden teilweise mit Kalkmörtel verputzt, vor allem oben beim Kamin. Die hintere Hütte – ganz in weiss verputzt – könnte eine künstlerische Freiheit sein. Van Gogh hat die Hütten zuerst vor Ort gezeichnet, mit einer Rohrfeder, die relativ dicke Striche produziert. Das Bild selbst hat er dann im Atelier gemalt. Auffallend ist die Anwendung der Komplementärfarben Blau/Orange (Himmel und Vordergrund) und Rot/Grün (Haustüre/Gras), was einen speziellen Kontrast ergibt. Mit diesen satten Farben hat er vermutlich auch den «Fauves» wie Matisse, Derain, de Vlaminck (die ein paar Jahrzehnte nach ihm wirkten) wichtige Impulse vermittelt.
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mehr über Vincent Van Gogh

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18. Oktober 2016, Referentin Stefanie Faccani-Baumann

Mark Rothko (1903-1970).
Untitled (White, Blacks, Grays on Maroon), 1963.


Natürlich ist es nicht einfach ein schwarzes Bild. Es besteht aus verschiedenen Nuancen von Schwarz- und Grautönen, seine Umrandung besteht aus Ölfarbe, das Material des Innenlebens ist lasierend (=stark verdünnt), eine Struktur ist erkennbar, sie ist ohne Begrenzung, fliessend – aber letztlich bleibt es eben doch ein schwarzes Rechteck mit einem grauen «Guckloch» oben. Ab 1950 soll der Künstler sich geweigert haben, seine Werke zu kommentieren. Heisst: Der Betrachter soll sich selbst mit dem Bild auseinander setzen und seine eigenen Schlüsse ziehen. Wenn er durch diese dunkle Durchgangstüre tritt, soll er nach innen schauen, zu sich selbst, und seine eigenen Vorstellungen entwickeln.

 

Marcus Rothkowitz wurde im damals noch russischen Lettland geboren und wanderte mit seiner Familie 1913 in die USA aus, wo er sich einen Namen als abstrakter Expressionist machte. 1938 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft, ab 1940 nannte er sich Mark Rothko. 1945 hatte er seine Einzelausstellung in Peggy Guggenheims Galerie «Art of This Century». Von 1955 an konnte er von seiner Kunst leben, heute sind seine Werke Millionen wert. 2012 erzielte sein Bild «Orange, Red, Yellow» bei Christie's einen Erlös von 86.9 Mio Dollar.

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11. Oktober 2016, Referentin Stefanie Faccani-Baumann

Angelica Kauffmann (1741-1807).
Bildnis Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), 1764.


Winckelmann? Kein Geringerer als der Begründer der wissenschaftlichen Kunstgeschichte! Er begann sein Studium als Theologe in Halle, studierte dann Medizin an der Universität Jena, daneben betrieb er philosophische und historische Studien. In Rom fand er als erster heraus, dass viele römische Skulpturen Kopien von griechischen Werken waren. 1763 wurde er von Papst Clemens XIII zum Aufseher der Altertümer im Vatikan ernannt. Hier verfasste Winckelmann die «Geschichte der Kunst des Altertums», die heute als Grundlagenwerk der Kunsttheorie gilt.

 

Angelica Kauffmann wurde als Tochter des Porträtmalers Joseph Johann Kauffmann in Chur geboren. Sie galt als zeichnerisches Wunderkind. In einer Zeit, als Mädchen noch keine Schulbildung bekamen, wurde sie von ihrem Vater unterrichtet. Von ihrer Mutter lernte sie Deutsch, Italienisch, Englisch und Französisch. In ihrer Karriere als Malerin arbeitete sie in Deutschland, Italien und England. Ihren Durchbruch erzielte sie 1764 mit dem Werk «Bildnis des Johann Joachim Winckelmann». 1768 wurde sie von König George III als eines der 34 Gründungsmitglieder der Royal Academy gewählt. In London stellte sie ihre Bilder immer wieder in den Räumlichkeiten der Academy aus.

 

Bild: Angelica Kauffmann (1741-1807). Amor und Psyche, 1792.

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4. Oktober 2016, Referentin Maya Karacsony

Joseph Beuys (1921-1986).
Installation Olivestone, 1984.


Fünfzig Millionen Jahre alt ist der Stein, aus dem diese Wannen gemacht sind. Sie dienten im 18. Jahrhundert im Palazzo Durini in der Toscana als Olivenöl-Behälter. Joseph Beuys, der weltberühmte Bildhauer und Aktionskünstler, sah in ihnen die Basis für ein Kunstwerk. Stein und Olivenöl. Was entsteht, wenn man die beiden Materialien zusammenführt? Wird das Öl den Stein irgendwann mal erweichen? Beuys gibt keine Erklärungen dazu ab, er lässt die Frage Frage sein, Interpretationen sind dem Betrachter überlassen.

 

Beuys verpasste den fünf 300 Jahre alten Wannen einen Deckel, den er aus dem gleichen Stein fertigte. Die Wannen sind nicht mit Öl gefüllt, aber der Deckel wird ständig mit Öl beträufelt – Aufgabe des technischen Dienstes des Museums, um das Kunstwerk am Leben zu erhalten. Die Installation ist ein Geschenk der Baronessa Lucrezia de Domizio Durini, und das Kunsthaus hat ihm einen eigenen Raum gewidmet.

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27. September 2016, Referentin Andrea Sterczer.

Johann Heinrich Füssli (1741-1825).
Füssli und Bodmer vor der Büste Homers, 1778/80.


Füssli wuchs in Zürich auf. Sein Vater (Johann Caspar) war selbst Maler und unterrichtete seinen Sohn, er wollte aber, dass dieser Theologie studierte. Durch seinen Lehrer Johann Jakob Bodmer erhielt er Zugang zu den Werken von Homer, Dante, Shakespeare und Milton. 1761 wurde Füssli evangelischer Pfarrer in Zürich. Seine Mitarbeit an einem Pamphlet gegen den Landvogt von Grüningen, Felix Grebel, wurde ihm aber zum Verhängnis. Er musste Zürich verlassen und zog nach England. Dort war er zunächst als Übersetzer für verschiedene Verlage tätig, fand aber zur Malerei zurück, machte sich in London als Henry Fuseli einen Namen und wurde 1788 in die Royal Academy aufgenommen. Bis zu seinem Tod 1825 kehrte er nie mehr in die Schweiz zurück. Er ist in der St. Paul's Cathedral in London beerdigt.

 

Das Gemälde ist ein Selbstbildnis. Es zeigt den jungen Füssli modisch gekleidet und in dandyhafter Denkerpose. Er schaut seinen Lehrer Johann Jakob Bodmer weder an noch hört er ihm wirklich zu, sondern geht seinen eigenen Gedanken nach. >mehr über Füssli.

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7. Juni 2016, Referent Reto Bonifazi.

Edvard Munch (1863-1944).
Bildnis Dr. Wilhelm Wartmann, 1923.


Wilhelm Wartmann war der erste Konservator des Kunsthauses Zürich (Direktor bis 1949, gestorben 1970). Am Anfang konzentrierte er sich auf Schweizer Kunst, zeigte sich dann aber auch internationalen Künstlern gegenüber offen und organisierte 1922 seine erste Munch-Ausstellung. Dem persönlichen Kontakt zu Munch verdankt das Kunsthaus dieses Bild.

 

Edvard Munch war lange Zeit als Porträtist wenig geschätzt. Das Bild von Wilhelm Wartmann zeigt auf, warum das so war: Munchs Mischung von Naturalismus und Expressionismus passten vielen Kritikern nicht. Während der Kopf detailliert herausgearbeitet ist, sieht die Hand auf der Tischkante wie ein Klumpen Fleisch aus. Offenbar war Munch die Hand einfach nicht wichtig genug, so wenig wie der Teppich zu Füssen des Porträtierten. Was aber in diesem Gemälde besonders gut zur Geltung kommt, ist der meisterhafte Umgang mit der Farbe. Vor allem im Anzug ist zu erkennen, mit wie vielen Schattierungen und Tönen Munch arbeitet, um den Effekt des glänzend-schimmernden Stoffes zu erzielen. Und mit wie wenigen Pinselstrichen er den Glanz der schwarzen Schuhe erreicht, zeigt seine Genialität.

 

>mehr über Munch

 

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31. Mai 2016, Referentin Stefanie Faccani-Baumann.

Alexander Trippel (1744-1793).

Agrippina mit der Asche des Germanicus, 1786.


Alexander Trippel wurde in Schaffhausen geboren. Mit seiner Familie zog er nach London, wo er eine Instrumentenbaulehre begann, was ihm aber keine Freude machte. Mit 15 zog er nach Kopenhagen und besuchte dort die Königlich Dänische Kunstakademie. 1776 reiste er nach Rom, wo er sich eine Bildhauerwerkstatt aufbaute, die grosses Ansehen genoss. Er zählt zu den besten Bildhauern seiner Zeit und wurde als Ehrenmitglied in die Preussische Akademie der Künste aufgenommen. Seine Wirkungsstätte blieb aber Rom, wo er bis zu seinem Tod 1793 lebte und arbeitete.

 

Die Skulptur «Agrippina mit der Asche des Germanicus» ist aus Terrakotta gefertigt, ohne jede Bemalung, ganz im Sinne des Klassizismus. Sie zeichnet sich durch feinste Verarbeitung aus. Agrippina war die Frau des römischen Feldherrn Germanicus (15 v.Chr. - 19 n.Chr), der angeblich vergiftet wurde. Das grössere Kind an der Seite der trauernden Agrippina ist Calligula, der später römischer Kaiser wurde (37-41 n.Chr.).

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24. Mai 2016, Referent Reto Bonifazi.

Edvard Munch (1863-1944).
Musik auf der Karl Johan Strasse, 1889.

 

Das Kunsthaus Zürich hat zwar eine ziemlich grosse Munch-Sammlung (elf Werke), aber keine Werke aus seinem berühmten Lebenszyklus um Angst, Verzweiflung, Krankheit und Tod. Und schon gar keinen «Schrei». Die Schreie hängen in Oslo oder sind in Privatbesitz in New York. Das besprochene Bild zeigt aber, was für ein grossartiger Künstler Munch war. Reto Bonifazi weist auf die Virtuosität hin, mit der Munch mittels ein paar Pinselstrichen Stimmung schafft (zum Beispiel in der Wasserlache auf der Strasse oder beim Gesicht des Mannes mit dem Zylinder). Beim Gesamteindruck des Bildes glaubt man die Lebensgrundhaltung des Künstlers zu erkennen, der zeitlebens abgekehrt, einsam und isoliert war: Da spielt eine Musikkapelle auf der Strasse – und statt dass sich die Leute ihr freudig zuwenden, kehren sie ihr den Rücken zu, – seltsam. Der Mann mit dem Zylinder könnte Munchs Vater sein, und der Mann vor dem roten Schirm der Künstler selbst (Vermutung). Dafür spricht, dass er sich – einmal mehr – von den andern abschirmt.

>mehr über Munch

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marini

10. Mai 2016, Referentin Maya Karacsony.

Marino Marini (1901-1980). Ersilia, 1931/1949.

 

Der italienische Bildhauer ist vor allem für seine Skulpturen «Ross und Reiter» bekannt. Im Kunsthaus Zürich stellte er 1962 vierzig seiner Werke vor. Die hier besprochene Holzskulptur in Lebensgrösse heisst Ersilia – und Ersilia hiess auch sein Dienstmädchen. Die Figur, die er 1931 schuf, stellte tatsächlich seine Magd dar. In dieser ersten Version war sie aber wesentlich naturalistischer verarbeitet, als sie sich hier zeigt. 1949 überarbeite er sie dann und reduzierte sie stark. Der Kopf ist jetzt abgerundet und bekommt dadurch eine fast göttliche Ausstrahlung. Pharaoähnlich. Oder wollte der Künstler Pomona, die römische Göttin darstellen? Viel spricht nicht dafür, denn die stattliche und ziemlich ausladende Figur einer hart arbeitenden Magd mit starken Oberarmen blieb erhalten. Sie hat die vermutlich einer kubistischen Regung des Künstlers geschuldete Überarbeitung gut überstanden. Magd bleibt Magd. Marini lebte von 1941-1946 im Tessin, ging aber nach dem Krieg wieder nach Mailand zurück. Er verstarb 1980 in Viareggio.

 

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3. Mai 2016, Referentin Susanne Huber.

Oskar Kokoschka (1886-1980). Bildnis Else Kupfer, 1911.

 

Der Niederösterreicher besuchte 1905 bis 1909 die Kunstgewerbeschule Wien. Mit dem damals vorherrschenden Jugendstil konnte er aber nichts anfangen und wandte sich schon früh dem Expressionismus zu. Gefördert wurde er dabei vom Architekten Adolf Loos, ein Verfechter der modernen Architektur, die funktionell und schnörkellos sein müsse («Ornament und Verbrechen» hiess sein berühmtester Vortrag). Loos liess seine Beziehungen spielen, um Kokoschka Aufträge für Porträts aus seinem Bekanntenkreis zu verschaffen.

 

Der Künstler stand auf dem Standpunkt, dass man nicht die Äusserlichkeit porträtieren sollte, sondern die «Summe des Lebewesens und den Zustand der Seele». Kokoschkas morbider Stil kam aber schlecht an im Publikum – und auch bei den Kunden. Das Bild zeigt die Schauspielerin Else Kupfer im Alter von 23 Jahren. Sie lehnte es zunächst ab und kam erst im Alter auf ihren Entscheid zurück. Mit über 60 liess sie Kokoschka wissen, dass er ihr Inneres und ihre Seele gut getroffen habe. Erst spät wurde Kokoschka geehrt: U.a. mit dem Grossen Österreichischen Staatspreis für Bildende Kunst (1955) und mit der Ehrendoktorwürde der Universität Salzburg (1976). Sogar ein Asteroid wurde nach ihm benannt.

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27. April 2016, Referent Daniel Naef.

Karl Stauffer-Bern (1857-1891). Bildnis Gottfried Keller, 1886.

 

Geboren in Trubschachen BE als Sohn eines Hilfspfarrers. Er studierte an der Akademie der bildenden Künste in München und wirkte in Berlin als Porträtmaler. 1888 ging er nach Rom, um die Bildhauerei zu erlernen. Dabei wurde er von Lydia Welti begleitet (die Tochter des Eisenbahnkönigs Alfred Escher und Schwiegertochter des Bundesrates Emil Welti). Welti intervenierte in Rom gegen diese Beziehung. Lydia kam in eine psychiatrische Institution, Karl Stauffer ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung beging er mit einer Überdosis Medikamente Selbstmord, ein Jahr später tötete sich Lydia Escher mit Gas. Das lieferte dem Dramatiker Herbert Meier Stoff für sein Theaterstück «Stauffer-Bern», das 1974 uraufgeführt wurde. Stauffers Porträts zeichnen sich durch exakt realistische Abbildungen aus und wirken wie eine Fotografie, was beim Bildnis Gottfried Keller sehr prägnant zum Ausdruck kommt.

kandinsky

 

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19. April 2016, Referentin Claire Geyer.

Wassily Kandinsky (1866-1944). Schwarzer Fleck, 1921.

 

Als Sohn einer begüterten Teehändlerfamilie geboren, studierte er in Moskau Recht und Nationalökonomie, lehnte aber 1896 eine Berufung an die Universität Dorpat (Estland) ab und entschied sich für die Malerei. Ab 1900 studierte er an der Kunstakademie München bei Franz von Stuck. 1901 war er Mitbegründer der Künstlergruppe «Phalanx». Dort begegnete er Gabriele Münter, die seine Lebensgefährtin wurde, obwohl er in Russland mit Anja verheiratet war. 1911 gründete er zusammen mit Franz Marc die Gruppe >Der blaue Reiter. Bei Kriegsbeginn 1914 musste er Deutschland verlassen, er floh in die Schweiz und von dort nach Moskau. Dort holte ihn die russische Revolution ein – die Einschränkungen der neuen Machthaber in Sachen Kunst waren für ihn unerträglich, zudem wurden seine Werke beschlagnahmt. In Weimar nahm er 1922 eine Lehrtätigkeit im «Bauhaus» auf, bei Walter Gropius, dann in Dessau, später in Berlin. 1928 wurde er deutscher Staatsbürger, doch 1933 schlossen die Nazionalsozialisten das Bauhaus, und Kandinsky zog nach Paris. 1937 wurden 57 seiner Werke von den Nazis beschlagnahmt und in einer Ausstellung «Entartete Kunst» gezeigt. Seine letzte Ausstellung fand in der Pariser Galerie l'Esquisse statt. Er starb 1944 in Neuilly-sur-Seine.

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12. April 2016, Referentin Andrea Sterczer.

Niklaus Manuel genannt Deutsch (1484-1530).

 

Der in Bern geborene Künstler war nicht nur Maler, sondern auch Dichter, Reisläufer (Teilnahme am Mailänderfeldzug 1516 und in der Lombardei, wo er 1522 verwundet wurde), Reformator und Staatsmann (Landvogt in Erlach, Echallens und Nidau). Das besprochene Bild heisst «Schlüsselübergabe an Petrus» und wurde 1516-1518 gemalt. Symbolisch: Der übergrosse Kopf Petri soll wie ein Stein wirken (Petrus=Stein), und über ihm schwebt eine Kirche, in der er gemäss Jesus' Auftrag dessen Grab anlegen soll. Der für seine religiösen Werke bekannte Künstler malte 1520 sein letztes Bild und setzte sich danach vehement für die Sache der Reformation ein, im Verlaufe derer ironischerweise viele religiöse Bilder aus den Kirchen verbannt und vernichtet wurden.

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5. April 2016, Referentin Maya Karacsony.

Henri Laurens (1885-1954), La Grande Musicienne, 1938.

 

Die Skulptur aus Bronze beeindruckt durch üppige weibliche Formen, gleichzeitig aber auch durch ihre Dynamik und Ausgewogenheit. Das angedeutete Musikinstrument ist eine Kithara. Henri Laurens stammt aus den Kubismuskreisen rund um Georges Braque, weshalb diese Skulptur wohl auch als «kubistisch» bezeichnet wird. Vom Aufbau her ist sie das allerdings nicht, eher schon fliessend-gerundet-voluminös. «La Grande Musicienne» wurde viermal gegossen, Kopien stehen auch in Rotterdam und in Paris, dort im >Jardin des Tuileries.

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29. März 2016, Referentin Claire Geyer.

Amédée Ozenfant (1886-1966), Begründer des Purismus.

 

Gesehen haben wir das Bild nicht – es wurde kurz vor dem Kurs im Kunsthaus Zürich «abgehängt», ...wohin auch immer. Ozenfant war zusammen mit Charles-Edouard Jeanneret (Le Corbusier) der Begründer des Purismus, der allerdings nur eine kurze Epoche hatte, etwa 1918 bis 1928. Diese neue Stilrichtung folgte auf den Kubismus. Ozenfant war kein Freund des Kubismus, er fand, dieser sei «zu ornamental». Mit dem Purismus wollte er bewirken, dass statt der Kuben die Gegenstände wieder eine erkennbare Form bekamen. Allerdings nicht realistisch-fotografisch und «rein von fremden Elementen». Die Puristen strebten einfache geometrische Formen an, die den «goldenen Schnitt» als ideale Proportion propagierten. In der Architektur sollten es funktionale Bauweisen sein – wie sie von Le Corbusier realisiert wurden.

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22. März 2016, Referentin Gabriele Lutz.

Thomas Struth, Fotograf (*1954), Kirche San Zaccaria, Venedig.

 

Grossvergrösserung auf Fotopapier (230x182cm). Analog aufgenommen, ohne digitale Bearbeitung. Das Bild stammt aus Struths Fotoserie «Kirchen». Das Bild könnte auch ein Schnappschuss sein, es ist aber ab Stativ gemacht, mit relativ langer Belichtung, sodass einzelne der Kirchenbesucher in Bewegungsunschärfe erfasst sind. Im Zentrum der Seitenaltar mit einem >Gemälde von Giovanni Bellini (1430-1516) aus dem Jahr 1505. Thomas Struth lebt in Berlin und New York. Er hat nicht nur eine Affinität zu Kirchen und Giovanni Bellini – bekannt geworden ist er vor allem durch seine Museums- und Städtefotografie.

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1. Dezember 2015, Referentin Gabriele Lutz.

Claude Lorrain (1604-182), Pastorale mit Konstantinsbogen.

 

Das Landschaftsbild im Gegenlicht trägt die Züge einer Fotografie: Der Vordergrund ist «unterbelichtet», weil der helle Abendhimmel strahlt. Aber eine «fotografische» Abbildung ist es definitiv nicht, denn weder der Konstantinsbogen noch das Colosseum gehören in diese Landschaft, sondern nach Rom. Zudem hat der Künstler den Konstantinsbogen deutlich überhöht. Das Christliche soll vor dem Heidnischen stehen.

 

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24. November 2015, Referentin Susanne Huber.

Cuno Amiet (1868-1961), Bretonischer Knabe.

 

Wohl eher ein Mädchen. Aber in einem Brief von Amiet an Giovanni Giacometti spricht er selbst von einem «Buben». Verwirrend sind auch Amiets Farben. Der Bub soll im Gras liegen, tatsächlich ist der Boden aber eine horizontal fliessende rosafarbige Fläche. Cuno Amiet ist ein Vertreter des Synthetismus. Der Ausdruck stammt vom französischen synthétiser: zusammenfügen.

 

Paul Gauguin (1848-1903), La barrière / Das Gittertor.

 

Das Tor, das irgendwie zum Leben erweckt worden ist. Gauguins «Spezialität» sind die Umrandungen der Gegenstände mit blauer Farbe. Dieser Stil heisst Cloisonismus. Seine Merkmale sind die fehlende Zentralperspektive, das flächenhafte Auftragen von gesättigten Farben und insbesondere die starke Konturierung.

 

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17. November 2015, Referent Daniel Näf.

Paul Cézanne (1839-1906), Montagne Sainte-Victoire.

 

Sein Lieblingssujet, von dem er etwa 80 Varianten gemalt hat. Typisch für Cézanne sind die groben, fast rechteckigen taches (Flecken), aus denen sich das Bild zusammensetzt. An manchen Stellen sind die taches sogar nackte Leinwand. Auf Details verzichtet Cézanne – das Bild soll als Ganzes wirken. Die zwingende Vorgabe früherer Epochen, feine Übergänge schaffen zu müssen, lässt er fallen.

 

Paul Signac (1863-1935), Rotterdam, die Maas.

 

Eine Art Weiterentwicklung von Cézannes taches sind die feinen Punkte von Paul Signac. Seine Technik nennt sich Pointillage, diese wurde fast gleichzeitig entwickelt mit Cézannes taches.

 

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20. Oktober 2015, Referentin Susanne Huber.

Ernst Barlach (1870-1938), Der Flüchtling.

 

Deutscher Bildhauer/Schriftsteller/Zeichner, und seine besondere Stärke ist die Holzplastik. Eines dieser Werke wurde kürzlich aus dem Keller des Kunsthauses geholt (weitere liegen noch dort...). Die Holzplastik sieht aus wie Bronze, sie ist aber aus Lindenholz. Sie stammt aus dem Jahre 1920 und stellt einen vom Schicksal gezeichneten Mann dar, der mit seiner ganzen Habe – eigentlich mit nichts – auf der Flucht ist.

 

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6. Oktober 2015, Referentin Maya Karacsony.

Alberto Giacometti (1901-1966), Stehende Frauenfigur auf Streitwagen.

 

Ob es sich tatsächlich um einen ägyptischen Streitwagen handelt? Es geht das Gerücht, dass Giacometti die Idee für dieses Werk auch bei einem Spitalaufenthalt gehabt haben könnte, als ihm ein altmodischer rollbarer Medizinaltisch aufgefallen sei. Wäre interessant zu wissen. Spannend ist auch, dass seine schlanken Figuren die Männer immer schreitend darstellen («L'homme qui marche»), während er die Frauen stehend zeigt.

 

Übrigens: Jeder hat einen Giacometti in der Tasche. Seine schreitenden Männer sind auf der >100-Franken-Note verewigt, seit 1998.

 

 

 

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bellini

Giovanni Bellini (1430-1516), Altar in der San Zaccaria,

Venezia, 1505. «Die heilige Konversation» mit Petrus

(links aussen) und Katharina von Alexandria zwischen

Petrus und der heiligen Maria mit Kind.

 

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