Ausstellung «Wenn du geredet hättest» im

Atelier Hermann Haller, Zürich, 19.6. - 18.10.2020

 

Hermann Haller (1880-1950)
Wenn du geredet hättest.


Hallers Markenzeichen sind Skulpturen von nackten jungen Frauen – alle schön gebaut. Die Ausstellung in seinem Atelier stellt sich der Frage, wieso er so versessen war auf makellose Körper. Ihn selbst zu befragen geht nicht mehr – er ist seit achtzig Jahren tot. Also konfrontiert man in dieser Ausstellung fünf Künstlerinnen mit dem Thema. Antworten können auch sie keine liefern, aber sie treten – jede auf ihre Art – in einen Dialog mit dem Künstler.

 

 

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Ausstellungsplakat.

 

 

Die von Irene Grillo kuratierte Ausstellung soll «das vom Künstler angestrebte Menschenbild hinterfragen». Davon ist wenig zu spüren. Vielleicht ist es auch nur ein Aufruf an die Besucherinnen, das zu tun. Von seiten der ausstellenden Künstlerinnen kommt jedenfalls nicht viel Kritik. Diese zeigen vielmehr ihre eigenen Kunstwerke und lassen Hermann Hallers schöne Mädchen daneben gut leben. Man muss ja auch nicht alles hinterfragen. Hallers Skulpturen darf man auch so einfach geniessen – sie sind eine Freude fürs Auge.

 

 

 

 

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Hermann Hallers Atelier, Zürich-Seefeld.

 

 

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Hermann Haller, «Die Ägypterin», 1935.

 

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)
Hermann Haller, Flora, 1908, und Gemälde
von Athene Galiciadis: Stillleben «Drei
Bananen und zwei Gefässe», 2020.

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Lisa
Biedlingmaiers Energieknoten mit einer Skulptur von Hermann Haller.

Lisa Biedlingmaier (*1975).

Sie fragt sich, warum der Künstler in seinen Skulpturen nur schöne junge Frauen verarbeitet und nie körperliches oder seelisches Kranksein thematisiert. Sie selbst setzt sich mit alternativen Heilpraktiken auseinander, bei der auch textile Energieknoten zur Anwendung gelangen. Zu ihren Werken gehören geknüpfte Makramees. Sie nennt diese auch «Verspannungsskulpturen».

 

Und wo könnte die Verbindung ihrer Verknotungen zu Hallers Frauenskulpturen liegen? Der begleitende Text deutet eine Möglichkeit an: in den erotischen Praktiken der Bondage. Schade nur, dass sie das nicht künstlerisch umgesetzt hat – Frauenfiguren gäbe es in Hermann Hallers Atelier mehr als genug.

 

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Ihr Werkzeug ist der Lautsprecher. Skulptur von Hermann Haller.

Renata Burckhardt (*1973).

Sie brachte die Idee für den Titel der Ausstellung mit ein. Dieser ist von der Schriftstellerin Christine Brückner ausgeliehen: «Wenn du geredet hättest, Desdemona». Renata Burckhardt ist Dozentin für Kunstgeschichte. Sie schreibt auch Theaterstücke und inszeniert Audiobeiträge für Museen und Ausstellungen.

 

Für diese hier hat sie eine Audio-Hommage an die zahlreichen Frauen verfasst, die dem Künstler Modell standen und von ihm zu Skulpturen in Gips und Bronze verarbeitet wurden. Für die Ausstellung ist die (etwas laute) Lautsprecher-Darbietung kein Gewinn. Sie lenkt vom Werkebetrachten ab.

 

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Verschlungen, verdaut, ausgeschieden.

Pipilotti Rist (*1962).

Sinnliche Körperlichkeit ist ja aus dem Werk von Pipilotti Rist nicht wegzudenken. Für die Ausstellung präsentiert sie das Video «Mutaflor» aus dem Jahr 1996. Ein riesiger Frauenmund verschlingt Nahrung – ist damit vielleicht auch Kunst gemeint? Der Anblick der Verdauung wird der Betrachterin und dem Betrachter mit einer schwarzen Sequenz erspart, nicht aber dann die wenig appetitliche Ausscheidung.

 

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Loredana Sperini (*1970).

Die in Wattwil geborene Italienerin begann ihre küstlerische Tätigkeit mit textilen Materialien. Dann folgten Wachsmalereien und Kleinskulpturen aus Keramik, Beton, Bronze. Sie hat eine Affinität zu Füssen, Händen und Fingern. Diese formt sie aus allen möglichen Materialien und in allen nur denkbaren Farben.

 

Für die Haller-Ausstellung hat sie sich etwas Witziges einfallen lassen. Zu den Kleinskulpturen des Künstlers – lauter Frauenkörper – stellt sie ihr eigenes Werk: Einen weissen Keramik-Penis, der gleichzeitig erigiert und seltsam schlaff da 'steht'. Was sie wohl damit Hermann Haller sagen will? Man könnte sie eigentlich fragen!

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Athene Galiciadis (*1978).

Sie zeigt Gemälde und Skulpturen, die miteinander korrespondieren. Am Anfang stehen wohl die D3-Gebilde, die dann als Stillleben auf die Leinwand gebracht werden. Ein Bezug zu Hallers Skulpturen ist nicht erkennbar.

 

Für diese Ausstellung hat die Künstlerin ihre Arbeit «The deconstruction of myself» geschaffen. Drei birnenförmige Skulpturen werden auf einer Helix aus Holz präsentiert. Bei der Betrachtung fällt der Blick immer wieder auf Hallers Frauenfiguren im Hintergrund.

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Werke der Künstlerinnen

 

Das Atelier von Hermann Haller

 

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Mädchen mit erhobenen Armen, 1939.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Das Mädchen mit den erhobenen Armen.

Es steht im Zentrum des Ateliers und dominiert den Raum. Es ist das Original in Gips – die Bronze dazu trohnt auf einem hohen Sockel auf der Saffa-Insel am Mythenquai am Zürichsee.

 

Eindrücklich ist die Sammlung der Kleinskulpturen, die zu hunderten im Dachstock lagern. Die grösseren Mädchenskulpturen (und ein paar wenige Männerskulpturen) werden wechselnd im Atelier gezeigt, viele lagern im städtischen Depot. Ein wiederkehrender Besuch des Ateliers lohnt sich also.

 

Die Pläne für das Atelier hat Haller 1932 selbst entworfen. Es ist einer der letzten Zeugen der Bauhaus-Holz-Architektur Europas.

 

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Werke im Atelier, Stand 2020

 

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