Max Beckmann (1884-1950).


An der Schwelle zum 20. Jahrhundert wollen alle
«neue Kunst» machen – auch Beckmann. Aber was soll es denn werden? Abstraktes und Gegenstandsloses lehnt er ab. Schliesslich findet er seinen eigenen Stil, der zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit angesiedelt werden kann.

 

Wenn man via seine Werke auf seinen Charakter schliessen darf, dann war er nicht der fröhlich-heitere Typ. Schon von Haus aus nicht. Als er dann auch noch mit den Gräueln des Krieges konfrontiert wird, verdüstert sich seine Stimmung dramatisch.

 

 

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Max Beckmann. Selbstbildnis
mit rotem Schal, 1917.

Staatsgalerie Stuttgart.

 

 

Max Beckmann kommt 1884 in Leipzig zur Welt – sein Vater ist von Beruf Müller. Die Familie zieht nach Braunschweig um. Mit 16 beginnt Beckmann an der Grossherzoglichen Kunstschule von Weimar mit dem Studium als Maler.

 

Es folgen Aufenthalte in Paris, Genf und Florenz. 1907 lässt er sich in Berlin nieder, wo er Mitglied der Berliner Secession wird.

 

Im Ersten Weltkrieg meldet er sich zur Sanität – als Freiwilliger. Eine schlechte Entscheidung. Seine Erfahrungen im Lazarett sind so furchtbar, dass er einen Nervenzusammenbruch erleidet und aus dem Dienst entlassen werden muss. Seine Kriegserlebnisse hinterlassen Spuren in der Kunst, die Werke werden schwerer, sie bilden Zweifel an der Gesellschaft ab. Vom Impressionismus löst er sich und entwickelt seinen eigenen Stil – mit kräftigen Farben und starken Konturen.

 

1925 heiratet er Mathilde Kaulbach, die Tochter des deutschen Malers Friedrich August von Kaulbach. Er nennt sie liebevoll «Quappi» und malt sie in der Folge hundertfach. Im gleichen Jahr übernimmt er in Frankfurt die Meisterklasse der Kunstgewerbeschule Städel.

 

1929 wird er in Frankfurt zum Professor ernannt. An der Biennale von Venedig 1930 ist er mit mehreren Werken vertreten. Er steht auf dem Höhepunkt seiner Künstlerkarriere.

 

Aber dann kommen 1933 die Nazis an die Macht. Seine Bilder werden beschlagnahmt und als «entartet» diffamiert. 1937 verlässt er Deutschland und zieht mit seiner Quappi nach Amsterdam.

 

Erst nach dem Krieg erhalten Max und Mathilde Beckmann ein Visum für die USA. Ab Herbst 1947 lehrt er an der Universität von St. Louis; 1949 übernimmt er eine Professur für Malen und Zeichnen an der Kunstschule des Brooklyn Museums in New York.

 

Er kehrt nie mehr in seine Heimat zurück. Am

27. Dezember 1950 stirbt er mitten auf der Strasse in Manhattan an einem Herzinfarkt. Er wird 66 Jahre alt.

 

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)
Max Beckmann (1884-1950).

Traum von Monte Carlo, 1939-43.

Staatsgalerie Stuttgart.

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Grosse Sterbeszene,
1906. Pinakothek der Moderne, München.

1906: Die grosse Sterbeszene.

Den Tod seiner Mutter verarbeitet er ganz im Stil der Berliner Secession, die sich dem deutschen Impressionismus verschrieben hat. Dieser Künstlergruppe tritt er 1907 bei.

 

>mehr über die Berliner Secession

 

1906 malt Beckmann noch eine «kleine Sterbeszene», ebenfalls impressionistisch. Doch dann löst er sich schon bald von den schnellen Pinselstrichen des Impressionismus.

 

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Auferstehung, 1916. Staats-
galerie Stuttgart.

 

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Detail.

 

1916: Die (andere) Auferstehung.

Die Erlebnisse im Ersten Weltkrieg bereiten ihm psychische Probleme. Als Sanitäter erlebt er das Grauen in den Lazaretten. 1915 erleidet er einen Nervenzusammenbruch und wird aus dem Kriegsdienst entlassen. Danach malt er dieses monumentale Werk von fast fünf Metern Breite. Er versteht es als «schaurigen Schmerzensschrei der armen getäuschten Menschheit».

 

Schon 1909 malte er eine «Auferstehung», aber damals im biblischen Sinne und mit himmlischem Happyend. Nun versetzt er den Schauplatz in eine zerbombte und verschüttete Trümmerstadt. Und zeigt keine selig Erlöste und Auferstandene mehr, sondern geschundene und verstümmelte Kreaturen, die aus den Bombenlöchern hervorkriechen und auf den Schutthalden einen apokalyptischen Totentanz aufführen.

 

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Der Ball, 1923. Pinakothek der Moderne, München.

 

1923: Der Ball der Goldenen Zwanziger.

Nach dem Krieg werden Beckmanns Bilder zwar expressiver und farbiger, aber nicht wirklich fröhlich. Viele sind gesellschaftskritisch und enthalten teils rätselhafte symbolische Andeutungen.

 

Auch «Der Ball» aus dem Jahr 1923 gibt Rätsel auf. Das Werk symbolisiert die «Goldenen Zwanziger» in Berlin. Die Menschen haben einen verheerenden Krieg überlebt und wollen jetzt ihr Glück feiern. Aber Beckmann bildet seine Tanzenden mürrisch und unzufrieden ab. Wieso? Nur der Künstler könnte das beantworten.

 

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Grosses Stillleben mit Fernrohr, 1927. Pinakothek der Moderne, München.

 

 

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Bildnis Quappi
in Blau, 1926.
(Mathilde Kaulbach, die Gattin des Künstlers). Pinakothek der Moderne, München.

 

1927: Zuerst der Reichs-Ehrenpreis...

In den 1920er-Jahren ist Beckmann auf dem Zenith seines künstlerischen Ruhms. 1924 erscheint die erste grosse Beckmann-Monographie. In Frankfurt übernimmt er 1925 an der Städelschule eine Meisterklasse. 1927 verleiht ihm die Stadt Düsseldorf den «Reichs-Ehrenpreis Deutscher Kunst» mit Goldener Medaille für das «Stillleben mit Fernrohr». 1928 bekommt er in der Kunsthalle Mannheim eine grosse Retrospektive.

 

1933: ...dann als «entartet» diffamiert.

Mit der Machtergreifung durch die Nazis wird die steile Karriere Beckmanns jäh unterbrochen. Man kündigt ihm die Lehrtätigkeit an der Städelschule. In der Berliner Nationalgalerie löst man den Beckmann-Saal auf. Eine Ausstellung in Erfurt wird abgesagt.

 

In der Ausstellung «Entartete Kunst» von 1937 in München stellt man ihn mit zwölf Gemälden an den Pranger. 190 seiner Werke haben die Nazis schon vorher in deutschen Museen beschlagnahmt. Einige werden gegen Devisen ins Ausland verkauft, andere zerstört.

 

Am Eröffnungstag der Ausstellung, es ist der 18. Juli 1937, hält Adolf Hitler eine scharfe Rede gegen die «entartete Kunst». Beckmann muss geahnt haben, was auf ihn zu kommt. Er hat deshalb einen Tag zuvor Deutschland verlassen und ist mit seiner Frau nach Holland gereist.

 

 

   

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Triptychon
«Versuchung des Heiligen Antonius»,
1936-37. Pinakothek
der Moderne, München.

 

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Panel Mitte.

 

 

1937: Versuchung des heiligen Antonius.

Dieses Triptychon stellt Beckman in seinem «Exil» in Amsterdam fertig. Es ist das zweite von insgesamt zehn Triptychen, die zwischen 1932 und 1950 entstehen, einige davon auch in den USA.

 

Eigentlich sollte hinter dem Titel die Geschichte des heiligen Antonius stehen, jenes Heiligen, der allen Versuchungen und irdischen Gelüsten widersteht. Er lebte um 300 n.Chr. und übte sich in Askese und Zurückgezogenheit. In Beckmanns Bild kommt Antonius gar nicht vor. Es fällt nicht leicht, die abgebildeten Personen und ihre Handlungen oder Aussagen zu deuten.

 

Der Künstler selbst hält eine Deutung seiner Bilder nicht für nötig. Vielmehr erwartet er eine allfällige Interpretation von den Betrachterinnen und Betrachtern – wenn überhaupt. Das Bild selbst sei «wichtiger als die darin erzählte Geschichte», ist sein Standpunkt.

 

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Frau mit Mandoline in Gelb und Rot, 1950. Pinakothek der Moderne, München.

1950: Frau mit Mandoline in Gelb und Rot.

Erotik kommt in vielen Werken Beckmanns vor. Oft sind seine Bilder aber ambivalent, wie zum Beispiel die «Frau mit der Mandoline».

 

Auf den ersten Blick erkennt man eine verführerisch da liegende Frau mit mit entblössten Brüsten, die sich dem Betrachter öffnet. Gleichzeitig dreht sie aber ihren Kopf in eine Abwehrhaltung. Solche positiv-negativen Signale kommen in Beckmanns Werken immer wieder vor. Dieses Gemälde entstand in seinem Todesjahr.

 

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Fotos / Diashow

 

   
   

 

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