Marino Marini (1901-1980).


Sein Markenzeichen sind Reiterskulpturen. Es beginnt alles damit, dass er ein Atelier in Monza betreibt – direkt neben einem Pferdehof. Das regt ihn zu Pferdestudien an. Zunächst sind es «normale» Abbildungen von Ross und Reiter, die die Harmonie zwischen Mensch und Tier zeigen.

 

Doch dann, unter dem Eindruck der Schrecken des Zweiten Weltkriegs, kommt es zu einem radikalen Wandel. Nun beginnen sich Marinis Pferde aufzubäumen und ihre Reiter abzuwerfen. Oder sie stürzen selbst und reissen den Menschen mit. Nach und nach werden die Figuren immer abstrakter.

 

Marino Marini kommt 1901 in Pistoia zur Welt. Im Alter von 16 Jahren beginnt er ein Studium an der Accademia di Belli Arti in Florenz. Nach einer Zwischenstation in Paris wird er 1929 an die Kunstschule Villa Reale in Monza (Nähe Mailand) berufen, wo er bis 1940 einen Lehrstuhl für Skulptur innehat.

 

1932 bekommt er in Mailand seine erste grosse Einzelausstellung, und an der Quadriennale 1935 in Rom spricht man ihm den ersten Preis für Plastik zu. Dann übernimmt er 1941 einen Lehrstuhl an der Accademia di Brera in Mailand, muss aber infolge des Krieges in die Schweiz flüchten, ins Tessin. Nach dem Krieg geht seine Lehrtätigkeit in Brera weiter.

 

1948 lernt er den amerikanischen Kunsthändler Curt Valentin kennen. Dieser bietet ihm die Chance zu einer grossen Einzelausstellung in New York. Das macht Marinis Werke weltweit bekannt.

 

1952 wird er auf der Biennale von Venedig mit dem ersten Preis für Skulptur ausgezeichnet; zwei Jahre später mit dem Grossen Preis der Accademia dei Lincei in Rom. Es folgen Retrospektiven im Zürcher Kunsthaus (1962) und im Palazzo Venezia in Rom (1966). 1968 wird er zum Mitglied des Ordens «Pour le mérite» für Wissenschaft und Kunst ernannt.

 

Noch zu seinen Lebzeiten, 1973, widmet man ihm in Florenz (s)ein Museum: das Museo Marini. Dieses zieht 1988 an einen prächtigen Ort um, in die alte und nicht mehr benutzte Kirche San Pancrazio. Sie wird komplett umgebaut und den Bedürfnissen eines Museums angepasst.

 

Marino Marini stirbt am 6. August 1980 im Alter
von 79 Jahren Viareggio. Er zählt heute zu den bedeutendsten Bildhauern des 20. Jahrhunderts.

 

 

portrait

Marino Marini, Selbstbildnis, 1942.

Museo Marino Marini, Florenz.

 

 

 

 

 

Titel (Ausschnitt)

Marino Marini (1901-1980).

Cavaliere, Bronzo, 1953.

Museo Marino Marini, Florenz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ersilia, 1931-
1949. Kunsthaus Zürich.

1931: Holzskulptur Ersilia.

Marini arbeitet vornehmlich mit Gips und Bronze, fertigt aber auch Holzskulpturen. Diese hier zeigt seine Magd Ersilia. Die Fassung 1931 ist wesentlich naturalistischer. Sie wird 1949 überarbeitet und kommt jetzt stark reduziert daher – und sieht fast wie ein Pharao aus. Aber es ist immer noch seine Magd Ersilia. Die Skulptur wurde 1962 in Zürich anlässlich einer Marini-Retrospektive gezeigt. Sie gehört heute zur Sammlung des Kunsthauses Zürich.

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1938: Gemälde in Tempera.

Er ist nicht ausschliesslich Bildhauer, sondern malt auch. In seinem Museum in Florenz sind zahlreiche Werke in Öl und Tempera zu sehen. Viele zeigen Szenen von Akrobaten und Tänzerinnen ...und natürlich Pferde. Dieses hier heisst «Gentiluomo a cavallo», gemalt in Tempera, 1938. Museo Marino Marini, Florenz.

 

 

pferd

Cavallo, 1942.

 

1942: Pferde – sein Lieblingsmotiv.

Seine Affinität zu Pferden entwickelt sich in Monza, weil dort sein Atelier direkt neben einem Pferdehof liegt. Marini erkennt zwei «architektische Formen»: das Pferd horizontal, der Mensch vertikal.

Seine ersten Pferdeabbildungen entstehen ab 1929. Sie zeigen sich noch in klassischer und mehrheitlich naturalistischer Form: Ross und Reiter in schöner Harmonie – noch weit weg von den Darstellungen in seinen späteren dynamischen Werken, für die der Küstler heute berühmt ist.

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Cavaliere, 1947.

 

1947: Wandel im Schrecken des Krieges.

Schluss mit der Harmonie Ross und Reiter. Nach den Gräueln des Krieges bäumen sich nun die Pferde auf, werfen ihre Reiter ab. Marini nennt diese Serie ab 1950 «Miracoli». Ist es eine Anspielung auf die Bekehrung des Apostels Paulus, der in Damaskus vom göttlichen Blitz geblendet vom Pferd stürzte? Der Künstler: «Meine Reiterstatuen drücken die Ängste aus, die mir die Ereignisse meines Zeitalters verursachen. Die Unruhe meiner Pferde wächst mit jedem neuen Werk...».

 

abwurf

Miracolo, 1952. Das Aufbäumen
des Pferdes.

 

1952: Hilf- und kraftlose Reiter.

Weiter in den Worten des Künstlers: «Die immer kraftloser werdenden Reiter haben die Herrschaft über die Tiere verloren, und die Katastrophen, denen sie erliegen, gleichen jenen, die Sodom und Pompeji vernichtet haben. Ich suche so das letzte Stadium in der Auflösung eines Mythos zu versinnbildlichen, des Mythos vom heldenhaften, siegreichen Individuum, vom Uomo di virtù des Humanisten». Marini drückt damit aber auch die Furcht vor einem Atomkrieg aus.

 

abstrakt

Composizione, 1955.

 

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Miracolo, 1970.
Berlin.

 

1955-1970: Immer abstrakter.

Die Werke des aufbäumenden Pferdes, das seinen Reiter abwerfen will, werden immer abstrakter.

 

Im Werk «Miracolo» von 1970 sind Pferd und Reiter kaum noch zu erkennen. Die Bronzeskulptur wird gleichzeitig in Berlin, Jerusalem und Tokio aufgestellt und soll auf diese Weise die drei Städte in einem schicksalhaften Dreieck verbinden. Allen drei Orten sind die Folgen eines schrecklichen Krieges gemeinsam – der Künstler sieht in seinem Werk einen ethischen Apell.

 

Das Geschenk an den Deutschen Bundestag in Berlin (von Irene und Rolf Becker) steht auf der Freitreppe des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses am Ufer der Spree.

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Fotos Marini-Werke und Museo Marini, Florenz

 

   
   

 

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