Harald Naegeli (1939).


Alle Welt kennt ihn als «Sprayer von Zürich». Viele sehen in ihm bloss einen Wandverschmierer. Doch Naegeli ist Künstler von Beruf. Er verfügt über eine fundierte Ausbildung, studierte an der Zürcher Kunstgewerbeschule und in der Pariser Ecole des Beaux-Arts.

 

 

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Harald Nägeli 2020, im Alter von 80 Jahren.
Foto ©Keystone/DPA/Federico Gambarini.

 

 

 

Harald Naegeli kommt am 4. Dezember 1939 in Zürich zur Welt. In den 1960er-Jahren befasst er sich mit Zeichnungen alter Meister wie Albrecht Dürer und Albrecht Altdorfer, später beschäftigt er sich auch mit der asiatischen Zeichenkunst. 1971 verbringt er ein Jahr in Indien – auf Einladung der Tänzerin Ritha Devi.

 

In den späten 70er-Jahren beginnt er dann, Zürichs Betonwelt mit Graffiti aus der Spraydose zu beehren: Mit seinen berühmten Strichmännchen, mit Frauenfiguren, mit Blitzen und Geistern, mit Fischen und Flamingos. Alle gesprayt in wenigen Minuten, meist genial der Umgebung angepasst. Etwa vierhundert bis sechshundert Kunstwerke. Die Hauseigentümer sehen das allerdings anders. Sie reichen Klage ein wegen «Eingriff ins Eigentum und Sachbeschädigung».

 

Nun wird der Künstler polizeilich gesucht und strafrechtlich verfolgt. Das Zürcher Obergericht verurteilt ihn in Abwesenheit zu neun Monaten Gefängnis. Doch Naegeli setzt sich nach Deutschland ab, um der Schweizer Justiz zu entgehen. Nun jagt ihn Interpol. Schliesslich geht er seinen Häschern bei einem Grenzübertritt nach Dänemark am 28. August 1983 ins Netz. 1984 wird er in die Schweiz ausgeliefert. Er sitzt sechs Monate im Gefängnis.

 

Nach seiner Entlassung zieht er nach Düsseldorf – und macht mit seiner Spraykunst weiter. Hier wird er nicht mehr polizeilich verfolgt. Im Gegenteil, man anerkennt seine Kunst. Naegeli findet in Politikern wie Willy Brandt und Künstlern wie Joseph Beuys Bewunderer und Unterstützer. Naegeli wird sogar Mitglied des Deutschen Künstlerbundes.

 

2019, da ist Naegeli bereits 80-jährig und schwer an Krebs erkrankt, kündigt er an, seinen letzten Lebensabschnitt in seiner Heimatstadt Zürich verbringen zu wollen.

 

Trotz seiner Krankheit gibt er nicht auf: Von April bis Juni 2020 verpasst er der Stadt Zürich eine neue Serie «Totentanz». Das spektakulärste Werk ist der Sensenmann am Denkmal von Hans Waldmann. Nun anerkennt auch der Stadtrat Naegelis künstlerische Verdienste und würdigt diese mit der Vergabe des Kunstpreises der Stadt Zürich. Und verfügt, dass einige seiner Werke in den städtischen Kunstbestand überführt werden sollen.

 

Damit hat der umstrittene und jahrelang verfolgte «Sprayer von Zürich» sein Ziel doch noch erreicht. Endlich wird er auch in seiner Heimatstadt als Künstler anerkannt und geschätzt.

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)

Harald Naegeli (1939), Totentanz.

Der hüpfende Sensenmann auf dem
Denkmal von Hans Waldmann, 2020.

 

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Der hüpfende Sensenmann am Denkmal von Hans Waldmann, 2020.

Aus der Serie «Totentanz», die Naegeli von April bis Juni 2020 in der ganzen Stadt geschaffen hat. Dafür erhält er den Kunstpreis der Stadt Zürich 2020.

 

 

Wird das ein Naegeli-Denkmal?

 

Klingt ketzerisch – hat aber einen realen Hintergrund. Tatsächlich befasst sich eine kunstaffine Arbeitsgruppe der Stadt Zürich mit der Frage, ob künftig Naegeli-Werke an öffentlichen Gebäuden in den städtischen Kunstbestand übernommen werden sollen, und wenn ja, welche. Es ist also durchaus denkbar, dass Naegelis Totentanz-Figur auf dem Waldmann-Denkmal bleiben darf.

 

Was für eine kulturelle Entwicklung! In den 1970er-Jahren galten Naegelis Sprayereien noch rundweg als Schmierereien, als Sachbeschädigung. Der Sprayer wurde strafrechtlich verfolgt, musste sogar für ein halbes Jahr ins Gefängnis. Seine Werke wurden weggeputzt.

 

2020 hat der Wind gedreht. Heute findet der Präsident dieser Arbeitsgruppe, Christoph Doswald: «Das ist etwas vom Besten, was Naegeli je gesprayt hat». Und er werde sich dafür stark machen, dass der Sensenmann erhalten bleibt.

 

 

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Tiefgarage ETH Zürich. Foto© Andrea Zahler.

 

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Tiefgarage ETH Zürich. Foto© Andrea Zahler

 

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Der Fisch in der
Tiefgarage.

 

 

 

Werke unter Denkmalschutz.

In Zürich hat Naegeli in den 70er-Jahren zwischen 400 und 600 Werke gesprayt. Die meisten wurden weggeputzt. Aber nicht alle. Eine prächtige Sammlung seiner Strichmännchen ist heute noch in der Tiefgarage der ETH zu sehen. Es sind über vierzig. Sie sind Ende der 70er-Jahre entstanden und bilden die grösste Werkgruppe der Schweiz. Sie stehen nicht nur unter Denkmalschutz, sondern wurden zwischenzeitlich auch schon aufwändig restauriert.

 

Ob sie «ewig» bestehen, ist allerdings unsicher. Denn die Einstellhalle soll demnächst instand gesetzt werden. Baustart im Frühjahr 2021. Was passiert dann mit den Naegelis? Die ETH sei sich der Bedeutung dieser Werkgruppe bewusst. Bianca Gasser von der Immobilienabteilung sagt: «Die Kommission Kunst am Bau der ETH Zürich erachtet es als wichtig, die Werke möglichst vollständig zu erhalten.» Entsprechende Abklärungen, wie dies am besten umgesetzt wird, seien im Gang. Quelle: Tages Anzeiger vom 2.3.20, Hélène Akeret.

 

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Lebte nur kurze Zeit hinter Rodins Höllentor, dann wurde es weggeputzt.

 

 

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Direkt neben
dem Kunsthaus: Totentanz 2020 im Lydia-Welti-Escher-Hof.

 

 

Naegelis gestörtes Verhältnis zum Kunsthaus.

Nur ganz kurze Zeit im Juni 2020 war dieses Männchen hinter Rodins Höllentor beim Kunsthaus Zürich zu sehen – dann war es weggeputzt. Der Künstler kann das nicht begreifen. Dass ein Hauseigentümer, der mit Kunst nichts am Hut hat, die Sprayereien entfernen lässt, damit kann er sich abfinden. Aber dass ein Kunsthaus seine Werke nicht als Kunst versteht und ihn sogar noch verklagt, dafür hat Naegeli wenig Verständnis.

 

Die Klage wurde zwar zurückgezogen, aber nicht aus Kunst-Überlegungen. Richard Hunziker, Präsident Stiftung Zürcher Kunsthaus, gegenüber dem TV-Sender TeleZüri: «Wir haben uns entschieden, eine gewisse Toleranz zu üben und nicht einen 80-jährigen Mann noch mit einer Strafanzeige einzudecken».

 

Naegeli: «Ich bin mir jetzt bewusst geworden, dass ich nicht nur politischer Künstler bin, sondern auch politischer Bürger», sagt er, «und in dieser Rolle mische ich mich aktiv in das politische Leben ein: Ich empfehle dem Kunsthaus den Rücktritt dieses bünzlihaften Geschäftsführers Thomas Müller.» Quelle: Interview mit dem Zürcher Tages Anzeiger vom 18. Juli 2020, >mehr

 

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Totentanz im Turm des Zürcher Grossmünsters.

Totentanz im Grossmünster.

Im Dezember 2018 durfte Naegeli im Turm des Zürcher Grossmünsters seine Totentanzbilder sprayen – mit amtlicher Bewilligung, aber mit klaren Auflagen und örtlichen Begrenzungen. An diese mag sich der Künstler aber nicht halten, er überschreitet die vorgeschriebene Fläche. Es kommt zum Streit mit dem Baudirektor.

 

Im Juni 2019 erklärt dann Naegeli, er werde das Werk deshalb nicht vollenden. Wörtlich: «Den Totentanz vollende ich selbst dann nicht, wenn mich der liebe Gott darum bittet».

 

Doch der selbst vom Tod gezeichnete Künstler gibt sich auch versöhnlich: «Auch wenn der Totentanz nun nicht weitergeführt werden kann, ist es eine grossartige Manifestation, dass die Kirche sich überhaupt darauf eingelassen hat», sagt er.

(Quelle: Der Bund, 19.6.2019).

 

 

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Kunstpreis für den hüpfenden Sensenmann und anderen Werken aus der Serie Totentanz 2020.

 

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Totentanz an der Rämistrasse.

 

 

 

Naegeli erhält den
Kunstpreis der Stadt Zürich 2020.

 

Am 9. Juli 2020 verleiht der Zürcher Stadtrat Harald Naegeli den mit 50'000 Franken dotierten Kunstpreis und würdigt ihn als «künstlerische Ausnahmepersönlichkeit».

 

Darüber hinaus will der Stadtrat Naegeli-Werke aus den 1970er-Jahren in den öffentlichen Parkhäusern erhalten. Die Fachstelle «Kunst im öffentlichen Raum (KiöR)» erarbeitet dazu Vorschläge. Diese Werke werden definitiv in den städtischen Kunstbestand aufgenommen.

 

Weiter soll der städtische Kunstbestand mit sieben Naegeli-Werken ergänzt werden, die 2020 im Rahmen der Serie «Totentanz» in der Stadt Zürich entstanden sind. Welche sieben Werke das sein werden, entscheidet eine Arbeitsgruppe.

(Stand August 2020).

 

 

In Deutschland willkommen

 

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Düsseldorf.
Rheinkniebrücke,
Foto Jula 2812,
WikiCommons.

 

 

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Düsseldorf.
Rheinkniebrücke,
Foto Jula 2812,
WikiCommons.

 

 

Naegelis Exil in Düsseldorf.

1984 sitzt Naegeli in Zürich für sechs Monate im Gefängnis. Nach der Entlassung hat er genug von seiner Heimatstadt und kehrt ihr den Rücken. Er zieht ins Exil nach Düsseldorf. Dort findet er Bewunderung und Unterstützung für seine Kunst. Kulturgrössen wie Heinrich Böll, Joseph Beuys und Politiker wie Willy Brandt stehen hinter ihm. Beuys ist wie eine Vaterfigur für Naegeli, wohl einer der Gründe, warum er Düsseldorf wählte.

 

In Düsseldorf sprayt er weiter. Hier wird er nicht mehr polizeilich verfolgt, sondern als Künstler anerkannt. 2016/17 widmet ihm das Stadtmuseum eine umfassende Retrospektive. Besonderes Highlight: Das Atelier des Künstlers wird ins Museum übertragen und von ihm während der Ausstellung genutzt.

 

Im Anschluss an die Ausstellung schenkt Naegeli dem Stadtmuseum mehrere seiner Arbeiten sowie Dokumentationen und Archivalien zu seinem künstlerischen Werk. Damit besitzt das Stadtmuseum Düsseldorf weltweit den grössten Werkblock von Naegeli-Werken.

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Fotos / Diashow

 

   
   

 

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