Ausstellung «Giacometti-Dalí Traumgärten»
Kunsthaus Zürich 14.4. bis 2.7.2023

 

Giacometti und Dalí – was
haben die beiden gemeinsam?


Wenn der Begriff Surrealismus fällt, denkt man ja

schnell mal an Salvador Dalí – auch wenn er das nicht immer war – aber an Alberto Giacometti? Tatsächlich hatte auch der Schweizer Künstler eine (kurze) surrealistische Phase, etwa von 1930 bis 1934.

 

 

Ausstellungsplakat

 

 

In den frühen 1930er-Jahren treffen sich Alberto Giacometti (1901-1966) und Salvador Dalí (1904-1989) in Paris regelmässig – als Mitglieder der Gruppe von Surrealisten, die sich um den Literaten
>André Breton
formiert hat.

 

Der Titel der Ausstellung «Traumgärten» verweist auf Projekte der beiden Künstler, die von öffentlichen Plätzen träumen, auf denen ihre surrealistischen Kunstwerke gewissermassen als «Mobiliar» stehen sollen.

 

Dalí möchte einen Vergnügungspark (Parc d'attraction) mit Höhlen und Flächen, auf denen man sitzen und klettern kann – ganz im Sinne von Giacometti, der ein ähnliches Projekt in seiner Zeichnung beschreibt. Giacometti: «Ich wollte, dass die Menschen auf den Skulpturen gehen, sitzen und sich an sie anlehnen können».

 

Sowohl Dalís als auch Giacomettis Projekt bleiben
aber Träume, sie werden nie realisiert.

 

Wie kam es zu diesen Träumen? Im Umfeld der Surrealisten treffen sich die Künstler um 1930 mit dem avantgardistischen Mäzenen- und Sammlerpaar Charles und Marie-Laure de Noailles. Die Noailles bestellen bei Giacometti eine Skulptur für ihre Villa in Hyères – eine kleine Hafenstadt in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur. Giacometti plant ein Ensemble aus mehreren Figuren, die er im Sommer 1930 im heimischen Bergell skulptiert – es sind die Elemente für sein Projekt «pour une place». Die Noailles wählen für ihren Garten die zentrale Figur, die Giacometti im April 1931 in Hyères erstellt.

 

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Die Ausstellung im Kunsthaus Zürich – die in Zusammenarbeit mit der Fondation Giacometti Paris ausgerichtet wird – zeigt neben dem Projekt «pour une place» auch eine Reihe von Giacometti-Werken aus seiner surrealistischen Phase bis 1934.

 

Und auch Arbeiten von Salvador Dalí – die zwar nicht direkt mit seinem Projekt eines Vergnügungsparkes in Verbindung stehen, aber in seiner surrealistischen
Phase entstanden sind.

 

 

Alberto Giacometti (1901-1966).

Homme et femme, 1928-29.

Bronze. Centre Pompidou Paris.

 

 

Salvador Dali (1904-1989).
La Tour, 1936. Kunsthaus Zürich.

 

 

 

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Titelbild

Rekonstruktion von Giacomettis «Projet pour
une place», die 2022 von der Fondation Giacometti
Paris in Auftrag gegeben wurde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alberto Giacometti (1901-1966). Des Künstlers Atelier. Foto Bibliothek Kunsthaus Zürich.

 

 

Alberto Giacometti (1901-1966). Skizzen Entwurf für einen Platz, ca. 1930. Fondation Giacometti.

 

 

Salvador Dali (1904-1989). Parc d'attraction, 1932. Privatsammlung.

 

 

 

 

Traumprojekt «Projet pour une place»

 

Die Ausstellung zeigt eine Rekonstruktion, die 2022 von der Fondation Giacometti in Paris in Auftrag gegeben wurde (Titelbild).

 

Im Sommer 1930 fertigt Giacometti in Maloja ein Gipsmodell seines «Projet pour une place» an. Um 1931/32 modelliert Giacometti die verschiedenen geometrischen Elemente des Projekts und giesst sie dann in Gips ab.

 

Was wollte der Künstler mit diesen Figuren symbolisieren? Vielleicht den Garten Eden, in dem Adam und Eva von der Schlange verführt werden? Adam könnte die zentrale hohe Figur sein, Eva möglicherweise die konische. Die Schlange ist unter den Gipsmodellen gut zu erkennen (rechts aussen). Im Vordergrund ist auf dem Plateau ein «Gesicht» zu erkennen, das aus dem Boden auftaucht.

 

«Ich wollte, dass die Menschen auf den Skulpturen gehen, sitzen und sich an sie anlehnen können», sagt Giacometti später.

 

Das Projekt wird nie realisiert.

 

Zu gleicher Zeit (1932) fertigt auch Salvador Dalí eine Zeichnung mit ausführlicher Beschreibung in rosa Tinte (!) an, in der er sich Gedanken macht für einen «Traumgarten» – in ziemlich surrealistischer Form. Er nennt ihn «Parc d'attraction». Links aussen sind die geometrischen Elemente zu sehen, die jenen von Giacometti entsprechen. Ganz oben in der Zeichnung (auf dem Gipfel) thront Alberto Giacomettis Plastik «Boule suspendue».

 

Auch Dalís Traumprojekt wird nie realisiert.

 

 

Alberto Giacometti (1901-1966). Boule suspendue, 1930. Kunstmuseum Basel.

 

Giacomettis (kurze) Surrealisten-Phase

 

Giacomettis «Boule suspendue» spielt bezüglich Surrealismus eine wichtige Rolle: Sie findet 1930 einen prominenten Käufer: >André Breton. Dieser kauft das Werk nicht nur, er überzeugt Giacometti auch, der Surrealistengruppe beizutreten.

 

Giacometti beteiligt sich zwar anfangs der 1930er-Jahre an einigen Ausstellungen der Surrealistengruppe, doch dann beginnt er wieder nach der Natur zu modellieren. Breton empfindet das als Verrat an der Avantgarde. Im August 1934 ist Giacometti noch sein Trauzeuge bei der Hochzeit mit der französischen Malerin Jacqueline Lamba, doch danach zieht er sich aus der Surrealistengruppe zurück, um einem Ausschluss zuvorzukommen.

 

 

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Surrealistische Werke in der Ausstellung

 

Alberto Giacometti (1901-1966). Rekonstruktion von Mannequin (1933), 2022. Fondation Giacometti.

 

 

Giacomettis Mannequin

 

Schaufensterpuppen wurden von den Surrealisten oft als Vorbild verwendet. Mit ihnen konnte man gut den fetischhaften Charakter und die Zweideutigkeit eines lebendigen Körpers und eines toten Objektes darstellen.

 

Für die Surrealisten-Ausstellung von 1933 entwarf Giacometti dieses ultra-dünne Mannequin mit schwarzen Armen und Cello-Kopf (Gips).

 

Das an der Ausstellung gezeigte Modell ist eine Rekonstruktion, die 2022 von der Fondation Giacometti Paris in Auftrag gegeben wurde.

 

 

 

Salvador Dalí (1904-1989). Femme à tête de roses, 1935. Kunsthaus Zürich.

 

 

Femme à tête de roses

 

Surrealismus, wie man ihn von Salvador Dalí kennt: Alles ist sur-real: Die Landschaft mit dem Löwenkopf und dem Gebirge, die endlose Weite, die beiden Frauenfiguren, die eine im Abendkleid und einem sonderbaren Taillengebilde, die andere mit einem Blumenstrauss als Kopf. Diese soll auf die Künstlerin Seila Legge verweisen, die an der Surrealisten-Ausstellung von 1936 in London auftrat.

 

PS: Dieses Gemälde wurde 1968 aus dem Kunsthaus Zürich gestohlen und kam dann später auf unbekannten Wegen wieder zurück. Das Kunsthaus gibt keine Auskunft darüber, wie. >mehr

 

 

 

Alberto Giacometti (1901-1966). Tête-crâne, 1934. Gips. Kunsthaus Zürich.

 

Melancholie und Totenkopf

 

1934 stirbt Albertos Vater, Giovanni Giacometti. Der Künstler stürzt in eine Krise, ist tagelang unfähig, zu arbeiten. Nach dieser Phase entsteht Tête-crâne, der an einen Totenkopf erinnert. Es ist gleichzeitig die Abkehr vom Surrealismus und die Rückkehr zum Kubismus. Giacometti sucht nach neuen Wegen, die bei den Surrealisten nicht gut ankommen. Bevor man ihn aus der Gruppe ausschliesst, zieht er sich selbst zurück.

 

 

Salvador Dalí (1904-1989). La mémoire de la femme-enfant, 1929. Museo Reina Sofia Madrid.

 

 

La mémoire de la femme-enfant

 

Fäulnis und die natürliche Zersetzung alles Organischen muss Salvador Dalí schon länger fasziniert haben. In seinem «verwesenden Esel», den er in zahlreichen Werken verewigt, kommt das gut zum Ausdruck. Zu jener Zeit gab es am Stadtrand von Madrid ständig tote und verfaulende Tiere zu sehen.

 

Dalí scheint das Thema auch in «La mémoire de la femme-enfant» (Erinnerung an die Kindfrau) von 1929 aufzugreifen. Die Zersetzung sorgt auch hier dafür, dass alle Lebewesen und Objekte schliesslich zu einem nicht mehr wiederzuerkennenden Morast verschmelzen. Allerdings kommen in diesem surrealen Werk auch Objekte vor, die sich nicht mit Zersetzung erklären lassen. Aber eine Erklärung von Dalí-Werken erwartet auch niemand.

 

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Werke in der Ausstellung