Caravaggio (1571-1610).


Caravaggio heisst ein Städtchen in der Lombardei, etwa 40 Kilometer östlich von Mailand gelegen. Von dort stammen die Eltern des MICHELANGELO MERISI, den heute die Welt als Caravaggio kennt. Als jenen Künstler, der die italienische Malerei auf den Kopf gestellt hat. Er verpasst seinen Gemälden ein völlig neues Licht: das «chiaro-scuro», das Hell-Dunkel. Eine Revolution in der Lichtführung, die noch Generationen von Malern nach ihm beeinflusst, darunter auch Grössen wie Rubens.

 

Caravaggio ist aber auch – und vor allem – wegen seines abenteuerlichen Lebens zur Legende geworden. Er ist ein Haudegen.

 

Er kommt in Mailand zur Welt und durchläuft hier auch seine Lehrzeit. Dann zieht es den 19-jährigen nach Rom. Dort arbeitet er zunächst in der Werkstatt von Giuseppe Cesari – dem Maler von Papst Clemens VIII. 1594 macht er sich selbständig und lenkt die Aufmerksamkeit des kunstsinnigen Kardinals Del Monte auf sich. Weitere Kardinäle und andere hochgestellte Persönlichkeiten sorgen für neue Aufträge.

 

Als Künstler ist er höchst erfolgreich unterwegs –
doch dann kommt es 1606 zu einem gewalttätigen Zwischenfall, der sein ganzes Leben umkrempelt. Bei einem Strassenfest in Rom geraten sich der streitsüchtige Künstler und ein Mann namens Ranuccio Tomassoni in die Haare. Caravaggio zieht sein Schwert und fügt seinem Kontrahenten – ein Sohn des Kommandanten der Engelsburg (!) – eine so schwere Verletzung zu, dass Tomassoni noch vor Ort verstirbt. Caravaggio flieht vom Tatort und wird als Mörder aus Rom verbannt. Er flüchtet in den Süden, sein Mäzen Kardinal Del Monte hilft ihm dabei.

 

Im Herbst 1606 kommt er in Neapel an. Dort schafft er einige Meisterwerke, muss dann aber erneut fliehen – wieder ist Gewalt im Spiel. Er reist 1607 nach Malta, wo man ihn als berühmten Künstler begeistert empfängt. Er tritt als Bruder in den Malteserorden ein. Aus diesem schmeisst man ihn aber bald wieder raus: In einem Tumult hat er einen Ritter der Malteser verwundet. Der streitsüchtige Künstler wird eingesperrt. Er kann aus dem Gefängnis fliehen und schafft es nach Sizilien. Dort arbeitet er wieder und malt mehrere Altarbilder.

 

Schliesslich kehrt er nach Neapel zurück. Hier wird er Opfer eines Überfalls, schwere Gesichtsverletzungen sind die Folge. In Porto Ercole wartet er 1610 auf die erhoffte Begnadigung für seinen Mord von Rom. Diese soll tatsächlich unterwegs sein, aber sie kommt zu spät: Caravaggio stirbt am 18. Juli 1610 in einem Hospital in Porto Ercole – da ist er erst 38 Jahre alt. Die Todesursache ist bis heute unbekannt.

 

 

caravaggio

Portrait Caravaggio, 1621.
Von Ottavio Leoni (1578-1630).
Biblioteca Marucelliana, Florenz.

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)
Caravaggio (1571-1610).
Dornenkrönung, 1603.
Kunsthistorisches Museum, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

conversion

Die Bekehrung
des hl. Paulus auf dem Weg nach Damaskus.
1600-01. Kirche Santa Maria del
Popolo, Rom.

 

 

Caravaggios Vermächtnis: Das chiaro-scuro.

Er ist zwar nicht der Erste, der mit dem Hell-Dunkel-Effekt arbeitet (Leonardo da Vinci tut das schon im 15. Jahrhundert), aber Caravaggio setzt neue Massstäbe. Er malt extrem harte Lichter – wie aus einer Spotlampe – und schält damit seine Figuren aus dem Hintergrund heraus. Das Ganze damatisiert er noch mit ebenso harten Schatten und erzeugt damit eine gewaltige Spannung in seinen Bildern.

 

Caravaggio gilt als der Begründer der römischen Barockmalerei.

david

David mit dem
Haupt des Goliath, 1600-01.
Kunsthistorisches
Museum Wien.

 

judith

Judith enthauptet
Holofernes,
1598-99. Galleria
Nazionale d'Arte
Antica, Rom.

 

 

Die grossen Dramen der Bibel.

In diesen Werken kommt Caravaggios chiaro-scuro-Technik besonders gut zur Geltung. Zum Beispiel in «David mit dem Haupt des Goliath». Hier seine erste Version von 1600-1601, die heute im Kunsthistorischen Museum Wien hängt. Es zeigt einen knabenhaften David, der am ausgestreckten Arm das abgeschlagene Haupt des Goliath hält. Einige Kunstexperten glauben, dass der abgetrennte Kopf das Gesicht des Künstlers abbildet. Es könnte sich also um eine Art Selbstporträt handeln.

 

Mit dem ebenso berühmten wie gewalttätigen Sujet «Judith enthauptet Holofernes» haben sich viele grosse Künstler beschäftigt. >mehr über Judith.

Caravaggio hat sich bei seiner Arbeit genau jenen Moment ausgesucht, in dem Judith dem assyrischen General den Kopf abschlägt.

 

bacchus

Bacchus, 1596. Galleria degli Uffizi, Firenze.

 

melandri

Portrait der
Fillide Melandroni
als Flora, 1597.
Verschollen.

 

 

Schwäche für Knaben und Jünglinge.

Zu Caravaggios Lieblingsmodellen gehören muskulöse Knaben, androgyne Jünglinge und stadtbekannte Dirnen. Ob der Künstler homosexuell (oder bisexuell?) war, wird bis heute diskutiert – bestätigt ist weder das eine noch das andere. Das Gemälde «Bacchus» von 1596 zeigt einen dieser als Modell bevorzugten, hellhäutigen Knaben. Es ist eines seiner ganz berühmten Werke.

 

Einige seiner Beziehungen zu Roms Dirnen sind dokumentiert, darunter zu «Fillide Melandroni». Es heisst, Caravaggio habe sie als Flora für einen späteren Freier porträtiert. Frau Melandroni soll dem Künstler nicht nur als Modell für die heilige Magdalena gedient haben, sondern auch für die heilige Katharina sowie für die Judith. Bis 1945 war das Gemälde im Besitz eines Berliners, seit dem Ende des Krieges ist es verschollen.

 

Interessant ist, dass unter Caravaggios Aktbildern nur Knaben und Jünglinge sind, aber keine Frauen.

grablegung

Grablegung Christi, 1602-03.

 

kreuzigung_petri

Kreuzigung des hl. Petrus, 1600. Santa Maria del Popolo, Rom.

 

Meisterwerke für Roms Kirchen.

Für die Begräbniskapelle der Kirche Santa Maria in Vallicella schuf Caravaggio dieses Altarbild der «Grablegung Christi». Bei der Ausführung des toten Christus soll sich der Künstler an der berühmten Marmorstatue der Pietà von Michelangelo aus dem Jahr 1499 (im Petersdom) orientiert haben. Das Gemälde ist heute in der Pinacoteca Vaticana in Rom zu sehen.

 

Das Werk «Kreuzigung des heiligen Petrus» wurde um 1600 herum für die Cerasi-Kapelle der Kirche Santa Maria del Popolo in Rom geschaffen. Auftraggeber war der päpstliche Schatzmeister Tiberio Cerasi, der das Bild für sein Grab bestellte.

 

Der italienische Kunsthistoriker Roberto Longhi (1890-1970), der seine Doktorarbeit Caravaggio widmete, zählt dieses Werk «zu den vielleicht revolutionärsten in der gesamten Geschichte der Sakralkunst». Dies «aufgrund ihres äussersten Naturalismus, gepaart mit einem untrüglichen Sinn für die abstrakte Form».

 

enthauptung_johannes

Die Enthauptung
von Johannes
dem Täufer. 1608. St. Johns
Co-Cathedral, Valletta/Malta.
Foto: The Yorck
Project.

 

frater

Monumentales für den Malteserorden.

Caravaggio kommt auf seiner Flucht auch in Malta vorbei. Dort schreibt er sich als Ordensbruder bei den Maltesern ein. Als eine Art Eintrittsobolus schafft er das grösste Bild seiner Malerkarriere: die «Enthauptung Johannes des Täufers». Es misst 3.6 auf 5.2 Meter. Der Künstler zeigt einen Henker, der Johannes am Boden liegend abschlachtet, wie ein Metzger das mit einem Schaf tun würde. Nur gerade eine Person im Bild scheint darüber entsetzt zu sein: es ist eine alte Frau, die sich an den Kopf greift. Als Symbol der christilichen Barmherzigkeit?

 

In der Regel signiert Caravaggio seine Werke nicht. Hier macht er eine Ausnahme. Unter dem Blut des Märtyrers schreibt er: «fMichelAn», was für «Frater Michelangelo» steht. Schiesslich ist er ja Bruder (=Frater) des Malteserordens.

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