Ausstellung «Kerry James Marshall - The Histories», Kunsthaus Zürich, 27.2. bis 16.8.2026.
Ausstellungsplakat
Die monumentalen Gemälde des US-amerikanischen Künstlers sind Menschen mit schwarzer Hautfarbe gewidmet. Es sind Figuren, die sich auf die Geschichte der Schwarzen in Amerika beziehen, aber auch auf dem afrikanischen Kontinent.
Kerry James Marshall (1953). Untitled Triptych
(Haul), 2023-25. Glenstone Museum.
Kerry James Marshall kommt am 17. Oktober 1955
in Birmingham, Alabama, USA, zur Welt. Als Kind zieht er mit seiner Familie nach Watts, Los Angeles, und wächst in unmittelbarer Nähe zu den Bürgerrechts- und Black-Power-Bewegungen der 1960er-Jahre auf.
Seine künstlerische Ausbildung erhält er am Otis Art Institute und am Otis College of Art and Design in Los Angeles. Sein prägender Mentor ist der Maler Charles White (1918-1979), der für seine sozialrealistischen Arbeiten bekannt ist und der in seinen Bildern das afroamerikanische Leben in den USA thematisierte.
Marshall lebt und arbeitet hauptsächlich in Chicago.
Kerry James Marshall (1955). In diesem
>YouTube-Video von 2016 spricht Marshall
über seine künstlerischen Ideen.
Zu seinen wichtigsten Ausstellungen gehören die
Documenta 1997 und 2007 in Kassel und die Biennale
di Venezia 2003. Dann die Retrospektive «Mastry» in Chicago, die Met Breuer New York und die MOCA in
Los Angeles, 2016–2017. Die jüngste Ausstellung ist «The Histories», die 2026 im Kunsthaus Zürich und an der Royal Academy, London, ausgerichtet wird.
Marshall wird mit mehreren Auszeichnungen geehrt: So mit der MacArthur Fellowship 1997, der Time 100 mit der Aufnahme in die Liste der «Hundert einflussreichsten Menschen der Welt» im Jahr 2017 und die Berufung 2013 in President’s Committee on the Arts and the Humanities durch Barack Obama.
Von 1993 bis 2006 ist Kerry James Marshall Professor für Malerei an der University of Illinois, Chicago (School of Art and Design).
Die Ausstellung ist eine Kooperation mit der Royal Academy of Arts, London, und dem Musée d’Art Moderne de Paris und wurde unter der Leitung von Mark Godfrey realisiert – in Zusammenarbeit mit den beteiligten Institutionen, darunter auch Cathérine Hug für das Kunsthaus Zürich.
Kerry James Marshall (1955). Academy II, 2012. Collection of Dr. Daniel S. Berger.
Kerry James Marshall (1955). Still Life with
Wedding Portrait, 2015. Private Collection.
Titelbild (Ausschnitt)
Kerry James Marshall (1955). Invisible Man, 1986. Collection of Liz and Eric Lefkofsky..
Kerry James Marshall (1955). Portrait of the Artist & a Vacuum, 1981. Nasher Museum of Art at Duke University, Durham NC, USA.
Detail Selbstporträt
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Vom unsichtbaren (schwarzen) Mann
Für Kerry James Marshall ein zentrales Thema.
Ellisons «Invisible Man» erzählt in der Ich‑Form von einem jungen afro-amerikanischen Mann, der bei allen seinen Versuchen, gesellschaftlich oder politisch Anerkennung zu finden, scheitert. Er spürt, dass er als Schwarzer «einfach nicht gesehen» wird.
Kerry James Marshall nimmt sich dieses Themas künstlerisch an, indem er zahllose black‑on‑black-Bilder malt. In diesen Gemälden kommt der schwarze Mann zwar vor, aber er hebt sich kaum ab vom Hintergrund, er bleibt «unsichtbar».
In «Portrait of the Artist & a Vacuum» aus dem Jahr 1981 – da ist der Künstler erst 26 Jahre alt – bildet er sich selbst auch als fast unsichtbar ab. In einem kleinen Selfie an der Wand, kaum erkennbar. Der Staubsauger im Bild symbolisiert das Vakuum, in der sich (gemäss Marshall) die amerikanischen Künstler mit schwarzer Haut verorten: Sie sehen sich untervertreten oder eben unsichtbar. Das kleine Selfie an der Wand malt Marshall denn auch in dieser Absicht: Ein schwarzer Mann vor schwarzem Hintergrund.
Das Werk «Invisible Man» von 1986 geht noch einen Schritt weiter. Es besteht aus einer schwarzen Fläche (127x96cm), auf der nur ganz schemenhaft ein Körper zu erkennen ist (siehe auch Ausschnitt auf dem Titelbild). Nur in der oberen rechten Ecke erscheinen weisse Augäpfel und weisse Zähne als leuchtende Punkte.
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1988-Kerry James Marshall (1955). If I had possession over Judgement Day, 1988. Jack Shainman Gallery, New York. |
1988: Das Jüngste Gericht
«If I had possession over Judgement Day», 1988. Was will der Künstler mit diesem Werk aussagen? Der Titel wirft die Frage auf: Was würde geschehen, wenn die «Unsichtbaren» den Tag des Jüngsten Gerichts in der Hand hätten – und nicht Gott. Wenn also diejenigen, die von einer höheren Gewalt beurteilt werden, selbst richteten?
Der Titel stammt aus einem Song des amerikanischen Blues-Sängers Robert Johnson (1911-1938). Er wird zur Metapher für den Wunsch nach historischer und moralischer Umkehrung der Machtverhältnisse.
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Kerry James Marshall (1955). Slow Dance, 1992. David and Alfred Smart Museum of Art, University of Chicago.
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1992: Die Liebenden
Nach seinem Umzug nach Chicago in den 1990er-Jahren beginnt Marshall, Gemälde des modernen alltäglichen Lebens zu schaffen.
Slow Dance ist eines von Marshalls ersten Gemälden von Liebenden. Die Pose des Paars stammt aus einer Szene in Charles Burnetts Film Killer of Sheep (1978), einem Meisterwerk des Schwarzen Kinos.
Could this be Love? Der Text auf der linken Seite des monumentalen Bildes «La Venus Negra» verweist darauf, dass in der westlichen Kunstwelt die Göttin Venus stets weiss gedacht ist.
Marshall knüpft hier an die Debatten um die rassistische Bewertung schwarzer Frauenkörper an. Der Künstler soll selbst einmal gesagt haben, er «hätte lange nicht in Betracht gezogen, dass eine schwarze Frau als Göttin der Liebe und Schönheit gedacht werden könnte». Mit diesem Gemälde schafft er nun seine eigene schwarze Venus inmitten einer erotisch aufgeladenen Stimmung.
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Kerry James Marshall (1955). Black Painting, 2003. Glenstone Museum.
Am Computer aufgehellt. |
2003/2006: The Black Painting
Der stärkste Beitrag zum Thema «invisible Man». Das grossformatige Bild ist fast vollständig schwarz. Erst bei längerem Hinsehen ist der Inhalt schwach zu erkennen. Es handelt sich um eine Schlafzimmer-Szene bei Nacht. Man erkennt ein Bett, einen Nachttisch, Bilder an den Wänden und eine oder mehrere Figuren, die im Dunkeln liegen, vielleicht ein Paar. Die Komposition ist nicht monochrom, sondern besteht aus fein abgestuften sehr dunklen Nuancen von verschiedenen Farben. Der Betrachter muss ganz bewusst in die Dunkelheit hinein schauen, das Auge anpassen und aktiv suchen, um überhaupt etwas zu erkennen. Erst eine künstliche Aufhellung mithilfe des Computers lässt Menschen und Dinge erkennen.
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Kerry James Marshall (1955). Vignette, 2003. Defares Collection.
Kerry James Marshall (1955). Vignette #13, 2008. Jennifer Gilbert Collection LLC. |
2003/2008: Romantische Vignetten
Die Serie «Vignettes» kommt lieblich in zarten Farben daher und erfreut das Auge der Betrachter. Aber Marshall malt auch diese romantischen Szenen mit einem ernsten Blick auf (teils ehemalige) Missstände. Als Form des stillen Protestes.
Dazu gehört auch der Hinweis darauf, dass viele Sklavenbesitzer nicht das Eheglück ihrer Sklaven im Auge hatten, sondern die «Vermehrung», also das Zeugen von Kindern, um den Gutsbesitzern zu noch mehr billigen Arbeitskräften zu verhelfen und so ihren Reichtum zu steigern.
Selbst die mit rosa Pinselstrichen geschönten Traumszenen werfen kritische Fragen auf. Wie zum Beispiel, ob schwarze Paare sich im öffentlichen Raum so präsentieren dürfen, wie das für weisse Menschen selbstverständlich ist.
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Kerry James Marshall (1955). Untitled (Power to the People), 2009. Private Collection. |
2009: Power to the Pepole
So hiess die zentrale Parole der Black-Power- und Bürgerrechtsbewegung der 1960er/70er-Jahre – und auch der Black Panther Party. Die Parole steht für die Forderung nach politischer, ökonomischer und kultureller Selbstbestimmung der schwarzen Bevölkerung. Marshall illustriert diese Forderung in einem kraftstrotzenden Bild einer nackten schwarzen Frau, die auf einem schwarzen Panther reitet.
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Kerry James Marshall (1955). Untitled, 2012. Pinault Collection. |
2012: Männlicher Akt auf Felldecke
Der nackte schwarze Mann ist lediglich mit
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Kerry James Marshall (1955). Assassination of Shaka, the Zulu, 2023. Courtesy the artist and David Zwirner, London. |
2023: Die Ermordung des Zulukönigs
Wie fast alle Werke Marshalls ist auch dieses monumental: es misst 252 x 221 cm. Mit diesem Bild bewegt sich der Künstler auf dem Gebiet der Historienmalerei.
Es zeigt die Ermordung des Zulu-Königs Shaka, der 1816 bis 1828 im südlichen Afrika regierte. Er vereinigte mehrere rivalisierende Clans zu einem mächtigen Königreich. Nach dem Tod seiner Mutter Nandi (1827) soll Shaka in tiefe Trauer gefallen und danach zum Tyrannen geworden sein. 1828 ermordeten ihn seine Halbbrüder Dingane und Mhlangana. Nach deren Angaben wollten sie damit das Reich vor einem «wahnsinnig gewordenen König» beschützen. Über den genauen Ablauf der Ermordung gibt es keine gesicherten historischen Details.
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