Ausstellung «Marisol» im Kunsthaus Zürich
17. April 2026 bis 23. August 2026
Mit ihren geschnitzten und bemalten und manchmal mit ironischem Augenzwinkern gestalteten Holzskulpturen wurde die gebürtige Venezolanerin in den 1960er-Jahren in den USA berühmt. Sie bewegte sich zwischen Pop Art und Volkskunst und vertrat auch feministische Anliegen in Sachen Gleichberechtigung der Geschelchter.
Maria Sol Escobar «Marisol»
um 1989, Foto © Jack Mitchell.
Marisol (eigentlich María Sol Escobar) kam 1930
als Tochter venezolanischer Eltern in Paris zur Welt.
Dort studierte sie an der Académie Julian und an der École des Beaux-Arts. 1950 siedelte sie nach New York über. Dort besuchte sie die New School for Social Research, die Art Students League und die Hans Hofmann School of Fine Arts. Zu Beginn ihrer Karriere war sie noch stark in der Tradition der Malerei und des abstrakten Expressionismus eingebunden.
In den 1960er-Jahren avancierte Marisol im New Yorker Kunstumfeld zur Pop-Ikone. Andy Warhol, mit dem sie befreundet war, soll sie mit der Bezeichnung «the first girl artist with glamour» beehrt haben. Ihre Arbeiten wurden weltweit ausgestellt, und sie galt in dieser Zeit als eine der prominentesten Künstlerinnen ihrer Generation.
Gleichzeitig inszenierte sie sich öffentlich bewusst rätselhaft und wortkarg, was die Faszination um ihre Person zwar steigerte, aber auch dazu beitrug, dass sie häufig eher als Exotin denn als eigenständige Bildhauerin gesehen wurde.
In den 1970er-Jahren zog sie sich mehr und mehr aus dem Zentrum der Kunstszene zurück. Ihr Name verschwand zusammen mit dem abnehmenden Boom der Pop Art zunehmend aus dem Kunstbetrieb, obwohl sie weiter arbeitete und ausstellte. Zum Zeitpunkt ihres Todes, 2016, war ihr Glanz schon ziemlich verblasst. Marisol starb am 30. April 2016 in New York City an einer Lungenentzündung.
Zehn Jahre nach ihrem Tod wird nun die Künstlerin in grösseren Ausstellungen in Europa einer breiten Öffentlichkeit wieder näher gebracht. Das Kunsthaus Zürich zeigt rund hundert Arbeiten aus allen Perioden ihres Schaffens.
Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem
Louisiana Museum of Modern Art, Humblebæk,
dem Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam,
dem Museum der Moderne Salzburg und dem
Buffalo AKG Art Museum.
Marisol (1930-2016). Self-Portrait,
1962. Craig Starr Gallery.
Marisol (1930-2016). Portrait of
Betty, 1961. The Alan Groh-Buzz
Miller Collection.
Titelbild (Proportionen verzerrt)
Marisol (1930-2016). The Car, 1964.
Holz, bemalt. Collection Museum Boijmans.
Marisol (1930-2016). The Hungarians, 1955. Holz, bemalt. Collection Buffalo AKG Museum.
Marisol (1930-2016). Untitled, 1958. Farbstift, Ölkreide. Collection Buffalo AKG Museum.
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1950er-Jahre: Frühwerk und erste Erfolge
Mitte der 1950er-Jahre experimentierte Marisol mit verschiedenen Stilen und Materialien. Sie fertigte Terrakotta-, Bronze- und Holzskulpturen.
Die in der Ausstellung gezeigte Holzschnitzarbeit «The Hungarians» resultiert aus ihrem Interesse an amerikanischer Volkskunst.
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Marisol (1930-2016). Tea for Three, 1960. Holz, bemalt. Collection Buffalo AKG Museum. |
1960: Tea for Three
Nach ihrer Rückkehr in die USA im Sommer 1960 bekam sie Holzformen geschenkt, mit denen man Hüte herstellt. Marisol schuf damit ein originelles Kunstwerk: Sie fügte den Holzköpfen Glasaugen und Gipsabgüsse zu – von ihrem Mund, ihrer Nase, ihren Händen. Diese Abgüsse gehörten zu den ersten ihres eigenen Körpers und «Tea for Three» war die erste dieser Arbeiten, in der die Künstlerin Plastiken mit Elementen der Farbfeldmalerei verband. |
Marisol (1930-2016). Baby Girl, 1963. Collection Buffalo AKG Art Museum.
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1963: Baby Monsters
Marisol stützte sich bei diesen Figuren auf ihre Sammlung von Studioporträts von Babys und Kindern. Kritiker, die die Skulpturen 1964 in Marisols Einzelausstellung in der New Yorker Stable Gallery erstmals sahen, bezeichneten die beiden Figuren «Baby Boy» und «Baby Girl» als «monströse Kinder» und «hassenswerte Riesenbabys». Einige nannten sie «übermässig süsse aber böswillige Monster» und leiteten so einen «Beleg» dafür ab, dass «Kinder bösartig geboren werden».
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Marisol (1930-2016). The Car, 1964. Holz, bemalt. Collection Museum Boijmans.
Marisol (1930-2016). The Car, 1964. Holz, bemalt. Detail. Collection Museum Boijmans. |
1964: The Car
Auf den ersten Blick wirkt das Ganze wie ein Spielzeugauto aus Holz. Aber die Künstlerin baut in diesem Werk eine Reihe von teils gesellschafts-kritischen Überlegungen ein.
Da ist zunächst der Hinweis darauf, dass das Auto lange ein Symbol der weissen Mittelklasse war.
Wenn man die Insassen in diesem Cabriolet betrachtet, fällt auf, dass Marisol damit die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Kulturen darstellen möchte. Weil sie selbst so verschiedene Gruppen vertritt. Sie hat einen venezolanischen Hintergrund, wuchs in Paris und Caracas auf und war eine Migrantin in den USA – wenn auch in ziemlich privilegierter Form. Und warum zeigt sie sich (in der Frontscheibe, oberes Bild) als schwarze Frau? Vermutet wird, dass es ihr Versuch war, in die Schuhe einer Person mit anderer Hautfarbe zu schlüpfen.
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Marisol (1930-2016).
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1967: LBJ, der Kriegstreiber
Lyndon B. Johnson war von 1963 bis 1969 Präsident der USA. Marisol stellt ihn als blockhafte, sargartige Figur mit überdimensionalem Kopf dar, mit stark hervortretender Nase, Kinnpartie und Ohren. Diese grobe, kantige Physiognomie karikiert LBJ als Blockhead, also als schwerfälligen, begriffsstutzigen Machtmenschen.
LBJ entstand in einer Phase, in der Johnsons Popularität wegen des Vietnamkriegs massiv sank. Die sargartige Form des Körpers lässt sich als Hinweis auf die Toten des Krieges lesen. LBJ war massgeblich dafür verantwortlich, dass der Vietnamkrieg mehr und mehr esklaierte.
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Marisol (1930-2016). Greenfish, 1970. Holz lackiert, Kunststoff. Collection Buffalo AKG Art Museum.
Marisol (1930-2016). The Fishman, 1973. Holz und Gips bemalt. Collection Buffalo AKG Art Museum. |
1970: Unterwasser-Figuren
Marisol befand sich 1968 auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Sie vertrat Venezuela bei der Biennale von Venedig und war eine von nur vier Frauen unter 150 Kunstschaffenden, die für die renommierte documenta in Kassel ausgewählt wurden.
Aber das politische Klima in den USA passte ihr nicht. Es gab Gewalt, vor allem bei der Unterschlagung von Anti-Kriegs-Protesten. So begab sie sich auf eine längere Reise nach Indien, Nepal, Kambodscha, Sri Lanka und Thailand. 1969 nahm sie einige Monate Tauchunterricht auf Tahiti und beschrieb die Zeit, die sie unter Wasser verbrachte, als Hilfe, «dabei neu geboren, gereinigt und geläutert» zu werden.
Gestützt auf ihre Unterwasserfotos schuf sie eine Gruppe von grossformatigen Fischen aus gebeiztem und lackiertem Mahagoniholz. Mit The Fishman liess sie ihrer Fantasie freien Lauf. Der Mensch‑Fisch‑ Hybride fokussiert auf den Klimawandel, die Meeresverschmutzung und das Artensterben.
Marisol: «Ich hatte immer eine besonders enge Kommunikation mit der Welt der Tiere, und ich wünschte mir, Menschen wären mehr wie sie».
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Marisol (1930-2016). Picasso, 1977. Bronze bemalt. Collection Buffalo AKG Art Museum.
Marisol (1930-2016). Magritte, 1997. Holz, bemalt. Collection Buffalo AKG Art Museum. |
1977/1997: Picasso und Magritte
Marisol schuf zwischen 1977 und 1997 eine ganze Reihe von Künstlerporträt-Skulpturen als Hommage an Künstler, die ihr wichtig erschienen.
Pablo Picasso karikiert sie mit einem blockartigen Körper, mit schweren, kantigen Gesichtszügen und markanten Händen. Die autoritäre Figur weist jenen berühmten bohrenden Blick auf, den man dem Jahrhundertkünstler nachsagt. Es ist eine Bronzefigur, von der drei Abzüge existieren.
Zu René Magritte hatte die Künstlerin eine besondere Beziehung – sie traf sich mit ihm schon in den 1950er-Jahren in Europa. Es ist eine Hommage an den berühmten belgischen Surrealisten. Marisol stellt ihn als ältere männliche Figur mit Melone und offenem schwarzen Schirm dar – typische Bildmotive aus seinem eigenen Werk. Die 171 cm hohe Figur besteht aus Holz und ist mit Öl und Kohle bemalt. Sie trägt einen echten, geöffneten Regenschirm. Insgesamt hat Marisol von Magritte sechs Holzskulpturen geschaffen. Auf einer davon hat sie sich auf der Hinterseite selbst verewigt – mit einem Selfie von ihr.
Weitere grosse Namen aus der Serie der Künstlerporträts sind Marcel Duchamp, Georgia O'Keeffe und Willem de Kooning.
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