Ausstellung «Miriam Cahn – ich als Mensch»
vom 22.2. bis 16.6.2019 im Kunstmuseum Bern

 

«Miriam Cahn – ich als Mensch».


Für Kinder nicht geeignet, liest man. Und nach dem Besuch der Ausstellung möchte man ergänzen: Für empfindliche Gemüter auch nicht. Miriam Cahn ist eine trotzige Frau, und das drückt sie mit ihren Werken aus. Augenschmaus ist ihre Sache nicht.

 

Ihre Mutter leidet an Depressionen, ihre Schwester bringt sich um. Als Jugendliche schlägt man sie, sie schlägt zurück. Sie wird zur Rebellin, nimmt an Anti-AKW-Aktionen und in der Frauenbewegung teil.

 

Zur Welt kommt sie 1949 in Basel. Ihr Vater ist Kunst- und Antikenhändler. Sie besucht von 1968 bis 1973 die Grafikklasse der Gewerbeschule Basel und arbeitet dann als Zeichenlehrerin. 1979 bringt sie in einer nächtlichen Protestaktion Wandzeichnungen an einer Autobahnbrücke in Basel an. Das beschert ihr einen Gerichtsprozess und eine Verurteilung, bringt ihr aber auch Aufmerksamkeit in der Kunstwelt.

 

 

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Ausstellungsplakat Kunstmuseum Bern.

 


International wird sie als Künstlerin früh anerkannt. Nach einer Ausstellung 1977 in der Galerie Stampa in Basel folgen Präsentationen europaweit. 1984 nimmt sie an der Biennale in Venedig teil. Von 1985 bis 1989 lebt Miriam Cahn in Berlin und kehrt danach nach Basel zurück.

 

2002 bietet ihr das Bieler Centre PasquArt eine Einzelausstellung, in der erstmals auch ihre Malerei umfassend präsentiert wird. Weitere Ausstellungen hat sie 2006 im Kirchner Museum Davos: «Überdachte Fluchtwege»; im «Centre Culturel Suisse» in Paris 2014 und im Aargauer Kunsthaus 2015 («Miriam Cahn: corporel/körperlich»). Dann folgen ihre Auftritte an der Documenta in Athen und Kassel.

 

2019 – also im Jahr, in dem die Künstlerin 70 wird – finden gleich mehrere Einzelausstellungen statt, in Bern, Madrid, Bregenz. Ihr Werk ist schon so umfassend, dass diese Präsentationen teilweise parallel durchgeführt werden können.

 

Die Berner Ausstellung «Miriam Cahn – ich als Mensch» reist vom Kunstmuseum weiter ins >Haus der Kunst München sowie ins Museum für Moderne Kunst in Warschau.

 

Miriam Cahn lebt und arbeitet heute in Stampa im Bergell in einem flachen Betonhaus, das in seiner Form an eine Garage erinnert. In einem Interview, das sie 2018 dem ZEITmagazin gibt, sagt sie:

 

«Ich habe mir hier mein letztes Haus gebaut, mit allem, was ich brauche. Und das ist vor allem viel Raum und Zeit für meine Arbeit. Ansonsten lebe ich in nur einem Zimmer. Das ist nicht wenig brauchen, sondern anders brauchen. Ich habe wirklich nie auf etwas verzichtet. Und hier inmitten der Berge fühle ich mich beschützt. Das ist eine radikale Landschaft, die zu mir passt».

 

 

>ganzes Interview als PDF

 

 

>Ausstellungsführer Kunstmuseum Bern PDF

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Schweigende Schwester (Kriegsschiff), 1981.

 

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Weltstadt, 1987.

 

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Einstieg mit Grossformatigem in Kreide.

Am Anfang ihrer küstlerischen Karriere stehen Wandzeichnungen im Rahmen einer Protestaktion an einer Basler Autobahnbrücke. Dann schafft sie grossformatige, bedrückende Kreidezeichnungen. Die farbige Ölmalerei lehnt sie zunächst als «männlich dominierte Sphäre» ab. Ihre grossen Kreidezeichnungen fertigt sie am Boden liegend oder kniend, bis ein Rückenleiden sie stoppt. Erst dann schwenkt sie doch zur Ölmalerei über – stehend malen geht gerade noch.

 

In ihren bedrohlichen Zeichnungen verarbeitet sie ihren Zorn über Krieg und Waffen, über Vertreibung, Flüchtlingselend und verletzte Menschenrechte. Andere Schwarz-weiss-Arbeiten zeigen auch Kinder und Tiere, vor allem Vögel.

 

>Schwarz-weiss-Arbeiten

 

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Atombomben, 1989-1991.

 

Die schön bunten Atombomben.

Ein ganzer Raum ist dem Thema Atombomben gewidmet. Die Besucher bestaunen die farbintensiven Aquarelle, die wie bunte Blumen wirken – eindrücklich, aber wenig beängstigend. Dabei war ja das Ziel der Künstlerin, mit diesem Zyklus die Ost-West-Konfrontation anzuprangern und ihrer persönlichen Angst auf einen drohenden Nuklearkrieg Ausdruck zu verleihen. Das ist ihr nur teilweise gelungen – die Bilder sind schlicht zu schön fürs Auge geraten.

 

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Schweigende Schwester, 1981.

 

Miriam Cahns zornige Blicke.

Ein immer wiederkehrendes Thema sind Gesichter und böse Blicke. Die Augen spielen bei Miriam Cahn eine wichtige Rolle. Sie zeichnet und malt Personen, die nicht nur angeschaut werden wollen/sollen, sondern die auch zurück schauen: Mal Zornig, mal verängstigt oder erschreckt. Und nur selten mal beim Betrachter des Bildes ein Lachen provozierend.

tötenmüssen

Tötenmüssen, 2013-14.

Umgang mit der physischen Gewalt.

In ihrem Repertoire finden sich viele Werke, die von Gewalt handeln. Was denkt die Künstlerin über Gewalt? In einem >Interview mit dem ZEITmagazin sagt sie 2018: «Es gibt keine aggressionslose Gesellschaft. Wenn du eine Stinkwut hast, dann haust du einem eine rein, das habe ich als Jugendliche auch gemacht. Ich habe meine Eltern und meine Schwester geschlagen und umgekehrt auch. Man kommt in diesen Zustand des Sprachlosen und kann sich nur noch physisch wehren. Zorn ist ein aggressiver Motor. Ich finde aggressiv sein gut. Gerade als Frau kann man nicht immer lächeln und alles okay finden».

 

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altich, 2018.

Dem Alter trotzig ins Auge geblickt.

Sie hasst das Altwerden genau so wie andere Menschen, sie verarbeitet es nur anders. Auf ihre eigene Weise: sie macht sich über das Altern lustig. Malt sich selbst als alte Frau. Nennt ihre Werke «abbau» und «altekriegerinich». Oder «altich». Diesem verpasst sie eine geballte Faust. Einem anderen malt sie mit dem Rotstift eine grimmig lachende Maske ins Gesicht. Es bleibt eine Maske. Die wahre Botschaft ist der schlaffe Körper.

 

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Schauen, 2018.

 

 

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Le milieu du monde schaut zurück, 2017-18.

Der Sex-Raum.

So nennt Miriam Cahn einen Saal in der Berner Ausstellung, der von deftigem Sex nur so strotzt. Frauen mit aufdringlich aufgemotzten Brüsten und Vulven, Männer mit prominent erigierten Penissen. Ein Bild mit einem geil aufgeladenen Paar heisst «schön», ist es aber nicht. Bilder, die das Auge erfreuen, malt die trotzige Miriam Cahn nicht. Mit Ausnahme von Atombomben.

 

Das auffälligste Werk in diesem Raum ist die dem berühmten Gemälde «Origine du monde» von Gustave Courbet nach empfundene Nackte. Die kam 1866 so naturalistisch daher, dass sie noch lange nach ihrer Erschaffung für Aufruhr sorgte.

 

>mehr über Courbets «Origine du monde»

 

Während Courbet das Geschlecht in den Mittelpunkt stellte, packt Miriam Cahn noch einen drauf: Sie malt die nackte Frau überspitzt mit aggressiven Farben, verpasst dem Gesicht einen Schleier und nennt ihr Werk «Le milieu du monde schaut zurück». Heisst: Die Frau soll nicht Objekt sein, sondern selbst agieren.

 

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Plastilin und erotische Video-Spielereien.

Auf mehreren Flachbildschirmen zeigt Cahn ihren eigenen nackten Körper kombiniert mit Prothesen, die sie aus Plastilin gefertigt hat. Eine künstliche Hand, ein künstlicher Penis. Als wärs ein Stück von ihr, spielt sie mit der Skulptur aus Plastilin. Nein, Berührungsängste in Sachen Sex kennt diese Künstlerin nicht.

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Fotos / Diashow

 

   
   

 

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