Marcel Duchamp (1887-1968).


Grosse Kunst für die Ewigkeit hat er nicht gemacht, aber er ist dennoch ein Grosser in der Kunstwelt. Weil er den Begriff Kunst neu definierte. Nicht mehr das Können zählt, sondern die Idee. Damit legte er die Basis für die Konzept- und Installationskunst.

 

 

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Marcel Duchamp um 1927. Foto
George Grantham Bain Collection

(Library of Congress). WikiCommons.


 

Marcel Duchamp kommt am 28. Juli 1887 zur Welt. In Blainville-Crevon im Nordwesten Frankreichs. Sein Vater ist Notar. Die wohlhabende Familie zeigt Interesse für Kunst, Musik, Literatur und Schach. Als Teenager beginnt Marcel mit Malen.

 

Drei von Duchamps fünf Geschwistern schlagen auch den künstlerischen Weg ein. Sein älterer Bruder Gaston wird Maler, er nennt sich Jacques Villon. Raymond wird Bildhauer und seine Schwester malt unter dem Namen Susanne Crotti.

 

1904 studiert Marcel Duchamp an der Académie Julian in Paris. Er experimentiert mit Impressionismus, Fauvismus, Symbolismus und Kubismus.

 

1912 löst er mit seinem kubistischen Bild «Akt, eine Treppe heruntersteigend» in Paris einen Skandal aus. Kurz danach stellt er die Malerei zurück und wendet sich den Ready-Mades zu. Mit seinem Pissoir, das er in «Fountain» umtauft, wird er weltberühmt.

 

Zwischen 1926 und 1933 beschäftigt er sich mehrheitlich mit Schach. Er entwirft Spielfiguren und schreibt eine wöchentliche Kolumne über Schach, verfasst sogar ein Buch über Schach.

 

Ab 1935 entwickelt er seine Idee eines tragbaren Künstlermuseums, einer «Boîte-en-valise». Die Schachteln enthalten Reproduktionen seiner Werke. In seiner späten Künstlerphase entwirft Duchamp surrealistische Installationen.

 

Zwischen 1946 und 1966, 20 Jahre lang, arbeitet er im Verborgenen an seinem grössten Kunstwerk: «Etant Donnés». Ein Raumobjekt, das ein ganzes Zimmer seines Studios ausfüllt.

 

Der Gesamtumfang von Duchamps Werken ist unüberschaubar. Viele seiner Arbeiten sind nicht mehr vorhanden, einige davon sind nur noch als Repliken in Museen und Ausstellungen zu sehen.

 

Für das Verschwinden vieler seiner Werke macht man seine Schwester verantwortlich, die sich immer wieder daran gemacht haben soll, den Haushalt ihres vielreisenden Bruders zu ordnen. Etliche seiner Kunstwerke sollen dabei auf dem Müll gelandet sein.

 

Marcel Duchamp verstirbt am 2. Oktober 1968 in seiner Wohnung in Neuilly. Er verfügt in seinem Testament, dass es keine Trauerfeier geben soll. Seine Asche wird auf dem Friedhof von Rouen beigesetzt.

 

Den Text für seine Grabinschrift entwirft er selbst: «D’ailleurs c’est toujours les autres qui meurent...»

Es sind übrigens immer die anderen, die sterben.

 

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)
Marcel Duchamp (1887-1968).

Fountain, 1917. Replica 1964.

Tate Modern London.

 

 

 

 

 

 

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Man seated by a
window, 1907. Museum of Modern Art, New York.

1905: Start mit Impressionismus.

In der Studienzeit an der Akademie Julian in Paris befasst er sich vorwiegend mit Impressionismus. Ab Mai 1905 macht er in Rouen eine Lehre in einer Druckerei als «Ouvrier d'Art» (Kunsthandwerker). 1909 nimmt er in Paris mit drei Werken an der Ausstellung des «Salon des Indépendants» teil. Es sind Landschaften, nichts Weltbewegendes.

 

1911 lernt er Künstler wie Francis Picabia, Juan Gris und Albert Gleizes kennen und wird Mitglied der «Section d’Or» (Goldener Schnitt), auch bekannt als Groupe de Puteaux. Das war ein Kollektiv von Malern, Bildhauern, Dichtern und Kritikern, die sich vorwiegend mit Kubismus auseinander setzten.

 

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Akt, eine Treppe
herabsteigend
Nr. 2, 1912.
Philadelphia
Museum of Art.

 

1912: Die kubistische Nackte auf der Treppe.

Mit diesem grossen Ölgemälde (150 x 90 cm) löst er am Salon des Indépendents in Paris einen Skandal aus. Aber nicht, weil es sich dabei um einen «Akt» handelt, sondern wegen der ungewöhnlichen kubistischen Abbildung. Vielleicht aber auch, weil Duchamp den Skandal gesucht hat, indem er am unteren Bildrand den Titel setzt: «Nu descendent un escalier» – obwohl keine Nackte zu erkennen ist, nicht einmal eine menschliche Figur.

 

Was Duchamp anstrebte: Er wollten einen visuellen Eindruck einer Bewegung erwecken. Das ist zweifellos gelungen. Vorbild war die damals gerade in Mode gekommene Serienfotografie. Dort gab es eine «Woman Walking Downstairs» von Eadweard Muybridge und eine Bewegungsstudie eines nackten Mannes.

 

 

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Bicycle Wheel, 1913. Israel-Museum, Jerusalem.

 

 

 

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Fountain, 1917. Replica 1964. Tate Modern London.

 

 

 

1913: Erfindung der Ready-Mades.

Duchamp gilt als der Urvater der Ready-Mades. Er malt jetzt nicht mehr, sondern erklärt irgendwelche Objekte aus dem täglichen Bedarf zu Kunstwerken. Nur weil er, der Künstler, sie dazu macht. Sie sind schon vorhanden (ready), Duchamp erhebt sie zu Kunstwerken. Er selbst sagt dazu: «Ein Kunstwerk existiert dann, wenn der Betrachter es angeschaut hat. Bis dahin ist es nur etwas, das gemacht worden ist, und wieder verschwinden kann, ohne dass jemand davon weiss».

 

Sein erstes Ready-Made ist das Velo-Rad, das er auf einen Sockel stellt. Fertig ist das Kunstwerk.

 

Sein berühmtestes Werk ist das Pissoir, das er auf den Kopf stellt. Jetzt ist es ein Fountain. Er macht den Künstler weltberühmt.

 

Duchamp möchte sein Pissoir/Fountain 1917 in der New Yorker Ausstellung «Big Show» der Society of Independents zeigen. Er reicht es unter dem Pseudonym R. MUTT ein. Das Werk wird abgelehnt, obwohl Duchamp in der Jury sitzt. Als er darauf besteht, das Werk auszustellen, setzt man ihn als Jury-Mitglied ab.

 

>mehr über Fountain und Mr. Mutt

 

Drei Jahre später kommt «Fountain» nach Köln, wo er im Brauhaus Winter ausgestellt wird. Jetzt ist Duchamp am Ziel: Es ist sein Durchbruch zur künstlerischen Anerkennung und sein endgültiger Beitritt zur internationelen Avantgarde.

 

Nicht von Marcel Duchamp?

Jüngere Forschungen legen nahe, dass die Idee für das Pissoir nicht auf Marcel Duchamp, sondern auf Elsa von Freytag-Loringhoven zurückgeht. Sicher ist das aber auch nicht.

 

>mehr über Elsa von Freytag-Loringhoven

 

 

   

monalisa

Leonardo da
Vinci und Marcel Duchamp (1887-1968). L.H.O.O.Q, Mona Lisa with moustache, 1919. Philadelphia Museum of Art.

1919: Mona Lisa mit Schnurrbart.

Nach dem Ersten Weltkrieg kehrt Duchamp aus den USA nach Paris zurück. Dort kommt er mit den Surrealisten und Dadaisten André Breton, Louis Aragon und Paul Eluard in Kontakt. Duchamp nennt sich jetzt Rose Sélavy (c'est la vie) und hängt dann noch ein «r» an zu Rrose (éros, c'est la vie). Ganz und gar der Dadaist.

 

In dieser Phase malt er auch die Mona Lisa mit Schnauz – zum Jubiläum von Leonardo da Vinci. 1919 ist sein 400. Todestag. Ein Ready-Made-Werk von Duchamp: Er fügt der fertigen Mona Lisa ja nur den Schnauz an.

 

Und was bedeuten die Buchstaben L.H.O.O.Q? Französisch ausgesprochen wird es klarer: L=elle H=hache O=au... ergibt «Elle a chaud au cul», salopp übersetzt etwa die Mona Lisa hat Feuer unter dem Hintern. Stellt sich die Frage: Wenn er die Frau schon heiss findet, warum malt er ihr dann einen Schnauz auf? Nur der Dadaist kennt die Antwort.

 

schach

Chess Game, 1910. Philadelphia Museum of Art.

1926: Schach und Schriftstellerei.

Schach ist schon immer eine Leidenschaft des Künstlers. Jetzt spielt er es nicht nur, sondern schreibt auch darüber. Eine wöchentliche Kolumne und ein Sachbuch. Und er findet, die Maler sollten sich mehr von Literaten als von Malerkollegen inspirieren lassen.

 

1936 nimmt er in New York an der Ausstellung «Phantastic Art, Dada, Surrealism» teil, die im Museum of Modern Art in New York gezeigt wird.

 

1938 berät er Peggy Guggenheim bei der Eröffnung ihrer Galerie «Guggenheim Jeune» in London. Nach ihren eigenen Worten hat sie «keine Ahnung von moderner Kunst» und lässt sich von Duchamp in diese Domäne einführen.

 

>mehr über Peggy Guggenheim

 

 

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Nude with black stockings, 1910. WikiArt.

1942: Emigration in die USA.

Während des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung Frankreichs durch die Nazis emigriert Duchamp in die USA.

 

Mit Breton, Ernst, Calder u.a. organisiert er die Ausstellung «First Papers of Surrealism».

 

Er ist auch Mitbegründer des surrealistischen Magazins VVV in New York. 1955 erhält er die amerikanische Staatsbürgerschaft; 1962 wird er Mitglied der internationalen Autorenvereinigung Oulipo.

 

etant-donnes

Etant donnés: la chute d’eau, le gaz d’éclairage,
1946-66. Philadelphia Museum of Art.

 

1946-1966: Sein letztes grosses Werk.

Es entsteht in zwanzigjähriger Arbeit – im Verborgenen. Es ist ein Raumobjekt mit dem Titel «Etant donnés» (Vorgaben). Hinter einer durchbrochenen Ziegelmauer baut der Künstler einen liegenden Frauenakt aus Gips und bemaltem Pergament auf. Im Hintergrund sieht man einen kleinen Wasserfall. Die bewaldete Landschaft ist eine übermalte Fotomontage.

 

Die Szenerie kann durch Gucklöcher betrachtet werden. Aber erst nach Duchamps Tod wird das Werk im Juni 1969 vom  Philadelphia  Museum of Art der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

   
   

 

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