Charles Gleyre (1806-1874).


Beinahe wäre er als Maler in Vergessenheit geraten – doch als Lehrmeister grosser Künstler wie Renoir, Monet, Sisley, Gérôme oder auch >Albert Anker und vielen weiteren hat er sich einen Platz in der Kunstgeschichte geschaffen.

 

 

gleyre-portrait

Charles Gleyre (1806-1874).

Selbstporträt, 1830-34.
Musée Cantonal des Beaux-Arts, Lausanne.

 

 

Charles Gleyre kommt in Chevilly im Kanton Waadt zur Welt. Mit 12 Jahren ist er bereits Waise und wird von einem Onkel in Lyon aufgenommen. Seine berufliche Karriere startet er als Textilzeichner – doch sein Ziel ist klar definiert: Er will Künstler werden. Nach seiner Zeichnerausbildung in Lyon tritt er 1825 in die Ecole des Beaux-Arts in Paris ein. Dort kopiert er zunächst französische Meister wie Géricault und Prud'hon.

 

1828 setzt er seine Studien in Italien fort und trifft in Rom auf seinen Schweizer Landsmann Leopold Robert, der sich mit Banditenszenen einen Namen gemacht hat. 1831 liefert auch Gleyre ein Bild zu diesem Thema ab: «Les Brigands romains».

 

Ab 1834 ist er im Orient unterwegs. Als Reisebegleiter eines amerikanischen Industriellen – des reichen Philanthropen John Lowell Jr. – zeichnet er Tempel, Landschaften und Volksszenen in Ägypten, der Türkei und Syrien. Es ist das Abenteuer seines Lebens. Aber die anstrengenden Reisen bei 45 Grad Hitze und Ruhranfälle schwächen ihn. Dazu kommt auch noch eine Augenkrankheit. Seinem Auftraggeber John Lowell geht es noch schlechter: Er stirbt 1836 kurz nach der strapaziösen Reise mit nur 36 Jahren.

Gleyre lässt sich nun endgültig in Paris nieder. Sein Ziel: Er will sich als Historienmaler einen Namen machen. Das Pariser Publikum ist allerdings von seinen Kompositionen wenig begeistert. Erst mit 37 Jahren gelingt ihm ein Durchbruch – mit dem Gemälde «Le Soir», das er 1843 am >Salon de Paris präsentiert. Damit holt er sich eine Goldmedaille.

 

Nun dringt sein Ruf bis in seinen Heimatkanton Waadt, der bei ihm 1850 zwei grosse historische Bilder bestellt.

1867 wird er beauftragt, den Pavillon der Schweizer Maler auf der Weltausstellung in Paris zu organisieren. Während des Deutsch-Französischen Krieges 1870-71 flüchtet er in die Schweiz und kehrt danach wieder nach Paris zurück.

 

An einer Ausstellung im Palais Bourbon erleidet Gleyre eine Arterienerweiterung und stirbt im Mai 1874. Sein Freund und Kunstkritiker Charles Clément erbt seine Werke und veröffentlicht 1878 die erste dem Künstler gewidmete Biographie.

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)
Charles Gleyre (1806-1874).

Le Soir ou Les Illustions perdues, 1843.

Musée du Louvre, Paris.

banditen

Charles Gleyre (1806-1874). Les Brigands Romains, 1831. Musée du Louvre, Paris.

 

1831: Die römischen Räuber.

Während seines Studienaufenthalts in Italien befasst er sich vornehmlich mit den Werken Michelangelos. In Rom trifft er auf seinen Schweizer Malerkollegen >Leopold Robert (1794-1835), der sich mit Banditenszenen in der römischen Landschaft einen Namen gemacht hat. 1831 liefert auch Gleyre eine Arbeit zu diesem Thema ab. Das Werk gerät aber derart deftig, dass es nicht ausgestellt werden kann und vorerst im Atelier des Künstlers verbleibt. Heute ist es im Louvre zu sehen.

 

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Charles Gleyre (1806-1874). Ägyptischer Tempel, 1840. Musée Cantonal des Beaux-Arts, Lausanne.

 

1840: Ägyptischer Tempel.

Auf Einladung des reichen US-Industriellen und Philantropen John Lowell Jr. ist er ab 1834 im Orient unterwegs. Er zeichnet für diesen Landschaften, Tempel und Volksszenen von der Türkei bis Ägypten.

 

Ausgehend von den auf der Reise erstellten Skizzen und den Zeichnungen malt er später Ölbilder wie dieses hier.

 

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Charles Gleyre (1806-1874). Le Soir ou Les Illusions perdues, 1843. Musée du Louvre, Paris.

 

1843: Der Durchbruch mit «Le Soir».

Gleyre stellt dieses Werk am Salon de Paris aus. Es wird von der Presse hoch gelobt und kommt beim Publikum gut an, die Salonjury krönt es mit einer Goldmedaille.

Das Thema scheint aus einer antiken Mythologie zu stammen – das tut es aber nicht. Es ist eine persönliche Vision des Künstlers, die er 1835 am Ufer des Nils hatte. Sie handelt vom Verlust jugendlicher Illusionen über Ruhm und Liebe und heisst deshalb auch «Les illusions perdues».

 

 

 

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Charles Gleyre (1806-1874).
La danse des bacchantes, 1849. Musée Cantonal des Beaux-Arts, Lausanne.

 

 

1849: La danse des Bacchantes.

Der Tanz der Bacchantinnen ist das letzte Gemälde, das dem Pariser Publikum 1849 präsentiert wird. Es behandelt ein klassisches Thema, das schon von Tizian bis Poussin verarbeitet wurde.

 

Allerdings fehlen bei Gleyre auf dem Bild die Hauptfiguren des Bacchus und der Satyren. Der Künstler konzentriert sich vielmehr auf einen rein weiblichen Ritus von teils nackt tanzenden Bacchantinnen.

 

 

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Charles Gleyre (1806-1874). Le Major Davel, 1850. Musée Cantonal des Beaux-Arts,
Lausanne.

 

 

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Charles Gleyre (1806-1874). Les Romains passant sous le joug, 1858. Musée Cantonal des Beaux-Arts, Lausanne.

 

1850-1858: Anerkennung in der Heimat.

 

Gleyre's Erfolg in Paris dringt nun bis in seinen Heimatkanton Waadt. Dieser ehrt den Künstler mit dem Auftrag für zwei grosse historischen Gemälde. Beide Werke werden 1850 bestellt – bis zu ihrer Fertigstellung dauerte es acht Jahre.

 

Das eine zeigt den waadtländischen Freiheitskämpfer Major Davel, der 1723 mit 500 Soldaten versuchte, die Waadt von Bern zu befreien. Das Unternehmen misslang, Davel wurde verhaftet und noch im gleichen Jahr in Vidy enthauptet.

 

Das Werk Les romains passant sous le joug stellt den Sieg der Helvetier über die Römer dar, oder genauer: die Unterjochung der Römer nach ihrer Niederlage unter Konsul Lucius Cassius gegen die Helvetier im Jahr 107 v.Chr. Die Szene soll sich bei Agen in Südfrankreich abgespielt haben, aber der Künstler platziert sie an den Genfersee.

 

Links aussen der schwertschwingende Anführer der keltischen Helvetier, Divico. Die Römer werden in Joche gezwungen, die normalerweise von Ochsen getragen werden. Rechts aussen der Karren für die Druiden und die Priesterinnen mit ihrem Siegesgesang zum Himmel. Im Zentrum die Auspeitschung der Gefangenen, rechts unten hämisch grinsende Kinder.

 

 

 

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Charles Gleyre (1806-1874). Hercule aux
pieds d'Omphale, 1863. Musée d'Art et d'Histoire, Neuchâtel.

 

1863: Herkules und Omphale.

Ein Thema aus der griechischen Mythologie. Omphale ist die Witwe des Königs von Lydien. Herkules hat eben Iphitos ermordet und muss zur Strafe als Sklave dienen. Omphale kauft ihn. Während seiner Strafzeit verteidigt Herkules das Land seiner Herrin gegen feindliche Eindringlinge.

 

Schliesslich heiratet sie ihn. In blinder Liebe zu ihr lässt sich Herkules alles gefallen, er trägt Frauenkleider , spinnt Wolle (siehe Bild) und verrichtet andere Frauenarbeiten. Aber nach der Verbüssung seiner Strafzeit erkennt der Held seine Verblendung und verlässt Omphale.

 

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