Frida Kahlo (1907-1954).


Wenn das Pech an einem klebt, wird das Leben zur Tortur. Für Frida Kahlo trifft das in brutalster Weise zu. Sie erkrankt schon als Sechsjährige an Kinderlähmung und hinkt fortan. Als sie dann als Teenager Opfer eines grässlichen Busunglücks wird, ist ihr physisches Leben so gut wie zerstört: Eine Stahlstange hat sich durch ihr Becken gebohrt. Von nun an lebt sie mit Behinderung und ständigen Schmerzen, wird von Arzt zu Arzt gereicht. Ihr halbes Leben verbringt sie liegend – im Krankenbett. Und im Bett beginnt auch ihre Karriere als Malerin. Zuerst ist es ein Zeitvertrieb, dann wir daraus eine Passion.

 

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Frida Kahlo mit 25, 1932.

Fotograf ist ihr Vater Guillermo Kahlo.

WikiCommons.

 

 

Frida Kahlo wird am 6. Juli 1907 in Coyoacàn in Mexico City geboren. Sie selbst gibt später ihr Geburtsjahr mit 1910 an (als Hommage an den Beginn der mexikanischen Revolution). Sie behauptet, ihre Eltern seien jüdische Ungaren gewesen (dabei haben sie einen lutherisch-deutschen Hintergrund mit Wurzeln in Frankfurt und Pforzheim). Ihr Vater hiess Wilhelm. Er wanderte 1890 mit 18 Jahren nach Mexiko aus, wurde dort Fotograf und nannte sich Guillermo.

 

Frida ist 18, als sich bei einem furchtbaren Busunglück ihr ganzes Leben mit einem Schlag verändert. Sie wird so schwer verletzt, dass sie zeitlebens körperlich behindert bleibt und aufgrund dieses Unfalls auch nie Kinder bekommen kann.

 

1929 heiratet sie den 20 Jahre älteren Diego Rivera, der bereits ein berühmter Maler ist. Legendär ist er für seine politischen Wandbilder, die Murales, in denen er Mexikos Geschichte in dramatischen Bildern erzählt. Politisch passen die beiden gut zusammen, sie stehen stramm auf der Seite von Revoluzzern, seien es mexikanische oder russische. Beide sind Mitglied der kommunistischen Partei.

 

Während Diego künstlerisch von seinem politischen Auftrag durchdrungen ist, malt Frida nur wenige Werke mit politischem Inhalt. Sie ist hauptsächlich mit sich selbst und ihrem qualvollen Leben beschäftigt. Sie malt über fünfzig Selbstbildnisse.

 

 

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Frida Kahlo (1907-1954).
Diego and I, 1949. WikiArt Fair Use.

 

 

 

Frida malt und malt, um damit ihre körperlichen und seelischen Qualen zu verdrängen und zu verarbeiten. Aber natürlich reicht ihr das allein nicht – sie möchte als Künstlerin auch anerkannt werden.

 

Darauf muss sie lange warten: Erst 1953 – da ist sie schon 46 und hat nur noch ein Jahr zu leben – bekommt sie endlich ihre erste Einzelausstellung in Mexiko. Zu dieser Zeit ist sie bereits permanent ans Bett gefesselt. Ihre erste Vernissage will sie aber nicht verpassen – also lässt sie sich im Bett an die Vernissage tragen.

 

Mit ihrer Gesundheit geht es weiter bergab. Noch im gleichen Jahr muss sie sich den rechten Unterschenkel amputieren lassen.

 

Am 13. Juli 1954 stirbt sie an einer Lungenembolie. Das ist die offzielle Fassung. Vielleicht war es aber auch Suizid – bei so viel erlittenen Qualen könnte man es ihr nicht verdenken.

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)
Frida Kahlo (1907-1954).

My Nurse and I, 1937.

Dolores Olmedo Collection,

Mexico City. WikiArt Fair Use

Was malte sie eigentich? Naive Volkskunst? Oder war sie eine Surrealistin? Eine Symbolistin? Oder muss sie der Neuen Sachlichkeit zugerechnet werden? Eine eindeutige Antwort fällt nicht leicht – sie war in all diesen Stilrichtungen unterwegs. Was dagegen unstrittig ist: Frida Kahlo ist die berühmteste Malerin Mexikos – und wahrscheinlich ganz Südamerikas.

 

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Selfportrait in a Velvet Dress, 1926. WikiArt
Fair Use.

 

1926: Ihr erstes Selbstbildnis.

Mit 19 malt sie ihr erstes Selbstbildnis – vom Krankenbett aus. Ziemlich genau ein Jahr nach ihrem dramatischen Busunglück, bei dem sich eine Stahlstange in ihr Becken gebohrt hat.

 

Sie scheint für immer gelähmt zu sein. Doch sie straft alle medizinischen Prognosen Lügen und lernt wieder gehen.

 

In ihren Gemälden verarbeitet sie fortan ihre körperlichen und seelischen Qualen. Es werden noch viele Selfies folgen (55!), so sehr ist sie lebenslänglich mit sich selbst beschäftigt.

 

 

 

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Frida und Diego Rivera 1932.

 

 

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Diego Rivera (1886-1957), Murales im Palacio Nacional Mexico, 1929.

 

 

 

 

1929: Heirat mit Diego Rivera.

Er ist 20 Jahre älter als sie und bereits ein gefeierter und international anerkannter Maler, als sie im August 1929 heiraten. Berühmt wird er mit den so genannten Murales, den Wandbildern, die er in öffentlichen Gebäuden anbringt und so die dramatische Geschichte Mexikos erzählt.

 

Diego Rivera (1886-1957) beginnt seine Karriere als Künstler in Europa, steht auch mit Braque und Picasso in Kontakt, malt anfänglich kubistisch. Nach seiner Rückkehr nach Mexiko nimmt er sich den monumentalen Wandbildern im Palacio Nacional und im Palacio de Bellas Artes an. Er versteht seine Arbeit als Beitrag zur Volksbildung.

 

>mehr über Diego Rivera

 

Sein liebstes Motiv ist die mexikanische Revolution.

Auch für die russische Revolution hat er eine Schwäche. Zusammen mit Frida unterstützt er in den 30er-Jahren Leo Trotzki, Lenins Mitstreiter und Gründer der Roten Armee. Nach Lenins Tod 1924 wird Trotzki von Stalin entmachtet und nach Mexiko ins Exil geschickt wird. 1940 wird er von einem sowjetischen Agenten erschossen.

 

 

 

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Henry Ford Hospital (The Flying Bed), 1932. Dolores Olmedo Coll., Mexico City. WikiArt Fair Use.

 

1932: The flying bed.

Eine Szene, die im Henry Ford Krankenhaus spielt, aber vor allem im Kopf der Künstlerin. Neben den körperlichen Problemen befasst sie sich vor allem mit ihren seelischen Nöten. Das Blut unter ihren Schenkeln verkörpert die Fehlgeburt, die sie soeben im Spital erlebt hat. Der fliegende Fötus, durch eine Art Nabelschnur mit ihr verbunden, stellt den Sohn dar, den sie sich mit Diego gewünscht hätte. Die Orchidee unter dem Bett hat die Form einer Gebärmutter. Dies ist das erste Gemälde, dass Frida Kahlo auf Metall malt.

 

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A few Small Nips (Passionately in Love), 1935. Dolores Olmedo Collection, Mexico City. WikiArt Fair Use.

1935: Ein paar kleine Dolchstiche.

«Ich habe diesen Mord gemalt, weil in Mexiko Morde ganz normal sind», soll Frida einem Freund gegenüber gesagt haben.

 

Und: «Ich selbst bin beinahe vom Leben umgebracht worden». Es steckt aber noch mehr dahinter. Das Bild zeigt auch den klassischen Macho, der «passionately in love» ist (so der Titel des Bildes) und seine Geliebte aus Leidenschaft erdolchen muss. Mit ein paar Stichen ins Herz.

 

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My Nurse and I, 1937. Dolores Olmedo Coll., Mexico City. WikiArt Fair Use.

 

1937: Meine Amme und ich.

Ein Erinnerungsbild an ihre Kindheit. Sie liegt am Busen ihrer dunkelhäutigen Indio-Amme, aus deren Brust Milch tropft. Das Gesicht der Amme steckt hinter einer präkolumbischen Maske. Vielleicht deshalb, weil sich die Künstlerin nicht mehr an ihr Gesicht erinnern kann. Sich selbst malt Frida mit dem Körper eines Kindes und dem Gesicht der erwachsenen Frau, charakteristisch dabei die prägnanten, durchgezogenen schwarzen Augenbrauen.

 

 

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Frida and Diego Rivera, 1931.
San Francisco Museum of Modern Art. WikiArt Fair Use.

 

 

 

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Selfportrait with Necklace of Thorns, 1940. Harry Ransom Center (University of Texas), Austin. WikiArt Fair Use.

 

 

1939: Die Scheidung.

Ab Mitte der 30er-Jahre kriselt es in der Ehe zwischen Frida und Diego. Hauptgrund soll die chronische Untreue von Diego sein. Den Ausschlag hat vielleicht Diegos Affäre mit Fridas Schwester gegeben. Frida erträgt das kaum, leidet, flüchtet sich in Alkohol. Und revanchiert sich schliesslich mit eigenen Affären. So unter anderen mit dem russischen Politker Leo Trotzki, einer Sängerin aus Costarica namens Chavela Vargas und mit dem deutschen Kunstsammler >Heinz Berggruen.

 

Die Ehe wird im November 1939 geschieden. Aber das ist noch nicht das Ende der Beziehung zwischen Frida und Diego. Frida scheint ihn nach wie vor zu vergöttern, äussert Suizidgedanken. Und er lässt verlauten, die Scheidung sei nur «juristisch zweckdienlich, im Sinne der modernen Zeit». Eigentlich will er sie gar nicht verlassen.

 

1940: Die zweite Hochzeit.

Der Arzt Dr. Eloesser schreibt im Mai 1940 an Frida: «Er liebt dich, und du liebst ihn». Da muss etwas dran gewesen sein, denn schliesslich heiraten die beiden ein zweites Mal, am Geburtstag von Diego, am 8. Dezember 1940.

 

In der Zeit der Trennung malt Frida das Selfie mit dem Dornenhalsband, an dem ein toter Kolibri hängt. In der mexikanischen Volkstradition gilt der Kolibri als Glücksbringer in der Liebe.

 

 

 

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Broken Column, 1944. Dolores Olmedo Coll., Mexico City. WikiArt Fair Use.

 

 

1944: Die Märtyrerin im Stahlkorsett.

Fridas Gesundheitszustand verschlechtert sich. Sie verliert Gewicht und bekommt Ohnmachtsanfälle. Man verordnet ihr orthopädische Korsetts. Sie empfindet das als Strafe und kämpft mit dem Pinsel dagegen. Malt sich nackt in einem dieser Korsetts – als Leidende, als Märtyrerin. Ihr Leiden dokumentiert sie mit Nägeln, die in ihrem Körper stecken, mit Tränen, die aus ihren Augen kullern. Eine griechische (ionische) Säule ersetzt ihr Rückgrat und steht stellvertretend für die vielen chirurgischen und letztlich nutzlosen Eingriffe an ihrem Rücken.

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Viva la Vida, Watermelons, 1954. Frida Kahlo Museum, Mexico City. WikiArt Fair Use.

1954: Ihr letztes Gemälde.

Das farbenstarke Stillleben mit Melonen entsteht in den letzten Wochen. Den Himmel unterteilt sie in eine helle und eine dunkle Seite: Leben und Tod. Acht Tage vor ihrem Ableben komplettiert sie das Bild mit der Inschrift im unteren Melonenstück: «Viva la vida». Es ist ihr Motto, das sie ein Leben lang durchgezogen hat.

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Fotos / Diashow

 

   
   

 

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