Gustav Klimt und seine Judith


Wer ist überhaupt Judith?

Sie enstammt dem Buch Judit aus dem Alten Testament. Dort heisst es: «Sie hatte eine schöne Gestalt und ein blühendes Aussehen».

Buch Judit 8,7–8. >mehr

 

Diese Aussage hätte eigentlich ein Steilpass sein müssen für die Künstler, Judith als biblische Schönheit zu malen. Aber die meisten haben die Chance verpasst. Man sah über Jahrhunderte hinaus in ihr eine Mörderin. Ein blutdrünstiges Weib, das dem Holofernes den Kopf abschlägt. Oder zumindest seinen blutigen Kopf als Trophäe präsentiert.

 

 

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Gustav Klimt, Judith I, 1901.
Schloss Belvedere, Wien.

 

 

Ganz anders Gustav Klimt. Er, der Frauenverehrer, konnte nicht anders. Er musste sie schön malen. Aber nur schön reichte ihm nicht – sie musste auch erotisch sein. Was durchaus den biblischen Tatsachen entspricht: Wie sonst hätte sie den assyrischen General verführen sollen? Oder wie es in der Bibel heisst: Wie sonst hätte er sie begehren sollen?

 

Judith war natürlich nicht nur schön. Sie war auch gottesfürchtig und hätte alles für ihr Volk der Israeliten getan. Die wurden gerade mal wieder von den Assyrern attackiert. Deren Anführer hiess General Holofernes. Der steht auf die schöne Judith und lädt sie zu einem Trinkgelage in sein Zelt ein. Er will sie betrunken machen und schaut dabei selbst etwas zu tief ins Glas – bis er benebelt einschläft. Da packt Judith die Gelegenheit beim Schopf und schlägt ihm – mit seinem eigenen Schwert – den Kopf ab.

 

Nur: Hat sie ihn vorher verführt, wie es immer heisst? In der Bibel steht davon nichts.

 

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Wie Judith wirklich ausgesehen hat, weiss natürlich niemand. Klimt wählte als Modell seine Lieblingsmuse Adele Bloch-Bauer.

 

Seit Jahrhunderten befassen sich die Künstler mit dieser Judith. Alles was in der Malerei Rang und Namen hat, hat sie schon gemalt. Von Botticelli bis Caravaggio, von Tizian bis Rubens. Keiner malte sie so schön wie Gustav Klimt.

 

 

 

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Judith II (Salome?), 1909.
Galleria Internazionale d'Arte

Moderna im Palazzo Ca’ Pesaro, Venedig.

 

 

PS: Ob Klimt in diesem Gemälde Judith abbildet oder Salome, ist unklar. Falls es sich um Salome handelt, gehört das Bild natürlich nicht auf diese Seite, denn Salome liess ja nicht Holofernes, sondern Johannes den Täufer köpfen...

 

>mehr über Salome und Johannes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Judith und Holofernes im Laufe der Jahrhunderte

 

Von blutdrünstig bis sinnlich-erotisch.

 

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1495: Andrea Mantegna (1431-1506).

Judith und Holofernes, 1495.
National Gallery of Art, Washington.

Mantegna zeigt Judith nach getaner Arbeit, sozusagen beim Aufräumen: Holofernes blutiges Haupt wird gerade entsorgt.

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1497: Sandro Botticelli (1445-1510).

Judith mit dem Kopf des Holofernes, 1497-1500. Rijksmuseum Amsterdam.

Botticelli scheint sich an den Text in der Bibel erinnert zu haben: «Judith hatte eine schöne Gestalt...».

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1504: Giorgione (1478-1510).

Judith mit dem Kopf des Holofernes, 1504. Hermitage Museum St. Petersburg.

 

Der Venzianer, der seine Lehre zusammen mit Tizian bei Giovanni Bellini absolviert hat, gilt als der innovativste Maler dieser Epoche. In diesem Bild kommt das gut zum Ausdruck: Er malt seine Judith nicht als mordendes Weib, sondern verleiht ihr eine poetische, lyrische Ausstrahlung, verbunden erst noch mit einer romantischen Morgenlandschaft. Nicht einmal der abgetrennte Kopf des Holofernes stört die Romanze.

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1509: Michelangelo (1475-1564).

Judith mit dem Kopf des Holofernes, 1509. Sixtinische Kapelle Rom.

Michelangelo verzichtet auf die blutige Szene der Enthauptung und zeigt nur noch, wie Holofernes Kopf davon getragen wird.

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1515: Tizian (1488-1576).

Judith mit dem Kopf des Holofernes, 1515.

Galleria Doria Pamphilj, Rom.

Tizian ist ganz nah dran am Geschehen. Er zeigt den Moment des Köpfens. Judith zeigt er aber nicht als schöne Frau, eher wie ein Jüngling.

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1525: Jacopo Palma i.v. (1480-1528).

Judith mit dem Kopf des Holofernes, 1525-28. Galleria degli Uffizi, Firenze.

Dieser Judith möchte man nicht im Dunkeln begegnen. Palma il Vecchio malt sie als eine Matrone, die nicht mit sich spassen lässt.

cranach

1530: Lucas Cranach d.Ä. (1472-1553).

Judith mit dem Haupt des Holofernes, 1530. Staatsgalerie Stuttgart.

Der Vielmaler Cranach lässt seine zierliche Judith hübsch und harmlos erscheinen. Hat sie dem General wirklich den Kopf abgehauen?

veronese

1582: Paolo Veronese (1528-1588).

Judith mit dem Haupt des Holofernes, 1582. Kunsthistorisches Museum Wien.

Kann dieses Mädchen eine Mörderin sein? Sie scheint ihre Tat zu bereuen und hält Holofernes abgeschlagenen Kopf schon fast zärtlich.

caravaggio

1598: Caravaggio (1571-1610).

Judith enthauptet Holofernes, 1598-99.

Galleria Nazionale d'Arte Antica, Rom.

Bei Caravaggio gehts ganz schön zur Sache, er war selbst ja auch ein Draufgänger. Spritzendes Blut und ein schreiender General.

rubens

1616: Peter Paul Rubens (1577-1640).

Judith mit dem Haupt des Holofernes, 1616.

Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig.

Rubens kanns nicht lassen – seine Judith mordet mit entblössten Brüsten. Und scheint dabei Lust zu empfinden, so triumphierend, wie sie blickt.

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1620: Artemisia Gentileschi (1593-1653).

Judith enthauptet Holofernes, 1614-20.

Galleria degli Uffizi, Firenze.

Dezidiert und zielstrebig sticht hier Judith zu. Eine der blutdrünstigsten Darstellungen des Themas – und sie stammt von einer Frau.

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1634: Rembrandt (1606-1669).

Judith beim Bankett des Holofernes, 1634.

Museo del Prado, Madrid.

Rembrandt fällt etwas aus der Rolle. Er zeigt als einziger Judith nicht mit dem Haupt des Generals, sondern etwas vorher – am Bankett.

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1840: August Riedel (1799-1883).

Judith, 1840. Neue Pinakothek München.
Der deutsche Maler, der in Rom lebte, lässt seine Judith als antike Heldin in römischer Aufmachung auftreten. Den abgeschlagenen Kopf Holofernes' hält sie diskret hinter dem Rücken verborgen.

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1901: Gustav Klimt (1862-1918).

Judith I, 1901. Schloss Belvedere Wien.

Doch, auch Klimts Judith hat einen abgeschlagenen Kopf bei sich. Aber kaum sichtbar am Bildrand. Das Hauptmotiv ist nicht der Mord, sondern die erotische Dame mit dem Schlafzimmerblick.

 

 

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