Otto Müller (1874-1930)


Er gehört zu den bekanntesten deutschen Expressionisten und war Mitglied verschiedener Künstlergruppen sowie Vorstandsmitglied im ersten Deutschen Künstlerbund 1903.

 

 

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Otto Müller, Selbstporträt, 1921.
© Zenodot Verlag.

 

 

Otto Müller kommt 1874 im damals noch preussischen Schlesien zur Welt. Sein Vater, ein Leutnant und später Steuerberater, schickt ihn in eine Lithografenlehre. Mit 22 Jahren beginnt er ein Kunststudium an der Akademie von Dresden, das er dann 1898 an der Königlichen Akademie für Bildende Künste in München fortsetzt, es aber nicht abschliesst, da ihn sein Professor >Franz Stuck für «untalentiert» hält.

 

1908 zieht er nach Berlin. Künstlerisch entwickelt er ein Faible für schlanke Mädchenfiguren, die zunächst noch akademisch-real daher kommen, dann aber immer expressionistischer werden. Er möchte sich der >Berliner Secession anschliessen, wird dort aber von der Jury abgelehnt und gründet deshalb 1910 mit anderen Expressionisten wie Max Pechstein die Untergruppe >Neue Secession». Im gleichen Jahr tritt er auch der «Kirchner-Gruppe» >Brücke bei, die schon seit 1905 besteht. Müller gehört ihr von 1910 bis zur ihrer Auflösung 1913 an.

 

Im Ersten Weltkrieg wird er 1915 als Infanterist eingezogen und ist in Frankreich und Russland im Einsatz. 1917 erleidet er eine schwere Lungenentzündung und wird vom Dienst dispensiert.

 

1919 tritt er in Berlin dem «Arbeitsrats für Kunst» bei. Diese von Erich Heckel, Käthe Kollwitz, Bruno Taut und Karl Schmidt-Rottluff gegründete Künstlervereinigung wendet sich gegen die Historienmalerei des Kaiserreichs. Die Künstler wollen versuchen, die Ziele der Novemberrevolution auf die Kunst zu übertragen.

 

Ab 1919 lehrt Müller als Professor an der Staatlichen Kunstakademie von Breslau (heute Wroclaw, Polen). Die akademischen Konventionen sind aber nicht sein Ding – er fühlt sich eher der Breslauer Künstlerbohème-Szene verbunden und möchte dem bürglichen Leben entrinnen. So unternimmt er ausgedehnte Reisen nach Südosteuropa, wo er unter Zigeunern lebt. Es entstehen authentische Werke, darunter 1927 seine berühmte «Zigeuner-Mappe», die eine Serie von farbigen Lithografien mit Roma-Motiven enthält. Während er an der Zigeunermappe arbeitet, ist er schon schwer krank.

 

Otto Müller stirbt am 24. September 1930 im Alter von 55 Jahren in Breslau an Lungentuberkulose.

 

1937 beschlagnahmen die Nazis über 300 seiner Werke aus deutschen Museen und deklarieren seine Bilder als «entartet». Dreizehn davon werden an der Münchner «Ausstellung für Entartete Kunst» 1937 gezeigt und diffamiert.

 

 

>mehr über entartete Kunst

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)

Otto Mueller (1874-1930).

Mädchen auf der Liege, 1919.

Kunstmuseum Bern, Ausstellung Gurlitt 2017.

 

 

 

 

 

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Otto Müller (1874-1930). Tänzerin mit Schleier, von einem Mann beobachtet, 1903. Privatsammlung. Foto WikiArt.

1903: Tänzerin mit Schleier

 

Ein Werk aus der Zeit, als Otto Müller noch «akademisch» unterwegs ist. Seine Vorliebe für schlanke Mädchenfiguren mit einem Schuss Voyeurismus (ein Mann im Hintergrund beobachtet die Szene) zeigt er aber schon damals. Später wird er viele Akte, meist Badende, malen.

 

Noch ist bei diesem Werk nicht zu erkennen, dass er sich von den herkömmlichen akademischen Konventionen bald lösen und zum Expressionismus übergehen wird.

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Drei Akte im Wald, 1911. Sprengel Museum Hannover.
 

1911: Drei Akte im Wald

 

Während in der «akademischen Phase» des Künstlers die Figuren noch detailliert und realistisch gemalt sind, fehlen nun die Gesichter komplett und die Körper werden nur noch als schlanke Silhouetten dargestellt. Auch sind gewisse kubistische Einflüsse zu erkennen.

 

1911 ist Otto Müller mit den >Brücke-Gründern Ernst Ludwig >Kirchner und Erich Heckel an der Ostsee unterwegs.

 

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Zwei Jünglinge und zwei Mädchen, 1917. Stedelijk Museum Amsterdam.

 

1917: Jünglinge und Mädchen

 

Dieses relativ grosse Gemälde (121 x 101 cm) entsteht während des Ersten Weltkiegs.

 

Otto Müller dient als Infanterist an den Fronten in Frankreich und Russland und holt sich 1917 eine schwere Lungenentzündung, an der er beinahe stirbt. Dieses Bild malt er möglicherweise nach seiner Genesung und Entlassung aus dem Militärdienst.

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Marischka mit Maske, 1919. Museum Folkwang, Essen.
 

 

1919: Marischka mit Maske

 

Müller ist ab 1919 als Professor an der Kunstakademie in Breslau tätig. Dieses Bild zeigt Marischka, seine Gattin, die er 1905 geheiratet hat. Zur Entstehungszeit des Gemäldes soll er über eine Scheidung nachgedacht haben, weil er in einer Liebesbeziehung zu einer seiner Schülerinnen an der Breslauer Akademie stand.

 

Sich selbst stellt der Künstler als Maske dar, mit leeren Augen und versteinertem Mund. Marischka hingegen wirkt selbstbewusst und dynamisch. 1921 ist sie es, die sich von ihm scheiden lässt und nach Berlin zurück kehrt.

 

 

 

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Stehende Zigeunerkinder, 1927. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg.

 

 

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Zigeuner-
madonna, 1927. Sammlung
Karsch, Berlin.

 

 

Leben unter Zigeunern

 

Ab 1919 unterrichtet Otto Müller als Professor an der Kunstakademie Breslau, aber eigentlich möchte er lieber ein Leben als Bohémien führen. Um den bürglichen Konventionen zu entfliehen, unternimmt er nun ausgedehnte Reisen nach Südosteuropa. Nach Split an die dalmatinische Küste Kroatiens und nach Sarajevo, in die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina. Dort findet er den Zugang zu Zigeunerfamilien und lebt unter ihnen.

 

1927 entsteht sein berühmtestes Werk: die Zigeuner-Mappe, die aus einer 9-teiligen Serie von farbigen Lithografien besteht. Das Hauptblatt «Zigeunermadonna (Zigeunerin mit Kind vor Wagenrad)» ist eine Farblithografie von drei Steinen und Grün aquarelliert. Die Zigeuernmappe gilt als Müllers wichtigste graphische Arbeit und als Höhepunkt des expressionischen Steindrucks.

 

Nach dem Druck überarbeitet der Künstler jedes einzelne Blatt mit Aquarellfarben oder Kreide, sodass jede Litho zu einem Unikat wird. Zudem signiert er die Blätter erst beim Verkauf. Er kann allerdings keine kompletten Mappen verkaufen, nur einzelne Blätter.

 

Heute sind diese Kunstwerke gesucht. Die Litho Nr. 168 (70 x 50.4 cm) aus der Sammlung Karsch wurde 2017 in einer Auktion bei Ketterer für 100'000 Euro ersteigert.

 

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Fotos / Diashow

 

   
   

 

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