Niki de Saint Phalle (1930-2002)


Weltberühmt wird sie durch eine üppig-weibliche Kunstfigur, die Nana. Die französisch-amerikanische Doppelbürgerin heisst eigentlich Catherine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle und kommt am 29. Oktober 1930 in Neuilly-sur-Seine zur Welt, wächst aber vornehmlich in den USA auf.

 

 

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Niki de Saint Phalle, Foto von Lothar Wolleh.
WikiCommons, www.lothar-wolleh.de

 

 

 

Ab 1936 besucht sie die Klosterschule Sacré-Coeur in New York. Mit 18 heiratet sie das erste Mal: ihren Jugendfreund Harry Mathews. Mit ihm hat sie zwei Kinder, Laura (1951) und Philip (1955). 1960 wird das Paar geschieden.

 

Ihre künstlerische Karriere beginnt 1953 in Paris – mit ersten Gemälden. 1956 wird man auf sie als Aktionskünstlerin aufmerksam, als sie ihre so genannten «Schiessbilder» präsentiert. Dabei handelt es sich um Gipsreliefs mit eingearbeiteten Farbbeuteln, auf die sie während der Vernissage schiesst. Das Werk entsteht so vor den Augen des Publikums – mit Farben, die über das Relief fliessen.

 

1962 nimmt sie gemeinsam mit Jean Tinguely an der Ausstellung Dylaby in Amsterdam teil. Ab 1965 entstehen ihre ersten «Nanas», die zu ihrem Markenzeichen werden sollten: Frauenfiguren mit betont üppigen Formen. Ein Jahr später baut sie für das Stockholmer Moderna Museet eine 29 Meter lange liegende Skulptur mit dem Namen Hon (schwedisch für «sie»). Das Publikum kann sie durch eine symbolische Vagina betreten, im Innern befinden sich eine Bar und ein Kino.

 

Ab 1968 bietet man ihr eine Reihe von Ausstellungen in New York, München, Hannover, Paris, Amsterdam, Stockholm und Rom.

 

1971 wird die Französin/Amerikanerin durch die Heirat mit >Jean Tinguely auch Schweizerin. Mit ihm zusammen peilt sie ihren ewigen Lebenstraum an: den eigenen Kunstgarten. Dieser entsteht in der Toskana bei Capalbio und trägt den Namen «Giardino dei Tarocchi» (Garten des Tarots). Es ist ein «ewiges Werk», das mehr als zwei Jahrzehnte dauert, bis es 1998 endlich für das Publikum freigegeben werden kann. Damit erfüllt sich Nikis Lebenstraum.

 

 

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Sonnengott im Giardino dei Tarocchi
in der Toskana.

 

 

In der Bundeskunsthalle in Bonn stellt sie 1992 auf dem Dachgarten über zwanzig zum Teil begehbare Grossplastiken aus.

 

Ab 1999 ist sie mit der Ausgestaltung der Grotten im Grossen Garten in Hannover beschäftigt, der 2003 dem Publikum übergeben wird. 2000 wird sie zur Ehrenbürgerin der Stadt Hannover ernannt und vermacht zu diesem Anlass über 400 ihrer Werke dem Sprengel-Museum in Hannover.

 

In ihrem letzten Lebensjahrzehnt kränkelt sie. Sie glaubt, dass das jahrelange Arbeiten mit Kunststoff und den damit verbundenen giftigen Dämpfen ihre Atemwege angegriffen hat. Die Ärzte raten ihr, ins milde Klima von Kalifornien zu ziehen, um ihre Lunge zu schonen – aber vergebens. Sie stirbt am 21. Mai 2002 im Alter von 71 Jahren in San Diego. Ob die Ursache wirklich die giftigen Dämpfe waren, ist nicht gesichert, zumal festgestellt wurde, dass ihre Erkrankung schon älter und chronisch war.

 

 

 

 

 

Titelbild

Nana im Dorf Capalbio (Toskana).

 

 

 

 

 

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Nikki de Saint Phalle (1930-2002). The Shooting Altar. Stedelijk Museum Amsterdam.

 

 

1956: Spektakuläre «Schiessbilder»

 

Ihre ersten künstlerischen Werke sind Gemälde, mit denen sie 1953 startet. Bekannt wird sie dann aber 1956 mit ihren Schiessbildern. Dabei handelt es sich um Gipsreliefs, in die sie allerlei Figuren und «Spielzeuge» einbaut, Puppen, Vögel, Elefanten, Madonnen und alles, was ihr sonst noch in den Sinn kommt. Neben den Figuren baut sie Farbbeutel unter den Gips ein. Jeweils an der Vernissage schiesst sie auf diese Farbbeutel. Sie platzen und geben die Farbe frei und erwecken so das Werk zum Leben – direkt vor dem Publikum.

 

 

 

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Nikki de Saint Phalle (1930-2002). Nana im Dorf Capalbio, Toskana.

 

 

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Nikki de Saint Phalle (1930-2002). l'Ange protecteur im Hauptbahnhof Zürich.

 

 

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Nikki de Saint Phalle (1930-2002). Hon -
en kathedral. Moderna Museet Stockholm, 1966.

 

 

 

1965: Nanas – Nikis Markenzeichen

 

Ihren Durchbruch zur weltweit anerkannten Künstlerin schafft sie mit der Erfindung ihrer Nanas. Ihre üppigen Frauenfiguren enstehen ab 1965 und werden zunächst aus Draht und Textilien gebaut, später dann aus Polyesterverbund, wie er im Bootsbau verwendet wird.

 

«Für mich waren die Nanas zunächst das Symbol einer fröhlichen, befreiten Frau», sagt die Künstlerin. «Jetzt sehe ich sie als Vorboten eines neuen matriarchalischen Zeitalters, von dem ich glaube, dass es die einzige Antwort ist. Sie repräsentieren die unabhängige, gute, gebende, glückliche Mutter.» Mit ihrer Parole «Alle Macht den Nanas» greift sie auch die in ihren Anfängen steckende Frauenbewegung auf.

 

Nicht alle Leute sind begeistert. In Hannovers Stadtzentrum werden 1974 drei Nanas aufgestellt – und prompt empfindet das ein Teil der Bevölkerung als Skandal. Man sammelt 18'000 Unterschriften gegen sie. Daraufhin verlegt man die Nanas ans Ufer der Leine.

 

In Schweden dagegen ist Nana willkommen. Für das Moderna Museet Stockholm baut Niki de Saint Phalle zusammen mit Per Olov Ultvedt und ihrem künftigen Gatten Jean Tinguely eine 29 Meter grosse liegende Riesen-Nana, in die das Publikum eintreten kann – und zwar durch eine symbolische Vagina. In der rechten Brust befindet sich eine Milchbar und im Arm kann man einen Film von Greta Garbo anschauen. Zudem ist Hon, so heisst diese Nana (schwedisch für «sie») schwanger, was mit einem dicken Bauch in Form eines Goldfischbeckens symbolisiert wird. Über 100'000 BesucherInnen geben Hon die Ehre. Nach der Ausstellung 1966 wird die Skulptur zerstört.

 

 

   

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Niki de Saint Phalle (1930-2002). Golem, 1972. Rabinovich Park Jerusalem. Foto Gila Brand, WikiCommons.

Golem – das Monster von Jerusalem

 

Das Highlight des Rabinovich Parks in Jerusalem. Eine monumentale Spielskulptur mit Monsterkopf und drei Zungen, auf denen die Kinder runter rutschen können. Es wird erzählt, dass der Bürgermeister bei der Einweihung auch rutschen wollte, aber das Gedränge an der Leiter sei so gross gewesen, dass er es nicht schaffte. Die Künstlerin erklärte, dass das die Skulptur sei, auf die sie am stolzesten sei.

 

 

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Nikki de Saint Phalle (1930-2002). La Nana danseuse in Montreal, 2017. Foto art_inthecity. WikiCommons.

 

Balade pour la Paix, Montreal

 

Diese monumentale Nana wird im Juni 2017 zum Jubiläum des 150-jährigen Bestehens von Kanada in Montreal aufgestellt. Veranstalter der «Balade pour la Paix» mitten in der Stadt ist das Montreal Museum of Fine Arts (MMFA).

 

Es ist ein Freilichtmuseum, in dem dreissig Skulpturen präsentiert werden. Darunter diese bunte «Nana danseuse» von Niki de Saint Phalle. Sie heisst Bloum (Namen der Enkelin der Künstlerin) und ist eine der grössten Nanas, die je produziert wurden.

 

 

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Il Giardino dei Tarocchi. http://ilgiardino-dei-tarocchi.it

 

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Pferd und Reiter.

 

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Die mächtigste Figur des Gartens ist die bewohn-bare Empress, die «Herrscherin», die die 1982 fertig wird.

 

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Schlafzimmer der Künstlerin.

 

 

 

Ein Lebenstraum geht in Erfüllung

 

Auf dem Hügel eines ehemaligen Steinbruchs in der Nähe von Capalbio in der Toskana erfüllt sich die Künstlerin ihren Lebenstraum: einen eigenen Kunstgarten. Il Giardino dei Tarocchi nennt sie ihn, den Tarot-Garten. Als Vorbild dient ein Kartenspiel aus dem 18. Jahrhundert, das «Tarot de Marseille». Es wurde und wird vor allem für das Wahrsagen verwendet.

 

Die ersten Entwürfe für den Garten stammen aus dem Jahr 1976. Es dauert zwei Jahrzehnte, bis er betriebsbereit ist. Niki de Saint Phalle bezieht während der Bauarbeiten ein Häuschen in der näheren Umgebung. >Jean Tinguely, Rico Weber und Sepp Imhof des «All Star Swiss Teams» schweissen die turmhohen Eisengerüste zusammen. Für die Bauarbeiten werden einheimische Handwerker beschäftigt. Die Keramikarbeiten führt die italienische Künstlerin Venera Finocchiaro aus. Um das Ganze zu finanzieren, entwirft die Künstlerin 1982 für die Jaqueline Cochran Company ein eigenes Parfum in blau-goldenem Flakon.

 

Heute beeindrucken mehr als zwanzig Skulpturen, verziert mit glitzernden, spiegelnden und farbigen Mosaiksteinen, die BesucherInnen.

 

Die mächtigste Figur, die Empress, wird 1982 fertig und die Künstlerin macht sie zu ihrer Wohnung, in der sie sieben Jahre lang lebt. Die Eröffnung des Gartens findet am 15. Mai 1998 statt.

 

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Fotos / Diashow

 

   
   

 

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