Ausstellung «Die Kunst der Abstraktion»
Galerie kunstzürichsüd, Adliswil
7. bis 30. Mai 2026
Man glaubt es zu wissen: Abstrakt ist ein Bild dann, wenn es nichts Gegenständliches zeigt. Aber stimmt das auch? In der heutigen Kunstsprache hat es sich zwar so eingenistet – aber kunstgeschichtlich gesehen
ist das falsch.
Ausstellungsplakat
Im Wort «Abstraktion» steckt nämlich das lateinische abstrahere (= abziehen, loslösen). Als die ersten Künstler begannen, abstrakt zu malen, war das ein Prozess. Der «Vater der Abstraktion», Wassily Kandinsky, ging von realen Landschaften, Dingen, Menschen oder Tieren aus, die er nach und nach vereinfacht darstellte (oder «reduziert», wie das kunstbegrifflich heisst). Das waren Bilder, die noch etwas Erkennbares darstellten, aber eben vereinfacht, reduziert. Die Reduktion ging immer weiter, bis keine Gegenstände mehr zu erkennen waren. Es waren nur noch Formen- und Farbgebilde, die er «Kompositionen» oder auch «Improvisationen» nannte.
Wassily Kandinsky (1866-1944).
Improvisation 19A, 1911.
Lenbachhaus München.
Von nun an galten als abstrakte Werke einerseits solche, die Dinge abstrahiert zeigten und anderseits auch solche, die gar nichts Gegenständliches mehr zeigten.
Künstler und Kunsttheoretiker gerieten sich in die Haare, denn nun war auf einmal nicht mehr klar, was abstrakte Kunst wirklich ist. Der Begriff «abstrakt» wurde schwammig und auf beide Arten ausgedehnt: auf Abstrahiertes und auf Gegenstandsloses.
Heute gilt allgemein: Als abstrakt bezeichnet man Werke, die sich von der realistischen Darstellung losgelöst haben, egal, wie schwach oder wie stark die Loslösung von der Realität vollzogen wurde oder ob sie überhaupt noch Gegenständliches zeigen.
>mehr über Kandinsky
und die
abstrakte Malerei
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Silke Dohrmann stellt in ihrer Laudatio
an der Vernissage vom 7. Mai 2026
die Künstlerinnen vor.
Die Künstlerinnen der Mai-26-Ausstellung
v.l.n.r. Blazenka Kostolna, Barbara Saxer-Gerber, Marianne Odok, Minttu Di Vincenzo.
>ausstellende Künstler:innen A-Z
Titelbild (Ausschnitt)
Blazenka Kostolna. Die Elemente.
Acryl auf Leinwand. 40x40cm.
Minttu Di Vincenzo
Minttu Di Vincenzo. Unlearning perfection. Acryl, Kohle auf Leinwand. 110x90cm.
Minttu Di Vincenzo.I learned to stay. Acryl, Kohle auf Leinwand. 110x90cm. |
Minttu Di Vincenzo (1977)
«Es nervt mich, tagtäglich zu erleben, wie die Leute nach äusserer Schönheit und Perfektion lechzen», sagt sie. Auch in ihrem Beruf als Coiffeuse wird sie ständig damit konfrontiert. «Manchmal halte ich diese Sucht nach Schönsein kaum noch aus. Dann suche ich nach Freiräumen und Stille. In der Kunst kann ich den Zwängen nach Perfektion entfliehen».
Minttus abstrakte Malereien strahlen das aus. Ihre Werke wollen weder «perfekt» noch «schön» sein. Wenn Minttu sich ans Malen macht, hat sie kein Ziel im Kopf, sondern lässt alles fliessen. Ihre Motive entstehen aus dem Gefühl heraus, sie entziehen sich jeder Kontrolle. Freiräume spielen dabei eine wichtige Rolle, deshalb bestehen ihre Bilder auch aus viel Weissraum. «In diesem Freiraum kann ich atmen», sagt sie dazu.
Manchmal malt sie sogar mit verschlossen Augen. Wie in ihrem Collage-Werk aus Acryl und Kohle «We will cross it anyway».
In der Ausstellung in Adliswil zeigt sie eine Serie abstrakter Werke, die für ihren Drang nach künstlerischer Freiheit charakteristisch sind und bewusst nach «Un-Perfektion» streben: «Unlearning perfection», «I learned to hold», «I learned to stay» oder «I learned to shift».
Minttu Di Vincenzo kommt 1977 in Elimäki, in der finnischen Region Kouvola, zur Welt. Zur Kunst findet sie schon früh durch ihren Vater, der selbst kreativ war und malte. Sie selbst beginnt ihre malerische Tätigkeit erst, als sie nach schweren Operationen nicht mehr in ihrem Beruf als Coiffeuse tätig sein kann. Nun nimmt das Malen einen wichtigen Stellenwert ein. Rasch entwickelt es sich zu einer Leidenschaft, die ihr bis heute geblieben ist. Anfangs der 2020er-Jahre beginnt sie, ihre künstlerischen Fähigkeiten zu vertiefen – im Selbststudium mit Online-Kursen. Seit 2009 wohnt sie in Zürichs Altstadt im Niederdorf, seit 2025 ist sie Mitglied bei kunstzürichsüd.
>weitere Werke von Minttu Di Vincenzo (PDF)
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Blazenka Kostolna
Blazenka Kostolna. Fünf Gemälde
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Blazenka Kostolna (1949)
Aus ihren grossformatigen Werken (je 100x170cm) stechen fünf blaue besonders hervor. Betitelt sind sie mit «In Memoriam für Papst Johannes Paul II (Wojtyla)». Sie stammen alle aus dessen Todesjahr 2005. Dahinter steckt eine bemerkenswerte Geschichte. Der Pole Wojtyla wurde 1978 als erster Nicht-Italiener seit 1522 zum Papst gewählt. Und weil die Künstlerin auch aus einem Land des (damaligen) Ostblocks stammt, aus der CSSR, wollte sie «ihrem» Papst die letzte Ehre erweisen.
Als der Papst im Sterben lag, malte sie ein erstes abstraktes, grosses blaues Bild für ihn – in Memoriam. Aber Wojtyla starb nicht. Kostolna malte noch ein Bild. Und dann noch eins, als der Sterbeprozess nicht aufhören wollte. Und dann noch eins, bis es schliesslich fünf waren. Dann verliess Wojtyla diese Welt.
Auf jedes der fünf Gemälde setzte die Künsterin einen ganz feinen goldenen Streifen – als ewiges Licht, dem Wojtyla nun folgen kann. Und warum sind die Gemälde in tief-blauer Farbe? Als Zeichen der Trauer, wie es auch Pablo Picasso handhabte, als er seinem besten Freund die letzte Ehre erwies. Spannend ist allerdings, dass Kostolna das erst viel später erfuhr. Sie hatte sich ganz spontan für die Trauerfarbe Blau entschieden.
In der Ausstellung zeigt die Künstlerin noch weitere christlich- biblische Motive. Eine Serie aus der Genesis (Schöpfung I, II, III). Und «Dreifaltigkeit». Und zweimal das Paradies (I und II). Alles abstrakt natürlich. Und doch ein klein wenig figurativ. Damit alle ihre Paradies-Fantasien walten lassen können.
Aber es gibt auch durchaus Weltliches zu entdecken. So zwei grossformatige Werke in satten rot-gelben Tönen, die an ein Ereignis erinnern, das sich zufällig auch im Todesjahr von Papst Wojtyla ereignete: «Anschlag auf die Londoner U-Bahn 2005». Es war ein fürchterlicher islamistischer Terroranschlag mit vier Bomben in drei U-Bahnen und in einem Bus. Ingesamt starben über fünfzig Menschen, 700 wurden verletzt. Die Attentäter sprengten sich selbst in die Luft.
Die Künstlerin hat zwar keinen persönlichen Bezug zu diesem Ereignis, aber die damaligen aufwühlenden Geschehnisse im Jahr 2005 hatten sie so mitgenommen, dass sie diese Werke spontan malen musste. Wie schön, dass die heutige Weltlage so viel ruhiger und friedlicher (...) geworden ist!
>weitere Werke von Blazenka Kostolna (PDF)
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Marianne Odok
Marianne Odok. Abstract Head. Acryl auf Leinwand, 50x50cm.
Marianne Odok. Dangerous Landing. Acryl
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Marianne Odok (1951)
Sie ist nicht nur ausserordentlich aktiv bei kunstzürichsüd, sondern zeigt auch eine bemerkenswerte Vielfalt in ihrem künstlerischen Schaffen. Ihr Rüstzeug holte sich sich in einem Studium an der Neuen Zürcher Kunstschule in Zeichnen, Malen und Collagieren.
Dazu bildet sie sich auch autodidakt ständig weiter. So zum Beispiel in der Fotografie und in der digitalen Welt. Schon im >Januar 26 zeigte sie eine Reihe von abstrakten fotografischen Werken; diesmal sind es malerische Werke und Skulpturen.
«Mit Hyper-Realismus habe ich wenig am Hut. Eigentlich ist ja alles abstrakt», sagt sie philosophisch. Was ja auch stimmt, denn auch das meiste Figurative wird zumindest reduziert dargestellt, gehört also zur Abstraktion. Mit Abstract Head zeigt sie, was sie damit meint. Ja, es ist ein Kopf, aber stark abstrahiert.
Ihr Werk Dangerous Landing lässt einen schmunzeln, vor allem im Zusammenhang mit dem witzigen Titel. Ein einäugiges rotes Etwas schwebt am blauen Himmel und möchte landen. Ist es ein Ufo oder organisch? Falls Letzteres zutrifft, kann man physisch mitfühlen, wie schmerzvoll die Landung geraten wird, wenn es auf diese giftigen Bergspitzen auftreffen wird... autsch.
In der Ausstellung zeigt die Künstlerin auch eine Reihe von figurativen Abstraktionen wie «Diver» oder «Veiled Woman» oder «Man in a Box». Die Inspiration zum Gemälde «Maya God» holte sie sich auf ihren Reisen im Land der Mayas in Mexiko und Guatemala.
Mit Begeisterung schafft sie auch spassige Skulpturen. «Ich mache einfach, was mir gerade so in den Sinn kommt», sagt sie. In der Galerie Adliswil stellt sie Nester mit Eiern aus. Zwei ziemlich gegensätzliche: Das «Black Nest» mit Stacheldraht scheint wenig einladend, während das «Soft Nest» mit zarten Federn richtig kuschelig daherkommt.
>weitere Werke von Marianne Odok (PDF)
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Barbara Saxer-Gerber
Barbara Saxer-Gerber.
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Barbara Saxer-Gerber (1969)
Von Beruf ist die gebürtige Basellandschaftlerin aus Liestal BL Lehrerin und unterrichtet im Moment eine 3. Primarklasse in Zürich. Kunst hat sie «schon immer» interessiert – heisst: von Kind an. Ihre künstlerische Ausbildung holte sie sich 2019 bei einem CAS-Lehrgang «Bildnerisches Gestalten» an der Zürcher Hochschule der Künste, sie bildet sich aber auch autodidaktisch ständig weiter. Seit 2020 ist sie Mitglied bei kunstzürichsüd.
Wer ihre fünfseitigen «Saxer-Impressionen» (siehe Link unten) studiert, kommt schnell zum Schluss: Sie ist keine reine «Abstrakte». In ihren Werken wimmelt es von Figurativem. Die von ihr verwendeten Medien scheinen unendlich zu sein: Wellkarton, Verpackungsmaterial, Zeitungspapier, Seidenpapier, WC-Papier, Stoff, Gips, Holz, Schnüre... und Abfallprodukte jeder Art, denen sie ein Upcycling verpasst und zu Kunstwerken aufwertet. Sie arbeitet mit Öl, Acryl, Kohle, Tusche, Kaffeesatz und anderen ausgefallenen Produkten.
In der Ausstellung zeigt sie mehrere Abstract-Kompositionen, die dem Wort und dem Wortspiel gewidmet sind. Es sind bunte Collagen aus Wellkarton, Zeitungsausschnitten und von Hand geschriebenen Texten. Um das komplexe Werk zu verstehen, muss man sich sehr viel Zeit nehmen.
Zumal die Künstlerin ihren Besucher:innen erklärt, dass sich ein bestimmtes Wort (oder eine Wortfolge?) in allen drei Werken wiederfinden soll. Welche sind das? Wer das herausfindet, kann sich gerne mit der Künstlerin in Verbindung setzen und über die erfolreiche Suche berichten. Einen Preis dafür hat sie zwar nicht ausgesetzt, aber es wird sie freuen.
Woher kommt ihr spezieller Bezug zu Worten und Wortspielen? Einerseits ist sie an Wort und Schrift beruflich interessiert, aber persönlich geht es ihr vor allem darum, der Sprache und dem Umgang mit dem Wort Sorge zu tragen. Dabei verweist sie auf die heutige Verwilderung der Sprache und den respektlosen Umgang in der Kommunikation zwischen «modernen» Menschen.
>weitere Werke von Barbara Saxer-Gerber (PDF)
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>Ausstellungen in der Galerie Adliswil ab 2025
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