Man glaubt es zu wissen: Abstrakt ist ein Bild dann, wenn es nichts Gegenständliches zeigt. Aber stimmt das auch? In der heutigen Kunstsprache hat es sich zwar so eingenistet – aber kunstgeschichtlich gesehen ist das falsch.
Das Wort «abstrakt» kommt von «abstrahieren» (lateinisch abstrahere = abziehen, loslösen). Als man begann, abstrakt zu malen, war das ein Prozess. Man ging von realen Landschaften, Dingen, Menschen oder Tieren aus, die man nach und nach vereinfacht darstellte (oder «reduziert», wie das kunstbegrifflich heisst). Das waren Bilder, die noch etwas Erkennbares darstellten, aber eben vereinfacht, reduziert.
Im Laufe der Zeit schlichen sich dann aber Gemälde ein, die nichts Erkennbares mehr darstellten, also völlig gegenstandslos waren. Irgendwelche Formen- und Farbgebilde, die man «Kompositionen» oder auch «Improvisationen» nannte.
Von nun an galten als abstrakte Werke einerseits solche, die Dinge abstrahiert zeigten und anderseits auch solche, die gar nichts Figuratives mehr zeigten.
Künstler und Kunsttheoretiker gerieten sich in die Haare, denn nun war auf einmal nicht mehr klar, was abstrakte Kunst wirklich ist. Der Begriff «abstrakt» wurde schwammig und auf beide Arten ausgedehnt: auf Abstrahiertes und auf Gegenstandsloses.
Heute gilt allgemein: Als abstrakt bezeichnet man Werke, die sich von der realistischen/natürlichen Darstellung losgelöst haben, egal, wie schwach oder wie stark die Loslösung von der Realität vollzogen wurde. Heisst: Egal, ob die Realität reduziert dargestellt wird oder ob sie im Bild gar nicht mehr vorkommt.
Wollte man sich korrekt ausdrücken, müsste man unterscheiden zwischen «abstrahierter Abstraktion» und «gegenstandsloser Abstraktion». Nur tut das heutzutage kaum jemand mehr. Man macht es sich einfach und bezeichnet Bilder, in denen man Dinge, Menschen oder Tiere nur schwer oder gar nicht mehr erkennen kann, einfach als abstrakt.
>Kasimir Malewitsch (1878-1935).
The Woodcutter, 1912. Kubofuturismus.
Stedelijk Museum Amsterdam.
>Joan Miró (1893-1983).
Pintura (Mann mit Pfeife), 1925.
Museo Reina Sofia, Madrid.
>Mark Rothko (1903-1970).
Untitled, 1952. Lavender and Green.
Sammlung Beyeler.
>Hans Jean Arp (1886-1966).
Femme Paysage, 1962. Marmorskulptur.
Kunst Museum Winterthur.
Wassily Kandinsky (1866-1944). Murnau, Blick aus dem Fenster des Griesbräu, 1908. Lenbachhaus München.
Wassily Kandinsky (1866-1944). Murnau, Kohlgruberstrasse, 1908. Sammlung Merzbacher, Kunsthaus Zürich.
Wassily Kandinsky (1866-1944). Zwei Reiter und liegende Person, 1909-10. Sammlung Merzbacher, Kunsthaus Zürich. |
Kandinsky – Vater der abstrakten Kunst?
Sicher ist der Russe >Wassily Kandinsky ein Pionier der abstrakten Kunst. Er ist es auch, der als Erster eine umfassende Theorie der abstrakten Malerei verfasste. Diese erschien 1911/12 unter dem Titel
Der 1866 in Moskau geborene Künstler zog 1896 nach München. 1902 lernte er >Gabriele Münter kennen, mit der er sich 1908 im bayrischen Murnau niederliess.
Die Zeit in Murnau war für Kandinsky eine wichtige Phase. Hier stellte er die Weichen zu seinen später berühmten abstrakten Werken.
Um zu diesem neuen Kunststil zu gelangen, musste er seine Landschaftsmalerei neu überdenken. Er fand, diese müsste von «seinem persönlichen Inneren durchdrungen» sein. Die Natur sollte nicht mehr nur abgebildet werden, sondern durch neue Farben und Formen so dargestellt werden, dass sie «der Seele des Künstlers» entspricht. Die Farben wurden verfremdet, die Formen vereinfacht, in der Fachsprache reduziert.
1908 löste sich Kandinsky dann von der natürlichen Abbildung. In «Murnau, Kohlgruberstrasse» zeigt sich das beispielhaft. Komplett reduzierte Formen, frei gewählte Farben (Bäume, Weg). Mit den Farben der Natur haben sie nichts mehr gemein.
Kurz danach entstand das Werk «Zwei Reiter
|
Pablo Picasso (1881-1973). Nu assis, 1909-1910. Tate London.
Robert Delauney (1885-1941). Hommage à Blériot, 1914. Kunstmuseum Basel. |
Kubismus – die erste Form von Abstraktion?
Manche sehen das so. Denn kurz vor Kandinskys Entwicklung von der Landschaftsmalerei zur Abstraktion kam der Kubismus in Mode, etwa ab 1907.
Auch in diesem neuen Kunststil wurden die Dinge und Menschen nicht mehr nach der Natur abgebildet, sondern abstrahiert und in geometrische Formen (Facetten, Flächen, Kuben) aufgelöst.
So gesehen, kann man den Kubismus als erste Form der Abstraktion bezeichnen.
Allerdings sahen Künstler wie Picasso und Braque ihre neue Kunstform nicht als Reduktion der Natur, sondern im Gegenteil «als gesteigerten Realismus». Indem sie Dinge und Menschen in Flächen auflösten und wieder so zusammensetzten, dass man sie aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten konnte – dass sie also multiperspektivisch wurden. Dass das Ziel nach «gesteigertem Realismus» mit dem >Kubismus
|
Wassily Kandinsky (1866-1944). Murnau – Garten II, 1910. Sammlung Merzbacher. Kunsthaus Zürich.
Wassily Kandinsky (1866-1944). Schwarzer Fleck, 1921. Kunsthaus Zürich. |
Der Weg in die gegenstandslose Abstraktion
Kandinskys Bild «Murnau - Garten II» von 1910 geht gegenüber «Murnau Kohlgruberstrasse» von 1908 hinsichtlich Abstraktion noch einen deutlichen Schritt weiter, ist aber immer noch «lesbar» – zu erkennen sind immer noch Blumen, Wolken, Häuser.
Anders das Werk «Schwarzer Fleck» aus dem Jahr 1921. Dieses ist ein Musterbeispiel für die gegenstandslose Abstraktion, denn es enthält jetzt keine erkennbaren Motive mehr, sondern besteht nur noch aus einer Kompilation von kaum definierbaren Formen und Farben.
Zufällig entstanden sind aber die Formen und Farben in diesem Werk nicht. Kandinsky griff vielmehr auf seine eigenen «Regeln» zurück, die er in seiner theoretischen Schrift «Über das Geistige in der Kunst» schon 1911/12 formulierte.
«Schwarzer Fleck» ist also Teil einer bewusst reflektierten Bildsprache und steht an der Schwelle zur >Bauhaus in Dessau ab 1919 formuliert wurde.
|
Piet Mondrian (1872-1944). Composition with Red, Yellow, Blue, Black, 1921. Kunstmuseum
|
Bauhaus: Die geometrische Abstraktion
Darunter versteht man die im >Bauhaus
Bevorzugt wurden die Primärfarben Rot, Gelb, Blau plus Schwarz/Weiss/Grau, oft in klar abgegrenzten Feldern.
Hinsichtlich geometrische Abstraktion spielte
Berühmt für seine geometrischen Werke ist vor allem >Piet Mondrian.
Auch >Paul Klee zerlegte Motive in geometrische Farbfelder wie Quadrate und Raster. Während seiner Bauhausjahre entwickelte Paul Klee rein abstrakte Kompositionen aus Farbquadraten und geometrischen Strukturen.
|
Jackson Pollock (1912-1956). Number 7 (Out of the Web), 1949. Staatsgalerie Stuttgart.
Willem de Kooning (1904-1997). Untitled IX, 1977. Fondation Hubert Looser, Kunsthaus Zürich.
|
Der abstrakte Expressionismus
Die zwei berühmtesten Vertreter des abstrakten Expressionismus und des Action Paintings sind Jackson Pollok und Willem de Kooning. Sie arbeiteten in den 1940/50er-Jahren in New York.
Die beiden Künstler gehörten zur ersten Generation des Abstrakten Expressionismus. Beide verstanden das Bild als Resultat eines körperlich-gestischen Malakts.
>Jackson Pollock entwickelte seine nicht‑figürliche
>Willem de Kooning dagegen arbeitete mit Pinsel und stark pastöser Farbe. Er produzierte sowohl «erkennbare» – wenn auch deformierte Figuren (meist Frauenfiguren) als auch rein abstrakte, gegenstandslose Bilder. Solche entstanden vor allem in seinen letzten Lebensjahren, als er bereits stark alkohlabhängig war.
|
