Ausstellung «Roy Lichtenstein,
Sweet Dreams Baby». Kunstmuseum Basel, 22.8.26 bis 14.3.27

 

 

Roy Lichtenstein im
Basler Kupferstichkabinett

 

Die Ausstellung im Neubau des Kunstmuseums Basel ist keine übliche Präsentation von Werken, die aus zahlreichen anderen Museen zusammengetragen werden. Die gezeigten Arbeiten Roy Lichtensteins stammen fast ausschliesslich aus dem Kupferstichkabinett des Kustmuseums Basel.

 


Im Zentrum steht eine Schenkung, die 2023 zum 100. Geburtstag des Künstlers erfolgte. Die «Roy Lichtenstein Foundation» schenkte dem Basler Kupferstichkabinett über dreissig Druckgrafiken. Zusammen mit eigenen Beständen umfasst die Schau rund fünfzig Werke. Viele davon werden öffentlich erstmals ausgestellt.

 

 

Roy Lichtenstein in seinem Atelier in
Columbus, Ohio, 1949. Foto Roy Lichtenstein
Foundation© Estate of Roy Lichtenstein.

 

 


Die Ausstellung führt durch fünf Jahrzehnte
und macht sichtbar, dass Lichtenstein nicht nur Comic-Motive reproduzierte, sondern die Druckgrafik als Experimentierfeld begriff. Gezeigt werden Blätter aus den 1940er- und 1950er-Jahren, Gemälde, Siebdrucke, Radierungen, Lithografien sowie Holz- und Linolschnitte.

 

 

Lichtensteins Markenzeichen


Charakteristisch für Roy Lichtenstein sind harte Primärfarben, Sprechblasen, schwarze Konturen und die >Ben-Day-Dots, jene industriell wirkenden Rasterpunkte der Massenmedien. Lichtensteins Arbeiten sind durch eine mechanisch wirkende Bildsprache geprägt. Er überführte Motive aus Comics, Werbung und Alltagskultur in grossformatige Gemälde und Druckgrafiken – und machte dadurch das Verhältnis von Massenbild und «hoher Kunst» selbst zum Thema.

 

Interessant ist dieser Widerspruch: Lichtensteins Bilder sehen nach schneller Massenproduktion aus, dabei sind sie präzise geplant und höchst arbeitsintensiv hergestellt. Damit geht der Künstler der Frage nach: Was geschieht, wenn ein Bild aus der Wegwerf- und Konsumkultur zum Museumsbild wird?

 

 

Roy Lichtenstein (1923-1997).
Explosion, 1967. Kupferstichkabinett,
Kunstmuseum Basel.

 

 

Roy Lichtenstein (1923-1997).
The Couple, 1980. Kupferstichkabinett,
Kunstmuseum Basel.

 

 

 

>mehr über Kunstmuseum Basel

 

 

Titel (Ausschnitt)

Roy Lichtenstein (1923-1997).

Hopeless, 1963. Kupferstichkabinett, Kunstmuseum Basel.

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Roy Lichtenstein (1923-1997). Sweet Dreams, Baby!, 1965. Kupferstich-kabinett, Kunst-
museum Basel.

 

Roy Lichtenstein (1923-1997). Hopeless, 1963. Kupferstichkabinett, Kunstmuseum Basel.

 

 

Sweet Dreams, Baby!

 

Ein ebenso prominentes wie charakteristisches Werk von
Roy Lichtenstein. Das Blatt entstand 1965 als Farbsiebdruck auf Papier, mit einem Bildformat von etwa 90×65 cm. Lichtenstein zeigt im Stil von Comic-Heften den Kopf eines Mannes, der eben von einer Faust getroffen wird. Die Sprechblase «Sweet Dreams Baby» stammt offensichtlich vom Schläger und macht den Moment des K.O.-Schlages zu einer bitter-ironischen Gutenachtformel. Sweet Dreams Baby! erschien als Farbserigrafie in einer Auflage von 255 Abzügen, davon 200 nummeriert. Je nach Zustand wird es heute in Auktionen zu Preisen zwischen 75'000 und 110'000 Euros gehandelt.

 

Hopeless

Gehört zu Roy Lichtensteins wichtigsten frühen Romance-Comic-Gemälden und ist ein Schlüsselwerk seiner PopArt-Phase. Es befindet sich als Dauerleihgabe im Kunstmuseum Basel. Das Bild zierte das Plakat der Lichtenstein-Ausstellung in der Kunsthalle Bern von 1968.

 

In beiden Werken spielen die farbigen Punkte in Gesicht und Händen der Figuren eine wichtige Rolle. Es handelt sich dabei um die sogenannten >Ben-Day-Dots. Sie sind nach dem Illustrator Benjamin Day (1838-1916) benannt. Dieser hatte schon 1879 ein Verfahren entwickelt, um das damals auf vier Farben begrenzte kommerzielle Druckwesen zu erweitern: Für Flächen nutzte er Schablonen mit unzähligen Punkten (dots).

 

 

 

Roy Lichtenstein (1923-1997). Sandwich and Soda, 1964. Kupferstich-kabinett, Kunst-museum Basel.

 

Roy Lichtenstein (1923-1997). Still Life with Red Jar, 1994. Kupferstich-kabinett, Kunst-museum Basel

 

Stillleben von Alltagsgegenständen


Roy Lichtenstein malt stets wiederkehrend über seine gesamte Schaffenszeit hinweg Still-Lifes. Die Basler Ausstellung belegt das: Das rot-blaue Werk Sandwich and Soda stammt aus 1964, das Still-Life with Red Jar entstand ganze dreissig Jahre später, 1994.


Sandwich and Soda von 1964 ist ein Siebdruck in Rot und Blau auf transparenter Kunststofffolie. Das Motiv geht auf die Werbung des Schnellrestaurants Horn & Hardart zurück. Lichtenstein übersetzt damit ein alltägliches Konsumarrangement in die lange Tradition des Stilllebens.


Still Life with Red Jar von 1994 ist ebenfalls ein Farbsiebdruck, unterscheidet sich aber vom 30 Jahre zuvor entstandenen Werk deutlich. Erstens ist das Motiv still-klassisch: Krug mit Früchten, wie es seit Jahrhunderten verwendet wird.

Zweitens weist es jetzt die für Lichtenstein typischen Rasterpunkte sowie schwarze Konturen auf. Die Rasterpunkte sind nicht nur ein stilistisches Mittel, sondern weisen auch darauf hin, dass es sich um ein Druckbild handelt – hier um einen Siebdruck mit sechs Sieben.

 

 

Roy Lichtenstein (1923-1997). The Sower (nach van Gogh), 1985. Kupferstich-kabinett, Kunst-museum Basel
 

Die Vorlage: Vincent van Gogh (1853-1890). The Sower, 1888. Van Gogh Museum Amsterdam.

 

 

Auf den Spuren grosser Namen

 

Roy Lichtenstein ist zwar für seine Dots-Malerei berühmt, aber er kann auch anders. In seinen Umsetzungen von Gemälden bekannter Künstler wie Vincent van Gogh (1853-1890) imitiert er dessen grobe Pinselstriche und überdimensioniert sie in einer Form, dass das Werk schon ziemlich abstrakt wirkt.

 

Es handelt sich um eine radikale Übersetzung von Van Goghs expressivem Landschaftsbild in die Sprache der reproduzierbaren Druckgrafik. Das Blatt gehört zur Serie Landscapes und wurde 1985 als Kombination von Farblithografie, Holzschnitt und Siebdruck erstellt. Format 104x141cm, Auflage 60 Exemplare.

 

Warum wurden verschiedenen Drucktechniken für ein Werk verwendet? Lithografie erlaubt geschmeidigere farbige Felder; der Holzschnitt bringt eine körperlichere, strukturierte Linie ein und der Siebdruck die glatte, industrielle Präzision und Rasterwirkung. Für The Sower wurden dreissig Farben in 25 Druckgängen (!) mit Aluminiumplatten, vier Birkenholzstöcken und fünfzehn Sieben gedruckt.


 

Roy Lichtenstein (1923-1997). Haystack #5, 1969. Nach Claude Monets «Meules».

 

Roy Lichtenstein (1923-1997). Haystack #2, 1969. Nach Claude Monets «Meules».

 

 

Claude Monet als Vorlage für die ersten Serien

 

Anfangs produziert Lichtenstein die Ben-Day-Rasterpunkte der Comic- und Werbedrucke manuell mit Pinsel, selbstgefertigten Schablonen und verschiedenen Vorrichtungen. Ab 1962 verwendet er erstmals ein industriell perforiertes Metallsieb der Firma Beckley Perforating, um die Punkte regelmässiger und mechanischer aufzutragen. Damit nähert sich seine Malerei sichtbar den Verfahren der Druckindustrie an.

 

Der eigentliche Durchbruch in der Druckgrafik erfolgt 1968 mit Gemini G.E.L. in Los Angeles. Dort arbeitet Lichtenstein mit hochqualifizierten Druckern und schafft seine ersten Serien: Es sind den «Meules» von Claude Monet nachempfundenen «Haystacks». Roy Lichtenstein produziert sieben Haystacks mit dem gleichen Motiv, aber in unterschiedlichen Farben und Rasterlösungen.

 

>mehr über Claude Monets «Meules»

 

 

 

Roy Lichtenstein (1923-1997). Water Lilies with Willows, 1992. Siebdruck.

 

Water Lilies with Willows, 1992

 

Hier handelt es sich nicht um einen Papierdruck, sondern um siebdruckierten Emaillelack. Heisst: Eine deckende, haltbare Emaillefarbe bzw. Beschichtung wird mittels Siebdruck direkt auf eine Metallplatte aufgebracht. Format 147 x 264 cm inklusiv Rahmen.

 

Es ist eine seltene, grossformatige Edition auf Edelstahl: die reguläre Auflage umfasst nur 23 Exemplare. Dokumentierte Auktionspreise reichen von 434'500 £ im Jahr 2014 bis zu 1'514'000 US-Dollars im November 2025.

 

 

Roy Lichtenstein (1923-1997). Wallpaper with Blue Floor Interior, 1992. Siebdruck.

 

Extrem aufwändige Drucktechniken – warum?

 

Das Bild Wallpaper with Blue Floor Interior wirkt nicht übermässig kompliziert, dennoch erforderte der Druck dafür
36 Druckgänge. Warum das? Weil der Künstler die einzelnen Elemente – unterschiedliche Raster, schwarze Konturen, Farbflächen, Holzmaserung, Spiegeleffekte sowie transparente Schichten – exakt übereinander drucken lassen wollte.

 

Und was war sein Ziel? Das Ergebnis sollte gerade nicht handwerklich virtuos wirken. Es sollte wie ein Erzeugnis der Werbeindustrie erscheinen. Lichtenstein kehrte somit die Logik der Massenproduktion um: Was maschinell und billig aussieht, ist in Wahrheit eine aufwendige, handgedruckte und limitierte Kunstedition.

 

Hohe Auflage – trotzdem hohe Preise

 

Von Wallpaper with Blue Floor Interior (1992) wurden
300 nummerierte Exemplare gezogen, jeweils als fünfteiligen Siebdruck. Hinzu kamen 50 Künstlerabzüge sowie sieben Sonderabzüge, total also 357 Exemplare.

 

Die heutigen Preise variieren je nach Zustand. Für ein reguläres vollständiges Exemplar beginnen öffentlich belegte Preise bei 25'000 Dollar. Der bislang höchste dokumentierte Preis liegt bei 61.868 £ (ca. 82'000 US-Dollars), erzielt bei einer Auktion bei Christie's in London im Mai 2023.


 

 

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