Constantin Brancusi (1876-1957)


Von realitätsnahen Abbildungen hält Brancusi nichts. Er reduziert und minimalisiert seine Werke auf eine Weise, die seiner Suche nach der «perfekten Form» entgegen kommt. Mit seinen avantgardistischen Arbeiten hat er die moderne Bildhauerei massgeblich geprägt.

 

 

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Constantin Brancusi um 1905.
Foto WikiCommons.

 


Brancusi kommt 1876 in Hobita/Rumänien zur Welt, besucht die Kunstakademie Bukarest und zieht 1904 nach Paris. Dort muss er sich zunächst seinen Lebensunterhalt als Geschirrspüler verdienen und wird Messdiener in der rumänisch-orthodoxen Kirche.

 

An der Ecole Supérieure des Beaux-Arts Paris studiert er dann Bildhauerei. 1906 beteiligt er sich erstmals mit Gipsskulpturen an Ausstellungen. 1907 arbeitet er kurz im Atelier von Auguste Rodin – aber er findet, dass er sich dort nicht entfalten kann.

 

1910 trifft er auf die ungarische Malerin Margit Pogany. Von ihr ist er so fasziniert, dass er über einen Zeitraum von fast zwanzig Jahren mehrere avantgardistisch-abstrakte Skulpturen von ihr fertigt.

 

1913 stellt er mehrere seiner Werke an der berühmten «Armory Show» in New York aus. Diese Ausstellung steht ganz im Zeichen der modernen Kunst und bringt Brancusi internationale Anerkennung.

 

Während des ersten Weltkrieges verbleibt er in Paris und bezieht dort 1916 ein geräumiges Atelier samt Wohnung. Vom Militärdienst wird er befreit.

 

1936 ist er auch in Indien künstlerisch tätig und erhält Aufträge vom Maharadscha von Indore. Ein geplanter Tempel kommt nicht mehr zur Ausführung, weil der Mahardscha vorher stirbt.

 

1938 arbeitet er in seiner Heimat Rumänien an einem Kriegsdenkmal in Targu Jiu. Dieses soll an den Sieg der rumänischen Truppen über die Deutschen am Fluss Jiu im Jahr 1916 erinnern. Es besteht aus drei Elementen. Das berühmteste ist die fast dreissig Meter hohe «endlose Säule» aus Gusseisen.

 

 

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Kriegsdenkmal 1938 in Targu Jiu, Rumänien. Die endlose Säule, das Tor des Kusses und der Tisch des Schweigens. Fotos Mike Master, Romeo Tabus und Munteanu Anca, WikiCommons.

 

 

Den Zweiten Weltkrieg überlebt Brancusi unbeschadet in Paris. Aus jener Zeit stammt eine berühmte Arbeit: Die Marmorskulptur «Schildkröte». Brancusi fertigt sie so abstrakt, dass niemand weiss, was oben und unten ist. Prompt präsentiert sie das Museum Solomon R. Guggenheim in New York verkehrt rum. Den Künstler amüsiert das. «Dann fliegt sie halt, meine Schildkröte», soll er gesagt haben. 1943 schafft er noch ein berühmtes Werk: Den Seehund (Le Phoque) aus blau-grauem Marmor, heute im Centre Pompidou in Paris.

 

 

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Le Phoque (der Seehund), 1943.

Centre Pompidou, Paris.

 

 

1952 erhält Constantin Brancusi die französische Staatsbürgerschaft. Drei Jahre später zieht er sich bei einem Sturz einen Oberschenkelhalsbruch zu und ist künftig schwach auf den Beinen, stürzt immer wieder. Zudem leidet er an einer Prostataerkrankung.

 

Er stirbt am 16. März 1957 im Alter von 81 Jahren in Paris und wird auf dem Friedhof Montparnasse beerdigt. In seinem Testament vermacht er sein gesamtes künstlerisches Inventar dem Musée National d'Art Moderne (Centre Pompidou) – das ihm dafür ein exakt rekonstruiertes Atelier einrichtet.

 

 

 

 

Titelbild

Blick ins Atelier Brancusi beim Centre
Pompidou, Paris.

 

 

 

 

 

Constantin Brancusi
(1876-1957). La Muse endormie, 1910. Bronze. Centre Pompidou Paris.

1909: Die schlummernde Muse.

Mit ganz wenigen Elementen schafft der Künstler einen weiblichen Kopf. Eine schlanke Nase, ein kleiner Mund, nur angedeutete Augen, keine Ohren – alles ist auf ein Minimum reduziert. Das Original von 1909 ist aus Marmor gefertigt, der Bronzeguss ensteht 1910.

 

Für die New Yoker Armory Show von 1913 liefert Brancusi noch weitere drei Skulpturen ab: Eine Muse in Marmor (1912), Mademoiselle Pogany in Gips (1912) und Le Baiser in Stein (1912).

 

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Constantin Brancusi
(1876-1957). Mademoiselle Pogany I, 1912. Philadelphia Museum of Art.

 

1912: Brancusi und Mademoiselle Pogany.

Er lernt die ungarische Kunststudentin Margit Pogány im Dezember 1910 in Paris kennen. Sie wird zunächst sein Modell, dann auch seine Geliebte – aber sie verlässt ihn schon bald.

 

Das hindert den Künstler nicht daran, sich weiter mit ihr zu befassen – fast zwanzig Jahre lang.

 

Nach der 1912 gefertigten ersten Skulptur aus weissem Marmor (und folgendem Bronzeguss) lässt er 1919 eine zweite und 1931 eine dritte Version aus Marmor folgen.

 

Einige Stilmerkmale der Version von 1912 sind in den beiden folgenden Varianten immer noch zu erkennen, doch das «Porträt» der Mademoiselle Pogany wird insgesamt immer abstrakter.

 

 

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Constantin Brancusi
(1876-1957). Princess X, 1916. Philadelphia Museum of Art.

 

1916: Der Skandal um Princess X.

 

Mit diesem Werk treibt er die Abstraktion auf die Spitze. Brancusi verwendet als Modell (oder besser wohl: Vorlage) die Prinzessin Marie Bonaparte (1862-1962), eine Ur-Urenkelin von Napoleon.

 

Brancusi will die Skulptur 1920 am Pariser «Salon des Indépendants» ausstellen, aber sie wird abgelehnt. Ausschlaggebend für die Rückweisung soll ein Ausspruch von >Henri Matisse gewesen sein: «Seht mal, ein Phallus!».

 

Brancusi ist entsetzt. Was er mit dieser Skulptur zeigen wolle, sei «die Eitelkeit der Frau». Genauer: die Eitelkeit der Prinzessin Marie Bonaparte, die jeweils beim Essen einen Handspiegel auf den Tisch gestellt haben soll, um sich darin zu beobachten. Seine Skulptur zeige eine Frau, die «hinüberblickt und nach unten schaut». Und die Kugeln unten seien keine Hoden, sondern die schönen Brüste der Prinzessin.

 

Seine Erläuterungen helfen ihm nicht – es bleibt bei der Ablehnung durch den Salon. An Stelle von Princess X wird seine Skulptur «L’Oiseau d’or» aus dem Jahr 1919 ausgestellt.

 

 

   

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L'oiseau dans l'espace, 1925-31. Kunsthaus Zürich.

 

1925: L'Oiseau dans l'espace.

Vögel sind ein Lieblingsmotiv des Künstlers. Er schafft über dreissig Vogelskulpturen aus Bronze und Marmor und durchläuft dabei drei Phasen.

 

In der ersten sind die Vögel noch als solche zu erkennen – mit Brust und geöffnetem Schnabel – in den folgenden werden die Formen immer abstrakter und mehr himmelwärts zeigend, dazu immer schlanker. Brancusi sucht damit einen Weg, die Aufhebung der Schwerkraft – das Fliegen – abzubilden.

2005 wird bei einer Auktion von Christie’s eine andere Version von «L’Oiseau dans l’espace» aus grau-blauem Marmor für sagenhafte 27.5 Mio US-Dollar versteigert. Ein Experte von Christie’s soll sie in Frankreich in einer Dachkammer entdeckt haben.

negresse

Constantin Brancusi
(1876-1957). La negresse blonde, 1933-86. Albertina-
Batliner, Wien.

1933: La Negresse Blonde.

Schon 1923 fertigt Brancusi eine blonde Schwarze aus Marmor, die der Künstler «Negresse blanche» nennt. Die Bronzeskulptur hier ist eine Weiterentwicklung. Die menschliche Kopfform ist radikal zur Eiform reduziert. An den aufgesetzten Lippen ist die «Negresse» zu erkennen. Der Haarknoten markiert den Hinterkopf.

 

Die spiegelglatte Fläche ist eines der Markenzeichen Brancusis: Er legt stets grössten Wert auf die Oberflächenbeschaffenheit seiner Werke und poliert diese aufwändig. Auch die Sockel spielen bei ihm eine wichtige Rolle.

 

>mehr über Brancusis Sockel

 

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Fotos / Diashow

   

 

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Eingang zum Atelier Brancusi beim Centre Pompidou, Paris.

 

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Werkzeuge...

 

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... und Skulpturen.

 

 

Das Brancusi-Atelier als Kunstwerk

im Centre Pompidou, Paris.

 

Brancusi belegte in seiner langen Karriere verschiedene Ateliers in Paris. Nach seinem Tod 1957 ging das gesamte Inventar seines letzten Ateliers an den französischen Staat – genauer: ans Musée National d’Art Moderne in Paris (Centre Pompidou).

 

Allerdings unter der testamentarischen Bedingung, dass das Atelier wieder so hergestellt werde, wie es zum Zeitpunkt seines Todes war. Den Auftrag dazu erteilte man dem berühmten Museums-Architekten Renzo Piano. Die Rekonstruktion wurde 1977 abgeschlossen und befindet sich neben dem Centre Georges Pompidou an der Rue Beaubourg Nr. 19.

 

Das Museum verfügt über einen geschlossenen Garten, durch den man einen Teil des Ateliers durch eine Glaswand sehen kann. Für Brancusi war sein Atelier «ein Kunstwerk in sich», und er ordnete die ausgestellten Skulpturen regelmässig neu. Die räumlichen Arrangements waren ihm so wichtig, dass er Gipsnachbildungen der von ihm verkauften Skulpturen anfertigte, damit die Einheit der Gruppe erhalten blieb.

 

 

 

 

 

 

   
   

 

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