Mario Comensoli (1922-1993)

 

Bilder von Emigranten sind sein Markenzeichen.
Sein italienischer Vater ist auch ein Emigrant, der nach dem Ersten Weltkrieg aus der Toskana auswandert und sich im Tessin niederlässt.

 

 

Mario Comensoli, Selbstporträt mit
24 Jahren. Comensoli-Stiftung Zürich.

 

 

Mario Comensoli kommt am 15. April 1922 in Lugano zur Welt. Er ist noch kein Jahr alt, als seine Mutter stirbt. Der Vater «deponiert» seinen kleinen Sohn in einem Waisenhaus in Lugano. Dort kümmern sich zwei italienische Schwestern als «Ersatzmütter» um den Kleinen. Mario wächst mit ihnen im Quartier Molino Nuovo in Lugano auf, wo er schon früh in Kontakt kommt mit italienischen Gastarbeitern. Diese Kontakte werden später sein künstlerisches Werk massgeblich mitprägen.

 

Als Mario fünfzehn ist, kehren seine beiden Ersatzmütter in ihre Heimat in die Romagna zurück. Jetzt kommt er bei seinem älteren Bruder Francesco unter. Nach der Schulzeit in Lugano schlägt sich der junge Comensoli mit Gelegenheitsarbeiten durch. Gleichzeitig beginnt er zu zeichnen und zu malen. Seine Aquarelle verkauft er an Touristen.

 

Im «Esplanade» in Lugano bietet ihm 1941 der Hotelier ein Zimmer an, wo er malen und wohnen darf. René Daetwyler, der Besitzer des Hotels, ist von Comensolis Talent überzeugt. Er unterstützt ihn und stellt ihn Gästen vor, denen er seine ersten Bilder verkaufen kann.

 

1942 besucht Comensoli die Abendschule für Aktmalerei bei Carlo Cotti. Das ist mehr als eine Schule – es ist auch ein beliebter Treffpunkt in Luganos Kulturszene. Cotti öffnet Comensoli den Zugang zum >italienischen Novecento und dem französischen Impressionismus.

 

Wichtig werden für Comensoli auch die Kontakte mit dem Maler und Bildhauer Giuseppe Foglia. In dessen Atelier entdeckt er Reproduktionen von Werken der «Modernen» wie Picasso, Matisse, Modigliani, Carrà, Morandi, Sironi – und ist davon begeistert. Foglia empfiehlt Comensoli, nach Paris zu ziehen. Das tut er dann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945.

 

Zwei Jahre vorher kann er seine Bilder an der «Fiera di Lugano» zeigen. Die Torricelli-Stiftung der Stadt Lugano gewährt ihm ein Stipendium. Comensoli übersiedelt nach Zürich und besucht an der ETH Vorlesungen über Kunstgeschichte und Kurse für Architektur-Zeichnen.

 

1945 bis 1953 hält sich Comensoli mehrfach in Paris auf, wo er in Montparnasse wohnt und Künstler wie Joan Mirò und die Brüder Diego und Alberto Giacometti kennenlernt.

 

1953 – da ist er 31jährig – kann er im Zürcher Helmhaus rund sechzig Werke ausstellen. Die Kommission ist beeindruckt von der Vitalität seiner Arbeiten.

 

Nun beginnt Comensolis «blaue Periode» – so benannt nach den «Arbeitern in blau», den italienischen Gastarbeitern. Die nun entstehenden Arbeitergemälde werden so etwas wie sein Markenzeichen. Der sozial engagierte italienische Schriftsteller Carlo Levi lädt ihn 1962 ein, seine Arbeiten von italienischen Emigranten in Rom auszustellen – das wird Comensolis erstes Karriere-Highlight.

 

Die in den 1960ern beginnende Hochkonjunktur und das damit verbundene «Wirtschaftswunder» verändern nicht nur das Leben der Migranten, sondern auch die Optik Comensolis. Nun malt er auch Sujets, die die Wohlstandsgesellschaft thematisieren. Und die Pariser Mai-Revolten von 1968, dann den Massentourismus, die saturierte Gesellschaft und deren Konsumwut.

 

Verstörend und belastend für den Künstler ist das Drogendrama in den frühen 1990er-Jahren am Zürcher Platzspitz und am Letten. Seine bisherige Lebensfreude weicht einem Pessimismus.

 

Mario Comensoli stirbt am 2. Juni 1993 in Zürich im Alter von 71 Jahren an einer Herzkrankheit – ohne jede Vorankündigung. Ob er selbst von seinem Herzfehler Kenntnis hatte, ist nicht bekannt.

 

Im Sinne von Comensolis Testament richtet seine Ehefrau Hélène eine Stiftung ein, die seinen Nachlass betreut. Sie selbst stirbt ein Jahr nach ihrem Ehemann, 1994.

 

 

Comensoli-Stiftung in Zürich

 

>mehr über die Comensoli-Stiftung

 

>Website Mario Comensoli

 

 

Das Kulturmagazin «Du» vom
April 2023 widmet dem Leben

und dem Werk Comensolis eine

ganze Nummer. >mehr

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)
Mario Comensoli (1922-1993).

Bauarbeiter, 1955. Privatbesitz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mario Comensoli (1922-1993). Sprung, 1959. Comensoli-Stiftung Zürich..

 

Bauarbeiter, 1955. Privatbesitz.

 

Der Mittelstürmer, 1959. Comensoli-Stiftung Zürich.

 

Das Senkblei, 1956. Privatbesitz.

 

Die Welt der italienischen Gastarbeiter

 

In den 1950er-Jahren beginnt der wirtschaftliche Aufschwung, das Baugewerbe braucht immer mehr Arbeiter. Mehr als die Hälfte der Gastarbeiter kommt aus Italien. Comensoli malt diese Menschen. Nicht nur bei der Arbeit, auch in ihrer Freizeit. Er erkennt, was später Max Frisch schreiben wird: «Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.»


Comensoli zeigt die menschliche Seite der Einwanderer, die es am Anfang gesellschaftlich schwer haben in der Schweiz und nicht selten diffamiert werden. Mit seinen Bildern will Comensoli aber keine Missstände belegen, er sieht sich nicht als «politischen Maler».

 

Das trägt ihm durchaus auch Schelte ein. Für einige seiner Kritiker ist er zu wenig politisch, zu wenig radikal. So auch für den sizilianischen Maler und Politiker Renato Guttuso (1911-1987), der als Anhänger des realistischen Malstils Comensolis Werke als «nicht besonders» taxiert, und sie vor allem zu wenig anklagend findet.

 

Umso beliebter ist dafür Comensoli in sozialistischen Kreisen und bei linken Intellektuellen – und natürlich bei den italienischen Gastarbeitern.

 

Im Zürcher «Ristorante e Centro sociale Cooperativo» am Stauffacher (besser bekannt als «Coopi», gegründet 1905 durch italienische Immigranten und seither Treffpunkt von Sozis und Antifaschisten) hat er sein Publikum. Hier hängen seine Werke an fast jeder Wand. Ob er diese dem Coopi verkauft oder nur ausgeliehen hat, ist nicht bekannt.

 

Als 2023 für das Coopi das Aus kommt, werden die Comensoli-Bilder abgehängt. Sie lagern nun in der Mario-und-Hélène-Comensoli-Stiftung, nicht weit vom Coopi, an der Heinrichstrasse im Kreis 5.

 

Was mit den Coopi-Bildern passiert, ist noch unklar. Vielleicht werden sie zum Verkauf angeboten, vielleicht bleiben sie auch in der Stiftung und warten darauf, dass das Coopi eines Tages wieder geöffnet wird.

 

 

>mehr über die Comensoli-Stiftung

 

 

 

 

Mario Comensoli (1922-1993). Industrielandschaft mit Viadukt, 1945. Comensoli-Stiftung Zürich.

 

Mario Comensoli (1922-1993). Frau und Fische, 1948. Comensoli-Stiftung Zürich.

 

 

Comensolis Frühwerke

 

Nach der Schulzeit beginnt er zu zeichnen und zu malen. Seine ersten Werke verkauft er an Touristen. Mit 20 besucht er eine Abendschule für Aktmalerei beim Schweizer Bildhauer und Maler Carlo Cotti. Dieser macht ihn mit der modernen italienischen Kunst und dem französischen Impressionismus vertraut.

 

Im Atelier des luganesischen Malers und Bildhauers Giuseppe Foglia (1888-1950) sieht er Reproduktionen von Picasso, Matisse, Modigliani, Carrà, Morandi, Sironi etc und experimentiert in deren Malstilen. Foglia empfiehlt dem jungen Künstler, weitere Erfahrungen in Paris zu sammeln. Das muss aber noch warten, denn noch tobt der Zweite Weltkrieg.


1943, da ist er 21, gewährt ihm die Torricelli-Stiftung der Stadt Lugano das erste von insgesamt sechs Stipendien. Comensoli übersiedelt nach Zürich und besucht hier an der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH Kurse für Architekturzeichnen und Vorlesungen über Kunstgeschichte.

 

 

Mario Comensoli (1922-1993). Capra, 1947. Comensoli-Stiftung Zürich.

 

 

1945: Paris und Picasso

 

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ergreift er die erstbeste Gelegenheit, um nach Paris zu reisen. Dort lernt er Künstler wie Joan Mirò und Alberto Giacometti kennen.

 

Vor allem begeistert ist er von Picassos Werken. Er verzichtet aber darauf, davon Kopien zu fertigen. Stattdessen malt er eigene Motive in Anlehnung an den Stil des Meisters. Insbesondere übernimmt er mit Freude dessen kräftige Farben.

 

 

Mario Comensoli (1922-1993). Pestalozzi mit den Waisenkindern in Stans, 1952. Privatsammlung.

 

1952: Pestalozzi und die Waisenkinder von Stans

 

Es gehört zu dem in Paris entwickelten figurativen Zyklus der «Peinture du Mouvement», der die erste wichtige Phase in Comensolis Schaffen kennzeichnet. Das Thema «Pestalozzi in Stans» wurde schon von Albert Anker und Konrad Grob behandelt – von diesen allerdings in naturalistischem Stil. Comensoli erzählt es als eine moderne kollektive Theaterszene. Die Zentralität von Pestalozzi verschwindet zugunsten von Kindern, die aus einem Märchenbuch stammen könnten – ohne den Stempel von Angst und Hunger zu tragen. Ein faszinierendes Bild in Farben und Formen, das zu Optimismus und Hoffnung führt.

 

Das Gemälde wurde 1953 in einer Einzelausstellung im Helmhaus-Museum in Zürich gezeigt und machte den jungen Tessiner Maler einem breiteren Publikum bekannt.

 

>mehr über Pestalozzi in Stans

 

 

 

Mario Comensoli (1922-1993). Die Radfahrer, 1950. Comensoli-Stiftung Zürich.

 

1953: Erste Einzelausstellung in Zürich

 

Comensoli ist jetzt 31 und bekommt im Helmhaus Zürich seine erste Einzelausstellung. Dort zeigt er grossformatige «picasseske» Werke und «Peintures du mouvement» (Bewegungsbilder wie den Radfahrer). In der Schweiz bekommt er durchwegs gute Kritiken.

 

Ärger macht aber ein Artikel in der Pariser Wochenzeitung «Les lettres françaises». In diesem wirft man ihm vor, ein «Plagiator» von Giuseppe Orazi (1906-1979) zu sein. Dieser Vorwurf trifft ihn hart. Er lässt fortan die Finger von
solchen «Bewegungsbildern», schliesst mit den Pariser Tendenzen ab und besinnt sich auf seine eigenen Wurzeln und auf sein Lieblingsthema:

 

 

>Gemälde von italienischen Emigranten

 

 

 

Mario Comensoli (1922-1993). Artist, 1968. Privatbesitz.

 

Mario Comensoli (1922-1993). Ferien II, 1971. Comensoli-Stiftung Zürich.

 

 

 

1968: Pariser Mai-Revolten und Konsumwut

 

Nur wenige Schweizer Künstler nehmen sich diesen Themen an. Comensoli erkennt in den Pariser Revolten und den Jugendunruhen in Zürich von 1968 wichtige Motive.

 

Auch die gleichzeitig einsetzende Frauenbewegung mit ihren Forderungen nach Gleichberechtigung beschäftigt ihn künstlerisch stark. Dieser widmet er 1975 in Zürich eine Ausstellung unter dem Titel «Kapelle der holden Widersprüche».

 

Auch die Themen Konsumwut und Massentourismus fliessen in seine Werke ein. Noch lange bevor der Umweltschutz ein Schlagwort wird, zeigt er in seinen Bildern, wie die Gesellschaft in ein verschwenderisches Leben abdriftet.

 

1973 zeigt er in der Wanderausstellung «Tell 73» auf ironische Weise die Widersprüche zwischen der saturierten schweizerischen Gesellschaft und ihren bodenständigen Helden und Mythen.

 

 

Mario Comensoli (1922-1993). Zwingli, 1982. Comensoli-Stiftung Zürich.

 

1979-Mario Comensoli (1922-1993). Disco II, 1979. Privatbesitz.

 

 

1980er: Yuppies, Punks und Discofieber

 

In einer Serie unter dem Titel «No future» beschäftigt sich Comensoli mit der anarchischen Jugendbewegung dieser Epoche. Dazu gehören Abbildungen von Gesellschafts-Gruppen, die sich von zwinglianischen Konventionen lösen, von jungen Menschen, die in Landkommunen ihr Glück suchen, dann aber auch von städtischen Punks mit Irokesenhaarschnitten und Dandys.

 

Auch die Welt des Kinos liefert dem Künstler Stoff für seine Gemälde. Das Kino stellt er als Traumfabrik dar.

 

Seine Protagonisten in den ländlichen Discos sind die Secondos der italienischen Emigranten. Er zeigt diese jungen Menschen in lebensfrohen, ausdruckstarken Werken, wie sie voller Begeisterung ihrem Idol John Travolta nacheifern oder sich dem Saturday Night Fever hingeben.

 

Mario Comensoli (1922-1993). Mall-Rats, 1992. Privatbesitz.

 

Mario Comensoli (1922-1993). La Chaîne, 1990. Privatbesitz.

 

 

1990er: Zürichs Drogendrama

 

In Zürich spielt sich vor den Augen Comensolis ein veritables Drama ab. Auf dem Platzspitz treffen sich tausende von Drogensüchtigen. Und auch auf dem Letten-Areal direkt neben dem Atelier des Künstlers. Jahr für Jahr sterben Hunderte dieser Süchtigen an den Folgen des Drogenkonsums – ein Schreckensszenario des Leidens und des Sterbens. Es herrschen furchtbare Zustände.

 

Comensoli leidet mit. Die Lebensfreude, die aus den meisten seiner bisherigen Werke spricht, scheint ihm nach und nach verloren zu gehen. Pessimismus macht sich in seinen Bildern breit. Seine Serie des Drogenelends enthält wirre und verstörende Darstellungen.

 

Es sollten seine letzten Werke sein. Die Erlösung vom Drogenelend, das mit der polizeilichen Räumung des Platzspitzes und des Letten-Areals 1995 einher geht, erlebt Mario Comensoli nicht mehr. Er stirbt zwei Jahre vorher, am 2. Juni 1993.

 

 

 

 

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