Gerhard Richter (1932).


Unfassbar, welche Millionenbeträge auf dem Kunstmarkt für seine Werke bezahlt werden. Er ist als Maler, Fotograf und Bildhauer der teuerste lebende Künstler Deutschlands und einer der kostspieligsten der Welt überhaupt.

 

Geboren wird er 1932 in Dresden, wächst aber in Zittau auf (in der Oberlausitz an der Grenze zu Polen und der Tschechoslowakei). In Zittau/DDR macht er 1948 die Matura und besucht dann ab 1951 die Kunstakademie Dresden. 1961 verlässt er mit seiner Ehefrau Ema die DDR und zieht nach Westberlin. Die Werke, die er in der Ostzone geschaffen hat, lässt er zurück oder vernichtet sie vorher noch.

 

Im Westen setzt er sein Kunststudium fort: an der Kunstakademie Düsseldorf. 1964 bekommt er in München seine erste Einzelausstellung und zeigt dort seine «Fotobilder». 1971 wird er Professor für Malerei an der Kunstakademie in Düsseldorf.

 

 

 

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Gerhard Richter. Foto Jindrich Nosek,
WikiCommons, Licence >CC BY-SA 4.0.

 

 

 

1972 präsentiert er an der Biennale in Venedig im Deutschen Pavillon achtundvierzig Werke, ein Jahr später hat er seine erste Einzelausstellung in New York. 1978 übernimmt er eine Gastprofessur am Nova Scotia College of Art and Design in Halifax. In den 80er und 90er-Jahren häufen sich seine Retrospektiven – und auch die Ehrungen und Auszeichnungen.

 

1994 – da ist er 62 Jahre alt – beendet er seine Lehrtätigkeit an der Kunstakademie Düsseldorf.

 

Nun nimmt seine internationale Bedeutung ständig zu – man bietet ihm Retrospektiven in halb Europa, in Paris, Stockholm, Madrid und auch in Übersee. 2002 – zu seinem 70. Geburtstag – richtet ihm das New Yorker MoMA die grösste je für einen lebenden Künstler organisierte Ausstellung aus – mit nicht weniger als 188 Werken.

 

2007 werden die von Richter gestalteten Kirchenfenster für den Kölner Dom eingeweiht. Im gleichen Jahr verleiht man ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt Köln. Es folgen unzählige Ausstellungen und Retrospektiven in Deutschland und Übersee.

 

2015 stellt er im Albertinum Dresden sein vierteiliges Werk «Birkenau» aus. Es sind abstrakte Gemälde mit realem geschichtlichem Hintergrund. Als Vorlage dienen dramatische Fotos aus der Holocaustzeit: Heimlich aufgenomme Bilder, die von polnischen Widerstandskämpfern aus dem KZ Birkenheim-Auschwitz geschmuggelt werden konnten. Richters abstraktes Werk sorgt für Wirbel. Fotoversionen davon schenkt er 2017 dem Reichstag in Berlin, wo sie heute in der Eingangshalle des Bundestages hängen.

 

Gerhard Richter lebt und arbeitet heute in seinem Haus und Atelier am Stadtrand von Köln.

 

Eine sorgfältig bearbeitete, detaillierte und umfassende Zusammenstellung seiner Werke findet sich auf der Website >https://www.gerhard-richter.com

 

 

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)
Gerhard Richter, Mustang Staffel (19), 1964.

Öl auf Leinwand. Albertinum Dresden.

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Die Atlas-Wand in der Städtischen Galerie des Lenbachhauses
in München.

 

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Atlas-Blatt
Nummer 10.

 

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Mädchen im Sessel (lila), 1966. Öl auf Leinwand. Foto
www.gerhard-
richter.com.

 

1962: Des Künstlers Ideensammlung.

Woher nimmt Richter die Ideen für seine Werke? Ganz einfach aus dem täglichen Geschehen in der Welt. Er sammelt ab 1962 systematisch alles, was ihm an Illustrationen in die Hände kommt. Seine Sammlung nennt er Atlas.

 

Fotografien, Skizzen, Zeitungsausschnitte. Kein Thema, das er auslässt. Von banalen Familienfotos über Alltagsgegenstände bis zu Kriegsschiffen, von Sex- und Modefotos bis zu Horraraufnahmen des Holocausts. Alles Vorlagen zu neuen Ideen. Dazu kommen die Fotos, die er selbst aufgenommen hat. Er klebt das alles fein säuberlich auf Blätter im Format von 51.7 x 66.7 cm. Bis 2013 sind 810 Blätter zusammengekommen.

 

Was daraus entsteht.
Die Atlas-Sammlung ermöglicht einen guten Einblick in die Vorgehensweise des Künstlers. Für viele seiner Gemälde findet man im Atlas die entsprechende Vorlage für seine Fotobilder und andere Werke. Zum Beispiel das «Mädchen im Sessel» aus dem Jahr 1966. Er malt es in Öl auf einer 90 x 110 cm grossen Leinwand. Das Vorbild findet man auf Blatt Nr. 10 des «Atlas». Das Lila-Mädchen wird 2004 von Sotheby in New York für 1.46 Millionen Dollar verkauft. 2014 wechselt es den Besitzer – bereits acht Millionen Dollar teuer. Weitere Bilder auf seiner Website:

 

>https://www.gerhard-richter.com

 

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Detail aus Mustang Staffel (19), 1964. Öl auf Leinwand. Albertinum Dresden.

 

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Ema (Akt auf einer Treppe), 1966. Museum Ludwig, Köln.

 

 

1964: Fotografie als Ausgangspunkt.

Wenn man im Museum vor diesem Werk steht – (Titelbild oben), glaubt man eine Foto vor sich zu haben. Ist es aber nicht, es ist ein Ölgemälde. Aus nächster Nähe sieht man jeden Pinselstrich, den man in dieser Detailaufnahme gut erkennen kann. Für dieses Sujet hat der Künstler ein bestehendes Pressefoto als Vorlage verwendet.

 

Richter fotografiert aber auch gerne selbst. Anfangs der 60er-Jahre entdeckt er für sich die Unschärfetechnik. Die unscharfen Fotos dienen ihm dann als Vorlage für Ölgemälde. Es entstehen Werke in Schwarz-weiss und in Farbe von allen nur denkbaren Objekten – von Klopapierrollen über Tische und Stühle bis hin zu Akten.

 

Die Idee für «Ema (Akt auf einer Treppe)» soll ihm bei der Betrachtung einer Bildikone aus dem Jahr 1912 von >Marcel Duchamp gekommen sein. Vielleicht hat ihn auch nur der Titel angeregt, denn bei Duchamp ist es eine kubistische Spielerei und keine Nackte. Bei Richter schon. Ema ist seine Ehefrau von 1957 bis 1979.

 

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Gerhard Richter (1932). Domplatz Mailand, 1968.
Öl auf Leinwand. Privatsammlung.
Fotoquelle
www.gerhard-
richter.com.

 

Explodierende Preise am Kunstmarkt.

 

Gerhard Richter gehört gemäss einer Auflistung von Artnet zu den teuersten lebenden Künstlern – weltweit. Er soll sogar noch vor Jeff Koons und Damien Hirst liegen.

 

Zu Beginn seiner Karriere halten sich die Preise für seine Werke noch in überblickbarem Rahmen. So richtig durch die Decke gehen sie in den 90er-Jahren – und dann setzt es Rekorde ab.

 

So wird 2013 das Gemälde «Domplatz Mailand» aus dem Jahr 1968 bei Sotheby in New York für fantastische 37 Mio Dollar versteigert. Und es ist nicht das einzige. Kurz danach geht ein abstraktes Bild für 41 Mio an einen neuen Besitzer.

 

Oft weiss der Künstler selbst nicht, wer diese Unsummen bezahlt. Richter schüttelt nur den Kopf über die verrückten Preise, er hält den ganzen Kunstmarkt für hoffnungslos überzogen. Und dann ärgert ihn, dass man ihn in der Boulevardpresse als «einen der reichsten Deutschen mit einem Vermögen von 500 Mio» verunglimpft.

 

«Vermutlich für 15'000 Mark verkauft»

 

In einem Interview mit ZEIT-Online vom März 2015 stellt er zu dieser Pressemeldung fest: «Völlig aus der Luft gegriffen. Wir Künstler bekommen bei so einer Auktion so gut wie gar nichts. Vermutlich habe ich das Bild mal für 15'000 Mark verkauft und war stolz, dass es in die Sammlung kam».

 

>ganzes Interview mit ZEIT-ONLINE

 

 

   

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Cage, 2006. Tate Modern London.

 

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Cage, 2006. Tate Modern London.

2006: Abstraktes in der Modern Tate London.

Der Londoner Kunsttempel für zeitgenössische Kunst zeigt eine Serie von sechs abstrakten Gemälden unter dem Titel «Cage». Die Bilder haben aber nichts mit einem Käfig zu tun, sondern sind eine Hommage an den amerikanischen Komponisten John Cage (1912-1992). Der ist für seine neuartige «improvisierte Musik» berühmt. Er war aber auch Maler.

 

Richter malt schon seit den 80er-Jahren abstrakte Werke wie die «Cage»-Serie: Durch Auftragen von Farbschichten, die dann durch einen Spachtel verteilt werden. In den Cage-Bildern sind mehrere Schichten verarbeitet, die an einigen Stellen auch noch mit Pinselstrichen ergänzt werden. Es heisst, der Künstler habe diese Gemälde zur Musik von John Cage geschaffen.

 

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Birkenau Zyklus (937a,1-4), 2014-2015. Albertinum Dresden.

 

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Birkenau, 2014. Albertinum Dresden. Öl auf Leinwand, Format 260 x 200 cm.

 

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Flagge, 1999. Bundestag, Berlin. Foto www.gerhard-
richter.com.

2014: Wirbel um den Birkenau-Zyklus.

Birkenau hiess das Vernichtungslager von Auschwitz, in welchem die Nazis mehr als eine Million Juden ermordeten. 2014 fertigt Richter den grossformatigen vierteiligen abstrakten Zyklus «Birkenau». Als Vorlage dienen Fotografien, die polnische Widerstandskämpfer 1944 aus dem Lager schmuggeln konnten. Es sind Horrorszenen von ausgemergelten Holocaustopfern und Leichenbergen.

 

Auf den abstrakten Bildern ist davon nichts mehr zu erkennen. Doch allein schon wegen des Titels «Birkenau» wird der Künstler hart kritisiert, als der Zyklus im >Albertinum Dresden gezeigt wird. Einige werfen ihm vor, aus dem Grauen Kunst zu machen, andere kritisieren, durch die Interpretierbarkeit der abstrakten Bilder werde das Vernichtungslager zu einem Mythos.

 

2017 schenkt Richter dem deutschen Bundestag eine fotografische Umsetzung von «Birkenau» für das Reichstagsgebäude in Berlin .

 

Die vier Werke werden im Eingang des Reichstages aufgehängt – vertikal angeordnet, direkt gegenüber eines weiteren Werkes von Gerhard Richter im Bundestag, der stilisierten Flagge «Schwarz, Rot, Gold».

 

Der Präsident des Parlaments, Norbert Lammert, sagt dazu: «Jeder, der jetzt an diesen Platz der deutschen Demokratie will, muss hier hindurch – zwischen Birkenau und Nationalflagge».

 

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