Ausstellung «Camille Pissarro – das Atelier
der Moderne» im Kunstmuseum Basel
vom 4.9.21 bis 23.1.2022.

 

Camille Pissarro (1830-1903)


Mit den ganz grossen Namen Monet, Cézanne oder Gauguin kann er nicht mithalten. Aber er spielt eine bedeutende Rolle in deren Künstlerleben und prägt die Epoche des Impressionismus und des Neo-Impressionismus entscheidend mit.

 

 

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Ausstellungsplakat.

 

 

Pissarro kommt 1830 in der Karibik zur Welt. Auf der kleinen Antilleninsel St. Thomas, als Sohn eines jüdischen Eisenwarenhändlers. Als Zwölfjähriger schickt man ihn in ein Internat nach Paris. Fünf Jahre später holt ihn sein Vater zurück – er soll in sein Geschäft eingeführt werden. Camille hat dazu aber keine Lust, er möchte lieber zeichnen und malen. Der dänische Maler Fritz Melbye ermutigt ihn dazu und nimmt ihn mit nach Venezuela, wo die beiden in Caracas künstlerisch tätig sind. 1855 zieht Pissarro nach Paris. An der dortigen Weltausstellung bewundert er die Werke grosser Künstler wie >Delacroix, >Ingres und wird Schüler von Camille Corot.

 

 

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Camille Pissarro um 1901.
Unbekannter Fotograf. Archives
Musée Camille-Pissarro, Pontoise.

 

 

Inzwischen (1857) ist auch seine Familie in Frankreich zurück. Der Vater drängt Camille in eine akademische Ausbildung – in der Ecole des Beaux-Arts Paris. Diesen Weg will er aber nicht gehen, es zieht ihn mehr in die >Schule von Barbizon, wo sich progressive Künstler mit einer neuen Form von Landschaftsmalerei befassen, die sie «paysage intime» nennen. Es ist der Start in die Malerei im Freien («plein-air») und auch in den >Impressionismus.

 

In der Académie Suisse lernt Pissarro um 1860 auch >Monet und >Cézanne kennen, die drei werden Freunde. In den späten 1860ern malen sie gemeinsam im Freien – jeder in seinem eigenen Stil.

 

1870 flieht Pissarro vor dem Deutsch-Französischen Krieg nach London. Seine gesamte Bildproduktion bleibt in Louveciennes bei Paris zurück und wird von deutschen Soldaten zerstört – es überleben nur wenige Frühwerke.

 

Impressionistische Gemälde haben in jener Zeit einen schweren Stand: Sie werden vom >Salon de Paris abgelehnt und sind kaum verkäuflich. Die immer wieder zurückgewiesenen Künstler gründen 1873 ihre eigene Vereinigung (>Gruppe der Impressionisten) und organisieren Ausstellungen. Pissarro ist in der Vereinigung eine treibende Kraft und nimmt als einziger an allen Ausstellungen von 1874 bis 1886 teil.

 

Mitte der 1880er Jahre wendet sich Pissarro einem neuen Malstil zu. Auslöser ist die Bekanntschaft zu >Georges Seurat, dem Begründer des Divisionismus. Heisst: Das Malen mit reinen Komplementärfarben, die als Punkte oder Striche verarbeitet werden (siehe auch >Paul Signac und Pointillismus). Dieser neue Stil mit Tausenden von Punkten und Strichen ist allerdings extrem zeitaufwändig und muss daher im Atelier geschehen.

 

Doch auch mit diesen anspruchsvollen Arbeiten ist kein Geld zu verdienen, es gibt keinen Markt dafür. Gegen Ende des Jahrzehnts kehrt Pissarro wieder zum «einfacheren» Impressionismus zurück.

 

1892 dann ein Lichtblick: Sein grosser Förderer, der Kunsthändler Durand-Ruel, bietet ihm eine Retrospektive – nun kann Pissarro einige Gemälde verkaufen.

 

 

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Pissarro um 1893 mit seinen Söhnen Ludovic,
Lucien und Félix. Fotograf unbekannt.
Archives Musée Camille-Pissarro, Pontoise.

 

 

Politisch hat Pissarro eine klare Haltung, die er auch in den Impressionistenkreisen vertritt: Er gehört zu den Anarchisten, die jegliche Herrschaft ablehnen und die prekären Lebensumstände der Arbeiter anprangern. Weil er selbst kein Geld hat, unterstützt er einschlägige Anarchistenzeitschriften mit Illustrationen. Zudem erstellt er ein Album mit satirischen Zeichnungen.

 

In seinem letzten Jahrzehnt leidet er an einer entzündlichen Augenkrankheit. Er kann kaum noch im Freien arbeiten. Nun malt er in improvisierten Ateliers – in Wohnungen und Hotelzimmern, von wo aus er Sicht auf das Leben in den Strassen und Häfen hat, von Dieppe, Rouen und Paris.

 

Camille Pissarro stirbt am 13. November 1903 in Paris. Er hinterlässt eine grosse Anzahl von Bildern, die heute in allen bedeutenden Museen der Welt zu sehen sind. Seit 1980 befindet sich in Pontoise (nordwestlich von Paris) das Musée Camille Pissarro.

 

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)

Camille Pissarro (1830-1903).

Le Pont Boieldieu à Rouen, soleil couchant, 1896. Birmingham Museums and Art Gallery.

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Camille Pissarro (1830-1903). La Varenne-Saint-Hilaire, 1863. Museum of Fine Arts Budapest.

 

 

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Camille Pissarro (1830-1903). Paysage à Louveciennes, 1870. Privatsammlung.

Nur wenige Frühwerke erhalten

 

Von seinen Arbeiten in Übersee – er malt ab 1852 in Venezuela mit dem dänischen Maler Fritz Melbye – ist vermutlich nichts mehr erhalten. 1855 zieht Pissarro nach Paris. Statt an der Ecole des Beaux-Arts zu studieren, wie sein Vater es möchte, geht er aufs Land. In die riesigen Waldgebiete um Fontainebleau, etwa 60 km südlich von Paris. Dort geht er in die >Schule von Barbizon.

 

Die Barbizonniers sind progressive Künstler, die vor allem die Landschaftsmalerei neu definieren: Statt klassisch idealisierte Landschaften werden nun realistische Abbildungen geschaffen. Ein bedeutender Vertreter davon ist Camille Corot (1796-1875). Er wird Pissarros Lehrer.

 

Etwa um 1850 sind erstmals >Tubenfarben auf den Markt gekommen. Diese verleihen der Malerei einen komplett neuen Impuls: Das Malen im Freien, «plein-air». Die Tubenfarben sind Voraussetzung für einen neuen Malstil: den >Impressionismus.

 

Etwa um 1865 löst sich Pissarro von Corots naturalistischem Stil und wendet sich der plein-air-Malerei und dem Impressionismus zu.

 

 

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Camille Pissarro (1830-1903). Selbstporträt, 1873. Musée d'Orsay Paris.

 

 

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Camille Pissarro (1830-1903). Porträt von Paul Cézanne, 1874. National Gallery London.

 

Die Freundschaft mit Paul Cézanne

 

Cézanne ist neun Jahre jünger als Pissarro. Die beiden lernen sich in den frühen 1860er-Jahren in der Académie Suisse in Paris kennen. Beiden ist gemeinsam, dass sie ihren Kopf gegen die Eltern durchgesetzt haben. Und beide kämpfen gegen die akademische Malerei und gegen den verhassten >Salon de Paris, der sie immer wieder hat abblitzen lassen.

 

Pissarro ist Mitbegründer der so genannten >Impressionistengruppe von 1873. Obwohl sein Freund Cézanne eigentlich nicht ganz ins Schema passt, sorgt Pissarro dafür, dass dieser dennoch an den jährlich ab 1874 stattfindenden Ausstellungen der Impressionisten teilnehmen darf.

 

Die beiden Künstler wohnen nahe beisammen: Pissarro in Pontoise nordwestlich von Paris, Cézanne in Auvers-sur-Oise – in Gehdistanz. Sie malen regelmässig zusammen und tauschen sich über technische und theoretische Aspekte der Malerei aus. Erst als Cézanne 1885 in die Provence zieht, endet ihr gemeinsames Malen. Die Freundschaft bleibt aber bestehen.

 

 

>mehr über Paul Cézanne

 

 

   

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Camille Pissarro (1830-1903). Côte des Boeufs à l'Hermitage, Pontoise, 1877. National Gallery London.

 

 

 

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Paul Cézanne (1839-1906). La Côte Saint-Denis, Pontoise, 1877. Privatsammlung.

Wenn zwei die gleichen Sujets malen

 

Pissarro und Cézanne malen nicht nur oft zusammen, sie verarbeiten manchmal auch die gleichen Motive. Wie in diesem Beispiel in Pontoise die Côte des Boeufs im Jahr 1877. Interessant dabei, wie die verschiedenen Stile der beiden Künstler zur Geltung kommen.

 

Das obere Gemälde stammt von Pissarro und weist die typischen Charaktereigenschaften des >Impressionismus auf: Ausgeführt mit schnellen, kurzen Pinselstrichen. Insbesondere im Buschwerk im Vordergrund ist das sehr gut zu erkennen. Von ganz nahe betrachtet sind es nur kleine Farbkleckse, aber aus der Distanz beginnt der Wald zu leben und wirkt natürlich.

 

Die Arbeit von Cézanne kommt in dem für ihn typischen eigenen Stil daher: Sie ist flächiger, die Bäume sind konturiert und dazu teils detailliert ausgearbeitet.

 

Noch ein Detail, das die beiden Gemälde unterscheidet: In Cézannes Landschaften sind kaum je Menschen zu finden, wogegen Pissarro auch immer wieder Figuren darin abbildet. Wie hier im Bild oben: Zwar nur ganz klein, aber die Menschen sind da – zwei Köpfe schauen aus dem Gebüsch.

 

 

 

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Paul Gauguin (1848-1903). Die drei Kühe, 1884. Kunst Museum Winterthur.

 

 

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Camille Pissarro (1830-1903). Le Chemin montant à travers champs. Côte des grouettes, 1879. Musée d'Orsay Paris.

 

Pissarros grosse Bedeutung für Paul Gauguin

 

Als die beiden sich kennen lernen, ist Pissarro um die 40, Gauguin mitte 20. Gauguin ist da noch kein Maler, sondern Börsenmakler und hinter dem Geld her. Allerdings hat er Kontakte zu Künstlern und kauft und sammelt Kunstwerke. Auch Pissarros Gemälde interessieren ihn.

 

Pissarro ermutigt Gauguin, doch selbst auch zu malen. 1879 lädt er ihn zur Teilnahme an der vierten Impressionisten-Ausstellung ein. Im gleichen Jahr besucht Gauguin Pissarro das erste Mal in dessen Haus in Pontoise, um gemeinsam zu malen. Die ersten Werke Gauguins lehnen sich denn auch teilweise an den Stil Pissarros an. Später entwickelt Gauguin seinen eigenen, unverkennbaren Stil.

 

Für Gauguins Karriere als Maler ist die Beziehung zu Pissarro also eine bedeutende – doch für eine echte Freundschaft der beiden reicht es nicht. Zumal Pissarro mit Gauguins Streben nach finanziellem Erfolg nicht einverstanden ist. 1891 zieht Gauguin in die Südsee nach Tahiti, wo seine berühmtesten Bilder entstehen.

 

 

>mehr über Paul Gauguin

 

 

   

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Camille Pissarro (1830-1903). Pissarros Gattin beim Nähen am Fenster, 1877. Ashmolean Museum Oxford.

 

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Lucien Pissarro (1863-1944). L'église d'Eragny, 1886. Ashmolean Museum Oxford.

 

 

Ehe mit Julie und fünf Maler-Söhne

 

Ab 1857 wohnt Pissarro bei seinen Eltern in Montmorency. Zwei Jahre später, 1859, kommt die 21-jährige Julie Valley als Bedienstete in den elterlichen Haushalt. Camille beginnt mit ihr ein Verhältnis, aus dem zwei uneheliche Kinder hervorgehen. 1871 heiraten die beiden in Croydon südlich von London. Julie ist inzwischen mit dem dritten Kind schwanger.

 

Insgesamt zeugen Camille und Julie acht Kinder, von denen eines bei der Geburt stirbt. Fünf davon sind Söhne, die auch Maler werden:

 

Lucien Pissarro (1863–1944), Georges Henri (1871–1961), Félix (1874–1897), Ludovic Rodolphe (1878–1952) und Paul-Emile (1884-1972). Alle fünf verschreiben sich dem Impressionismus und dem Neo-Impressionismus.

 

Félix wird zusätzlich Grafiker und Karikaturist, Lucien Holzschnitzer. Keiner der fünf künstlerisch tätigen Söhne erreicht aber den Bekanntheitsgrad ihres Vaters.

 

 

 

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Camille Pissarro (1830-1903). Paysannes ramassant des herbes, Eragny, 1886. Privatsammlung.

 

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Das Bild entsteht aus tausenden von feinen Punkten.

 

 

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Camille Pissarro (1830-1903). Femme au fichu vert, 1893. Musée d'Orsay Paris.

 

 

Pissarros Weg in den Neo-Impressionismus

 

Zu Beginn der 1880er-Jahre gerät Pissarro in eine künstlerische Krise. Vor allem der ausbleibende Verkaufserfolg hat ihn zermürbt. Nun schliesst er sich dem Kreis um >Georges Seurat an, der eine neue Stilrichtung begründet hat: die Kunst, ein Gemälde mit reinen Farben aus kleinen Punkten herauszubilden.

 

>mehr über den Divisionismus/Pointillismus

 

Obwohl dieser neue Stil Neo-Impressionismus heisst, hat er mit dem Impressionismus nicht mehr viel gemeinsam. Vor allem kann diese Maltechnik nicht mehr im Freien angewendet werden, denn sie ist extrem aufwändig. Tausende von feinen Punkten müssen richtig gesetzt werden, um ein Bild zu erzeugen – und das geht nur noch in Feinstarbeit im Atelier.

 

Doch auch dieser hochaufwändige Malstil kommt nicht an – die Bilder lassen sich nur schwer oder gar nicht nicht verkaufen. Pissarros Kunsthändler, Paul Durand-Ruel, weigert sich, solche Bilder auf den Markt zu bringen. Zusammen mit Seurat, Signac und seinem Sohn Lucien kann Pissarro die Werke zwar an der Impressionisten-Ausstellung von 1886 ausstellen – aber man verbannt sie in einen speziellen Raum.

 

In den 1890er-Jahren verliert Pissarro den Spass an dieser aufwändigen Technik – die keinen Erfolg gebracht hat – und kehrt wieder zum leichter zu verarbeitenden Impressionismus zurück.

 

 

   

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Camille Pissarro (1830-1903). Le Boulevard Montmartre, effet de nuit, 1897. National Gallery London.

 

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Camille Pissarro (1830-1903). Anse des Pilotes, Le Havre, matin, soeil, marée montante, 1903. Musée d'art moderne André Malraux, Le Havre.

Letzte Jahre, letzte Bilder

 

In seinem letzten Jahrzehnt leidet der Künstler an einer chronischen entzündlichen Augenkrankheit. Die Folge davon: Er muss sich vor Wind und Staub schützen und kann nicht mehr im Freien arbeiten. Also versucht er, Gebäude zu finden, von denen aus er malen kann.

 

Er mietet Wohnungen und Hotelzimmer an Lagen mit Einsicht auf das Treiben in Häfen und Strassen von Paris, Rouen, Dieppe, Le Havre.

 

Es entstehen eindrückliche Werke in reinstem Impressionismus und in ständig wechselnden Lichtverhältnissen. Mal am frühen Morgen, mal in der Nacht, mal bei Sonne, mal bei Regen.

 

Jahrzehntelang hat er um Anerkennung und wirtschaftlichen Erfolg gerungen. Erst mit seinem Spätwerk schafft er es, mit dem Verkauf seiner Bilder ein einigermassen geregeltes Einkommen zu erzielen.

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Fotos Ausstellung «Camille Pissarro»

Kunstmuseum Basel, 2022.

 

   
   

 

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