Ausstellung «Shirana Shahbazi,
All at once. An interplay with Li Tavor»
Kunstmuseum Luzern, 4.7. - 18.10.26
Das Grossmünster wird 2026/27 renoviert. In dieser Zeit sind beide Türme eingerüstet. Der Kanton Zürich hat die aus dem Iran stammende Fotografin beauftragt, im Rahmen des Projektes «Kunst-am-Bau» die Gerüstverkleidung mit einer Collage ihrer Fotografien zu bespielen.
Das eingerüstete Zürcher Grossmünster
(2026/27) mit Fotografie-Collagen von
Shirana Shahbazi.
Türme und Langhaus sind mit
Shahbazi-Werken abgedeckt.
Mit eingearbeitet sind Werke aus
der Unterwasserserie «Falling».
Shirana Shahbazi im Jahr 2012.
Foto Gampe, WikiCommons 3.0.
Shirana Shahbazi wanderte 1985 als
Elfjährige mit ihrer Familie von Teheran nach Deutschland aus und studierte zunächst Fotografie in Dortmund, bevor sie 1997 an die Zürcher Hochschule der Künste wechselte. Ihr Diplom schloss sie im Jahr 2000 ab, seither lebt und arbeitet sie in Zürich und hat ihren Wohnsitz in Schlieren.
Die Schau zeigt Werke aus über 25 Jahren. Es sind neuere und ältere Arbeiten, die in dichter Fülle nebeneinander hängen. Shahbazi geht bei ihren Arbeiten von Fotografien aus. Diese verarbeitet sie mit verschiedenen Techniken wie Doppelbelichtungen und Überlagerungen zu Lithografien und Siebdrucken und schafft so neue Werke.
Die Inhalte und Aussagen ihrer so entstandenden Collagen sind nicht einfach zu verstehen. Sie bestehen aus so vielen Elementen, dass sie das Auge des Betrachters manchmal zu überfordern vermögen.
Klarer wird die Sache dann in der Werkserie «Falling». Diese grossformatigen Lithografien stammen von Unterwasserfotografien und zeigen ins Wasser springende Menschen in voller Bekleidung. Es heisst, dass Shahbazi dafür «Modelle» verwendet hat, die in der näheren Umgebung des Grossmünsters leben und arbeiten – unter ihnen Anwälte einer benachbarten Kanzlei.
Shahbazis Motive reichen von Architektur, Landschaften, Natur, Tieren und Menschen bis zu Objekten und Keramikkreationen – dargestellt in Schwarz-Weiss-Arbeiten oder in farbstarken Lithografien.
Shahbazi geht in dieser Ausstellung auch
einen «Dialog» mit dem zehn Jahre jüngeren Schweizer Künstler Li Tavor (1983) ein, dessen von der Decke hängende Latexbahnen in verschiedenen Farbtönen die Räume bespielen.
Li Tavor (1983). Bright Red 101.1, 2026 .
Red 104.1, 2026. Rose 102.1, 2026. Magenta 105.1, 2026. Black 103.1, 2026 Pigmentiertes Latex. Courtesy of the artist.
Li Tavor kam 1983 in Basel zur Welt. Er arbeitet als Künstler, Architekt und Komponist. 2018 gewann er den Goldenen Löwen an der Architektur-Biennale von Venedig.
Ergänzt wird die Schau durch Werke der iranischen Künstlerinnen Monir Shahroudy Farmanfarmaian und Mastaneh Kamyab. Kuratiert wurde die Ausstellung von Fanni Fetzer in Kooperation mit dem Museum
Kurhaus Kleve.
Fotos dicht an dicht in mehreren...
...Räumen der Ausstellung
Die Werke werden auch auf transparente Stellwände projiziert. |
Fotografien aus drei Jahrzehnten
Shahbazis Werke seit dem Jahr 2000 hängen im Kunstmuseum Luzern dicht an dicht. Ihre Arbeiten sind so divers, dass sie ebensogut von verschiedenen Künstler:innen stammen könnten. Diese Vielstimmigkeit ist aber kein Zufall. Sie kommt auch im Ausstellungstitel «All at Once» programmatisch zum Ausdruck: Alles zusammen, alles gleichzeitig: Landschaften, Menschen, Architektur, Naturalistisches und Symbolisches, Abstraktes und Konkretes, querbeet.
Das hat System bei Shahbazi. Sie ordnet ihre Kompositionen bei jeder Ausstellung neu und hat dabei ein Ziel vor Augen: Sie will ihre Bilder einander gegenüber zu stellen. Die Nachbarschaft zu anderen Werken soll die Sichtweise auf die Werke verändern. Es geht nicht um schnelles Erkennen der Inhalte, im Gegenteil: Die verwirrende Vielfalt soll bewusst zum genauen Hinsehen einladen.
In der Ausstellung werden die Bilder aber nicht nur klassisch gehängt. Spektakulär ist die Anordnung von transparenten Stellwänden, auf die die Fotografien mit Lichtstrahlern projiziert werden. Die Installation ist so angelegt, dass sie auch die Besucher mit einbezieht – manchmal sieht man seinen eigenen Schatten im Bild nebenan vorbeihuschen. Eine sehr spezielle, neue und attraktive Raumerfahrung.
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Shirana Shahbazi. Disruptions-02, 2025. Vierfarben-Lithografie auf Baumwollpapier. Courtesy of the artist and Galerie Peter Kilchmann.
Shirana Shahbazi. Disruptions-01, 2025. Vierfarben-Lithografie auf Baumwollpapier. Courtesy of the artist and Galerie Peter Kilchmann. |
Mehrfachbelichtungen sollen die Lesbarkeit stören
Für Shirana Shahbazi ist eine Fotografie nicht das Endprodukt, sondern vielmehr Rohmaterial für einen mehrstufigen Transformationsprozess. Damit soll die eindeutige «Lesbarkeit» des ursprünglichen Bildes systematisch «gestört» werden. Diese Ziel erreicht die Künstlerin souverän – tatsächlich lassen sich nach ihren Transformationsprozessen die ursprünglichen Motive kaum noch lesen.
Was bedeutet Lithographie? Der Name enthält den griechischen Begriff Lithos (=Stein). Als Druckform wurde ursprünglich ein feinkörniger glattgeschliffener Kalkstein verwendet. Es handelt sich um ein Flachdruckverfahren. Erfunden wurde der Steindruck 1798 von einem gewissen Alois Senefelder (geboren in Prag 1771, gestorben in München 1834).
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Shirana Shahbazi. Aus der Serie «Falling», 2026.
Präsentation der Serie «Falling».Shirana Shahbazi Falling Sima 06, 2026. Litho auf Büttenpapier, 140x180cm. Courtesy of the artist.
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«Falling» – tauchende Anwälte in Anzügen
Die Unterwasserserie «Falling» entstand ab 2023. Shahbazi fotografierte dabei Männer und Frauen, die voll bekleidet unter Wasser agieren und dabei den Eindruck erwecken, als würden sie schweben. Oder eben, wie der Titel andeutet, sie würden «fallen». Ausgangsmaterial sind schwarz-weiss-Fotografien.
Für die Unterwasseraufnahmen des Kunst-am-Bau-Projekts am Zürcher Grossmünster arbeitete Shahbazi mit Menschen aus dessen unmittelbarem Umfeld – dabei dienten auch Personen einer benachbarten Anwaltskanzlei als Modelle (Quelle: Stadt Zürich).
Das s/w-Ausgangsbild wird dabei nicht als endgültiges Foto behandelt, sondern als Vorlage, die sich zerlegen und neu organisieren lässt, manchmal als Doppelbelichtung. Aus den s/w-Fotografien stellt die Künstlerin grossformatige Lithographien her.
Einige davon sind mit Farbverläufen überlagert. Wie zum Beispiel das neuere Werk «Falling Sima 06» das im Endprodukt zu einer Farblithografie auf handgeschöpftem Papier im Grossformat 140 × 180 cm wird.
Die Künstlerin baut die Farblithografien in mehreren Durchgängen nacheinander auf: Der schwarzweisse fotografische Anteil und jede zusätzliche Farbfläche beziehungsweise Farbschicht werden separat gedruckt und dann übereinander gelegt. Bei den meisten Farblithos sind es zwei Farben pro Motiv.
Shahbazi beschreibt den Vorgang selbst so: «For the lithographs, I use digital images which then are translated into other media, such as lithography» («Für die Lithografien verwende ich digitale Bilder, die anschliessend in andere Medien übertragen werden, etwa in die Lithografie»).
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Displacement 32, 2024. C-Print auf Alu. Courtesy of the artist.
Displacement 33, Handkolorierter Silbergelatineabzug Courtesy of the artist. |
Kolorierte s/w-Fotos in Keramikrahmen
Eine Kunstform, die man so noch nicht gesehen hat. Diese im Kunstmuseum Luzern erstmals gezeigten Werke bestehen aus kleinformatigen s/w-Abzügen, die später nachkoloriert werden, und einem von der Künstlerin eigens kreierten Rahmen aus Keramik.
Die Motive zeigen geometrische Elemente, wie man sie von der >Konkreten Kunst her kennt. Ausgangsmaterial ist eine s/w-Fotografie. Nach der Handkolorierung wird der Abzug in einen von der Künstlerin selbst geschaffenen Rahmen aus Keramik eingelegt.
Heisst: Der Rahmen ist keine nachträgliche Ausstattung wie üblich, sondern Bestandteil des Ganzen als eine Einheit. Der Keramikrahmen scheint ein Teil von Shahbazis Arbeitsweise zu sein: Die Fotografie soll sich mit neuen Präsentationsformen und neuen Materialien verbinden.
Diese kleinformatigen Werke – vielleicht ein Dutzend – hängen in jedem Raum der Ausstellung, gestreut unter grossformatigen Fotografien und Farblithos. Alle Keramik-Rahmen weisen verschiedenen Farben und Formen auf.
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Abstraktes
Natur
Stillleben
Menschen
Konkretes
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Shahbazis unendliche Vielfalt
In der Ausstellung zeigt die Künstlerin eine unendliche und fast unüberblickbare Vielfalt an Fotomotiven. Verzettelt sich die Künstlerin damit nicht zu sehr? Gefühlt ja. Jedenfalls erschwert diese gewaltige Vielfalt, die Künstlerin als Fotografin einzuordnen.
Sie selbst sieht das ganz anders: Aus ihrer Sicht ist die Vielfalt keine Verzettelung, sondern ein bewusstes angewandtes künstlerisches Prinzip. Shahbazi versteht sich zwar als Fotografin, aber als eine, die Fotografie nicht auf dokumentarische Eindeutigkeit beschränken will. Sie benutzt das Foto als Ausgangspunkt für Bildfindungen und Übersetzungen.
In einem frühen Interview formulierte Shahbazi, was sie von einer Fotografie erwartet: «Time, depth and changing meanings». Also Zeit, Tiefe und sich wandelnde Bedeutungen.
Heisst: Das einzelne Bild soll nicht eine feste Aussage liefern, sondern seine Bedeutung soll sich später im Blick und in der Nachbarschaft anderer Bilder verändern.
Aufschlussreich ist ihre Aussage über die Ausstellungspraxis:
Wahrscheinlich würde sich Shirana Shahbazi selbst als eine Künstlerin mit fotografischem Denken oder als erweiterte Fotokünstlerin bezeichnen. Ihre Basis ist die Fotografie. In dieser befasst sie sich mit Aufnahmetechnik, mit Ausschnitt und Lichtführung. Aber dazu kommen nun für sie Fragen nach der Reproduzierbarkeit als Lithografie, als Teppich, als Plakat oder als keramisch gerahmtes Objekt.
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