Mauritshuis, Den Haag


Warum zählt das relativ kleine Haus zu den wichtigsten Museen der niederländischen Kunst? Weil es eine erstaunliche Dichte weltberühmter Werke enthält. Von Grössen wie Rembrandt, Jan Vermeer oder Frans Hals und anderen aus der Zeit des >Golden Age.

 

Das Mauritshuis wurde von 1633-1644 als privater Wohnsitz für Johan Maurits errichtet, der in jener Zeit Gouverneur von Niederländisch-Brasilien war, wo man mit Zuckeranbau und Sklaverei viel Geld verdiente.

 

 

Mauritshuis, ein ehemaliger Stadtpalast
aus dem Golden Age im 17. Jahrhundert

 

 

Lage: Am Hofweiher hinter dem Binnenhof
von Den Haag, dem niederländischen
Parlamentssitz. Foto Google Earth.

 

 

Blick in einen der frühbarocken Säle des
Museums.

 

 

Ein Brand im Jahr 1704 vernichtete fast die gesamte originale Innenausstattung des Mauritshuis. Der Wiederaufbau dauerte zehn Jahre. Die frühbarocken Säle wurden wieder in den alten Zustand gebracht.

 

 

Die Sammlung

 

Mit der Kunstsammlung hat der Namensgeber des Hauses, Johan Maurits, nur wenig zu schaffen. Diese geht vielmehr auf Prinz Wilhelm V zurück, der bereits in jungen Jahren Kunst zu sammeln begann. Schon 1774 richtete er am Buitenhof in Den Haag seine eigene Gemäldegalerie ein – die heutige Galerij Prins Willem V. Diese fürstliche Sammlung – etwa 200 Gemälde –, bildete später den Grundstock des Königlichen Gemäldekabinetts (und damit des Mauritshuis).

 

1795 wurde die Sammlung von französischen Truppen beschlagnahmt und nach Paris überführt, aber nach Napoleons Niedergang 1815 kam der Grossteil wieder nach Den Haag zurück.


Der Sohn des «Kunstsammlers» Prinz Wilhelm V,

König Wilhelm I (1772-1843), übergab dann die Sammlung 1816 dem niederländischen Staat und eröffnete 1822 das Mauritshuis als Museum.

 

 

 

 

Frans van Mieris I (1635-1681).
Man and Woman Eating Oysters,
1661. Mauritshuis Den Haag.

 

 

Adriaen van Ostade (1610-1685).
The Fiddler, 1673. Mauritshuis
Den Haag.

 

 

Jan Davidsz de Heem (1606-1684).
Vase of Flowers, 1670. Mauritshuis
Den Haag.

 

 

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)

Jan Vermeer (1632-1675).
View of Delft, 1660-61.

Mauritshuis Den Haag.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jan Vermeer (1632-1675). Girl with a Pearl Earring, 1665. Mauritshuis
Den Haag.

 

 

Trägt sie wirklich einen Perlen-Ohrring? Neueste Untersuchungen bezweifeln das...

 

 

Star des Mauritshuis:
Das Girl mit dem Perlen-Ohrring von Jan Vermeer

 

Vermeers Girl ist so etwas wie die niederländische Antwort auf die (noch) berühmtere Mona Lisa im Louvre von Paris. Beiden Abbildungen ist gemein, dass man bis heute nicht weiss, wer die Frauen sind. Auch eine gross angelegte Untersuchung im Mauritshuis in den Jahren 2018 bis 2020 «The Girl in the Spotlight» konnte das Rätsel ihrer Identität nicht lösen. Aber dafür kennt man Vermeers Werk inzwischen in- und auswendig.

 

So fand man heraus, dass der scheinbar schwarze Hintergrund ursprünglich ein gemalter grüner Vorhang war, mit prächtigen Falten und mehreren Farbtönen, die aber heute alle verblasst sind.

 

Die Untersuchungen weckten aber auch Zweifel, ob das berühmteste Accessoire des Bildes, der Perlen-Ohrring, überhaupt eine Perle ist. Sie ist wohl eher eine optische Illusion oder eleganter gesagt: ein kühner malerischer Trick. Das leuchtende Objekt ist zu gross für eine Perle, zudem weist es keinerlei Umrisse auf. Und auch ein Haken für das Ohrgehänge fehlt. Was zeigt die Abbildung also? Einen Glasschmuck? Die Zweifel bleiben.

 

Dem genialen Werk tut das natürlich keinen Abbruch.
Der direkte Blick des Mädchens auf den Betrachter, die Lichtreflexe im Auge, ihr sanft geöffneter Mund, der modische Turban, und vor allem Vermeers magische Lichtführung – einfach ein Meisterwerk.

 

>Bilddetails auf der Website Mauritshuis


 

Jan Vermeer (1632-1675). View of Delft, 1660-61. Mauritshuis
Den Haag.

 

 

 

Jan Vermeer: Blick auf Delft

 

Das Werk gilt als die berühmteste niederländische Stadtansicht des 17. Jahrhunderts. Der Künstler malt seine Heimatstadt extrem detailgetreu. Zudem lässt er Häuser, Burgen und Kirchen im wechselnden Licht der vorbeiziehenden Wolken leben. Einige liegen im Schatten, der Turm der Nieuwe Kerk ist dagegen ganz besonnt.

 

Die Detailgenauigkeit der Stadtsilhouette hat die Frage aufkommen lassen, ob Vermeer möglicherweise eine >Camera obscura verwendet habe. Das wird zwar diskutiert, konnte aber nicht bewiesen werden. Dagegen spricht, dass die Stadt offenbar doch nicht 100% dokumentarisch genau wiedergeben wird. Wie es heisst, sollen einzelne Bauten zugunsten des Bildgleichgewichts leicht angepasst worden sein.

 

>mehr über Jan Vermeer

 

 

Jan Steen (1525-1679). The Life of Man, 1665. Mauritshuis
Den Haag.

 

Mann bietet die Auster an.

 

Frau bietet die Auster an.

 

Jan Steen (1625-1679). Das Austern essende Mädchen, 1658-60.

 

Die Sache mit den Austern

 

Jan Steens «The Life of Man» von 1665 zeigt eine heitere Wirtshausszene, die zugleich eine Vanitas-Aussage birgt: Genuss, Begehren und Geselligkeit sind verführerisch, aber auch vergänglich. Im Bild essen, trinken, rauchen, spielen und flirten Menschen aller Generationen. Der Künstler verurteilt die sinnliche Lebenslust zwar nicht – er stellt sie eher vergnüglich dar – aber mit leicht erhobenem Moralin-Zeigefinger.

 

Im Zentrum steht, wie in vielen niederländischen Werken des >Golden Age, der trinkende, rauchende, spielende Mann, stets auf der Suche nach sinnlichen Vergnügen.

 

Dabei spielt die Auster eine bedeutende Rolle. Austern waren im niederländischen 17. Jht eine Delikatesse für die gehobene Schicht. Man verstand die Auster aber auch als Aphrodisiakum. In vielen volksnahen Darstellungen erscheint sie als Zeichen erotischen Begehrens. In diesem Kontext bedeutet das Anbieten einer geöffneten Auster eine erotische Einladung.

 

Im Werk «The Life of Man» zeigt Jan Steen sowohl Männer als auch Frauen, die ihrem Gegenüber Austern anbieten.

 

Im Gemälde «Das Austern essende Mädchen» stellt der Künstler die erotische Einladung ganz bewusst dar, sie ist die zentrale Aussage des Bildes. Jan Steen spielt mit dem Betrachter und macht ihn durch den einladenden Blickkontakt des Mädchens selbst zum möglichen Adressaten der Verführung. Es ist vor allem diese Einbeziehung des Bildbetrachters, die dem Werk seine provokante Wirkung verleiht.

 

Man kann das Bild auch als raffinierte Variation des niederländischen Genrethemas über Liebe, Lust und Vergänglichkeit verstehen: Die Auster verspricht unmittelbaren Genuss, während ihre Schalenreste an die Kurzlebigkeit sinnlicher Freuden erinnern.

 

 

 

Rembrandt (1606-1669). The Anatomy Lesson of Dr Nicolaes Tulp, 1632. Mauritshuis Den Haag

 

Rembrandt (1606-1669). Tronie of a Man with a Feathered Beret, 1635-40. Mauritshuis
Den Haag.
 

Rembrandt (1606-1669). Self-Portrait, 1669. Mauritshuis Den Haag.

 

Rembrandt in Hülle und Fülle

 

Nicht weniger als elf Gemälde decken im Mauritshuis fast die ganze künstlerische Spannweite des grossen Meisters ab: Das repräsentative Gruppenporträt, das biblische Drama, die Charakterstudie und das Selbstbildnis.

 

Mit der Anatomischen Lektion des Dr. Nicolaes Tulp von 1632 gelang dem erst 25-jährigen Rembrandt ein spektakulärer Coup. Aus dem Aufbau eines traditionellen Gildenbildes formt er eine Szene konzentrierter Beobachtung: Ein aufgebahrter Leichnam, der präzise Gestus des Anatomen und die unterschiedlich reagierenden Gesichter der beobachtenden Chirurgen.


Rembrandts «Tronie eines Mannes mit Federberet» ist kein Bildnis einer bestimmten Person, sondern eine virtuose Charakterstudie. Der Künstler «erfindet» eine Figur und steckt sie in ein historisierendes Kostüm.


Was ist eine Tronie? Das niederländische Wort meinte im 17. Jahrhundert einen Kopf oder ein Gesicht. In der Malerei bezeichnet es eine Studie von Physiognomie, Ausdruck, Haltung und Kostüm. Anders als beim Porträt stand nicht die Identität oder gesellschaftliche Stellung eines Auftraggebers im Zentrum, sondern die Wirkung einer Figur.

 

Sein letztes Selfie? Vielleicht. Es enstand in seinem Todesjahr 1669. Rembrandt war 63 Jahre alt, als er sich hier darstellte. Er zeigt keinen geschönten, erfolgreichen Künstler, sondern einen gealterten Menschen: Das Gesicht mit Falten und schweren Lidern, ohne jede Beschönigung. Bemerkenswert ist die Malweise. Das Gesicht ist mit wenigen dezidierten, teils dicken Pinselzügen aufgebaut.

Mit Farbschichten, die einen Menschen so zu sagen aus Fleisch und Blut modellieren.

 

>mehr über Rembrandt

 

 

Adriaen Brouwer (1606-1638). Pride (Superbia). One of the Seven Deadly Sins (trimming the moustache), 1634-37. Mauritshuis
Den Haag.

 

Adriaen Brouwer (1606-1638). Lust (Luxuria), One of the Seven Deadly Sins (Onanie), 1634-37. Mauritshuis
Den Haag.

 

 

Brouwer: Die sieben Todsünden

 

Adriaen Brouwer malte um 1634–37 herum eine komplette Serie der sieben Todsünden – auf kleinen Holztafeln. Nur zwei davon sind erhalten geblieben, die übrigen sind verschollen.

 

Brouwer stellt die «Sünder» als alltägliche Menschen dar. In Superbia malt er einen Mann, der seinen Schnurrbart mit einer Schere kunstvoll stutzt – was damals als sündige Form der Selbstgefälligkeit galt.


In Luxuria zeigt er einen ungepflegt wirkenden, beleibten Mann, der seine Hand in die halb geöffnete Weste legt. Diese Geste spielt auf Selbstbefriedigung oder generell auf sexuelle Lust an. Unter Luxuria versteht man allgemein Wollust oder ungezügeltes Begehren.

 

Welches waren die «sieben Todsünden»?

 

Superbia: Eitelkeit, Hochmut, Stolz. Gemeint ist Selbstüberhebung und übermässiger Geltungsdrang.

Luxuria bezeichnet Wollust oder Unkeuschheit: ein massloses sexuelles Begehren.
Avaritia steht für Habgier oder Geiz, das unstillbare Verlangen nach Besitz und Reichtum.
Invidia bedeutet Neid oder die Missgunst gegenüber dem Glück, den Fähigkeiten oder dem Besitz anderer.
Gula steht für Völlerei oder die Masslosigkeit
beim Essen und Trinken.
Ira bedeutet Zorn oder die unbeherrschte Wut, Aggression und Rachsucht.
Acedia bezeichnet Trägheit, geistige und moralische Antriebslosigkeit. Oft wird sie verkürzt als Faulheit wiedergegeben.

 

>mehr über die sieben Todsünden

 

 

Paulus Potter (1625-1654).
The Bull, 1647. Mauritshuis
Den Haag.

 

Detail.

 

Paulus Potter: Meister des Naturalismus

 

Potter war einer der bedeutendsten Tiermaler des niederländischen Goldenen Zeitalters. Sein Stier von 1647 ist berühmt, weil der Künstler gewöhnliche Nutztiere in monumentaler Grösse abbildete.

 

Das monumentale Gemälde ist fast 3.5 Meter breit und damit das grösste Bild des des Mauritshuis. Als das Werk 1647 entstand, war das radikal. Tiere so dominant abzubilden, war bisher unüblich – monumentale Werke galten als exklusiv für den Adel bestimmt.

 

Potter malte mit erstaunlicher Detailgenauigkeit: zum Beispiel ist bei der Kuh jedes der feinsten Schnurrhaare zu erkennen. Das Bild gilt heute als Inbegriff des holländischen Tier-Naturalismus.

 

 

Fotos aus der Sammlung
Mauritshuis Den Haag