Venezia: Santa Maria Formosa


Was für eine süffige Geschichte: Um das Jahr 650 n.Chr. herum soll dem Bischof von Oderzo im Traum die Madonna erschienen sein. Als prächtige, füllige Matrone, als «formosa». Formosa bedeutet: wohlgeformt, drall, kurvenreich. Die schöne Maria befahl dem Bischof, ihr eine Kirche zu bauen. Was dieser dann auch tat.

 

Die erste Kirche entstand im 7. Jahrhundert. In den folgenden Jahrhunderten wurde sie x-fach umgebaut. Die heutige Chiesa Santa Maria Formosa stammt aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, Architekt war ein Mann aus Bergamo: Mauro Condussi. Die Fassade kam etwas später dazu, der Campanile im 17. Jahrhundert.

 

 

Chiesa Santa Maria Formosa um 1742.
Von Pietro Bellotti (1725-1805). Ausschnitt.

Dorotheum Wien.

 

 

 

Santa Maria Formosa im Stadtteil Castello unweit
von Rialto. Foto GoogleEarth.

 

 

Auch die heilige Barbara tritt in der Kirche prächtig
und ziemlich «formosa» auf. Von Jacopo Palma
il Vecchio (1480-1528). Detail aus dem

Polyptychon von 1523.

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)

Bartolomeo Vivarini (1432-1491).

Triptychon Vergine della Misericordia, 1474.
(Jungfrau der Barmherzigkeit). Links die Eltern der
Jungfrau, Joachim und Anna, rechts Marias Geburt.

Chiesa Santa Maria Formosa, Venezia.

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Magnus von Oderzo, der Kirchengründer. Von Gianbattista Cima da Conegliano (1459-1517). Galleria dell'Accademia, Venezia. Foto Didier Descouens, WikiCommons.

 

Magnus, der Kirchengründer

 

Männer haben manchmal erotische Träume – auch fromme Kirchenmänner, wie man weiss. Einer dieser Männer war Magnus, der Bischof von Oderzo (Kleinstadt bei Treviso), der von 580 bis 670 n.Chr. hier lebte. Ihm erschien im Traum die Madonna – aber nicht als zierliche Jungfrau, sondern als schöne, füllige und «wohlgeformte», als formosa, wie das in italienisch heisst. Sie befahl ihm, eine Kirche zu bauen und diese ihr zu weihen.

 

Magnus baute die Kirche. Und weil sie der fülligen Schönen geweiht ist, heisst sie nun Chiesa Santa Maria Formosa.

 

Interessant ist, dass die Künstler, die die Kirche achthundert Jahre später mit Gemälden ausstatteten, das Traumbild des Bischofs – eine füllige Maria – in ihre Werke einfliessen liessen. Und das nicht nur auf die wohlgeformte Madonna anwendeten, sondern gleich auch noch für die Heilige Barbara, die auch in der Kirche verewigt ist.

 

 

Bartolomeo Vivarini (1432-1491). Vergine della Misericordia, 1474.

 

Bartolomeo Vivarini (1432-1491). Triptychon Vergine della Misericordia, 1474.

 

Bartolomeo Vivarini (1432-1491). Begegnung von Joachim und Anna, 1474.

 

 

Das Highlight: Die Maria «formosa»


Das Hauptwerk der Kirche ist in der ersten Kapelle rechts zu finden. Es ist ein Triptychon auf dem Altar der Barmherzigkeit. Gemalt 1474 vom einheimischen Künstler Bartolomeo Vivarini (1432-1491), der aus Murano stammt. Sein Malstil ist von Andrea Mantegna geprägt und zeichnet sich durch klar geschnittene Figuren in akribischer Detailtreue aus.

Das Triptychon heisst «Vergine della Misericordia» (Jungfrau der Barmherzigkeit). Im Zentrum steht die wohlgeformte «Maria formosa».

Das Gemälde rechts zeigt die
Geburt der Maria (nicht von Jesus!), jenes links die «Begegnung von Joachim und Anna», die Eltern Marias.

 

Wer sind die Eltern von Maria?

 

Joachim war ein frommer und reicher Mann. Er wollte sein Geld an die Armen spenden. Weil er aber kinderlos war, verweigerte ihm der Hohepriester seine Spenden. Joachim zog daraufhin für 40 Tage in die Wüste und fastete.

 

Gleichzeitig flehte seine Gattin Anna Gott um Gnade und versprach, ihm ihr Kind zu weihen. Nach vierzig Tagen erschien ein Engel und kündigte den beiden die Geburt eines Kindes an. Joachim kehrte nach Jerusalem zurück und traf dort Anna beim Tempel, genauer bei der «Goldenen Pforte» (Bild links). Das verheissene Kind kam zur Welt, Maria. Wie versprochen, weihten es Joachim und Anna Gott. Als sie 3-jährig wurde, brachten die Eltern die kleine Maria zum Tempel von Jerusalem. Dort sollte sie nun für den Tempeldienst ausgebildet werden.

 

 

>mehr über Joachim und Anna

 

 

Jacopo Palma il Vecchio (1480-1528). Polyptychon, 1523. Im Zentrum die heilige Barbara.

 

Jacopo Palma il Vecchio (1480-1528). Polyptychon, 1523. Detail: Cristo morto sostenuta da Maria, 1523.

 

Auch die heilige Barbara ist «formosa»

 

Interessanterweise haben die Künstler die Traumvorstellungen des Kirchengründers, Bischof von Oderzo, übernommen. Sie wendeten die Vorgabe «formosa» aber nicht nur auf die Jungfrau Maria an, sondern auch auf die heilige Barbara, die im Bild von Jacopo Palma il Vecchio (1480-1528) fast ebenso prächtig und füllig daher kommt.

 

Das Polyptychon mit den sechs Darstellungen zeigt im Zentrum die heilige Barbara. Im Gemälde über ihr hält Maria ihren toten Sohn im Arm.

 

In den zwei Nischen links sind die Heiligen Giovanni Battista (>Johannes der Täufer) und
>San Sebastiano abgebildet.

 

In der rechten Nische erkennt man die Heiligen Vincenzo Ferreri und >Antonius.

 

 

>mehr über Jacopo Palma il Vecchio

 

>wer ist die Heilige Barbara?

 

 

 

Jacopo Palma
il Giovane (1548-1628). Madonna in pietà e San Francesco d'Assisi, 1604.

 

 

Madonna, Kind und Franz von Assisi

 

Gemälde von Jacopo Palma il Giovane (1548-1628). Er st kein Sohn von Palma il Vecchio, sondern sein Grossneffe. Er kam erst zwanzig Jahre nach dessen Tod zur Welt. Man gab ihm den Namen «il Giovane», um ihn kunstgeschichtlich besser von «il Vecchio» unterscheiden zu können.

 

Nach dem Brand im >Dogenpalast von 1577 erhielt er den Auftrag, an der Ausmalung der Decke im Saal des grossen Rates (Sala del Maggior Consiglio) mit zu arbeiten. Dank dieser und anderer Staatsaufträge wurde Palma il Giovane ein vielbeschäftiger Künstler – er erreichte aber nie die Berühmtheit seines Grossonkels Palma il Vecchio.

 

 

 

 

Fotos / Diashow

 

 

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