Lovis Corinth (1858-1925)


Was ist er nun? Ein klassisch-akademischer Historienmaler, ein Impressionist oder gar ein Expressionist? Von allem etwas. Im Gegensatz zu anderen Künstlern, die ihre «Phasen» hatten, malt er parallel in mehreren Stilen. Je nach Sujet, je nach Gusto – und Gesundheitszustand. Heute zählt er vor allem zu den einflussreichsten Vertretern des deutschen Impressionismus.

 

 

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Lovis Corinth, Selbstbildnis mit Modell
um 1901. Kunst Museum Winterthur
Reinhart am Stadtgarten.

 

 

Lovis Corinth kommt 1858 in Tapiau Ostpreussen als Franz Heinrich Louis zur Welt. Sein Vater betreibt eine Gerberei. Er wächst zusammen mit fünf Geschwistern aus der ersten Ehe seiner Mutter auf. Konflikte mit der Mutter und den Stiefgeschwistern prägen seine Jugend. «Ich bin während des gesamten Lebens unglücklich gewesen. Ich beneidete die, welche ein heiteres Temperament oder mehr Fähigkeiten hatten als ich. Ein brennender Ehrgeiz hat mich schon immer verfolgt», schreibt er in seiner Autobiographie.

 

1876 zieht die Familie nach Königsberg um. Dort beginnt er ein Akademiestudium beim Genremaler Otto Günther. Dieser empfiehlt ihm, an die Münchner Kunstakademie zu wechseln. 1883 leistet er einen einjährigen Militärdienst und geht danach für drei Jahre nach Paris. Dort studiert er an der Académie Julian.

1888 zieht er nach Berlin und nennt sich jetzt Lovis Corinth. 1891 gehts weiter nach München, dort schliesst er sich der Münchner Sezession an. Er malt ein geniales Bild («Salome») – aber das wird von der Jury der Sezession abgelehnt. Enttäuscht verlässt er München und zieht weiter nach Berlin (wo seine Salome gefeiert wird).

 

1895 kann er sein erstes Gemälde verkaufen, es ist ein biblisches Sujet, eine «Kreuzabnahme». Er malt sie in klassisch-akademischen Stil, obwohl er vorher – seit 1892 – mit dem Impressionismus experimentiert hat.

1901 eröffnet er in Berlin eine «Malschule für Weiber». Seine erste Schülerin heisst Charlotte Berend. Die 21-jährige wird auch sein Modell und seine Geliebte. 1903 heiraten die beiden. 1904 kommt ihr Sohn Thomas zur Welt.

 

 

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Lovis Corinth mit Charlotte Berend, 1902.

Ausstellung 2005 Kunsthalle Hamburg.



1906 beginnt er mit einem literarischen Werk: Es ist seine Autobiographie. An der arbeitet er bis zu seinem Tod. 1926 wird sie von seiner Frau Charlotte posthum veröffentlicht.

1911 wird er Vorsitzender der >Berliner Secession, kann dieses Amt aber nur kurz ausfüllen: Noch im gleichen Jahr erleidet er einen Schlaganfall, der zu einer halbseitigen Lähmung führt. Diese hat auch Auswirkungen auf seine Malweise: Er muss zunächst die Beweglichkeit seiner Hände wieder herstellen. Die Pinselstriche werden gröber, sie gehen jetzt manchmal in Richtung Expressionismus.

 

Zur Erholung verbringt er längere Kuraufenthalte im Badeort Nienhagen, dann ab 1912 mit seiner Frau in Bordighera an der italienischen Riviera.


Nach dem Ersten Weltkrieg, 1919, kaufen sich die Corinth ein Grundstück in Urfeld am Walchensee und bauen dort ein Haus. Es wird zum Rückzugsort für die inzwischen vierköpfige Familie. Hier schafft Corinth seine bekannten Walchenseebilder – es sind über sechzig und sie lassen sich sehr gut verkaufen.

 

 

walchensee

Lovis Corinth (1858-1925).
Walchensee, Landschaft mit Kuh, 1925.

Museumslandschaft Hessen, Kassel.

 

 

Zu seinem 65. Geburtstag organisiert die Berliner Nationalgalerie 1923 eine Ausstellung mit 170 Gemälden. 1924 folgen grosse Corinth-Ausstellungen in Königsberg und im Kunsthaus Zürich.

1925 wird Corinth Ehrenmitglied der Bayrischen Akademie der Künste. Im Juni gleichen Jahres tritt er eine Reise nach Amsterdam an. Er will noch einmal die Werke von Frans Hals und Rembrandt sehen. Das ist ihm noch vergönnt, aber am 17. Juli 1925 stirbt er in Zandvoort an einer Lungenentzündung. Seine Leiche wird nach Berlin überführt, wo man ihn mit einem Ehrengrab würdigt.



 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)

Lovis Corinth (1858-1925). Salome II, 1900.

Museum der Bildenden Künste Leipzig.

 

 

 

 

 

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Lovis Corinth (1858-1925). Weiblicher Akt, 1885. Privatkollektion.

1876: Akademisch-klassische Ausbildung.

Corinth erhält seine erste Ausbildung zum Maler an der Kunstakademie von Königsberg. Am Beginn steht die Historienmalerei, es folgen Porträts und Landschaften. 1880 zieht er weiter nach München an die dortige Kunstakademie. Er findet Gefallen am Naturalismus, der gerade in Mode ist.

 

1884 gehts nach Paris an die Académie Julian. Beim Aktmaler >Adolphe William Bouguereau lässt er sich in dieser Sparte unterrichten. Mit seinen rund zwanzig Akten, die er in Paris malt, ist er aber nicht erfolgreich und kehrt nach Königsberg zurück, wo er sich mit Porträts und Landschaften beschäftigt. Auch mit einem Porträt seines Vaters, das er an eine Austellung gibt, hat er keinen Erfolg.

 

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Lovis Corinth (1858-1925). Vater auf dem Krankenlager, 1888. Städel Museum Frankfurt.

 

1888: Vater am Krankenlager.

In diesem Jahr malt Corinth sein erstes Selbstporträt. Und seinen schwer kranken Vater am Sterbelager. Dieser stirbt im Januar 1898.

 

1890: Erste Auszeichnung – klassisch.

Mit der akademisch-klassischen Arbeit einer «Pietà» (das Gemälde wurde 1945 zerstört) gelingt ihm am >Salon de Paris erstmals ein Erfolg: Er erhält dafür eine Auszeichnung. Durch diese Anerkennung ermutigt, reist er nach München zurück.

 

 

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Lovis Corinth (1858-1925). Im Schlachthaus, 1893. Staatsgalerie Stuttgart.

 

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Lovis_Corinth (1858-1925). Kreuzabnahme, 1895. Wallraf-Richartz-Museum, Köln.

 

1892: Impressionistisches im Schlachthaus.

 

Es ist eine Serie von Bildern, die sich von der akademischen Malweise abhebt: Keine bis ins Detail ausgeführten Abbildungen mehr, sondern mit schnellen Pinselstrichen gefertigt, dennoch auf eine Art «realistisch». Die Schlachthausgemälde zeigen, dass der Künstler schon in dieser Phase neue Wege geht, weg von der Schulmalerei, hin zum Impressionismus.

 

Corinth entscheidet sich aber noch nicht definitiv für einen bestimmten Malstil, sondern malt parallel dazu noch in der klassischen Art. Wie zum Beispiel das Gemälde «Kreuzabnahme» von 1895.

 

Es ist sein erstes Werk, das er verkaufen kann. Es wird im Münchner Glaspalast ausgestellt und mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Dort stellt er zwischen 1895 und 1900 noch weitere Werke aus, diese finden aber keine grosse Beachtung mehr.

 

 

   

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Lovis Corinth (1858-1925). Liegender weiblicher Akt, 1899. Kunsthalle Bremen.

 

 

 

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Lovis Corinth (1858-1925). Salome II, 1900. Museum der Bildenden Künste Leipzig.

 

 

 

1899: Impressionismus – oder doch nicht?

Akte spielen in Corinths Schaffen eine wichtige Rolle. Er sagt dazu: «Das genaue Studium und die präzise Abbildung des nackten menschlichen Körpers sind die unabdingbare Grundlage jeder künstlerischen Arbeit». Und: «Die gezeichneten Akte zu zählen, bin ich ausserstande». Seine spätere Gemahlin, Charlotte Berend-Corinth, schreibt in ihren Memoiren: «Die Modelle gingen in seinem Atelier ein und aus». Der «Liegende Akt» von 1899 zeigt impressionistische Züge...

 

...aber ein Jahr später malt er seine Salome mit dem abgehackten Kopf Johannes des Täufers wieder im klassisch-akademischen Stil. Die Münchener Sezession lehnt dieses Gemälde ab.

 

Doch auf der Berliner Ausstellung von 1990 der >Berliner Sezession wird das Bild gefeiert. Das ist es, was das Publikum sehen will. Keine verträumte romantische Tänzerin, sondern eine nackte, blutdürstige Salome. Corinth macht sich in Berlin einen Namen damit.

 

>mehr über Salome und Johannes den Täufer

 

 

 

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Lovis Corinth (1858-1925). Paddel-Peter-mannchen, 1902. Landesmuseum Hannover.

 

 

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Lovis Corinth (1858-1925). Selbstporträt mit Charlotte und Weinglas, 1902. WikiArt.

 

 

 

1901: Die «Malschule für Weiber».

 

Corinth zieht nach Berlin und wird dort Mitglied der Berliner Sezession. Im Oktober 1901 eröffnet er seine «Malschule für Weiber».

 

Seine erste Schülerin ist die 21-jährige
Charlotte Berend, die ihm ab da regelmässig Modell steht.

 

Das Gemälde «Paddel-Petermannchen» entsteht an der Ostsee, wo sich das verliebte Paar 1902 näher kommt und Corinth seiner Geliebten diesen speziellen Kosenamen gibt.

 

 

Das Selbstporträt mit Charlotte und Weinglas» von 1902 zeigt die beiden schon ziemlich vertraut. 1903 heiraten die zwei. 1904 kommt Sohn Thomas zur Welt, 1909 folgt die Tochter Wilhelmine.

 

Charlotte Berend-Corinth wird selbst Malerin und stellt ab 1908 ihre Werke in der Berliner Sezession aus. 1911 unterbricht sie ihre Arbeiten und kümmert sich um ihren Gatten, der einen Schlaganfall erleidet und teilweise gelähmt ist.

 

Nach seinem Tod 1925 eröffnet sie selbst eine Malschule, lebt danach mit einem Italiener in Alassio und malt Landschaften. Da sie Jüdin ist, muss sie 1939 in die USA emigrieren. Sie arbeitet weiter als Künstlerin und schreibt mehrere Bücher. 1958 erstellt sie das Werkverzeichnis «Die Gemälde von Lovis Corinth». Sie stirbt 1967 in New York.

 

 

   

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Lovis Corinth (1858-1925). Das Harem, 1904. Hessisches Landesmuseum Darmstadt.

1904: Haremsfantasien.

Corinths Affinität zu Frauenabbildungen findet in diesem Gemälde eine besondere Ausprägung. Hier geht es nicht mehr nur um Aktmalerei. Der Künstler lässt seine Fantasie spielen und setzt die vier Frauen in ein Harem. Er selbst dürfte wohl nie ein Harem von innen gesehen haben. Aber sein Bild von verängstigten nackten Frauen, die durch einen unheimlichen Schwarzen überwacht werden, entspricht den damaligen Vorstellungen eines Harems.

 

In diesem Werk kommt der Künstler wieder auf die klassisch-akademische Malweise zurück.

 

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Lovis Corinth (1858-1925). Der Künstler mit Familie, 1909. Landesmuseum Hannover.

 

1909: Die ganze Familie Corinth als Selfie.

Eine spezielle Form von «Selbstbildnis mit Familie». Der ziemlich düster (oder erbost?) wirkende Künstler mit Palette und Pinseln in der Hand blickt auf seine Ehefrau Charlotte mit der frisch geborenen Tochter Wilhermine runter, und der (im Bild etwas älter erscheinende) vierjährige Thomas betrachtet die Szenerie eher amüsiert.

 

Eine eindrucksvolle Momentaufnahme, ganz in impressionistischem Stil gehalten.

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Lovis Corinth (1858-1925). Italienerin in gelbem Stuhl, 1912. WikiArt.

 

1911: Zum Expressionismus gezwungen?

Am 19. Dezember 1911 erleidet der 53-jährige Künstler einen schweren Schlaganfall mit Lähmungserscheinungen. Einige Wochen lang stark gezeichnet und deprimiert, lernt er das Malen wieder. Aber maltechnisch hat sein Schlaganfall Folgen: Seine in der Beweglichkeit beeinträchtigte Hand zwingt ihn nun zu gröberen Pinselstrichen, weshalb jetzt seine Bilder mehr in Richtung >Expressionismus tendieren. Auf dem Gemälde der «Italienierin in gelbem Stuhl», das er 1912 fertigt, sind die breiteren Striche gut zu erkennen.

 

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Lovis Corinth (1858-1925). Kain, 1917. Museum Kunst-Palast Düsseldorf.

 

1917: Kain erschlägt Abel.

 

Dieses düstere und dramatische Werk hat einen zeitgeschichtlichen Hintergrund: 1917 tobt der Erste Weltkrieg schon in seinem vierten Jahr, und Corinth ist davon tief erschüttert.

 

Er nimmt den Brudermord des Alten Testaments zum Anlass, um das Grauen des Krieges abzubilden. Abel liegt blutend und sterbend auf einem Schlachtfeld und der gewalttätige Kain – vom Künstler in seiner Mächtigkeit überzeichnet – steht über ihm. Schwarze Todesvögel kreisen am Himmel. Kain schaut in den Himmel, von wo aus ihm Gott zuruft: «Was hast du nur getan!?». Diese Frage stellt der Künstler aber vor allem den kriegslüsternen Nationen.

 

 

   

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Lovis Corinth (1858-1925). Titelblatt «Im Paradies», 1921. Ausstellung Gurlitt 2017, Kunsthaus Bern.

 

 

1921: Das Paradies.

Titelblatt einer sechsteiligen Mappe von Lithografien. Vier Jahre vor seinem Tod zeichnet der Künstler sechs Szenen aus dem Paradies, die zu Lithos verarbeitet werden.Die Sujets heissen: Die Erschaffung Adams; die Erschaffung Evas; Adam und Eva im Paradies; der Sündenfall; Adam und Eva klagen die Schlange an; die Vertreibung aus dem Paradies.

 

>mehr über die 6 Paradies-Szenen

 

Eine komplette Litho-Sammlung wurde an der
>Ausstellung Gurlitt 2017 im Kunstmuseum Bern präsentiert.

 

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Lovis Corinth (1858-1925). Ecce Homo, 1925. Kunstmuseum Basel.

1925: Ecce Homo – Corinths letztes Werk.

«Ecce Homo» soll der der römische Statthalter Pontius Pilatus zum Volk von Jerusalem gesagt haben, als er Jesus dem Mob übergab: «Siehe, der Mensch». Und das aufgewühlte Volk verlangte seine Kreuzigung. Corinth zeigt den Gefolterten mit Dornenkrone und dem roten Kleid des Spottes.

 

>mehr über Ecce Homo

 

Das letzte Gemälde von Lovis Corinth kommt wie ein Testament daher. Es könnte möglicherweise ein Selbstporträt sein, denn Christus trägt Gesichtszüge des Künstlers.

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Fotos / Diashow

 

   
   

 

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