Joshua Reynolds (1723-1792)


Der bedeutendste Porträtist der englischen Kunstgeschichte. Er steht für den «Grand Style» und porträtiert seine adligen (und königlichen) Kunden idealisiert und historisierend. Als Gründer der Royal Academy of Art und deren erster Präsident prägt er die akademische Malerei Englands im 18. Jahrhundert. 1769 wird er vom König in den Adelsstand erhoben, als Sir Joshua Reynolds.

 

 

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Sir Joshua Reynolds (1723-1792).
Selfportrait, 1776. Galleria
degli Uffizi, Firenze.

 

 

Reynolds wird 1723 in Plympton (Bezirk Devon, etwa 30 km südöstlich von Plymouth) geboren. Sein Vater ist Master der Plympton Free Grammar School, schickt aber keinen seiner Söhne an die Universität. Zeichnen lernt der junge Joshua von seiner Schwester Mary. Zudem entwickelt er ein Interesse an antiken Philosophen, liest Shakespeare, Milton und Auszüge aus den Kunsttheorien von Jonathan Richardson und Leonardo da Vinci.

 

Mit 17 geht er zum Londoner Porträtmaler Thomas Hudson in die Lehre, danach arbeitet er einige Zeit in Plymouth als Porträtmaler, bevor es ihn 1744 wieder nach London zieht.

 

1749 kommt er in Kontakt mit Commodore Augustus Keppel, dem Kommandanten der «HMS Centurion», eines Kriegsschiffes mit 60 Kanonen. Dieser lädt ihn auf eine Schiffsreise durchs Mittelmeer ein. Er besucht Lissabon, Cadiz, Algier und Menorca und landet dann in Rom, wo er zwei Jahre verbringt. Hier interessiert er sich – natürlich – für die alten Meister und holt sich dort seine spätere Vorliebe für Antikes und den «Grand Style».

 

Über Florenz, Bologna, Venedig und Paris reist er nach Hause und dann weiter nach London, wo er sich für den Rest seines Lebens niederlässt. Seine Schwester Frances engagiert er als Haushälterin – sie wird später selbst Malerin. In London ist er sehr produktiv und auch rasch erfolgreich, malt Porträts von Lords und Herzögen – darunter Herzog von Cumberland, Sohn von König George II.

 

1760 bezieht Reynolds ein grosses Haus auf der Westseite der Leicester Fields (heute Leicester Square), in dem er seine Werke ausstellen und präsentieren kann. Er beschäftigt nun mehrere Assistenten und Schüler. Diese malen in der Regel die Kleider der Porträtierten. Manchmal werden sechs Porträts gleichzeitig produziert, und jeder Kunde sitzt dafür pro Tag eine Stunde.

 

Seine wachsende Popularität bringt ihn in Kontakt zur High Society der damaligen Zeit, die sich im «The Club» versammelt, in dem er jetzt auch Mitglied ist. Dort trifft man sich jeden Montag zum Dinner und zu Gesprächen, die bis in den frühen Morgen dauern.

 

1789 erleidet Reynolds einen schweren Schlag: Er wird auf einem Auge blind. Das zwingt ihn in den Ruhestand als Künstler. 1792 wird er schwer krank und stirbt am 23. Februar 1792 in seinem Haus in Leicester Fields. Man ehrt ihn mit einem Grab in der St. Pauls Cathedral in London.

 

 


 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)

Joshua Reynolds (1723-1792).

The Ladies Waldegrave, 1780.

Scottish National Gallery, Edinburgh.

 

 

 

 

 

 

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Joshua Reynolds (1723-1792). Portrait of Jane Fleming, 1778. The Huntington Museum, San Marino USA.

 

 

 

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Joshua Reynolds (1723-1792).
Lord Heathfield of Gibraltar, 1787. National Gallery London.

 

Reynolds und sein «Grand Style»

 

Er ist Gründungsmitglied der Royal Academy und wird 1768 deren erster Präsident. Ein Jahr später schlägt ihn König George III zum Ritter und macht ihn zu Sir Joshua Reynolds.

 

Als Vorsitzender der Akademie setzt er sich dafür ein, dass Historiengemälde auch in England wieder eine Bedeutung erlangen, wie es in Italien und Frankreich der Fall ist. Historisches soll auch in die Porträtmalerei einfliessen, heisst sein Credo.

 

Das sehen nicht alle so. Sein grösster Widersacher in dieser Frage ist >Thomas Gainsborough. Der bildet in seinen Porträts lieber zeitgemässe Mode und fröhlich-lockere Stimmung ab. Reynolds dagegen möchte, dass man die Porträtrierten in historischem Umfeld und in «Grand Style» zeigt.

 

Was er unter «Grand Style» versteht, dokumentieren zwei Beispielgemälde aus seiner Hand. Oben Jane Fleming. Die Tochter eines irischen Barons erbt mit 23 ein Riesenvermögen und kauft sich damit in die Familie des Earl of Harrington ein. Sie heiratet den Earl und rettet ihn mit ihrem Geld vor dem Bankrott. Dafür wird sie von Reynolds als Göttin porträtiert.

 

Oder Lord Heathfield. Der ist ein Held im Kampf gegen die Franzosen und verteidigt erfolgreich Gibraltar. Dafür zeigt ihn der Künstler in einer Pose, die sich am Heiligen Petrus orientiert: Mit dem Schlüssel zur Himmelspforte in der Hand.

 

 

   

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Joshua Reynolds (1723-1792). Commodore the Honourable Augustus Keppel, 1749. National Maritime Museum London.

 

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Joshua Reynolds (1723-1792). Admiral Augustus Keppel, 1779. National Portrait Gallery London.

Adliges Umfeld und Privilegien

 

Reynolds selbst ist zwar (noch) nicht adelig. Aber schon als Kind hat er einen adligen Förderer: Lord Edgcumbe, ein Freund der Familie. Der verschafft ihm den Kontakt zu Commodore Keppler, dem Kommandanten des Kriegsschiffes «HMS Centurion». Keppler ist ein Nationalheld der englischen Flotte. Er lädt den jungen Reynolds ein, auf seinem Schiff mitzureisen. Was für ein Privileg!

 

Die Reise führt nach Lissabon, Cadiz, Algier und Menorca. Von Menorca reist Reynolds nach Livorno und dann nach Rom. Dort verbringt er zwei Jahre und studiert die alten Meister und die Antike. In Rom entwickelt er seine spätere Vorliebe für den «Grand Style».

 

Lord Edgcumbe schlägt Reynolds vor, in Rom beim berühmten Porträtmaler Pompeo Batoni (1708-1787) zu studieren, aber Reynolds findet, dass «er von diesem nichts lernen könne».

 

Das obere Gemälde von 1749 zeigt Keppel als stolzen Commodore; das untere entsteht dreissig Jahre später. Jetzt ist Keppler Admiral. Reynolds malt ihn als stattliche Figur in staatsmännischer Haltung und mit einem Schwert, auf dessen Knauf das Porträt Kepplers eingraviert ist. Grand Style eben.

 

 

 

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Joshua Reynolds (1723-1792). Portrait of King George III, 1779. Royal Academy of Arts, London.

 

Hofmaler von King George III

 

1784 stirbt der bisherige Hofmaler, der Schotte Allan Ramsay (1713-1784), und das Amt wird frei. Gute Chancen hat zunächst der Lieblingsmaler des Königs, >Thomas Gainsborough, aber Reynolds kann das nicht hinnehmen.

 

Schliesslich ist er der Präsident der Royal Academy of Art, und zudem hat ihn König George III schon 1769 als «Knight Bachelor» in den Adelsstand erhoben – er ist jetzt Sir Joshua Reynolds. Nun spielt er auch noch die Karte «Royal Academy» und droht unverhohlen, die Präsidentschaft niederzulegen, wenn er nicht Hofmaler wird. Schliesslich kann der König gar nicht anders, als Reynolds den Posten zu geben.

 

Doch kaum hat er ihn, äussert er sich erbost: «Wenn ich gewusst hätte, was das für ein schäbiger elender Ort ist, hätte ich mich nicht darum bemüht». An Jonathan Shipley, Bischof von St. Asaph, schreibt er: «Ihre Lordschaft gratuliert mir zum Amt. Ich nehme das sehr freundlich an, aber es ist ein äusserst elendes Amt, es wird von zweihundert auf achtunddreissig Pfund reduziert. Ich glaube, das Amt des königlichen Rattenfängers ist besser bezahlt».

 

 

   

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Joshua Reynolds (1723-1792). Master Crewe as Henry VIII, 1775. Tate Britain London.

 

Master John Crewe

Den Sohn von First Baron John Crewe of Crewe Hall in Cheshire malt Reynolds ganz nach seinen eigenen Vorstellungen – nämlich historisierend.

 

Er verpasst dem kleinen Jungen genau jene königliche Kleidung, die auf dem berühmten Bild von >King Henry VIII abgebildet ist, das der Augsburger >Hans Holbein 1537 gemalt hat.

 

Die Idee dazu stammt von einem Maskenball, der bei den modebewussten Crewes stattfindet. Weil der junge Master Crewe ein ziemlich rundes Gesicht hat, das dem 50-jährigen damaligen König ähnlich sieht, steckt man den Kleinen ins Kostüm von Henry VIII.

 

 

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Joshua Reynolds (1723-1792). The Age of Innocence, 1785-88. Tate Britain London.

Subtile Kinderporträts

Reynolds ist bekannt für seine anmutigen Gemälde von Kindern. Eines seiner berühmtesten ist das Bild hier, das der Künstler unter dem Titel «A little Girl» 1788 in der Royal Academy of Art ausstellt.

 

Wer das Mädchen ist, ist nicht bekannt. Aber das liebliche Sujet wird hundertfach nachgemalt – von Studenten und professionellen Kopisten, die das Bild später unter dem Titel «Age of Innocence» (Zeit der Unschuld) vermarkten. Es wird auch als Stich in grossem Umfang publiziert und rasch zum Lieblingsbild der britischen Öffentlichkeit.

 

 

 

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Joshua Reynolds (1723-1792). Three Ladies adorning a herm of hymen, 1773. Tate Britain, London.

 

Prägender Kopf der Royal Academy of Art

 

Reynolds ist Gründungsmitglied (wie auch u.a.
>Thomas Gainsborough oder die Schweizerin >Angelika Kauffmann) der Royal Academy of Art. Reynolds wird 1768 der erste Präsident der Akademie.

 

Bis zu seinem Tod 1792 prägt er damit das Geschick der Institution und bestimmt die Marschrichtung der britischen akademischen Malerei.

 

Seine Vorlesungen an der Akademie sind bis heute legendär. Sein Credo lautet, dass ein Maler die klassische Kunst und die Kunst der Renaissance als Vorbild betrachten sollte. Und die Natur sei zu idealisieren, statt sie nur abzubilden.

 

Von Neuerungen hält er wenig. «Innovationen sind streng genommen nur neue Kombinationen von alten Bildern, die man zuvor im Kopf gesammelt und in der Erinnerung abgelegt hat».

 

 

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