Christian Schad (1894-1982).


Seine Bilder der «Neuen Sachlichkeit» sind spektakulär – sein Lebenslauf ist es eher nicht. Da gibt es keine traumatischen Kriegserlebnisse wie bei Franz Marc oder Otto Dix, kein «unten-durch-Künstlerleben» wie bei anderen Grossen. Nein, bei ihm verläuft alles in wohl geordneten Bahnen.

 

Er kommt 1894 in Miesbach (Oberbayern) zur Welt, als Sohn eines Justizrates, der gute Beziehungen zum bayrischen Königshaus hat. Die Familie zieht nach München. Dort wächst Christian Schad in kultivierten Verhältnissen auf, darf die Kunstakademie besuchen (die er bald wieder aufgibt, weil sie ihm zu eng ist) und kann sich locker ein Atelier im Künstlerviertel Schwabing leisten.

 

Den Ersten Weltkrieg umschifft er, indem er einen Herzfehler simuliert und sich so dem Dienst entzieht. Um auf Nummer sicher zu gehen, flieht er 1915 in die Schweiz. In Zürich kommt er mit der Dada-Bewegung in Kontakt. 1916 zieht er nach Genf, wo seine ersten «Schadographien» entstehen.

 

Nächste Stationen sind Rom und Neapel, 1923 heiratet er die Römerin Marcella Arcangeli. 1924 darf er ein Porträt von Papst Pius XI malen. Ein Jahr später ist er in Wien, dann beteiligt er sich an der Berliner Ausstellung «Die neue Sachlichkeit».

 

 

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Christian Schad (1894-1982).

Selbstportrait, 1927. Ausschnitt.
Modern Tate London.

 

 

Die Wilden Zwanziger durchlebt er als Dandy in Berlin, bewegt sich elegant in der Kunstszene und im erotisierenden Umfeld der Salons, Tanzbars und Nightclubs. In dieser Zeit entstehen seine bekanntesten Porträts der Neuen Sachlichkeit.

 

Die Nazizeit ab 1933 übersteht er besser als andere Künstler, auch wenn das freie Arbeiten schwierig ist. Er wird aber trotz seiner Dada-Vergangenheit nicht mit dem Vorwurf der «entarteten Kunst» konfrontiert und keines seiner Werke wird beschlagnahmt.

 

Nach dem Krieg widmet er sich vermehrt der expressiven Malerei und erstellt auch wieder seine Fotogramme. In den 1970er-Jahren kehrt er zur Neuen Sachlichkeit zurück.

 

1972 bietet man ihm eine grosse Ausstellung im Palazzo Reale in Mailand. Und die Kunsthalle Berlin zeigt 1980 eine komplette Retrospektive.

 

Er stirbt am 25. Februar 1982 88-jährig in Stuttgart. Sein Grab befindet sich in Keilberg bei Aschaffenburg.

 

Nach seinem Tod verwaltet Ehefrau Bettina den kompletten Nachlass. Dieser geht als Schenkung im Jahr 2000 an die Stadt Aschaffenburg. Dort ist auch die Christian Schad Stiftung zuhause, und seit 2019 gibt es in Aschaffenburg das Christian Schad Museum.

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)

Christian Schad (1894-1982).

Self-Portrait, 1927. Tate Modern London.

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Porträt Walter Serner, 1916.

 

1916: Kubistisches Portrait.

Während der Erste Weltkrieg tobt, verbringt Schad die Zeit in Zürich und schliesst sich dort der Dada-Bewegung um Jean Arp und Hugo Ball an, nimmt an Veranstaltungen im Cabaret Voltaire teil.

 

Mit dem Schriftsteller Walter Serner verbindet ihn eine enge Freundschaft. Mit ihm zusammen gründet er die Monatszeitschrift für Literatur und Kunst Sirius. Von ihm erstellt er dieses kubistische Porträt.

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1919: Die Schadographie – was ist das?

In Genf experimentiert Schad mit der kameralosen Fotografie und stellt auf lichtempfindlichen Platten und Fotopapieren so genannte «Fotogramme» her. Diese werden später – in Anlehnung an Man Rays «Rayographien» – «Schadographien» genannt.

 

Schadographie Nr. 11 auf Tageslicht-Kopierpapier, Silbergelatine, 1919.

 

Die «Neue Sachlichkeit».

 

Sie entsteht in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und folgt der italienischen «Pittura metafisica» (>Giorgio de Chirico). Die neue Sachlichkeit grenzt sich vom Expressionismus ab – der Malstil wird wieder realistischer, genauer, detaillierter, gleichzeitig aber nüchtern und kühl im Vergleich zum Naturalismus.

 

Auch in der Schweiz fand die Neue Sachlichkeit Verbreitung. Wichtige Schweizer Vertreter sind der Thurgauer >Adolf Dietrich, der Basler >Niklaus Stöcklin, oder der Lausanner >Félix Vallotton.

 

 

 

 

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St. Genois d'Anneaucourt, 1927. Centre Pompidou Paris.

 

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Sonja, 1928.
WikiArt, Fair Use.

 

1925-1930: Die Wilden Zwanziger in Berlin.

In den Wilden Zwanzigern bewegt sich Schad an den lebendigsten Orten Berlins, in Salons und Clubs. Es entstehen rund 30 Porträts der Neuen Sachlichkeit à la Schad.

 

Heisst: Ein Schuss Erotik darf nie fehlen. Der Künstler zeigt mit Vorliebe die neue moderne Frau mit Bubikopf und viel nackter Haut.

 

Im Gemälde «Graf St. Genois d'Anneaucourt» porträtiert er einen der bekanntesten Wiener Schauspieler seiner Zeit, umrahmt von zwei nur dürftig bekleideten Personen: Links die Baronin Glaser in einem transparenten Kleidchen, rechts ein Berliner Transvestit aus dem Nachtclub Eldorado.

 

Das Bild wurde erstmals 1929 in der Ausstellung «Neue Sachlichkeit» im Stedelijk Museum in Amsterdam gezeigt.

 

Typisch für diese Phase ist auch das Bild «Sonja», einer selbstbewussten, modernen Frau, die sich nicht als Begleitung oder Anhängel eines Herrn verstanden haben will.

 

 

 

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Self-Portrait mit
Akt, 1927. Tate Modern London.

 

 

 

1927: Das Selbstporträt.

Das wahrscheinlich meist veröffentlichte Gemälde des Künstlers. Und das meist zitierte, wenn es um die Neue Sachlichkeit geht.

 

Das Paar verströmt eine eisige Kälte, hat sich offensichtlich nichts mehr zu sagen. Die Nackte trägt eine Gesichtsnarbe, ein «sfregio», den – gemäss Schad – Frauen in Neapel voller Stolz trugen, weil er ihnen von ihren eifersüchtigen Ehemännern verpasst wurde. Das Modell soll eine Unbekannte sein, die der Künstler in einem Schreibwarengeschäft gesehen hat.

 

   

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Maika, 1929. WikiArt Fair Use.

 

1929: Maika.

Dieses Bild verkörpert wie kaum ein anderes die «Neue Sachlichkeit»: Klare Formen, detaillierte Zeichnung – aber nicht naturalistisch. Die abgebildete Person – es ist eine Freundin des Künstlers aus der Epoche – steht für den modernen Typ Frau. Kühle Ausstrahlung, kurz gescnittene Haare, dennoch mit erotischer Austrahlung.

 

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Bettina, 1942. Zuerst Modell, dann Ehefrau. WikiArt Fair Use.

1942: Bettina, Modell und Retterin.

Auf der Suche nach Modellen spricht der Künstler in einem Restaurant am Kurfürstendamm die junge Schauspielerin Bettina Mittelstädt (geboren 1921) an. Er bittet sie um eine Porträtsitzung. Die 21-jährige stimmt zu und wird sein Modell.

 

Im März 1943 wird Schads Atelier in Berlin durch Bomben zerstört. Er selbst weilt zu diesem Zeitpunkt in Aschaffenburg. Bettina gelingt es in einer spektakulären Aktion, die meisten der Werke aus dem zerstörten Atelier zu retten. Sie bringt diese in eine Spedition zum Bahnhof Lichterfelde. Am Vortag des Transports nach Aschaffenburg wird auch die Speditionsfirma von Bomben getroffen. Die Werke überleben nur zufällig, weil sie aus Platzmangel in einem Lastwagen untergebracht sind, den man in einer Nebenstrasse abgestellt hat.

 

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Bettina, 1979. WikiArt Fair Use.

1982: Bettina Schad, die Stiftungsgründerin.

1947 heiraten Christian und Bettina Schad. Ab 1962 wohnt das Paar in Keilberg bei Aschaffenburg. Nach dem Tod des Künstlers 1982 übernimmt Bettina die Verwaltung des künstlerischen Erbes. Es gelingt ihr auch, gewisse Werke ihres Ehemannes zurück zu kaufen und in die Sammlung zu integrieren.

 

Im Jahr 1999 – da ist Bettina Schad 78 – trifft sie mit der Stadt Aschaffenburg die Vereinbarung, eine Christian Schad Stiftung zu gründen. Dieser schenkt sie den gesamten Nachlass. Bettina Schad stirbt am 31. März 2002.

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Fotos / Diashow

 

   
   

 

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