Adolf Dietrich (1877-1957).


Der Thurgauer zählt nicht nur in der Schweiz, sondern auch international zu den bedeutendsten Vertretern der Naiven Malerei und der Neuen Sachlichkeit.

 

Er wächst in ärmlichen Verhältnissen in Berlingen TG auf – als siebtes Kind einer Kleinbauernfamilie. Seinem Primarlehrer fällt auf, wie gut Adolf schon als Kind zeichnet. Er schlägt den Eltern vor, ihn eine Lehre als Lithograf machen zu lassen – doch die können sich das nicht leisten. Adolf muss Geld verdienen und zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Also arbeitet er in der Trikotfabrik von Berlingen und später als knapp 20-jähriger zuhause als Maschinenstricker.

 

Die Fünftagewoche kennt man damals noch nicht. Er arbeitet während der Woche und kann sich nur an den freien Sonntagen mit Zeichnen und Aquarellmalen befassen – er ist ein echter Sonntagsmaler.

 

Seine Lieblingsthemen sind Natur und Tiere. Da er keine akademische Ausbildung als Maler hat, wirken seine Werke «naiv». Er zeichnet und malt die Details aber so genau, dass man sie auch der Neuen Sachlichkeit zurechnen kann. In der Regel fertigt er auf seinen Wanderungen Bleistiftzeichnungen an, die er dann zuhause in Farbe umsetzt: in Guache oder Aquarell. Am Anfang malt er auf Karton, dann auf Holz, nur selten auf Leinwand.

 

1903 stirbt seine Mutter, er lebt nun allein mit dem Vater. Er gibt die Heimarbeit auf und arbeitet als Waldarbeiter und als Bahnarbeiter. Seine Bilder kann er zwischen 1913 und 1917, also auch während des Ersten Weltkriegs, in Konstanz und München ausstellen.

 

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Adolf Dietrich. Foto ©Thurgauische
Kunstgesellschaft.

 

 

Nach dem Ersten Weltkrieg hat Dietrich das Glück, den Kunsthändler Herbert Tannenbaum – einen deutsch-amerikanischen Galeristen – kennenzulernen. Dieser fördert ihn und verhilft ihm zu Ausstellungen in Zürich und Schaffhausen. Ab 1924 kann Dietrich mit der Malerei seinen Lebensunterhalt bestreiten.

 

1937 – da ist er schon 60-jährig – schafft er den internationalen Durchbruch und kann seine Werke an Ausstellungen der Naiven Malerei in Paris, London und New York zeigen. Nun wird auch sein Heimatkanton Thurgau auf ihn aufmerksam: 1941 kauft man hier ein erstes Werk von ihm. Die Nachfrage nach Dietrich-Bildern wird so gross, dass er beginnt, eigene Werke zu kopieren und zu verkaufen. Er malt bis zu seinem Tod 1957 in seinem Haus in Berlingen.

 

Seinen künstlerischen Nachlass und sein Haus vermacht er der Thurgauischen Kunstgesellschaft. Auf dem Friedhof von Berlingen TG hat man ihm ein Ehrengrab errichtet.

 

 

 

>Kunstmuseum Thurgau

 

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)
Winterbild am Eschlibach, 1934.
Museum Oskar Reinhart Winterthur.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Abendwolken
über dem See, 1917. Museum Oskar Reinhart Winterthur.

 

1917: Landschaften des Untersees.

Eines seiner «Frühwerke», obwohl er da schon 40-jährig ist. Die Landschaften des Untersees gehören zu seinen Lieblingsmotiven. Er malt sie ständig und zu allen Jahreszeiten. Seine Freude an Farben und Stimmungen ist unverkennbar. Schon früh führt er seine Arbeiten akribisch und detailreich aus, nahe an der Natur. Dennoch behalten sie ihre «naive» Ausstrahlung.

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Alter Gaul am Gartenhag, 1919. Kunstmuseum Thurgau.

1919: Alter Gaul am Gartenhag.

Neben Landschaften gehören auch Tiere zu seinen bevorzugten Themen. Und Gärten und Blumen. In diesem Werk gelingt es ihm, alles zu vereinen. Bemerkenswert ist weniger das recht rudimentär dargestellte Pferd, als vielmehr die vielen Details, die der Künstler in den Hintergrund mit Pflanzen und Blumen verarbeitet.

 

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1924: Der Zuckeresser.

Naive Kunst vom Feinsten. Weder stimmen die Proportionen noch die Perspektive – aber der kleine Zuckerschlecker Karli kommt sehr lebendig rüber. Das Bild ist nur 24 x 20 cm klein, Öl auf Karton. Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen.

blumen

1930: Stillleben mit Dahlien.

Dieses Gemälde gehört zur Sammlung des Kunstmuseums Thurgau. Es strahlt die «Neue Sachlichkeit» aus: Akribisch naturgetreu und realistisch ausgearbeitet, mit feinsten Details gezeichnet, ohne Tiefe, kaum Schatten, sodass es wie ein Plakat wirkt. Neue Sachlichkeit?

 

 

 

Naive Kunst oder Neue Sachlichkeit?

 

Adolf Dietrich machte beides. Unter NAIVER KUNST versteht man Arbeiten von Laienkünstlern – so einer war Dietrich. Die Naive Kunst nahm ihren Anfang ab etwa 1890 mit Werken von Pariser Künstlern: dem Zöllner >Henri Rousseau, dem Postbeamten Louis Vivin, der Putzfrau Séraphine Louis oder dem Zirkusathleten >Camille Bombois.

 

In der Schweiz sind bekannte Naive Künstler etwa >Hans Krüsi,
>Adolf Wölfli
, >Aloïse Corbaz oder eben auch Adolf Dietrich.
Man nennt diese Kunst auch «Art brut». >mehr

 

Die NEUE SACHLICHKEIT war die Antwort auf den Expressionismus und brachte mehr Realismus, mehr Sachlichkeit, mehr Details in den Werken. Ihren Beginn hatte sie in Deutschland in den 1920er-Jahren. Bekannte Künstler sind >Christian Schad, >Otto Dix oder George Grosz. Diese fokussierten bevorzugt auf soziale Miseren nach dem Ersten Weltkrieg. Die kriegsverschonten Schweizer dagegen befassten sich eher mit Motiven aus dem Alltag, der Natur oder des Symbolismus. Wichtige Schweizer Vertreter sind der Basler >Niklaus Stöcklin, Adolf Dietrich oder der Lausanner >Félix Vallotton.

 

An einer Ausstellung im Kunsthaus Zürich wurde 2018 eine neue Variante präsentiert: Die «Visionäre Sachlichkeit». >mehr

 

 

 

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Mädchenbildnis 1937. Kunstmuseum Thurgau.

 

1937: Ein Mädchenbildnis.

Für kleinere Museen sind heute Gemälde von Adolf Dietrich kaum noch erschwinglich. Umso erfreulicher sind deshalb Schenkungen: Die Winterthurer Maja und Wolfgang Vogel haben dieses Werk dem Kunstmuseum Thurgau vermacht. Sie haben den Künstler persönlich gekannt und von ihm mehrere Arbeiten gekauft. Die blond gelockte Frau, die dem Künstler in seiner Stube Modell sitzt, heisst Anna Füllemann. Sie lebte – wie der Künstler selbst – in Berlingen. Kinder der Familie Füllemann dienten Adolf Dietrich mehrfach als Modell.

 

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Nachbarsgärtchen
im Frühling, 1939. Kunstmuseum
Thurgau.

1939: Das Nachbarsgärtchen.

So sieht der Künstler aus dem Fenster seiner Wohnstube Nachbars Garten. Er wird zu einem seiner beliebtesten Sujets. Dietrich versteht es, ihn als Idylle ins Bild zu setzen. Und malt davon dutzende von Bildern, zu allen Jahreszeiten, in Blüte, im Herbst, im Winter. Aber er malt ihn nicht nur: er fotografiert ihn auch immer wieder und verwendet die Fotografien als Vorlagen für seine Gemälde. Bis dann eines Tages der Nachbar den Garten umgestalten lässt und ihm einen langweiigen Rasen verpasst.

 

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Balbo, auf der Wiese liegend, 1955.
Kunstmuseum
Thurgau.

1955: Der Berner Sennenhund Balbo.

Ursprung ist ein Auftragswerk: Der Käser von Frutwilen bestellt 1952 von seinem Hund Balbo ein Porträt. Dietrich realisiert es in seiner Stube. Später malt der Künstler Balbo noch einmal: Auf einer Wiese über dem Untersee liegend, im Hintergrund die Höri. Dieses letzte grosse Bild behält Adolf Dietrich bis zu seinem Tod 1957. Heute gehört es der Thurgauischen Kunstgesellschaft und hängt als Dauerleihgabe im Kunstmuseum Thurgau in Ittingen TG.

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Fotos / Diashow

 

   
   

 

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