Ausstellung «Re-Orientations»
Kunsthaus Zürich 24.3. bis 16.7.2023

 

Europa und die islamischen Künste


Die Ausstellung will nicht nur aufzeigen, welche Bedeutung die islamische Kultur für die bildenden Künste in Europa hat – sie möchte auch mit Missverständnissen aufräumen, die sich in letzter Zeit eingeschlichen haben: Stichwort «Islamismus», Gewalt und Terror.

 

 

Ausstellungsplakat

 


Die Ausstellung will dagegen die «Islamophilie» in den Vordergrund rücken. Von jenen Kunstsammlern sprechen, die sich für die islamischen Künste begeisterten und von jenen Künstlern, die diese Begeisterung übernommen haben. Die Aussage ist: Kulturen stellen nicht in sich geschlossene Einheiten dar, sondern sind miteinander verflochten, sie haben durchlässige Grenzen, die sich in einem steten Wandel befinden.

 

 

Portrait of a Qajar Nobleman. Page from
the Album of Dr. Joseph Désiré Tholozan
Iran. Qajar dynasty, 19.Jht.

 

 

Osman Hamdi Bey (1842-1910).
Old Man in Front of Children's Coffins,
1903. Musée d'Orsay Paris.

 

 

 

Die Ausstellung zeigt neben Zeichnungen,
Aquarellen, Gemälden und Fotografien auch
Kunstobjekte aus Metall, Keramik und Glas sowie Textilien.

 

 

 

 

 

 

Titelbild

Anila Quayyum Agha (1965).

A Beautiful Despair, 2023.

Courtesy of the artist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

The Dying Dara Comforted by Iskandar. Book of Omens, Iran, 1550-60.

 

 

Islamisches und Europäisches

 

Die Eigenproduktion des Kunsthauses Zürich zeigt rund 170 islamische und europäische Zeichnungen, Aquarelle, Gemälde und Fotografien, Objekte aus Metall, Keramik, Glas sowie Textilien, Videos und Installationen.

 

Sie stammen in der Mehrheit von Kunstschaffenden aus Ägypten, Algerien, Indien, Irak, Iran, Marokko, Spanien, Syrien, Tunesien, Türkei und Usbekistan – deren Namen man hierzulande kaum kennt.

 

Kuratorin Sandra Gianfreda.

 

 

Einblick in die Ausstellung

 

Die Kuratorin Sandra Gianfreda stellt in einem
knapp 5-minütigen Film die Ausstellung
«Re-Orientations» im Kunsthaus Zürich vor.

 

>zum YouTube-Movie

 

Anila Quayyum Agha (1965). A Beautiful Despair, 2023. Courtesy of the artist.

 

 

Welcome in Aghas Lichtraum

 

Die pakistanische Künstlerin hat diesen Raum speziell für die Ausstellung geschaffen. Anila Quayyum Agha wuchs in Lahore auf, wo sie Textildesign studierte. Später setzte sie ihr Studium in den USA fort. Dort erntete sie für ihre Ornamentik-Arbeiten zunächst vor allem Kritik, denn Muster galten als feminines Handwerk und nicht als Kunst.

 

Zudem fühlte sie sich in den USA als Muslimin und «Person of Colour» diskriminiert. Ihre lichterfüllte Installation schuf sie deshalb unter dem Motto «Alle sollen sich hier willkommen fühlen».

 

 

 

Europäische Künstler und orientalische Motive

 

Stefan Baltensperger und David Siepert. Ways to escape one's former country. Patterns & Traces, 2017.

 

Ways to escape

 

Die beiden Künstler haben diesen orientalischen Teppich mit einstigen Handelsrouten und heutigen Fluchtwegen der Migration bestickt. Das Werk lehnt sich an ihr «Handbook for an Uncertain Migration, Ways to Escape One’s Former Country» an

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«Wir haben so viele Geschichten über Menschen gehört, die im Mittelmeer ertrinken. Geschichten über Tod, Folter und Leid. Wir sind fast völlig unsensibel und apathisch gegenüber Geschichten über Flüchtlinge geworden. Da es wichtig ist, die mit diesen Geschichten verbundenen Herausforderungen für die Gesellschaft nicht zu vergessen und weiter darüber zu sprechen, müssen wir neue Erzählungen finden, um wieder einen direkten emotionalen Zugang zu finden.»

 

 

 

Karl Gerstner (1930-2017). Colour Lines, 1996. Galerie Knoell Basel.

 

 

Karl Gerstners Colour Lines

 

Dieses Werk schafft eine Brücke zur orientalischen Ornamentik.

 

Der Basler Karl Gerstner (1930-2017) war Grafiker und Maler und ein führender Vertreter der >Konkreten Kunst. Er setzte sich intensiv mit den «Zürcher Konkreten» auseinander. Er schuf konstruktive Bilder, in denen Form und Farbe eine Einheit bilden. Die Formen wurden aus zahlenmässig gleichen Abständen gebildet.

 

 

 

Henri Matisse (1869-1954). Odaliske mit Sessel 1928. Musée d'Art moderne de la Ville de Paris.

 

 

Henri Matisse (1869-1954). Der maurische Wandschirm, 1921. The Philadelphia Museum of Art.

 

Haremsfantasien europäischer Künstler

 

Henri Matisse ist nicht der einzige, der seinen Fantasien freien Lauf liess. Auch andere Europäer, die nie einen Harem zu Gesicht bekamen, haben sich diesem Thema angenommen, wie zum Beispiel auch Eugène Delacroix, der schon 1834 mit seinen >Femmes d'Alger für Begeisterung sorgte.
Ob Delacroix je Zutritt zu einem orientalischen Harem hatte, weiss niemand – es könnte auch nur eine Männerfantasie sein. Die scheint auch der französische König Philippe I geteilt zu haben, denn er kaufte das Bild und schenkte es dem Musée de Luxembourg.

Auch Auguste Renoir muss davon begeistert gewesen sein, er nannte es «le plus beau tableau du monde». Und Picasso kupferte das Sujet ab und malte es auf seine Weise >mehr

 

Matisse schuf eine ganze Reihe von «Odalisken». Darunter versteht man Sklavinnen in einem türkischen oder orientalischen Harem, aber auch ganz generell Konkubinen. Matisse platziert seine Odalisken gerne in orientalisch eingerichteten und mit reichen Dekors versehenen Interieurs.

 

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Paul Klee (1879-1940). Rote und weisse Kuppeln, 1914-15. Kunstsammlung Düsseldorf.

 

Paul Klee in Tunesien

 

In seinem Reisetagebuch notierte Klee am 8. April
1914: «Habe die Synthese Städtebauarchitektur-Bildarchitektur in Angriff genommen.»

 

Vor Ort malt er 1914 Aquarelle wie «Vor einer Moschee in Tunis» (siehe Fotogalerie), bei denen er die Architektur in der Medina, dem alten arabischen Viertel von Tunis, motivisch aufgreift.

 

Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach München fertigt er Rote und weisse Kuppeln an. Mit der Aufteilung der Fläche in einzelne Farbfelder knüpft Klee an malerische Experimente an, die er kurz vor der Tunesienreise begonnen hat.

 

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Wassily Kandinsky (1866-1944). Arabischer Friedhof, 1909. Hamburger Kunsthalle.

 

Der muslimische Friedhof

 

Das 1909 entstandene abstrakte Gemälde malte der Künstler in Erinnerung an seine Tunesienreise 1905. Ganz abstrakt ist es allerdings nicht: Kandinsky hält Wirklichkeit und Abstraktion im Gleichgewicht. Für ihn war dieser Friedhof ein Ort besonderer Spiritualität, an dem sich Diesseits und Jenseits begegnen. Die symbolistische Szene im Vordergrund zeigt das auf: Es stehen sich eine leuchtend blaue Gestalt und eine dunkle Mumienfigur gegenüber.

 

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Fotos Ausstellung