Ausstellung «Schall und Rauch, die wilden Zwanziger»

Kunsthaus Zürich vom 24.4. - 11.10.2020.

 

Erinnerungen an die wilden 1920er.


Das Grauen des Ersten Weltkrieges mit Millionen von Toten und zu Krüppeln Geschossenen ist 1918 endlich vorbei. Jetzt wollen sich die Menschen wieder lebendig fühlen, sie wollen feiern und tanzen. In Berlin entstehen über 900 Nachtclubs – und die Welle schwappt auch auf Paris und Wien über.

 

 

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Ausstellungskatalog.

 

 

Alles wird umgestaltet. Die Mode bringt neue Trends, die Architektur entdeckt die Qualität des Wohnens, Möbel werden nicht mehr nur gebaut, sondern designt. Verrückte und aus der Norm fallende Ausdruckstänze wie jene von Josephine Baker werden zur Sensation – und salonfähig. Die neuen Frauen der 1920er-Jahre zeigen sich körper- und selbstbewusst, rauchen in der Öffentlichkeit und tragen Bubikopf.

 

In der Kunst entstehen Stile wie die «Neue Sachlichkeit». Künstlerinnen erobern sich ihren Platz neben den bisher alles dominierenden Männern.

 

Die Ausstellung im Kunsthaus Zürich zeigt mehr als dreihundert Exponate – Gemälde, Zeichnungen, Filme, Fotografien, Zeitschriften und Designmöbel aus der Zeit. Zusammengetragen aus öffentlichen und privaten Sammlungen und aus eigenen Beständen des Kunsthauses. Sie nehmen den Betrachter mit auf eine faszinierende und eindrückliche Zeitreise – ein volles Jahrhundert zurück.

 

Nur: Wieso bloss betitelt man diese Ausstellung mit «Schall und Rauch»? Unter Schall und Rauch versteht man doch etwas, das kurz da ist und sich dann rasch wieder verzieht. Dabei wirken doch die Umwälzungen, die die 1920er-Jahre gebracht haben, bis heute nach. Eine Erklärung zum Titel findet sich im Magazin des Kunsthauses Zürich: «Schall und Rauch» sei erstens ein geflügeltes Wort von Goethe, zweitens der Titel eines damals von Max Reinhardt gegründeten Cabarets und drittens der Name einer Zeitschrift aus den 1920ern. Naja. Titeln ist Glücksache.

 

 

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)
Ernest Neuschul (1895-1968).

Takka-Takka tanzt, 1926.

Privatsammlung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Josephine Baker
beim Charleston.

 

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Josephine Baker
im Bananendress
in den Folies Bergère, 1927.
 
Fotos Lucien
Walery, Wiki
Commons.

Wilde Feste und erotische Tanzvorführungen.

Ein Charakteristikum der «Wilden Zwanziger» sind die rauschenden und sexuell aufgeladenen Tanznächte in Paris und Berlin. Allein in Berlin gibt es 900 Nachtclubs, in denen sich die nach Leben dürstenden Menschen nach dem verheerenden Krieg amüsieren können.

 

In Paris, im legendären Folies Bergère, gibt der Superstar der damaligen Zeit, Josephine Baker, ihre exotisch-erotischen Tanznummern zum besten. Sie ist der erste dunkelhäutige Star des Showbusiness und sorgt ebenso für Aufruhr wie für Begeisterung.

 

Sie stammt aus den USA. Die dort herrschende Segregation und Prohibition erschweren ihre Auftritte. Also zieht sie nach Europa. In Paris («Folies Bergère»), Berlin (Kurfürstendamm) und Brüssel («La Revue Nègre») begeistert sie das Publikum mit ihren Halbnacktauftritten und wilden Tänzen, manchmal nur mit ein paar Bananen um die Hüften.

 

Unter den Grössen der Tanzwelt mischt auch eine Schweizerin mit: Suzanne Perrottet. Zum Ausruckstanz kommt sie über die Zürcher DADA-Bewegung im Cabaret Voltaire.

 

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Benjamin, ich hab nichts anzuziehn! Wiener Bohème Verlag.

Die neue Mode für moderne Frauen.

Nach dem Krieg ist Schluss mit den hochgeknöpften Damenkleidern. Die Mode nimmt eine völlig neue Richtung ein. Coco Chanel erfindet um 1927 das «Kleine Schwarze»; die Kleider werden nicht nur funktionaler, sondern lassen auch die Körpersilhouette immer stärker zur Geltung kommen, frau zeigt jetzt nackte Haut.

 

Aber nicht nur in der Mode können sich die «neuen Frauen» entfalten, sie beginnen nun auch mit sportlichen Aktivitäten im Freien, was jahrhundertelang für unschicklich – und undenkbar – gehalten wurde.

 

 

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Christian Schad (1894-1982).
Maika, 1929. Privatsammlung.

 

 

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Christian Schad (1894-1982).
Porträt
Dr. Haustein,
1928. Museo Thyssen-
Bornemisza,
Madrid.

 

 

Das neue Selbstbewusstsein
und der Bubikopf.

 

Das Erwachen des neuen Selbstbewusstseins der Frauen nach dem Krieg – in dessen Verlauf sie in der Industrie ihren «Mann stellen» mussten, weil die Männer an der Front waren – musste natürlich auch nach aussen signalisiert werden. Eines der augenscheinlichsten Veränderungen war die Kurzfrisur, der so genannte «Bubikopf».

 

Damit näherten sie sich nicht nur dem Aussehen der Männer, sie zeigten damit auch, dass sie sich für gleichwertig und für gleichberechtigt hielten.

 

In diese Zeit fällt auch der Beginn des Frauen-Stimm- und Wahlrechts, wenn dieses auch noch nicht in ganz Europa durchkam. Die ersten waren die Polinnen (1918) und 1928 erhielten die Deutschen die elektorale Gleichberechtigung. In der Schweiz dauerte es noch Jahrzehnte. Erst 1971 wurde das Frauenstimmrecht eingeführt – in einer Männerabstimmung.

 

Die «Neue Sachlichkeit» in der Kunst.

Sie hat ihren Beginn in den frühen 1920er-Jahren in Deutschland und folgt auf den Expressionismus. Neu soll wieder mehr Realismus ins Spiel kommen. Die Gemälde werden sachlicher und detaillierter.

 

Einer der bekanntesten Vertreter der neuen Sachlichkeit ist >Christian Schad. Unter den Schweizer Künstlern sticht der naive Maler

>Adolf Dietrich hervor.

 

 

   

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Hannah Höch (1889-1978). Die Journalisten, 1925. Berlinische Galerie.

Journalismus im Wandel.

Nach dem Krieg wandelt sich auch der Journalismus und das Zeitungsmachen – das Radio sitzt ihnen im Nacken. Zeitungen müssen bildreicher und wortgewaltiger werden. Literaten stossen dazu, der Reportagestil wird erfunden. Schriftsteller wie Kurt Tucholsky oder Erich Kästner sind jetzt auch im Journalismus gefragt.

 

Hannah Höch (1889-1978) stammt aus Thüringen und macht sich einen Namen mit Collagen. Dieses Werk «Die Journalisten» ist aber keine Collage, sondern ein Gemälde.

 

>mehr im Audioguide der Ausstellung

 

 

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Bauhausgebäude 
Dessau von 
Walter Gropius.
Foto Mewes, WikiCommons.

 

 

Die neue Architektur der Zwanziger.

Direkt nach dem Ersten Weltkrieg gründet der Berliner Walter Gropius das «Bauhaus» in Weimar. Er möchte nicht nur Architektur mit Kunst zusammenbringen, sondern auch das Bauen auf eine neue Stufe heben. Weg von den Jugendstil-Schnörkeln, dafür praktisch und wohnbar.

Sein Credo lautet: «Schön ist, was funktional ist». In den 1920er-Jahren erhält sein Stil den Begriff «Neues Bauen».

 

>mehr über das Bauhaus

 

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Le Corbusier (1887-1965). Fauteuil Grand Confort, petit modèle, 1929.

Neues Design für Möbel.

Bisher wurden Möbel nur hergestellt – nun werden sie designt. Der moderne Mensch soll sich ab jetzt in seinem Zuhause wohlfühlen. Kreative wie Marcel Breuer und Ludwig Mies van der Rohe entwerfen Modelle, die sich bis heute in den Verkaufsprogrammen vieler Möbelhäuser gehalten haben.

 

Auch der Schweizer >Le Corbusier designt legendäre Möbelstücke. So zum Beispiel diesen «kubistischen» Sessel LC2 mit Stahlrohrrahmen und Leder aus dem Jahr 1929, dem man das Alter nicht ansieht.

 

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Ausstellung «Schall und Rauch»

 

   
   

 

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