Ausstellung «Mystisches».
Galerie kunstzürichsüd Adliswil.
5. bis 28. März 2026
Was versteht man unter Mystik? Im Kern handelt es sich um eine religiös-spirituelle Erfahrung mit einer göttlichen oder höheren Macht, die ausserhalb der Realität und unserer normalen Wahrnehmung liegt.
Ausstellungsplakat
Mystik trägt aber auch die Bedeutung von unerklärlich, rätselhaft oder geheimnisvoll in sich – heisst: Nicht alles, was mystisch ist, muss spirituell oder esoterisch sein. Auch eine «unwirklich schöne» oder traumhafte Stimmung kann mystisch sein.
Schon im Mittelalter stellten Künstler mystische Geschehnisse dar, die in der Bibel vorkommen. Wie Himmel und Hölle, Wunderhandlungen Christi oder die Verkündigung von Erzengeln.
Fra Angelico (1395-1455). Verkündigung,
1442. Kloster San Marco, Florenz.
In der modernen Kunst übernahm der >Symbolismus (ca. 1860-1900) dann einen Teil der Rolle der Mystik, allerdings mehr in säkulärer Form. Aber auch hier wollten die Künstler das Irreale und Irrationale in Bilder umsetzen. Also Themen wie Krankheit, Sünde, Melancholie, Tod...
Arnold Böcklin (1827-1901). Die Toteninsel. Version 1, 1880. Kunstmuseum Basel.
Die in der Galerie Adliswil ausstellenden Künstler:innen gehen das Thema «Mystisches» ganz unterschiedlich an. Mal philosophisch, mal göttlich-himmlisch, mal ganz der Liebe verschrieben, mal ziemlich säkulär und stimmungsbezogen, mal musikalisch. Eine weitgefächerte Palette von Mystischem...
Die März-Ausstellenden v.l.n.r.
Silke Dohrmann, Hellen Rojas, Hans
Thierstein, Ramón Dell'Aira, Cristiana
Dell'Aira, Stéphane Kleeb, Wioletta
Gancarz.
Die Künstler:innen stellen sich vor in
Marcello Weiss
>ausstellende Künstler:innen A-Z
Titelbild (Ausschnitt)
Silke Dohrmann. Vision in den Wolken.
Acryl auf Leinwand. 120x80cm.
Cristiana Dell'Aira
Cristiana Dell'Aira. Loslassen. Öl auf Leinwand mit Gold. 44x44cm.
Cristiana Dell'Aira. Wie verlorene Engel. Öl auf Leinwand. 44x44cm. |
Cristiana Dell'Aira (1972)
Die gebürtige Sizilianerin studierte internationale und diplomatische Wissenschaften in Triest und machte dann ihren Master in humanitärer Hilfe in Irland und Schweden. Ihr Spezialgebiet: Sozialanthropologie. Zur Malerei stiess sie 1999 während ihrer sozialen Tätigkeit in Mosambik. Dort kam sie mit einheimischen Malern in Kontakt und begann selbst zu malen.
Auf die Ausstellung Mystisches hat sie sich akribisch vorbereitet. Sie sagt: «Für mich ist das Mystische ein Weg hinaus aus dem Selbst. Es bedeutet, das Bedürfnis nach Kontrolle loszulassen, die Last der Vergangenheit zu lösen, sich den Ängsten zu stellen und sich etwas Grösserem zu öffnen: der Liebe, dem Licht, der Transzendenz. Das passiert in drei Phasen».
In relativ kleinformatigen Ölgemälden versucht die Künstlerin, diese drei Phasen bildlich zu erfassen.
1. Loslösung und Hingabe.
Im Werk «Wie verlorene Engel» sieht die Künstlerin einen Schiffbruch der Existenz und beschreibt das so: «Der Körper ist auf das Wesentliche reduziert, der Horizont bleibt unbestimmt. Hier ist das Mystische keine Sanftheit, sondern ein Schwindelgefühl. Der Mensch berührt – wie ein gefallener Engel – die Grenze und erblickt das Unbekannte».
Wer Cristiana Dell'Airas mystische Philosophie besser verstehen möchte, sucht am besten das Gespräch mit der Künstlerin. Dafür bietet die Ausstellung in der Galerie Adliswil eine gute Gelegenheit. Sie läuft noch bis zum 28. März 2026.
>weitere Werke von Cristiana Dell'Aira (PDF)
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Silke Dohrmann
Silke Dohrmann. Vision in den Wolken. Acryl auf Leinwand. 120x80cm.
Silke Dohrmann. Begegnung. Acryl auf Leinwand. 40x40cm. |
Silke Dohrmann (1956)
Sie stammt aus Baden-Württemberg und wuchs in Schleswig-Holstein auf. In Kiel, Berlin, Amsterdam und Hamburg studierte sie Theologie und arbeitete dann als Pfarrerin in Deutschland, im Bündnerland, im St. Gallischen und schliesslich in Adliswil. Erst vor ein paar Monaten trat sie ins Rentnerleben ein.
Die Freude am Zeichnen und Malen erwachte in ihrer Kindheit, als sie 1961 bei einer Kinderverschickung ins Berner Oberland eine Packung Caran D'Ache geschenkt bekam. In den 1990er-Jahren bildete sie sich dann kunstmässig weiter und besuchte Kurse in Deutschland und Oesterreich in Aquarell, Acryl, Öl und Holzschnitt. Auch mit Aktmalerei befasste sie sich.
In der Ausstellung «Mystisches» dominiert vor allem ein Gemälde den Raum: Der fliegende Wal. Vision in den Wolken heisst das 120 x 80 cm grosse Bild und lässt dem Betrachter alle Freiheiten, es zu interpretieren. Fliegt die Frau damit in den Himmel? Ist der Wal ihr fester Boden unter den Füssen? Wohin sind wir unterwegs? Mystisch, rätselhaft.
Und wieso zeigt die Pfarrerin keine sakralen Bilder, wie es hier eigentlich zu erwarten wäre? Ihre Antwort: «Hinter allem steht doch das Himmlische. In allem wirkt das Göttliche, das Lebendige, Ewige, die Freude, Lebenskraft, Liebe, Wandlung». Von all dem zeigt die Künstlerin in der Ausstellung ihre eigenen Schöpfungen.
>weitere Werke von Silke Dohrmann (PDF)
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Wioletta Gancarz
Wioletta Gancarz. At the Sea. Acryl auf Leinwand, 90x90cm.
Wioletta Gancarz. Inner Aurora. Acryl auf Leinwand, 80x80cm.
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Wioletta Gancarz (1976)
Sie kam in Polen zur Welt und studierte in Katowice Bank- und Finanzwirtschaft. Dann arbeitete sie mehrere Jahre in einer Bank als Kreditspezialistin. 2005 zog sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn in die Schweiz...
...und eines Tages im Sommer 2013 griff sie spontan zu Pinsel und Farbe und begann zu malen. Ein Wendepunkt in ihrem Leben. Plötzlich entdeckte sie ihre Kreativität und ihren Drang, Emotionen mit Farben auszudrücken. Ihre ersten Werke waren Tropfbilder auf Papier, locker gesetzte Acryl-Farbtupfer auf weisser Fläche. Abstraktes emotional gesetzt.
An eine künstlerische Ausbildung dachte sie nie. Bis heute malt sie aus freiem Herzen, intuitiv aus dem Bauch heraus, ohne Skizzen, einfach direkt auf die Leinwand.
Ihre Bilder wirken federleicht und beschwingt, sie strahlen eine starke Lebensfreude aus. «Ich male sehr schnell», sagt sie, «und versuche mit möglichst vielen Farben zu arbeiten. Augen und Gesichter lasse ich weg, weil ich das nicht so gut kann. Und für diese Ausstellung ist das doch geradezu ideal – so wirken die Figuren geheimnisvoll, mystisch».
Und warum sind alle ausgestellten Bilder Frauenakte? Warum keine Männer? «Ja, warum eigentlich. Frauen male ich lieber, da fühle ich mich wohl. Aber vielleicht male ich auch mal Männer».
Wer auf Wiolettas Website blättert, stellt fest, dass viele ihrer Werke schon verkauft sind. Kann die Künstlerin von ihrer Kunst leben? «Das noch nicht», sagt sie, «aber vor Corona war ich nah dran. Ich darf aber feststellen, dass es ganz gut läuft. Aufträge bekomme ich vor allem aus dem Ausland, 90% läuft übers Internet. Meist grosse Formate, die kommen gut an».
>mehr Werke von Wioletta Gancarz (PDF)
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Stéphane Kleeb
Stéphane Kleeb. Sicht zur Innerschweiz, 2025. Öl auf Leinwand. 50x70cm.
Stéphane Kleeb. Elch im Wald, 2025. Öl auf Leinwand. 50x60cm. |
Stéphane Kleeb (1955)
Seine Leidenschaft ist eigentlich die Filmerei. In den 1970er-Jahren besuchte er in London die International Filmschool. Dann wurde er freischaffender Kameramann und Regisseur für Dokumentarfilme – was er auch heute noch ist.
Weil er sich dann auf das Filmbusiness konzentrierte, ergab sich eine mehrjährige Malpause. Doch nun greift er wieder zum Pinsel. Seit 2023 ist er Mitglied des Künstlervereins KunstZürichSüd. Er malt mit Öl und Eitempera, «weil diese Farben eine besondere Lebendigkeit ausstrahlen», wie er sagt.
Zum Ausstellungsthema Mystisches präsentiert Stéphane Kleeb stimmungsvolle Ölbilder in geheimnisvollem Licht und von Nebelschwaden verhängte Landschaften.
Und dann gibt es da noch diese mystische Begegnung im Birkenwald – mit einem einsamen Elch, der von einem sonderbaren Licht begleitet wird. Könnte das der legendäre Hirsch mit dem leuchtenden Geweih sein, der einst den Schwestern Berta und Hildegard den Ort gewiesen hat, an dem das Zürcher Fraumünsterkloster errichtet werden sollte? Ist er da grad dort hin unterwegs? Nein doch, Kleebs Hirsch ist ja ein Elch. Aber mystisch ist das Ganze allemal.
>weitere Werke von Stéphane Kleeb (PDF)
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Hellen Rojas
Hellen Rojas. Heilung. Öl auf Leinwand, 40x40cm. |
Hellen Rojas (1986)
Die aus Peru stammende Künstlerin ist schon seit Jahren Mitglied des Vereins kunstzürichsüd und beteiligt sich regelmässig (und fleissig) an Ausstellungen in der Galerie Adliswil.
Hellens Hauptmotiv zieht sich wie ein roter Faden durch ihr künstlerisches Schaffen: Die Liebe. In vielen ihrer Werke tauchen mystische Liebesschlüssel auf, die ganz gut zum Ausstellungsthema passen. Was die verschiedenen Schlüssel zu bedeuten haben und was sie bewirken, versteckt sich im Geheimnisvollen.
Angehängt an ihre Ballonskulptur – nein, es ist ein Ölgemälde, aber sehr plastisch gemalt! – ist ein antiker Schlüssel. Vielleicht der Schlüssel zur Heilung? Die kleine Wunde am Herzen wird mit einem Heftpflaster versorgt.
Und welches ihrer eigenen Werke in der Ausstellung empfindet sie selbst als das Mystischste? Sie antwortet ohne zu zögern: «Memento Mori!». Was hat es damit auf sich?
Wörtlich heisst memento mori «Bedenke, dass du sterben musst». Es kann aber im Umkehrschluss auch gleichzeitig bedeuten: «Lebe, geniesse das Leben! (carpe diem)».
In der Kunst ist das Memento Mori seit Jahrhunderten ein zentrales Thema als Mahnung an die Vergänglichkeit allen Lebens (Vanitas) und aller weltlichen Güter.
Typische Symbole dafür sind Totenschädel, Sanduhr, verwelkte Blumen, verfaulendes Obst. Auch im Ölgemälde von Hellen Rojas werden solche Symbole verwendet: Die Hand eines Skelettes, die nach der Sanduhr greift, das rote Band, das einen Sarg schmücken könnte. Mystisch eben.
>weitere Werke von Hellen Rojas (PDF)
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Hans Thierstein mit Enkelin Lily Hidber, die ihn bei seiner Arbeit unterstützt.
Chagall-Fenster als Ausgangslage.
Hans Thierstein. Synthese aus Fotos der Quatroskopie Chagall-Fenster im Fraumünster. Digitaldruck. 90x90cm.
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Hans Thierstein (1944)
Der 1944 geborene Zürcher ist ein emeritierter Professer. Er lehrte ab 1976 zehn Jahre lang an der University of California San Diego, dann an der ETH Zürich von 1985 bis 2009. Nach dem Erreichen des Pensionsalters suchte er nach einer neuen interessanten Beschäftigung. So begann er, Spiegelsonnenuhren zu bauen und befasste sich mit Quatroskopen und Kaleidoskopen. Eines Tages kam er auf die Idee, diese Bereiche zu etwas ganz Neuem zu
>Was ist ein Quatroskop? Was Audioquatroskopie? (PDF)
Seit 2025 ist Hans Thierstein Mitglied des Künstlervereins KunstZürichSüd. Im Dezember 25 stellte er seine musikalischen Bilder vor, in Zusammenarbeit mit Künstler-Kolleg:innen.
In der laufenden Ausstellung «Mystisches» zeigt er seine Audio-Werke erneut, aber diesmal auch bildende Kunst: In Form von Quatroskopien. Das ist der Vorläufer der Audioquatroskopie – also ohne Musik. Mit Quatroskop und Computer erstellt Thierstein digitale Grafiken, die den optischen Eindruck der Tunnelröhre wiedergeben. Die an der Ausstellung gezeigten Quatroskopien sind alle 2018 entstanden. Darunter das Sujet «Eiffelturm», ein Digitaldruck im Format 60x60cm und «Papageien» im Format 110x110cm und weitere.
Spannend ist vor allem das Motiv Chagall-Fenster (im Zürcher >Fraumünster). Ausgangsbild ist ein einziges Foto. Weil bei der Erstellung einer Audioquatroskopie im Computer mehrere tausend Einzelbilder produziert werden, stand dem Künstler eine ganze Reihe von Motiven zur Verfügung. Diese hat er nun in dieser Synthese zusammen gefügt, digital ausdrucken und auf einer Aluminiumplatte aufziehen lassen. Entstanden ist ein prächtiges Kunstwerk in Blau und Gold im Format 90x90cm.
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>Ausstellungen in der Galerie Adliswil ab 2025
>mehr über die Galerie und den Verein kunstzürichsüd
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