Ausstellung «Zur Sonne! zur Freiheit!
Wege der Freilichtmalerei um 1800».
Kunst Museum Winterthur Reinhart am Stadtgarten, vom 4.7. bis 25.10.2026
Beim Thema Freilichtmalerei denkt man doch gleich an die Impressionisten um Claude Monet, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts begannen, im Freien zu malen. Aber die Geschichte der plein-air-Malerei begann schon viel früher.
Claude Monet 1885 beim Plein-air-Malen.
Von John Singer Sargent (1856-1925). Tate Britain, London.
Ausstellung Kunst Museum Winterthur
Reinhart am Stadtgarten
2026
Die Winterthurer Ausstellung zeigt auf,
dass die Plein-air-Malerei schon hundert Jahre vor den berühmten Impressionisten rund um Monet & Co Fahrt aufgenommen hat.
Zu den allerersten Freilichtmalern zählt ein Professor der Académie des Beaux-Arts Paris: Pierre-Henri de Valanciennes. Dieser malte schon 1769 in Italien plein-air in freier Natur – und hielt später auch seine Studenten dazu an, das zu tun.
Freilicht-Pioniere gab es auch in der Schweiz schon sehr früh. Vorab die beiden Alpenpioniere >Caspar Wolf (1735-1783) und >Johann Ludwig Aberli (1723-1786), die schon in den 1770er-Jahren in den noch komplett unerschlossenen Bergen unter schwierigsten Bedingungen plein-air malten.
Caspar Wolf (1735-1783). Blick über den Unteren Grindelwaldgletscher, 1774.
Kunst Museum Winterthur.
Bekannte Freilicht-Maler, die noch vor den Impressionisten plein-air malten, sind Camille Corot (1796-1875) und Carl Blechen (1798-1840). Sowohl der Franzose als auch der Deutsche malten bevorzugt im Freien – am liebsten in Italien. Corot in der Gegend von Rom, Blechen an der Amalfi-Küste. Sein legendäres Amalfi-Skizzenbuch ist bis heute berühmt.
Carl Blechen (1798-1840). Bergschlucht (Mühlental), 1829. Blatt aus den Amalfi-Skizzen. Sepia über Bleistift.
Akademie der Künste, Berlin.
Im Zentrum der Ausstellung steht die so genannte Ölstudie. Heisst: die Ölmalerei auf kleinen Papierformaten, nicht auf Leinwand. Erstellt mit schnellen Pinselstrichen unter freiem Himmel.
Das war revolutionär, denn in jener Zeit – um 1800 herum – verlangte die akademische Ölmalerei noch eine perfekte Ausführung in mehreren Farbschichten. Das war aber im Freien nicht erreichbar, weil die Ölfarbe nur sehr langsam trocknet – dafür fehlte die Zeit. Was bedeutete, dass die damaligen Plein-air-Maler nach neuen Wegen suchen und improvisieren mussten. Sie entwickelten nicht nur neue Maltechniken, sondern bastelten sich auch die dazu passende Ausrüstung. Diese musste leicht und handlich sein, um überall hin transportiert zu werden.
Titelbild (Ausschnitt)
Thomas Fearnley (1802-1842)
Blick auf den Vesuv, um 1833.
Öl auf Papier auf Leinwand.
Privatbesitz. Ausstellung Winterthur 2026.
Pouchadebox,
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Ausrüstung für das Malen im Freien
Um 1800 herum galten noch akademische Zwänge: Ein Gemälde hatte perfekt zu sein. Perfektion war aber nur im Atelier zu erreichen. Mit Ölfarben in zahllosen Schichten. Und mit der Möglichkeit, nach jeder Schicht wieder Korrekturen anzubringen. Dazu musste aber die zuletzt aufgetragene Schicht zuerst trocknen. Im Freien eine Unmöglichkeit – dazu fehlte die Zeit. Alles musste innert ein paar Stunden passieren.
Üblich war deshalb vor jener Zeit noch, dass man im Freien nur Skizzen erstellte – als Zeichnung oder als Aquarell. Das Gemälde wurde hinterher im Atelier erstellt.
Ab den 1770er-Jahren entstanden die ersten unter freiem Himmel erstellten so genannten Ölstudien. Um solche malen zu können, mussten die Künstler ihre im Atelier selbst angerichteten Ölfarben mitführen. Sie wurden in kleine Behältnisse aus Leder oder Schweinsblasen verpackt.
Die übrigen notwendigen Utensilien trug man in einer leichten, kompakten hölzernen Pouchade-Box mit sich. Aufgeklappt diente diese auch als Bildträger für kleine Bildformate. Die kompakten Boxen, die sich auf ein Stativ schrauben liessen, waren leicht zu transportieren. Und so konstruiert, dass man in Falle von schlechtem Wetter die Übung abbrechen und rasch alles zusammenpacken konnte.
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Tubenfarben, seit 1850 auf dem Markt.
Claude Monet 1885 beim Plein-air-Malen. Von John Singer Sargent (1856-1925). Tate Britain, London. |
Erleichterung durch Tubenfarben
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts mussten die Maler in ihren Ateliers die Farben stets frisch und unmittelbar vor Gebrauch herstellen. Und dann trockneten sie ein...
Das ärgerte auch einen gewissen John Goffe Rand (1801-1873). Rand war in New York und London aktiv. Er suchte nach einer Lösung gegen das Eintrocknen und entwickelte eine Tube aus Blei, in der die Farben frisch blieben. Seine Erfindung liess er patentieren. Auf den Markt kamen die Tubenfarben ca. 1850.
>mehr über die Erfindung der Tubenfarben
Mit den Tubenfarben wurde die Plein-air-Malerei populär und löste bei den >Impressionisten einen wahren Boom aus. Mit Monet, Renoir, Pissarro & Co wurde das im Freien entstandene Bild nicht nur Programm, sondern auch eines der Markenzeichen des Impressionismus. Das bedeutete aber nicht, dass die Plein-air-Gemälde zu 100% im Freien entstanden. Es war durchaus üblich, dass sie hinterher im Atelier «nachgebessert» wurden.
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Caspar Wolf
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Ölstudie als eigene Kunstgattung
Im Prinzip sind Ölstudien «Skizzen» oder Vorlagen, die später als Grundlage für das finale Werk im Atelier dienen. Im Gegensatz zu Zeichnungen oder Aquarellen enthalten die Ölstudien aber bereits wichtige malerische Elemente bezüglich Tonwerten und Farbmischungen. Ölstudien vermögen Stimmungen besser festzuhalten als Zeichnungen. Diese kleinformatigen Ölbilder auf Papier oder Malkarton waren darum für die spätere Ausarbeitung des «richtigen» Gemäldes im Atelier ideal.
Heute wird die Ölstudie als eine eigene Gattung anerkannt und ist bei Sammlern sehr beliebt. Auch in Museen spielt sie eine wichtige Rolle, obwohl die Ölstudien kunsthistorisch gesehen nicht als autonome Kunstwerke gelten, sondern als Grundlagenmaterial für das spätere «richtige» Gemälde, das im Atelier entsteht.
Pierre-Henri de Valanciennes (1750-1819)
Der französische Künstler gehört zu den frühesten Vertretern der Plein-air-Malerei. Bereits während seiner ersten Italienreise um 1769 hatte er begonnen, die Landschaft direkt ab Natur in Öl zu malen, als Ölstudien.
Das bedeutet: Ölstudien entstanden weit vor den >Impressionisten, die erst rund hundert Jahre später mit ihrer Plein-air-Malerei berühmt wurden.
Valanciennes war Professor an der Académie des Beaux-Arts in Paris und integrierte später das Freilicht-Arbeiten in der Natur systematisch in die akademischen Ausbildungsprogramme.
Im Jahr 1800 veröffentlichte er sein Lehrbuch «Elemente der praktischen Perspektive». In diesem hielt er seine Erfahrungen und Methoden für Ölstudien fest. Durch seine theoretischen Schriften trug er entscheidend dazu bei, die Ölstudie als wichtiges Instrument der Ausbildung zu etablieren und die Freilichtmalerei in Europa zu verbreiten. Damit legte er den Grundstein zum Impressionismus.
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Johann Ludwig Aberli (1723-1786). Lauterbrunnental mit Staubbach, 1758-60. Ölstudie, 48 x 37cm. Privat-sammlung. Foto Dobiaschofsky.com. WikiCommons. |
Wolf und Aberli – die Schweizer Alpenpioniere
Neben >Caspar Wolf gab es noch einen Schweizer Wegbereiter der Alpen-Landschaftsmalerei: Ludwig Aberli (1723-1786). Der zwölf Jahre ältere Winterthurer arbeitete zunächst als Flach- und Porträtmaler. Den entscheidenden Impuls für seine Landschaftskunst gab eine Reise mit Philipp Hieronymus Brinckmann ins Berner Oberland Mitte der 1740er-Jahre. Aberli gilt – wie Wolf – als Wegbereiter der Schweizer Alpenmalerei und als Pionier der Freilichtmalerei.
Um 1750 gründete Aberli in Bern ein Atelier mit Werkstatt und Verlag und baute ein Ladengeschäft für Zeichnungen, Aquarelle, Gemälde, Druckgrafiken und Malutensilien auf. Wirtschaftlich besonders erfolgreich war er mit Kupferstichen und kolorierten Radierungen, die die Schweizer Alpen abbildeten.
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Camille Corot (1796-1875). Blick auf Marino in den Monti Albani am frühen Morgen, 1826-27. Städel Museum, Frankfurt am Main.
Camille Corot (1796-1875). Ansicht von Papigno, 1826. Privatsammlung Nathan Fine Art, Zürich/Potsdam. |
Camille Corot – hinein in die Natur
Auch der Franzose Jean-Baptiste Camille Corot (1796–1875) gehört mit seinen Ölstudien zu den Wegbereitern der modernen Freilichtmalerei. Entscheidend für seine Entwicklung waren die Italienreisen 1825–1828 (Rom, Campagna und Neapel), während derer er zahlreiche Ölstudien und Zeichnungen in der Natur fertigte.
Während seiner grossen Italienreise zwischen 1825 und 1828 malte Corot in den Albaner Bergen südlich von Rom. Dort faszinierte ihn das Städtchen Marino so sehr, dass er es in mehreren Versionen festhielt.
Auch von 1828 bis 1835 arbeitete Corot regelmässig «draussen» – im Wald von Fontainebleau, wo er die wilde Urwüchsigkeit der Landschaft in Freilichtstudien erfasste.
Mit leichtem Gepäck und kompakter Ausrüstung begab sich Corot in die freie Natur, um vor Ort Licht und Atmosphäre zu studieren und in Öl umzusetzen. Seine Plein-air-Ölskizzen wurden zu einer zentralen Referenz für die Impressionisten.
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Carl Blechen
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Carl Blechen und sein Amalfi-Skizzenbuch
Die Reise nach Amalfi im Frühsommer 1829 ist das Highlight seiner Italien-Erfahrung. Hier fertigte er sein so genanntes «Amalfi-Skizzenbuch», das bis heute als eines der wichtigsten Dokumente der europäischen Landschaftskunst des 19. Jhts gilt.
Die Ausstellung in Winterthur zeigt eine grössere Auswahl an spektakulären Blättern aus diesem Skizzenbuch. Es sind Bilder, die der Künstler mit flüssigem Pinsel in Sepia oder Aquarell aufs Papier brachte. Das Hauptthema dieser Blätter ist das Licht des Südens. Bemerkenswert ist, wie Blechen die Kunst der Aussparung beherrscht: Er lässt das weisse Papier unberührt, um das Sonnenlicht darzustellen, während wenige, kräftige Pinselzüge daneben dunkle Schlagschatten setzen.
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