Venezia: Scuola Grande di San Rocco


Pracht und Prunk! Die Scuola des heiligen Rochus ist die prächtigste aller Scuole in Venedig. Einfach unfassbar, welcher Glanz da zustande gekommen ist. Dabei hat alles ganz klein angefangen, in einer Klosterkirche...

 

 

Die «Scuola Grande di San Rocco» direkt hinter
dem Kloster Santa Maria Gloriosa dei Frari

 

 

Die Bruderschaft wurde 1478 gegründet und nach dem Heiligen Rochus von Montpellier benannt. 1485 schaffften es Rocco-Brüder, die Reliquien ihres Heiligen nach Venedig zu entführen. Das gab der Bruderschaft einen gewaltigen Schub. Von den Franziskanern (>Frari-Kirche) erhielten sie ein Grundstück hinter deren Kloster geschenkt. Dort bauten sie zunächst ein kleines, bescheidenes Gebäude auf.

 

Als die Brüder immer wohlhabender wurden, gaben sie 1489 eine Kirche in Auftrag: die San Rocco. Zum Protzen reichte das aber nicht. Also plante man ein neues, prächtiges Zuhause für die Bruderschaft. Der Grundstein dafür wurde 1517 gelegt. Nun baute man das Gebäude in mehreren Etappen aus – immer aufwändiger und prunkvoller – bis 1771.

 

 

 

Kirche San Rocco (rechts) und Bruderschafts-
haus der Scuola Grande San Rocco (links)

 

 

Die Sala Capitolare mit Tintorettos Werken



Dann erschien 1797 Napoleon und machte der Republik Venedig ein Ende. (>mehr). Er löste alle Klöster auf – auch die venezianischen Bruderschaften. Einzig die Scuola Grande di San Rocco entging diesem Erlass. Napoleon – so heisst es – soll die inständigen Bitten von Venedigs Bürgern erhört und eine Ausnahme gemacht haben. Die Scuola Rocco, die etwa 350 Brüder zählte, überlebte, nicht aber ihr Vermögen von über einer Million Dukaten. Dieses wurde von den Franzosen eingezogen.

 

Heute ist der Sitz der Scuola Rocco ein vielbesuchtes Museum – vor allem wegen der Fülle an Kunstwerken. Der Superstar heisst >Jacopo Tintoretto.

 

Die prunkvollen Säle werden heute an Organisationen und Private vermietet – samt Catering. Es finden hier aber auch immer noch religiöse Zeremonien statt, vor allem das Fest des Schutzheiligen Rochus (Rocco), jährlich am 16. August. Inklusive heiliger Messe und Prozession auf dem Campo Rocco.

 

 

>was ist eine «Scuola»?

 

>mehr über Tintoretto

 

>Tintoretto im Dogenpalast

 

 

 

 

 

Titelbild

Decke der Sala dell'Albergo mit
Tintorettos Gemälde der
Vergöttlichung des heiligen Rochus,

1564.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tintoretto
(1518-1594). Die Vergöttlichung des heiligen Rochus, 1564. Sala dell'Albergo, Scuola Grande di San Rocco, Venezia.

 

Wer ist der heilige Rochus?

 

Um ihn ranken sich wundersame Geschichten. Geboren ist er 1295 in Montpellier als Sohn reicher Eltern. Nach deren Tod verschenkt er sein Erbe und wird Mönch bei den >Franziskanern. 1317 ist er als Pilger in Rom unterwegs, als dort die Pest ausbricht. Er pflegt die Kranken und heilt sie mit seinem Kreuz. Auf seiner Heimreise erkrankt er selbst an Pest und zieht sich in eine Waldhütte zurück. Dort wird er von einem Engel gepflegt, das tägliche Brot bringt ihm der Hund eines Junkers. Nach seiner Heilung kehrt er nach Montpellier zurück, aber dort erkennt ihn wegen seiner Pestnarben niemand mehr. Man wirft ihm Spionage vor und steckt ihn für fünf Jahre ins Gefängnis. Rochus dankt Gott für diese Prüfung – und stirbt 1379. Für seine Pest-Heilungen wird er heilig gesprochen und zum Schutzpatron gegen die Pest erhoben.

 

Seine Gebeine werden zunächst in Montpellier aufbewahrt, bis sie 1485 nach Venedig gelangen – zu den Brüdern der Scuola Grande di San Rocco.

 

 

Das imposante neue Gebäude der Scuola Grande di San Rocco, 1560 fertig gebaut.

 

 

Sala Superiore.

 

Erfolg dank den Gebeinen des Heiligen

 

Unter Venedigs «Scuole Grandi» herrscht ein ständiger Wettbewerb. Wer den prächtigsten Sitz vorweisen kann, zieht mehr Pilger und Gönner an und erhält mehr Spenden. Die nach Venedig geholten Gebeine des heiligen Rochus erfüllen ihren Zweck: Die Scuola San Rocco wird zur Attraktion. Nun kommen die Gönner.

 

Deren Spenden bilden die Grundlage für den Bau eines imposanten Sitzes im Campo di San Rocco. 1560 sind die Bauarbeiten abgeschlossen. Danach werden die Innenräume verschönert – mit Marmor-Böden und prächtigen geschnitzten und vergoldeten Decken.

 

Fehlen noch die biblischen Gemälde an den Wänden und an der Decke. Die Brüder schreiben einen Künstler-Wettbewerb aus...

 

 

 

Sala dell'Albergo – Sitz der Leitenden Organe der Scuola

 

Tintoretto (1518-1594). Christus vor Pilatus, 1564. Sala dell'Albergo.

 

Tintoretto
(1518-1594). 1565. Kreuzigung, Sala dell'Albergo.

 

Tintoretto (1518-1594). Gang zum Kalvarienberg, 1566-67. Ausschnitt.

Sala dell'Albergo.

 

Tintoretto trickst alle aus

 

Als erstes soll die Sala dell'Albergo mit Gemälden ausgeschmückt werden, denn dort tagen die Leitenden Organe der Scuola. In Venedig gibt es eine ganze Reihe von Künstlern, die dafür in Frage kommen. Ein Wettbewerb soll darüber entscheiden, wer den Auftrag bekommt. Aber es läuft ganz anders.

 

Während sich die Maler hinter ihre Entwürfe machen, beginnt Tintoretto am Objekt zu malen und platziert in der Mitte des Saales den heiligen Rochus (Titelbild). Als man ihm eröffnet, er hätte doch dafür gar keinen Auftrag, soll er erwidert haben: «Wenn ihr mich nicht bezahlen wollt, dann schenke ich der Scuola das Gemälde».

 

Vor dieses Fait accompli gestellt, nimmt die Scuola das Geschenk an. Und geht noch einen Schritt weiter: sie lässt Tintoretto auch die restliche Dekoration der Decke malen. Dieser malt und malt – kostenlos.

 

1565 tritt Tintoretto auch noch selbst in die Vereinigung ein, als Bruder der Scuola. Danach vollendet er die monumentale Kreuzigung Christi, ein Gemälde von zwölf Metern Breite (!).

 

Weitere Werke in der Sala dell'Albergo sind in der Mitte über dem Portal der «Ecce Homo» und links davon der «Gang zum Kalvarienberg».

 

 

   

Sala Capitolare – der Saal für die Plenarsitzungen der Brüder

 

Tintoretto (1518-1594). Mosé fa scaturire l'acqua dalla roccia, 1577. Sala Capitolare.

 

 

Tintoretto (1518-1594). La raccolta della manna, 1577. Sala Capitolare.

 

Der konkurrenzlose Tintoretto

 

Wie die anderen Künstler reagierten, als sie merkten, dass sie von Tintoretto ausgetrickst worden waren, ist nicht überliefert. Fakt ist, dass Tintoretto nun überall Hand anlegt.

 

Zehn Jahre nach der Fertigstellung der Sala dell'Albergo macht er sich hinter den Kapitelsaal (auch Sala Superiore genannt). Nach Beendigung der Deckendekoration im November 1577 bietet er der Scuola an, den gesamten Raum zu bemalen. Es folgen weitere zehn Gemälde an den Wänden.

 

Ausserdem verpflichtet er sich, gegen eine Jahresrente von 100 Dukaten jedes Jahr zum Fest des Schutzpatrons Rochus (16. August) drei grosse Gemälde zu fertigen, wobei er für die Farben selbst aufkommt. So bekommt die Scuola grossartige Kunstwerke zu geringen Kosten.

 

Auch für Tintoretto ist das ein guter Deal: Er sichert sich ein geregeltes Einkommen und schaltet die gesamte Konkurrenz aus. Das grosse malerische Unternehmen mit ingesamt 33 Gemälden endet im Sommer 1581.

 

 

   

Sala Terrena – Saal für liturgische Veranstaltungen

 

Tintoretto
(1518-1594). L'Annunciazione, 1582-87.

 

Tintoretto
(1518-1594). L'Assunzione di Maria, 1582-87. Sala Terrena.

 

Thema Jungfrau Maria

 

Nach Abschluss der Arbeiten im Kapitelsaal 1581 erhält Tintoretto mehrere Aufträge von ausserhalb, vor allem im >Dogenpalast. Bereits ein Jahr später macht er sich an die Ausschmückung der Sala Terrena. Hier wählt er das Thema Jungfrau und Kindheit Christi. Dazu fertigt er acht grosse Wandgemälde.

 

Es sind dies: Die Verkündigung, die Anbetung der Könige, die Flucht nach Ägypten, das Massaker an Unschuldigen, die Darstellung im Tempel, Mariä Himmelfahrt, Santa Maria Egiziaca und Santa Maddalena.

 

Die Ausschmückung der Sala Terrena ist seine letzte grosse Arbeit für die Scuola. Sie dauert bis 1587.

 

 

   

Brosamen für die anderen Künstler

 

Tizian
(1490-1576). Verkündigung, 1535.

 

Tiepolo (1696-1770). Abraham und die Engel, 1733-34.

 

 

 

Ein Tizian fürs Treppenhaus

 

Da alle drei wichtigen Räume der Scuola schon mit Gemälden von Tintoretto ausgestattet sind, bleibt nicht mehr viel Raum übrig für die anderen Künstler. Zwar bringt man in der Monumentaltreppe (der «Scalone») 1582 eine «Verkündigung» von Tizian an, die dieser 1535 gemalt hat. Aber die Anbringung der 166 x 266 cm grossen Leinwand erlebt der Künstler nicht mehr, er stirbt schon 1576.

 

Ebenfalls nur gerade fürs Treppenhaus reicht es dem berühmten >Gianbattista Tiepolo. Er darf 1733-34 zwei Gemälde beisteuern, die in der «Scala del Tesoro» gehängt werden: Hagar und Ismael; und Abraham und die Engel.

 

In der Sala de Tesoro werden die heiligen Reliquien und die Silber- und Schmuckwaren der Scuola aufbewahrt. Der Schatzraum steht dem Publikum offen.

 

 

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Fotos / Diashow