Venezia: Grosse Kunst in der
Santa Maria Gloriosa dei Frari


Die «Frari», wie sie die Venezier liebevoll nennen, ist nicht einfach so der Jungfrau Maria geweiht wie hunderte andere Kirchen in Italien auch – sondern der «Aufnahme Mariens in den Himmel». Das ist eine Stufe höher. Nun brauchte man ein entsprechendes Bildnis dafür. Was für ein Glück, wenn man grad mal einen Künstler zur Hand hat, der um die Ecke wohnt. Und Tizian heisst.

 

Die Kirche stand noch nicht lange – sie wurde erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts fertiggestellt – als man 1518 Tizians Monumentalgemälde (7 Meter hoch!) über den Hauptaltar hängen konnte. Und seither betört dieses fantastische Werk die Venezier ebenso wie Touristen aus aller Welt. Seinetwegen hat man die Kirche 1926 in den Status einer Basilica erhoben.

 

 

Santa Maria Gloriosa dei Frari
im Stadtteil San Polo. Foto GoogleEarth.

 

 

 

Fassade und Eingang zur Frari.

 

 

 

Hochaltar mit Tizians Meisterwerk,
rechts das goldene Chorgestühl

 

 

Eine Kirche voller Kunstwerke von Künstlern
mit klingenden Namen

 

 

 

 

...und ganz in der Nähe
noch ein Superstar: Tintoretto !

 

Direkt hinter der «Frari» befindet sich die
>Scuola Grande di San Rocco
. Sie gilt als reichste der venezianischen Scuole Grandi und ist heute berühmt für die Werke von >Jacopo Tintoretto, der ab 1565 selbst ein Bruder der Scuola war.

 

 

Jacopo Tintoretto (1518-1594). Auferstehung.

Zu sehen in der Scuola Grande di San Rocco – eines von
dutzenden von Tintoretto-Werken.

 

 

>Scuola Grande di San Rocco

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hochaltar der Frari. Foto Didier Descouens, WikiCommons.

 

Tizian (1490-1576). Mariens Himmelfahrt, 1516-1518.

 

Der grösste Tizian für den Hochaltar

 

Es ist wahrscheinlich das berühmteste Bild Tizians überhaupt. Und hängt nicht irgendwo in New York, Paris oder Katar – ersteigert für ein paar hundert Millionen – sondern ganz bescheiden in einer Kirche.

 

Als Tizian dieses Bild 1518 fertigstellt, wird es als Sensation gefeiert. Weil der Künstler den Aufstieg Mariens in den Himmel einzigartig darstellt. Die Jungfrau schwebt nicht einfach empor, sondern wird von Putten und Engeln auf einer Wolke empor getragen. Maria öffnet ihre Arme in Richtung Gottvater und die beiden blicken sich an. Mit diesem Werk setzt sich Tizian an die Spitze aller vor und nach ihm gemalten Himmelfahrten Mariens.

 

Das Ölgemälde auf Holz ist fast sieben Meter hoch und 3.6 m breit. Damit ist es nicht nur Tizians grösstes Werk, sondern auch das grösste Altarbild der Stadt Venedig.

 

 

>mehr über Mariens Himmelfahrt

 

>mehr über Tizian

 

 

 

Tizian (1490-1576). Mariens Himmelfahrt, 1516-1518.

 

 

Zu gross geratene Apostel?

 

Der Auftrag an Tizian

 

Den Auftraggebern der Frari war klar: Nur Tizian war in der Lage, eine solche monumentale Himmelfahrt zu malen. 1516 erteilte ihm der Prior Fra Germano da Casale den Auftrag. Für den Marmorrahmen wurde der Handwerker Lorenzo Bregno beigezogen. Tizian nahm sich viel Zeit für die Ausführung. So viel, dass sich der Grosse Rat der Serenissima beim Künstler beschwerte. Schliesslich wurde es am 19. Mai 1518 fertig – genau zwei Jahre nach der Auftragserteilung – und über dem Hochaltar aufgestellt.

 

Erstaunlicherweise fanden einige der Brüder der Frari das Gemälde «als zu neuartig» und weigerten sich zunächst, es anzunehmen. Erst als ein Botschafter von Kaiser Karl V Tizian ein Angebot zum Kauf des Bildes unterbreitete, stimmten die Mönche der Aufstellung des Gemäldes schliesslich zu.

 

Offenbar gab es auch Stimmen, die der Meinung waren, die Apostel im unteren Teil seien zu gross geraten. Was den Künstler verärgerte. Er soll sein Werk erst nach einer förmlichen Entschuldigung ausgehändigt haben.

 

1816 wurde das Gemälde aus der Kirche entfernt und in die Sammlung der >Accademia überführt. Dort scheint es aber unvorteilhaft ausgestellt gewesen zu sein. Nach einer Restauration platzierte man es 1919 wieder an seinem alten Platz in der Frari.

 

 

 

Tizians Grabmal von Luigi e Pietro Zandomenghini (1806-1886).

 

Lorbeergekrönter Tizian.

 

Das Grabmonument für Tizian

 

In der Frari-Kirche ist auch Tizians Grabmonument. Es war sein ausdrücklicher Wunsch, hier bestattet zu werden. Am 27. August 1576 wurde er in der Nähe des ihm heute gewidmeten Denkmals beigesetzt. Das Monument selbst wurde rund 300 Jahre nach seinem Tod an der Seite im Hauptschiff der Kirche platziert. Es besteht aus Carrara-Marmor und ist das Werk von Antonio-Canova-Schülern: Es sind dies die venezianischen Bildhauer Luigi und Pietro Zandomenghini (1806-1886). Auch für sie muss das Bild von Marias Himmelfahrt Tizians bedeutendstes gewesen sein: Sie haben das Motiv im zentralen Bogen in Marmor gemeisselt.

 

Tizian dominiert das Grabmal lorbeergekrönt, links und rechts Allegorien der universellen Natur und des Geistes der Erkenntnis.

 

 

 

 

Grabmal für Antonio Canova (1757-1822), ausgeführt von Canova-Schülern und Assistenten, 1832.

 

Das Grabmonument für Antonio Canova

 

Was für eine Ironie: Dieses pyramidenförmige Denkmal ist ein Entwurf von Antonio Canova – gedacht als Grab für Tizian!

 

Der Plan wurde aber nie umgesetzt, und so kamen seine Schüler und Assistenten auf die Idee, den Entwurf für ihren 1822 verstorbenen Meister auszuführen. In halb Europa sammelten sie Geld dafür. Zehn Jahre später konnten sie das Projekt realisieren. Die heute weitgehend unbekannt gebliebenen Künstler haben ihre Namen unter den Figuren eingraviert. Unter diesem Denkmal ist nur das Herz Canovas beerdigt – sein Körper ruht in der Pfarrkirche seines Geburtsortes Possagno.

 

 

>mehr über Antonio Canova


 

 

Giovanni Bellini (1432-1516). Altar La Madonna col Bambino, 1488, für die Capella Pesaro.

 

Giovanni Bellini in der Sakristei

 

Den Auftrag für dieses prächtige Werk erhält Bellini von der Dogenfamilie Pesaro für deren persönliche Kapelle in der Frari. Der Künstler bildet in seiner Arbeit die Apsis einer Kirche mit vergoldetem Tonnengewölbe ab. In der Mitte des Triptychons ist eine sitzende Madonna zu sehen; das Jesuskind hebt segnend den Arm.

 

Wie von Bellini nicht anders zu erwarten, malt er seine Jungfrau sehr jung und liebreizend. Ihr zu Füssen musizieren zwei süsse Engel, einer spielt Flöte, der andere Laute.

 

Im Gewölbe über der Jungfrau erkennt man eine Gebets-Inschrift: «Ianua certo poli, duc mentem, direct vitam, quae peragam commissa tuae sint omnia curae». Deutsch: Sicheres Tor des Himmels, erleuchte den Geist, lenke das Leben, ich vertraue dir jede Handlung an.

 

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