Berthe Morisot (1841-1895)


Sie ist eine Ausnahmeerscheinung. Frauen haben Mitte des 19. Jahrhunderts unter Künstlern nichts zu suchen. Aber sie bringt vorteilhafte Voraussetzungen mit: Sie stammt aus sehr guten Haus. Ihr Vater ist als hoher Beamter tätig – er ist Präfekt von Cher im Val de Loire – und erlaubt ihr nach dem Umzug der ganzen Familie nach Paris den Besuch einer dortigen Privatschule.

 

Ab 1860 nimmt sie zusammen mit ihrer Schwester Edmé ein Studium im Louvre auf. Dann erhält sie Malunterricht beim bekannten französischen Landschaftsmaler Camille Corot. Etwa um 1868 lernt sie >Edouard Manet kennen und 1874 heiratet sie dessen Bruder Eugène – sie ist also die Schwägerin des berühmten Edouard Manet.

 

 

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Berthe Morisot, 1872. Portrait

von Edouard Manet (1832-1883).

Musée d'Orsay Paris.

 

 

1873 ist sie Gründungsmitglied der so genannten >Gruppe der Impressionisten, zu der auch Monet, Renoir und Cézanne gehören. Schon in der ersten Ausstellung von 1874 ist Berthe Morisot vertreten und bleibt ihr verbunden bis zur letzten 1886. Sie ist mehr als Mitläuferin der Gruppe – ihr Wort hat Gewicht. So setzt sie zum Beispiel durch, dass das Werk «Dimanche après-midi» von >Georges Seurat ausgestellt werden darf, obwohl dieses im Stil des Pointillismus daher kommt und mit Impressionismus wenig zu tun hat.


Anfangs der 1880er-Jahre baut sich das Ehepaar Eugène Manet und Berthe Morisot (sie behält ihren Künstlernamen) ein Haus in Paris. Hier treffen sich jeden Donnerstag die Impressionisten mit den (heute) klingenden Namen: Monet, Renoir, Pissarro, Degas...

 

 

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Berthe Morisot etwa 30-jährig.
Foto WikiCommons.

 

 

Edouard Manets Tod im März 1883 bringt eine Zäsur und eine gewisse Verunsicherung in Morisots künstlerischen Leben. Sie reist nach Belgien und Holland, bewundert Rubens, kopiert im Louvre Werke von Boucher, versucht sich auch in Bildhauerei. Sie taucht auf im Atelier von Renoir, der ihr zur Aktmalerei rät. Die luftige Leichtigkeit des Impressionismus weicht jetzt in ihrem Schaffen klareren Formen. Es entstehen berühmte Werke wie «Die Kirschenpflückerinnen» von 1891 oder «Jeune fille en décolleté» (1893), dessen Stil stark an Renoir erinnert.

 

Der Tod ihres Mannes Eugène Manet anfangs 1892 wirft sie dann ziemlich aus der Bahn, sie beginnt, an ihrer Kunst zu zweifeln. Und dies, obwohl sie im gleichen Jahr ihre erste Einzelausstellung in Paris bekommt.

 

Berthe Morisot stirbt am 2. März 1895 in Paris im Alter von 54 Jahren. Einer ihrer Bewunderer, der Dichter Stéphane Mallarmé, stellt zu ihrem Andenken in Paris eine Ausstellung mit über 300 Werken auf die Beine. In ihrem Totenschein steht: «Ohne Beruf».


 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)

Berthe Morisot (1841-1895).
Pastora desnuda tumbada, 1891.

Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid.

 

 

 

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Berthe Morisot (1841-1895). Die Schwester der Künstlerin am Fenster, 1869. National
Gallery of Art Washington.

 

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Berthe Morisot (1841-1895).
Der Hafen von Lorient, 1869. National Gallery of Art Washington.

 

 

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Berthe Morisot (1841-1895). Die Wiege, 1872. Musée d'Orsay Paris.

 

Frühwerke der Künstlerin

 

Unter dem Einfluss ihres Lehrers, dem Pariser Landschaftsmaler Camille Corot (1796-1875) steht sie etwa von 1860-1870. Dieser ist ein wichtiges Mitglied der >Schule von Barbizon, die eigentlich keine «Schule» ist, sondern eine Art Kolonie von Künstlern, die sich ab 1830 in Barbizon und Umgebung zum Malen in der freien Natur trafen. Angeregt von Corot, beginnt Berthe Morisot auch «plein-air» zu malen.

 

1864, da ist sie 23-jährig, kann sie zum ersten Mal Landschaften am >Salon de Paris ausstellen.

 

1868 beginnt ihre Freundschaftsbeziehung zu >Eduard Manet, der neun Jahre älter ist als sie. Wie eng ihre Beziehung ist, weiss man nicht, sicher ist aber, dass sie ihm mehrfach Modell steht: Manet malt von ihr insgesamt elf Porträts.

 

Nach 1870 ist es Morisot, die Edouard Manet für die Freiluftmalerei begeistert. Sozusagen als «Gegenleistung» bringt Manet die Künstlerin auf den Geschmack, sich vermehrt mit Themen aus dem Gesellschaftsleben und mit Porträts zu befassen.

 

Morisot malt gerne Familienszenen. Ihre Lieblingsmotive sind häufig heimische Idylle, wie auch in diesem Gemälde, «Die Wiege» von 1872. Eine Frau in schwarz-grau gestreiften Kleid sitzt an der Wiege und schaut liebevoll auf ihr schlafendes Neugeborenes.

 

Es ist Berthes Schwester Edmé, die eigentlich auch Malerin werden will (und zusammen mit Berthe Unterricht bei Corot bekommt), aber dann nach der Geburt ihres Kindes die Malerei aufgibt. Drei Jahre später wird Berthe selbst Mutter (ihre 1875 geborene Tochter heisst Julie) – im Gegensatz zu Edmé gibt sie aber die Malerei nicht auf.


 

 

 

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Berthe Morisot (1841-1895). Jeune femme cousant au jardin, 1883. The Metropolitan Museum of Art New York.

 

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Berthe Morisot (1841-1895). La psyché, 1876. Thyssen-Bornemisza, Madrid.

 

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Berthe Morisot (1841-1895). The Sewing Lesson, 1884. Minneapolis Institute of Art.
 

 

Morisot und die Impressionisten

 

1873 wird in Paris die «Société anonyme des artistes, peintres, sculpteurs, graveurs» gegründet. Eine Gruppe von Künstlern, die sich von der akademischen Malerei lösen wollen. Ihr gehören (heute) klingende Namen wie Monet, Renoir, Cézanne, Pissarro an... und Berthe Morisot als einzige Frau. Die KünstlerInnen versuchen sich in einem neuen Stil: dem Impressionismus.

 

>mehr über die Gruppe der Impressionisten

 

 

Diese neue Kunstrichtung hat einen schweren Stand, wie eine Rezension der zweiten Impressionisten-Ausstellung von 1876 zeigt:


«Neues Unheil ist über die Rue Peletier hereingebrochen. Fünf oder sechs Verrückte, darunter eine Frau, haben, von Ehrgeiz verblendet, hier ihre Werke ausgestellt. Viele Besucher bekommen vor diesen Machwerken Lachkrämpfe. Mir zieht es bei ihrem Anblick das Herz zusammen.

 

Diese sogenannten Künstler bezeichnen sich als Umstürzler und Impressionisten. Sie nehmen Leinwand, Farbe, Pinsel, setzen, je nach Lust und Laune, einige Töne nebeneinander und glauben, sie hätten schon etwas Grosses geleistet. (...) Wie soll man Pissarro erklären, dass Bäume nicht violett sind und der Himmel nicht die Farbe frischer Butter hat, dass die von ihm gemalten Dinge in keinem Land zu sehen sind und kein intelligenter Mensch derartige Verwirrungen akzeptieren kann. Verlorene Mühe.» (Quelle: www.fundus.org).

 

 

   

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Berthe Morisot (1841-1895).
Die Kirschen-pflückerinnen, 1891. Musée Marmottan Monet Paris.

 

1891: Die Kirschenpflückerinnen

 

Für dieses heute berühmte Gemälde zeichnet und malt die Künstlerin zahlreiche Studien, bevor sie es im Zeitraum 1890-91 fertig stellt.

 

Das Bild kommt nicht mehr in «reinem» Impressionsmus daher. Es enthält zwar noch den einen oder anderen schnellen Pinselstrich, der für die Impressionisten charakteristisch ist, aber es zeigt auch sorgfältig ausgearbeitete Stellen mit teils klaren Konturen und dürfte wohl eher im Atelier als plein-air entstanden sein.

 

In dieser Phase ihres Schaffens thematisiert Morisot zunehmend junge Mädchen und Jünglinge, auch ländliche Szenen.

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Berthe Morisot (1841-1895). Jeune Fille en décolleté, la fleur aux cheveux, 1893. Petit Palais, Musée des Beaux-Arts Paris.

 

1893: Jeune Fille en décolleté

 

Ein Werk von Berthe Morisot? Das zart verschwommene, softe Gemälde erinnert stark an Renoir. Mit ihm kommt die Künstlerin nach dem Tod von Edouard Manet (1883) in Kontakt, nachdem sie etwas den Faden zu ihrer (impressionistischen) Kunst verloren hat. Renoirs Werke haben sie offensichtlich zu Neuem angeregt.

 

Dieses reizende Frauenbildnis könnte ein Resultat der Anregung von Renoir sein, sie solle es doch mal mit Akten versuchen.

 

 

>mehr über Pierre-Auguste Renoir

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Fotos / Diashow

 

>weitere Werke: Ausstellung Close-up Beyeler 2021
   

 

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