Aristide Maillol (1861-1944).


Beim Stichwort «französische Bildhauer» kommen einem vor allem zwei Namen in den Sinn: Rodin und Maillol. Auguste Rodin ist gut 20 Jahre älter. Er ist sehr angetan von Maillols Arbeiten: «Ich bin glücklich, dass ich das gesehen habe. Wenn das Wort Genie, das heute so unangemessen vielen Leuten zuerkannt wird, überhaupt noch einen Sinn hat: Hier ist es angebracht. Ja, Maillol verkörpert in sich das Genie der Skulptur».

 

Geboren ist Aristide Maillol in Banyuls-sur-Mer, einem Fischerdörfchen am Mittelmeer an der französisch-spanischen Grenze. Seine Muttersprache ist katalanisch, Französisch spricht er mit spanischem Akzent. Seine Familie besitzt einen Weinberg. In Perpignan geht er ans Collège Saint-Louis. Dass er sich für Kunst interessiert, missfällt seinen Eltern. Also zieht er mit zwanzig nach Paris. Dort schreibt er sich für einen Zeichenkurs in der Ecole des Beaux-arts ein. In der Kunstgewerbeschule belegt er Bildhauerkurse. 1896 heiratet er in Paris seine Clotilde, die nun ein Jahrzehnt lang sein Modell wird.

 

1904 lernt er seinen wichtigsten Förderer kennen: Harry Graf Kessler, ein deutscher Schriftsteller und Diplomat, aber auch Kunstsammler. Es folgen Aufenthalte in London und Griechenland.

 

Neben Kessler zeigen sich auch andere Sammler an seinen Werken interessiert, darunter sind auch die Winterthurer >Oskar Reinhart und das Ehepaar >Hahnloser.

 

1913 hat Maillol in Rotterdam seine erste Einzelausstellung ausserhalb Frankreichs. In New York ist er in der berühmten Armory Show vertreten, die Skulpturen der Moderne zeigt. Anerkennung bekommt er vornehmlich im Ausland: 1928 in Berlin (Galerie Flechtheim), 1933 in Basel. Erst 1937 sieht man ihn wieder in Paris, anlässlich der Weltausstellung im >Petit Palais.

 

Seine Verbindungen zu deutschen Künstlern und Sammlern bereiten ihm Probleme: Im Ersten Weltkrieg wird er wegen seinen Kontakten zu Graf Kessler der Spionage verdächtigt und im Zweiten Weltkrieg deklariert man ihn wegen der Bekanntschaft zum deutschen Bildhauer Arno Breker als Kollaborateur.

 

Aristide Maillol wird 1944 bei einem Autounfall schwer verletzt. Ein paar Tage später stirbt er im Alter von 83 Jahren in seinem Haus in Banyuls-sur-Mer. Dieses ist heute als Maillol-Museum dem Publikum zugänglich. Ein weiteres Museum hat ihm sein Modell Diana Vierny in Paris eingerichtet, das Musée Maillol an der Rue de Grenelle, das seit 1995 besteht.

 

 

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Aristide Maillol mit 38 Jahren,
1899. Gemälde von Jozsef
Rippi-Ronai (1861-1927).
Musée d'Orsay, Paris.

 

 

 

 

Titel (Ausschnitt)

Aristide Maillol, La Méditerrannée, 1902.
Musée d'Orsay, Paris. Geschenk von
Dina Vierny.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Aristide Maillol,
La Vague, 1891.
Petit Palais,
Musée des
Beaux-Arts,
Paris.

1880: Malerei.

Als Maler ausgebildet wird Maillol bei Alexandre Cabanel (1823-1889). Dessen Historienmalerei behagt ihm aber nicht. Er sieht seine Vorbilder eher beim Symbolisten Puvis de Chavannes oder bei Paul Gaugin. Auch bei den >Nabis fühlt er sich besser aufgehoben.

 

1890: Textilkunst.

In seinem Heimatdorf Banyuls richtet er ein kleines Tapisserie-Atelier ein. Dort beschäftigt er einheimische Frauen mit Webarbeiten. Mit dabei ist auch seine spätere Ehefrau Clotilde Narcis und deren Schwester Angélique. 1903 erleidet er eine Augenkrankheit und gibt die Herstellung von Wandteppichen wieder auf.

 

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Danseuse, 1896.
Holzrelief. Musée d'Orsay, Paris.

 

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Kleinplastik
Femme à la colombe, 1905. Kunst Museum Winterthur
Reinhart.

 

1900: Start in die Bildhauerei.

In seinen Anfängen als Bildhauer fertigt Maillol geschnitzte Reliefs, dann Holzfiguren, später kleine Statuen aus Gips.

 

Den Durchbruch zum Bildhauer schafft er mit
einer Einzelausstellung 1902 beim Kunsthändler
>Ambroise Vollard, der ihm ein Dutzend kleine Plastiken abkauft. Zusammen mit allen Rechten. So kann Vollard von jedem Stück beliebig viele Kopien ziehen, was er auch tut. Maillol-Kleinplastiken sind deshalb in vielen Museen zu sehen. Vollard beauftragt immer die gleichen Giesser, damit die Qualität gleichbleibend hoch ist.

Für die Kleinplastiken steht Maillol seine Gattin Clotilde Modell. Dazu der Künstler: «Ich habe eine kleine Frau geheiratet. Ich habe immer kurze Beine vor Augen gehabt. Deshalb suchte ich die Harmonie der kurzen Beine. Wäre ich mit einer langbeinigen Pariserin verheiratet, dann hätte ich vielleicht die Harmonie der langen Beine gesucht».

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Harry Graf Kessler, 1917. Foto Dührkopp, WikiCommons.

 

 

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La Méditerranée, 1905. Jardin des Tuileries, Paris.

1904: Sein Förderer, der «rote Graf».

1904 lernt Maillol seinen wichtigsten Förderer kennen: Harry Graf Kessler. Dieser ist zwar Pariser, wächst aber auch in England auf und macht sich in Deutschland einen Namen als Schriftsteller, Pazifist, Diplomat und Kunstsammler. Er fördert auch die «Berliner Secession» und ist Mitbegründer des Deutschen Künstlerbundes. Nach dem Ersten Weltkrieg sucht er in der Novemberrevolution 1917 die Nähe der Sozialdemokraten, weshalb man ihn den «roten Grafen» nennt. Er wird aber Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei und zu einem Anhänger der Weimarer Republik.

 

Kurz nach der ersten Begegnung mit Aristide Maillol erteilt er diesem den Auftrag für eine Plastik, die später «La Méditerrannée» genannt wird. Das Original ist aus Kalkstein (Musée d'Orsay, Paris); eine von mehreren Bronzeversionen steht im öffentlichen Raum im Jardin des Tuileries beim Louvre. Als Modell für diese Skulptur dient dem Künstler seine Gattin Clotilde. Er arbeitet ein Jahr lang daran.

 

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Venus au collier, 1918-28. Neue Pinakothek München.

1918: Venus au collier.

Hauptthema seines bildhauerischen Schaffens ist und bleibt der weibliche Akt. Wie bei dieser Venus achtet er auf harmonische Ausgewogenheit. Viele seiner Figuren zeigen natürliche weibliche Formen und weichen so von den Idealmassen der klassischen Antike ab.

 

Diese stolze Venus mit dem Collier ist heute in der Neuen Pinakothek München zu sehen.

 

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L'Air, 1932. Jardin des Tuileries, Paris.

 

1932: L'air.

Die Bronzefigur scheint auf dem Sockel zu schweben. Es gibt mehrere Güsse davon. Diese hier «schwebt» im Jardin des Tuileries in Paris (im Hintergrund der Louvre). Eine besondere Kopie wird 1939 gegossen: als Denkmal in Toulouse für die Pioniere der Fluglinie Frankreich-Südamerika. Schweben und fliegen, ziemlich passend.

 

 

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Dina Vierny. Foto ©Gobonobo, WikiCommons.

 

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La Montagne, 1937. Musée d'Orsay, Paris. Foto©Gautier Poupeau, WikiCommons.

1934: Dina Vierny – das Modell.

Sein neues Modell kommt aus Moldawien, eben angereist mit ihren Eltern. Dina ist erst 15 und posiert für den inzwischen 73-jährigen Künstler in den Schulferien. Am Anfang nur für Köpfe, dann aber auch für Akte. Es entstehen Zeichnungen, Gemälde und Plastiken wie «La Montagne», die heute im Musée d'Orsay steht.

 

Dina bleibt bis zu seinem Tod 1944 Modell und Muse für den Künstler. Danach betätigt sie sich als Kunstsammlerin. Sie sammelt nicht nur Werke von Maillol, sondern auch von Henri Matisse und Pierre Bonnard – für die sie ebenfalls Modell stand – und weiteren zeitgenössischen Künstlern. 1986 schenkt sie dem Musée d'Orsay die im Titel abgebildete Bronze «La Méditerranée». 1995 gründet sie in Paris das Musée Maillol. Sie wird 90 Jahre alt und stirbt 2009 in Paris.

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