Ausstellung «Sophie Taeuber-Arp –
gelebte Abstraktion» Kunstmuseum Basel
vom 20.3. bis 20.6.201

 

Sophie Taeuber-Arp (1889-1943)


Sie ist mehr als die «Gattin von >Hans Arp», obwohl sie lange in seinem Schatten steht. Und lange wird sie in der Schweiz als Künstlerin nicht ausreichend gewürdigt – heute ist sie anerkannt. Als Avantgardistin, als Pionierin der Abstraktion, als Dada-Performerin, als Schafferin der konkreten und der konstruktiven Kunst. Zeit, dass ihr ein bedeutendes Haus wie das Kunstmuseum Basel die Ehre erweist.

 

 

foto-portrait

Sophie Taeuber-Arp (1889-1943).

Foto 1914, Eduard Wasow (1890-1942).

Aus Margret Greiner: Der Umriss der Stille.

 

 

Sophie Taeuber kommt am 19. Januar 1889 als jüngstes Kind der Apothekerfamilie Taeuber-Krüsi in Davos zur Welt. Nach dem Tod des Vaters betreibt die Mutter in Trogen-Appenzell eine Pension.

 

Mit 18 besucht Sophie Taeuber eine Zeichenschule in St. Gallen und ab 1910 die Debschitzschule in München, an der auch Frauen studieren dürfen. Hier liegt der Schwerpunkt auf Handwerk und Kunst. In Hamburg verbringt sie ein Semester in der Kunstgewerbeschule.

 

1915 besucht sie eine Ausstellung der Galerie Tanner und lernt dort Hans Arp kennen – ihren späteren Ehemann. Mit ihm verkehrt sie im Kreis der Dadaisten, mit Hugo Ball, mit Tristan Tzara und weiteren. Sie studiert Ausdruckstanz bei Rudolf von Laban und tanzt 1917 bei der Eröffnung der Galerie Dada in Zürich.

 

Ab 1916 arbeitet sie in der Abteilung Kunstgewerbe als Lehrerin an der Gewerbeschule Zürich – zwölf Jahre lang. 1922 heiraten Sophie und Hans Arp. Die Arbeit in Zürich an der Gewerbeschule bildet für längere Zeit die finanzielle Basis für das Paar.

 

Hans Arp lässt sich in Strassburg nieder mit dem Ziel, französischer Staatsbürger zu werden. Auch Sophie ist dort häufig tätig. Zusammen mit ihrem Ehemann arbeitet sie an der Ausgestaltung des Hotels Hannong und des Vergnügungszentrums «Aubette» – gibt aber ihre Tätigkeit in Zürich nicht auf. Sie pendelt ständig zwischen Zürich und Strassburg.

 

Der Auftrag am Vergnügungszentrum «Aubette» ist lukrativ. Das Honorar reicht für den Erwerb eines Grundstücks vor den Toren von Paris, in Clamart, wo das Paar ein Atelier-Haus errichten kann. Sophie gibt 1929 ihre Arbeit in Zürich auf.

 

In Paris ist gerade der Surrealismus in, den aber nicht alle Künstler gut finden. Es enstehen Gruppierungen, die sich für nicht-figurative Kunst stark machen. Sophie tritt in die Künstlervereinigungen «Cercle et Carré» und «Abstraction-Création» ein. Sie arbeitet nun an Werken, die dem >Konstruktivismus zuzurechnen sind. 1937 zeigt sie an der Ausstellung der Konstruktivisten über zwanzig Werke in der Kunsthalle Basel.

 

Kurz vor dem Einmarsch der Nazi im Frühjahr 1940 verlassen die Arps Paris, nachdem Hans Arps Werke teilweise als «entartet» gebrandmarkt wurden. Sie ziehen zunächst in den Süden Frankreichs, nach Grasse in der Nähe von Cannes. 1942 kehren sie in die Schweiz zurück. Sophie Taeuber-Arp bei ihrer Schwester in Zürich unter, Hans Arp wohnt beim Künstler >Max Bill in Zürich-Höngg.

 

Dort ist am 13. Januar 1942 auch Sophie zu Gast. Sie übernachtet im Gästezimmer und bemerkt nicht, dass dort der Abzug des Holzofens verschlossen ist. Sie stirbt im Schlaf an einer Kohlenmonoxyd-Vergiftung – eine Woche vor ihrem 54. Geburtstag. Sie wird in Zürich-Höngg beerdigt.

 

 

 

ausstellung

 

Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel ist eine umfassende Retrospektive, die in Kooperation mit dem Museum of Modern Art in New York und der Londoner Tate ausgerichtet wird. Damit erhält die Künstlerin nun (endlich) ihren Stellenwert über den deutschsprachigen Raum hinaus – als bedeutende Avantgardistin.

 

Nach Basel reist die Ausstellung nach London:
Tate Modern vom 15. Juli bis 17. Oktober 2021. Anschliessend nach New York ins MoMA, vom
21. November 2021 bis 12. März 2022.

 

 

 

>mehr über Hans Arp

 

>mehr über Konkrete und Konstruktive Kunst

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)

Sophie Taeuber-Arp (1889-1943).

Komposition, 1935. Kunstmuseum Basel.

 

 

 

 

 

elementarform

Sophie Taeuber-Arp (1889-1943). Elementarformen in vertikal-horizontaler Komposition. 1917.
Arp-Stiftung Berlin.

 

 

Angewandte und Freie Kunst.

In München gibt es eine Ausbildungsstätte, in der auch Frauen studieren können: Die Debschitz-Schule. Hier studiert Taeuber ab 1910 angewandte und freie Kunst. Zu dieser Zeit sind Blumenmuster in Mode, aber die angehende Künstlerin befasst sich lieber mit abstrahierten Formen. Nach solchen Entwürfen – eine Mischung aus Ornament und Abstraktion – entstehen dann Kreuzstich-Stickereien.

 

Auch Perlbeutel, die gerade sehr gefragt sind, enthalten normalerweise Blumenmuster. Sophie Taeuber versieht diese jedoch schon bald mit Farbfeldern und abstrahierten Formen – und hat damit Erfolg.

 

 

marionette

Sophie Taeuber-Arp (1889-1943). Marionette, 1918. Museum für Gestaltung Zürich.

 

dadakopf

Sophie Taeuber-Arp (1889-1943). Dada-Kopf, 1918. Centre Pompidou Paris.

 

Die Dada-Phase in Zürich.

 

1914 lässt sich Taeuber in Zürich nieder. Hier ist gerade was los: Viele Künstler, die vor dem Ersten Weltkrieg flüchten, treffen sich hier.

 

Sophie Taeuber nimmt Unterricht in modernem Ausdruckstanz. Zu einem Lautgedicht des Dadkünstlers Hugo Ball tanzt sie.

 

Dann beginnt sie mit Holz zu arbeiten, erlernt das Drechseln. Für das Theaterstück «König Hirsch», das am Marionettentheater in Zürich gezeigt wird, fertigt sie ein ganzes Ensemble von Holzfiguren mit beweglichen Gliedern. Neu daran ist, dass die Figuren nicht geschnitzt, sondern gedrechselt sind. In den Avantgarde-Kreisen werden diese Marionetten rasch berühmt.

 

Ein anderes gedrechseltes Werk, das bis heute berühmt ist, ist der Dada-Kopf, der heute im Centre Pompidou in Paris ausgestellt ist. Daneben fertigt Taeuber eine Serie von sechs Köpfen, die sie ihrem Ehemann, Hans Arp, widmet.

 

 

   

wandteppich

Sophie Taeuber-Arp (1889-1943). Komposition (Gobelin), ca. 1925. Wolle. Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen.

Lehrerin an der Kunstgewerbeschule Zürich.

Ab 1916 unterrichtet sie «Entwurf und Stickerei» an der Gewerbeschule. Damit sichert sie sich und ihrem Gatten >Hans Arp während zwölf Jahren ein geregeltes Einkommen. Die beiden heiraten 1922 im Tessin.

 

1925 ist Sophie Taeuber Mitglied der Jury der Schweizer Sektion der «Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes». Diese Ausstellung ist insofern von Bedeutung, als hier der Begriff «Art Déco» geprägt wird.

 

 

 

buntglasfenster

Sophie Taeuber-Arp (1889-1943). Buntglasfenster für die Wohnung von André Horn, 1928. Musée d'Art Moderne et Contemporain de Strasbourg.

 

aubette

Teesalon Aubette in Strassburg. Foto Othon Scholl, Stiftung Arp Berlin.

 

Rekonstruktion des Ciné-bal der Aubette. Foto Jean-Pierre Dalbéra, Paris. WikiCommons 2.0 Generic License.

 

 

Bedeutende Werke in Strassburg.

 

Für den Kunstsammler André Horn arbeitet Sophie Taeuber-Arp zusammen mit ihrem Ehemann an der Ausgestaltung der Wohnung Horn und dessen Hotel Hannong.

 

Ihr wichtigster Auftrag betrifft aber das berühmte Vergnügungszentrum im Herzen von Strassburg, an der Place Kléber, die «Aubette». Sophie Taeuber-Arp erhält 1926 den Auftrag dazu. Für Bar, Tanzräume, Billard-Zimmer, Kino – insgesamt zwölf Räume. Der Auftrag erscheint ihr etwas gross, sodass sie noch ihren Ehepartner Hans Arp und >Theo van Doesburg zuzieht, den Mitbegründer der niederländischen Künstlervereinigung «De Stijl». Den Teesalon «Five O'Clock», die Aubette-Bar und die Foyer-Bar nimmt sie selbst vor, die anderen Bereiche gestalten Hans Arp und Theo van Doesburg. Nicht allen gefallen die neuen Dekors im Stil der konkreten Kunst.

 

Nur zehn Jahre später, 1938, wird die «Aubette» restauriert. Die meisten Dekors von Taeuber, Arp und Doesburg werden entfernt. 2006 erfolgt eine weitere Renovation: Nun setzt man das erste Geschoss des Aubette-Gebäudes in den Originalzustand von 1928 zurück und stellt es unter Denkmalschutz. Heute gelten die Räume als bedeutendes Werk der Moderne und können wieder besichtigt werden.

 

Mit dem Honoror, das die «Aubette» einbringt, können sich die Arps in der Nähe von Paris, in Clamart, ein Grundstück leisten, auf dem sie 1929 ihr Atelierhaus bauen. Sophie Taeuber entwirft das moderne Haus aus lokalem Kalkstein.

 

 

   

kaffeehaus

Sophie Taeuber-Arp (1889-1943). Kaffeehaus, 1928. Arp-Stiftung Berlin.

 

Das Kaffeehaus, 1928.

1930 nimmt Sophie Taeuber mit diesem Werk an einer Ausstellung der Pariser Künstlervereinigung «Cercle et Carré» in der Galerie 23 teil. Das Bild zeigt abstrahierte Figuren im Gespräch an Tischen.

 

Als sich Cercle et Carré auflöst, tritt sie der Nachfolgeorganisation «Abstraction-Création» bei. Dann wird sie Mitherausgeberin der dreisprachigen Zeitschrift Plastique/Plastic und fördert so den trans-atlantischen Austausch mit der Avantgarde.

 

flug

Sophie Taeuber-Arp (1889-1943). Flug. Rundrelief in drei Höhen, 1937. Arp-Stiftung Berlin.

 

 

Flug, 1937. Rundrelief.

Die Kreisform spielt in ihrem Werk von Beginn weg eine wichtige Rolle. Die dreidimensionale Komposition bekommt durch überlappende Elemente eine optische Tiefe.

 

Kein Zufall, dass auch hier Holz verwendet wird – dieses Material findet schon in ihren Anfängen Verwendung, damals in Form von gedrechselten Marionetten und Gefässen.

sechs-räume

Sophie Taeuber-Arp (1889-1943). Sechs separate Räume, 1939. Galerie von Bartha Basel.

 

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Sophie Taeuber-Arp (1889-1943). Sommerlinien, 1941. Farbstift. Kunstmuseum Basel.

Unter den Konstruktivisten.

1937 ist Sophie Taeuber-Arp mit 24 Werken an der grossen Gruppenschau der Konstruktivisten in der Kunsthalle Basel vertreten – neben Grössen wie Laszlo Mohol-Nagy, Naum Gabo oder El Lissitzky.

 

Kunstkenner halten diese «konkrete Kunst» für optimistisch und lebensbejahend, für klar und heiter. Das gilt aber nur für Basel. Auf der anderen Seite des Rheins sieht man das anders.

 

Es ist die Zeit der Nationalsozialisten, und noch im selben Jahr, 1937, richten die Nazis in München die berühmt-berüchtigte Ausstellung für «entartete Kunst» aus. Die konstruktive Kunst gilt hier auch als «entartet» und wird von den Nazis geächtet, die Künstler werden verfolgt.

 

 

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