Ausstellung «Van Gogh, Hodler und ein Cabriolet; Die Sammlerin und Pionierin
Gertrud Dübi-Müller». Kunstmuseum Basel,

19.9.26 bis 7.2.2027.

 

 

Gertrud Dübi-Müller,
Fotografin und Kunstsammlerin

 

Sie zählt zu den interessantesten Schweizer Kunstsammlerinnen des 20. Jahrhunderts. Früh verwaist, trat sie schon mit 20 Jahren das Erbe ihres Vaters an, der mit einer Firma für Präzisions-Uhrenteile ein Vermögen erarbeitet hatte. Das machte sie finanziell unabhängig und ermöglichte es ihr, Schweizer Künstler zu unterstützen und daneben ein aufregendes Leben zu führen.

 

 

Den Kern ihrer Sammlung trug sie als Gertrud Müller zusammen. 1921 heiratete sie dann
Otto Dübi (1885–1966). Die in der Ausstellung gezeigten Werke gehören grösstenteils zur Dübi-Müller-Stiftung, die ihre Heimat im Kunstmuseum Solothurn hat.

 

 

 

Ferdinand Hodler (1853-1918). Bildnis
Gertrud Müller, 1912. Privatsammlung.

 

 

 

Gertrud Dübi-Müller pflegte persönliche Freundschaften mit Künstlern wie Cuno Amiet, Giovanni Giacometti und Alice Bailly. Sie war auch in künstlerischem Austausch mit Ferdinand Hodler – er porträtierte sie und sie fotografierte ihn. Sie sammelte auch Gemälde von Paul Cézanne, Gustav Klimt, Henri Matisse, Vincent van Gogh und anderen Grössen der modernen Kunst.

 

 

Ferdinand Hodler (1853-1918).
Blick ins Unendliche, Einzelfigur
(Modell Gertrud Müller), 1915.
Kunstmuseum Solothurn,
Dübi-Müller-Stiftung.

 

 

Ferdinand Hodler (1853-1918).
Bildnis Gertrud Müller im Grünen,
1916. Kunstmuseum Solothurn,
Dübi-Müller-Stiftung.

 

 

 

Sammler Josef Müller


Neben den von Gertrud Dübi-Müller gesammelten Werken werden im Neubau des Kunstmuseums Basel auch Werke aus der Sammlung ihres Bruders präsentiert. Josef Müller (1887-1977) war nicht nur Kunstsammler, sondern leitete von 1945 bis 1967 auch das Kunstmuseum Solothurn und machte es schweizweit bekannt.

 

Josef Müller (1887-1977). Gemalt von
Ferdinand Hodler (1853-1918), 1916.
Collection privée, Genève. Ausschnitt.

 

 

Weiter in der Ausstellung: Persönliche Fotografien aus Dübi-Müllers Nachlass (Fotostiftung Schweiz). Sie geben einen Einblick in das spannende Leben der Kunstsammlerin, Fotografin und begeisterte Berggängerin.

 

 

>Saalbooklet Kunstmuseum Basel

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)

Ferdinand Hodler (1853-1918).
Bildnis Gertrud Müller, 1911-12. Privatsammlung. Foto Ausstellung Kunstmuseum Basel 2026.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Giovanni Giacometti (1868-1933). Bildnis
Trutti Müller, 1907. Privatsammlung.
 

Ferdinand Hodler (1853-1918). Bildnis Gertrud Müller, 1911. Kunstmuseum Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung.

 

 

Gertrud «Trutti» Müller (1888-1980)

 

«Trutti» nennt man sie in ihrem familiären Umfeld. Ihre Mutter stirbt kurz nach ihrer Geburt, der Vater sechs Jahre später. Sie wächst als jüngstes von vier Geschwistern unter Vormundschaft auf. Mit 20 Jahren tritt sie ihr reiches Erbe an und ist damit materiell abgesichert und finanziell unabhängig.


Früh schon kommt sie zur Kunst. Das Interesse dafür weckt ein Kunstsammler aus der Nachbarschaft: Oscar Miller (1862-1934). Er gibt den Geschwistern Gertrud und Josef Müller den Input zum Sammeln von Kunst. Bei Oscar Miller begegnen die beiden Werken zeitgenössischer Schweizer Künstler wie Cuno Amiet und internationaler Grössen wie Pablo Picasso.

 

Gertrud Müllers erste Erwerbungen sind 1907 zwei Aquarelle von Giovanni Giacometti. Ihr Bruder Josef kauft im selben Jahr ein Porträt von Cuno Amiet.

 

Der Hodler will dich sicher abmalen! schreibt 1911 ihr Bruder Josef. Und Ferdinand Hodler will tatsächlich. Aus den von Gertrud mitgebrachten Kleidern wählt Hodler ein rosa Satinkleid aus und vollendet das repräsentative Ganzkörperporträt der jungen Solothurnerin innert zwei Wochen. Schon 1911 wird es im Kunsthaus Zürich, dann in Neuenburg und Berlin bewundert.

 

Gertrud Müller schreibt ihrem Bruder aus Berlin: «Das Gemälde erregt Aufsehen. Es wurde anlässlich der hiesigen Secessions-
Ausstellung, wo es der einzige Hodler war, viel abgebildet.»


 

Cuno Amiet
(1868-1961). Bretonin, 1892. Kunstmuseum Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung.

 

Cuno Amiet beim Malen, Oschwand, 1925. Foto Gertrud Dübi-Müller-Archiv, Fotostiftung Schweiz.

 

Giovanni Giacometti (1868-1933). Auf der Laube, 1910. Kunstmuseum Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung.

 

 

Persönliche Freundschaften mit Cuno Amiet
und Giovanni Giacometti


Wie wählt die Kunstsammlerin ihre Werke aus? Eine wichtige Rolle spielen dabei die Freundschaften, die Gertrud Dübi-Müller mit Schweizer Künstler:innen pflegt. Dazu gehören >Cuno Amiet, >Giovanni Giacometti und die Genferin >Alice Bailly, die sie mit Ankäufen unterstützt.

 

Beim Solothurner Cuno Amiet nimmt sie ab 1904 Malunterricht. Daraus entsteht eine lebenslange Freundschaft. Der Künstler porträtiert sie und schenkt ihr jedes Jahr ein Werk zum Geburtstag. Im Gegenzug unterstützt sie ihn finanziell und mit dem Kauf seiner Werke aus all seinen Schaffensphasen.

 

Das Gemälde Bretonin von 1892 ist ein Geschenk des Künstlers an seine Gönnerin, er übergibt es ihr 1910. Es ist ein Werk
aus jener Zeit im bretonischen Pont-Aven, in der sich Amiet von der akademischen Malerei löst. Er verbringt über ein Jahr in der Bretagne, im Kreis von Schülern von Paul Gauguin.

 

Als passionierte Fotografin lässt es sich Gertrud Dübi-Müller nicht nehmen, ihre Künstlerfreunde abzulichten. Diese Fotografie zeigt Cuno Amiet in seinem Garten in Oschwand beim Malen.

 

Auch Giovanni Giacometti und dessen Familie lichtet sie gerne ab. Mit ihrem Cabriolet der Marke Pic-Pic besucht sie die Giacomettis im bündnerischen Stampa und lässt sich die neuesten Werke zeigen. Das farbenprächtige Gemälde Auf der Laube von 1910 zeigt Annetta Giacometti (1871–1964), die Frau des Malers,
zwischen Blüten und Nelken auf der Laube ihres Hauses.

 

Gertrud Dübi-Müller kauft das Werk 1911. Die Giacomettis kennt sie schon seit 1907. Sie hat die Familie mehrmals besucht und dabei nicht nur Giovanni Giacometti und seine Frau Annetta kennen gelernt und fotografiert, sondern auch die vier Kinder Alberto (geboren 1901), Diego (1902), Ottilia (1904) und Bruno (1907).

 

>mehr über die Familie Giacometti

 

Das Sammeln von Kunst und die Fotografie gehört für Gertrud Dübi-Müller zeitlebens zusammen. Wo immer sie Künstler besuchte, um ihnen Werke abzukaufen, hält sie das stets mit ihrer Kamera fest.

 

 

 

Ferdinand Hodler (1853-1918). Bildnis Gertrud Mülller im Garten, 1917. Kunstmuseum Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung.

 

Ferdinand Hodler (1853-1918). Blick ins Unendliche, 1913-16. Kunst Museum Winterthur

 

Ferdinand Hodler (1853-1918) im Genfer Atelier
vor «Blick ins Unendliche», 1914. Dübi-Müller-Archiv, Fotostiftung Schweiz.

 

 

Austausch von Porträts mit Ferdinand Hodler

 

Ferdinand Hodler und Gertrud Müller porträtieren sich gegenseitig – über Jahre hinweg. Er mit dem Pinsel, sie mit der Fotokamera. So entwickelt sich ein jahrelanger Dialog.

 

Ab 1911 malt Hodler von Gertrud siebzehn Porträts, teils im Atelier, teils im Garten. Das Bildnis Gertrud Müller im Garten entsteht 1917, da ist der Künstler 64 Jahre alt, Gertrud 29. Sie steht ihm Modell, im Gegenzug tritt sie als Fotografin in Aktion und lichtet den Maler bei seiner Arbeit ab.


1910 erhält Hodler den Auftrag der Zürcher Kunstgesellschaft
für ein Monumentalbild im Treppenhaus des neuen Zürcher
Kunsthauses. Jahrelang ringt er um die Komposition und schafft
Hunderte von Skizzen und Versionen parallel. Diese Winterthurer
Fassung entsteht bis 1916. Die grösste monumentale Fassung – fast neun Meter breit – hängt heute im Treppenhaus des Kunstmuseums Basel.

 

Fünf blaugewandete Frauen führen die minimale Bewegung einer Vierteldrehung nach rechts aus. Hodler versteht das Werk als christlich-religiöses Bild – er nennt es auch «Blick in die Ewigkeit» oder «Blick ins Unendliche». Wer waren die Modelle? Die vier Frauen links sind unbekannt, bei der Dame rechts aussen handelt es sich um Gertrud Müller.

 

Hodlers berühmtes Werk «Blick ins Unendliche» ist heute in
vier Schweizer Museen zu sehen.

Kunstmuseum Basel: Wandbild, 446 x 895 cm

Kunsthaus Zürich: Wandbild 356 x 715 cm

Kunstmuseum Solothurn: Öl auf Leinwand, 258 × 475 cm

Kunst Museum Winterthur: Öl auf Leinwand, 138 x 245 cm

 

1914 fotografiert Gertrud Müller den Künstler, lässig sitzend in seinem Genfer Atelier vor einer seiner zahlreichen Studien und Versionen der fünf ins «Unendliche blickenden» Damen.

 

 

 

Ferdinand Hodler (1853-1918). Die Liebe, 1907-08. Privatsammlung.

 

Die Liebe, Studie 1907-08. Stiftung SKKG Winterthur.

 

Hodlers Die Liebe im Schlafzimmer von Josef Müller. Dübi-Müller-Archiv, Fotostiftung Schweiz.

 

Hodlers neues «Skandalbild» von 1907

 

Der Vorgang erinnert an den früheren Skandal um Hodlers

>Die Nacht, mit dem er 1889 einen Coup landete, der ihm zum grossen Durchbruch verhalf.

 

1907 arbeitet er dann an einem weiteren Bild mit Nackten. Er nennt es Die Liebe. Eine ursprüngliche Fassung zeigte drei liegende nackte Paare: Sehnsucht, Liebesakt, Ruhe. Er fasst das Thema ausdrücklich als Lebensprinzip auf: «In der Liebe keimt das Leben, neues Leben.»

 

1909 zerschneidet er das Bild, trennt das mittlere Paar heraus
und fügt die beiden äusseren zu einer neuen Komposition zusammen. Diese zeigt er im Zürcher Künstlerhaus. Es hagelt Proteste. Die Nacktheit und die offen dargestellte Umarmung werden als Verletzung von Sitte und öffentlicher Moral aufgefasst. Pfarrer Hirzel sieht darin sogar die «Menschenwürde im höchsten Grade verletzt». Bei der Zürcher Kunstgesellschaft gehen zwar Beanstandungen ein, eine Entfernung der Bilder lehnt der Vorstand jedoch ab.

 

Josef Müller (1887-1977), der Bruder von Gertrud Müller, erwirbt das grosse Bild und hängt es in seinem Schlafzimmer auf (siehe s/w-Foto).

 

 

 

Gustav Klimt (1862-1918). Goldfische («An meine Kritiker»), 1901-02. 181x67cm. Kunstmuseum Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung.

 

Klimts Goldfische im Schlafzimmer von Dübi-Müller.
Foto Dübi-Müller-Stiftung.

 

 

Gustav Klimt: Goldfische «an meine Kritiker»

 

In einer schwerelosen Unterwasserwelt treiben mehrere weibliche Akte. Am unteren Bildrand dominiert eine rothaarige Frau: Sie wendet dem Betrachter ihren Hintern zu. Klimt versteht dieses Bild als Antwort an seine Kritiker. Was steckt dahinter?

 

Für den Festsaal der Universität Wien soll Klimt um 1900 Fakultätsbilder mit den Themen Philiosophie, Medizin und Jurisprudenz schaffen. Bei der Präsentation kommt es zum Eklat, die Professoren sind entsetzt und die öffentliche Kritik ist massiv. Klimts Darstellungen entsprächen nicht den Vorgaben des Auftraggebers, heisst es.

 

>mehr über Klimts Fakultätsbilder

 

Klimt pocht auf seine künstlerische Freiheit und gibt nicht nach. 1905 kauft er die Bilder vom Staat zurück. In der Nazizeit nach 1933 geraten die Fakultätsbilder in staatlichen Besitz und werden ins Schloss Immendorf in Niederösterreich ausgelagert. Dieses wird gegen Ende des Krieges 1945 von abziehenden SS-Truppen in Brand gesteckt. Die dort gelagerten Kunstschätze verbrennen. Von Klimts Fakultätsbildern existieren nur noch ein paar Entwürfe und Fotografien.

 

1919 kauft der Solothurner Rechtsanwalt Otto Dübi (ab 1921 Ehemann von Gertrud Müller) das Gemälde Goldfische bei der Galerie Arnot in Wien – als Verlobungsgeschenk für Gertrud Müller. Dem Verkäufer gibt er zu verstehen, es handle sich bei der Empfängerin um «eine Person, die sich in Malerei auskennt, weshalb nur ein Meisterwerk in Frage käme».


Die nackte Rückansicht ist eine bildliche Trotzreaktion des Künstlers Gustav Klimt. Die Figur sucht den Blickkontakt, widersetzt sich aber zugleich der bürgerlichen Schamhaftigkeit. Klimt nennt das Werk ursprünglich «an meine Kritker», heute heisst es offiziell «Goldfische».

 

Das fast zwei Meter hohe Bild hing im Schlafzimmer des Ehepaars Dübi-Müller, wie die s/w-Foto zeigt.

 

 

>Fotos von Werken in der Ausstellung 2026

 

 

 

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