Vielleicht ist dieses private Museum kein «Must» bei einem kurzen Venedigbesuch. Aber wenn man genügend Zeit hat und schon mal da ist (heisst: bei der berühmten Kirche Santa Maria Formosa), da darf man dem Palazzo dahinter auch gleich noch die Ehre erweisen.
Sitz des Museums Querini Stampalia
Foto GoogleEarth.
Ist es ein Palazzo? Von aussen bescheiden, die Fassade erinnert eher an ein Wohnhaus (war es auch mal, es stammt aus dem 16. Jahrhundert), aber innen lebt noch immer der noble Lifestyle des venezianischen Patriziats. Prächtige Salons, kunstvollen Stuckarbeiten, feine Wandteppiche, Deckenfresken, feinste Stilmöbel und Meissener Porzellan sind erhalten geblieben und dem Publikum zugänglich.
Der noble Portego des Palazzo Querini
Eingang zum Museum
Im Palazzo ist heute die Fondazione Querini Stampalia untergebracht. Als kulturelles Zentrum 1869 gegründet, beherbergt es eine Bibliothek und eine Pinakothek mit einer stolzen Kunstsammlung. Zu sehen sind auch die ursprünglichen Wohnungen der Querini. Haus und Garten wurden mehrmals architektonisch überarbeitet. In den 1960er-Jahren durch Carlo Scarpa und in den 90ern durch Mario Botta.
Titelbild (Ausschnitt)
Gianbattista Tiepolo (1696-1770).
Il Giudizio finale, 1747. Fondazione
Querini Stampalia, Venezia.
Giovanni Querini Stampalia (1799-1869). Fondazione Querini Stampalia, Venezia.
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Wer war Graf Querini Stampalia?
Seine Vorfahren waren noch venezianische Patrizier, aber als Giovanni 1799 zur Welt kam, war es mit der Republik Venedig bereits vorbei. Giovanni soll sehr schüchtern gewesen sein und heiratete nie. Dafür war er ein blendender Geschäftsmann und baute zahlreiche Handelsagenturen und ein beachtliches Vermögen auf. Daneben befasste er sich mit Pferden und wissenschaftlichen Forschungen. In den 1850er-Jahren richtete er in seinem Palazzo sogar ein Laboratorium ein, wo er mit medizinischen Geräten experimentierte.
Als er 1869 verstarb, vermachte er seinen Besitz der Fondazione Querini Stampalia.
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Giovanni Bellini (1430-1516). La Presentazione di Gesù al Tempio. Fondazione Querini Stampalia, Venezia.
Detail.
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Das Highlight des Museums
Auf dieses Meisterwerk von Giovanni Bellini (ein Verwandter von >Andrea Mantegna) ist das Museum besonders stolz. Es gehört zur Gattung der «Sacra Conversazione». Mit «Konversation» hat das nichts zu tun, es sind Darstellungen der «heiligen Familie». Tatsächlich zeigt die Tafel aber ein Familienporträt mit Giovanni und seiner Frau Ginevra, seiner Stiefmutter Anna, seinem Vater Jacopo, seinem Bruder Gentile oder – nach anderen Interpretationen – seinem Schwager Andrea Mantegna.
>mehr über die Präsentation im Tempel
Bellini gehört mit Mantegna zu den ersten, die die Halbfiguren vor dunklem Hintergrund schufen. Solche (Familien)Bilder wurden bevorzugt in Schlaf- und Arbeitszimmern der venezianischen Paläste gehängt.
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Pietro Longhi (1701-1785). Fondazione Querini Stampalia, Venezia. |
Pietro Longhis Konversationsstücke
Im Palazzo Querini Stampalia ist dem Rokoko-Maler aus Venedig ein ganzes Zimmer gewidmet, das auch so heisst. Longhis wichtigste Auftraggeber in Venedig waren die Familien Grimani, Querini, Pisani und Manin. Zum Genre «Konversationsstücke» gelangte er über sein Vorbild Giuseppe Maria Crespi, einem Maler aus Bologna. Neben den Ridotti (=Konversationsstücke) malte Longhi auch Einzel- und Gruppenporträts. Aufträge dafür erteilten ihm Adelsfamilien weit über Venedig hinaus.
>was sind Konversationsstücke?
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Portego im Palazzo Querini Stampalia |
Der noble Portego der Querini Stampalia
In edlen venezianischen Häusern hatte der Portego (=Foyer) je nach Etage unterschiedliche Funktionen.
Eine Etage höher, im Piano Nobile, diente der Portego des 16. Jahrhunderts als Raum für gesellschaftliche Events, wo auch mal getanzt wurde. Im 17. Jahrhundert nutzten die Aristrokaten den Raum als Galerie und schmückten ihn mit Gemälden, Skulpturen und allerlei Ziergegenständen. Mit dem Zweck, die Gäste zu beeindrucken und das Ansehen der Familie zu steigern. |
La Sala Mitologica im Palazzo Querini Stampalia
Alessandro Varotari (Il Padovanino 1588-1649). Misericordia e verità, 1630-35. Fondazione Querini Stampalia, Venezia. |
Der mythologische Saal
Damals hatte Venedig in ganz Europa den Ruf einer besonders freizügigen Stadt. Prostituierte, gleichgeschlechtliche Paare, aber auch Glücksspieler, Gotteslästerer und Atheisten hatten (fast) freie Bahn – während sie andernorts noch mit der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen rechnen mussten. «Libertismus» nannte man das in Venedig.
Ende des 18. Jahrhunderts betraf ein Fall von Libertismus auch die Familie Querini Stampalia. Ein Botschafter namens Sebastiano Mocenigo wurde des unerlaubten Besuchs von Männern beschuldigt und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Seine geplante Kandidatur für die Wahl zum Dogen war damit zwar Geschichte, aber immerhin landete er nicht auf dem Scheiterhaufen.
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Domenico Tintoretto (Domenico Robusti, 1560-1635). Modell für Paradiso, 1592-94. Ausschnitt. Fondazione Querini Stampalia, Venezia. |
Jacopo versus Domenico Tintoretto
Der Hintergrund: Ursprünglich hatte Jacopo Tintoretto gemäss seinem eigenen Entwurf von 1582 eine Krönung der Maria im Kopf. Offenbar setzte sich dann aber sein Sohn Domenico mit einem anderen Entwurf durch (der in der Fondazione Querini Stampalia zu sehen ist). Dieser zeigt keine Krönung mehr, sondern eine Maria, die bei Christus Unterstützung für Venedig erbittet. So wurde das Werk dann von Vater und Sohn Tintoretto auch ausgeführt.
>Tintorettos «Paradies» (Foto-Details)
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